Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1914-04-24 · 17 (24.4.1914) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
17 (24.4.1914)
Date
1914-04-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438483-2438499--4130-2443953
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 17 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Oeffentlichkeit. Ob „Trauung“ oder „Konvalidierung“: eine Ehe kann nur vor einem' Rabbiner und zwei Zeugen gütig abgeschlossen werden. Alles, was wir von diesem Eheabschluß mitgeteilt haben, halten wir aufrecht und fügen noch hinzu, daß Mayersohn auch in dieser Angelegenheit einen Beweis seiner Gewinnsucht geliefert ‘hat. In der Angelegenheit der Ehetrennung der Tochter eines Handwerkers haben wir zu erwidern : Der geschiedene Ehegatte war vertragsmäßig verpflichtet, an seine frühere Gattin Alimente zu zahlen. Dieser Verpflichtung ist er aber nicht nachgekommen und hat noch obendrein, als seine Einwilligung zur staatlichen Ehetrennung benötigt wurde, von seinem ehemaligen Schwiegervater einen ansehnlichen Geldbetrag verlangt. Eine solche Forderung nennen wir schamlos una diese schamlose Forderung hat Mayersohn vertreten und aus dieser seiner Vertretung Nutzen gezogen. Die „begründeten Gegenforderungen“ Mayersohns sehen aber so aus: er klagte 1000 K ein una zwar für eine Schiedsgerichtsverhandlung 200 K, für eine Intervention in Budapest anläßlich seiner zufälligen Anwesenheit 200 K, für etliche Konferenzen den Betrag von je 10 K, für 4 Gänge zum rumänischen Konsulat in Wien 100 ’K, und für angebliche Barauslagen 200 K. Das ist also die friedensrichterliche Tätigkeit eines Rabbiners! Wir glauben, daß der frechste Winkel- Schreiber nicht die Stirn besäße, derartige For- . derungen vor Gericht geltend zu machen. Ein Wiener Gemeinderabbiner darf dies jedoch ungestraft tun. Auf weitere Polemiken mit Rabbiner Mayersohn lassen wir uns nicht ein. Durch Berichtigungen nach § 19 Pr.-G. wird er die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen nicht aus der Welt schaffen. In mbnatelangen Bemühungen haben unsere Gesinnungsgenossen im Kultusvorstand das Einschreiten des Präsidenten herbeizuführen gesucht. Sie verlangten nichts als eine ordentliche Untersuchung, ln einem sehr ausführlichen und sachlichen Expose, das sie an den Präsidenten unid sämtliche Mitglieder des Kultusvorstandes versendeten, stellten sie abermals dieses gerechte und billige Begehren. Auch dies hatte keinen Erfolg. So blieb uns nichts anderes übrig, als „die Flucht in die Oeffentlichkeit“, der wir mit Ruhe und Festigkeit die Entscheidung überlassen. die istrenge Beobachtung der religiösen Vorschriften seitens der Juden, namentlich die Sabbathheiligung. Auch1 die Behörden zeigen eine sehr freundliche Haltung. Ebenso der König. ‘ Selbst der Klerus gibt den Juden nicht den mindesten Anlaß zur Klage. Obzwar er gegen Protestanten una Freimaurer eingenommen ist, schützt er. die Juden als friedvolles Elem’ent. Die Geistlichen, mit denen Dr. Jahuda sprach, sagten ihm, dies würde sich’ auch nicht ändern, wenn eine größere Zahl von Juden in Spanien wohnen würde. Ob dieser Optimismus berechtigt ist, stehtid lahin. In Sevilla gibt es eine alte Synagoge, die noch gänzlich unverändert steht, und in eine Kirche (Santa Maria la Bianca) umgewandelt ist. Im1 jüdischen Viertel stehen noch viele Häuser jüdischer Notabein des Mittelalters ohne jede Aenderung. Die Bevölkerung Sevillas zeigt die schönsten jüdischen Typen. Die wenigen europäischen Juden in Madrid und Barcelona haben keinerlei Gemeindeleben, noch Synagogen, Rabbiner usw. In Cordova gab es eine Anzahl marokkanischer Juden, die aber zurückwanderten. Die spanischen Juden sollten den Geist des früheren Judaismus in Spanien wiederbeleben. Viele bekannte spanische Schriftsteller sagen, daß es Zeit wäre, daß die spanische Nation den großen jüdischen Philosophen und Dichtern Denkmäler errichten, aber die besten Denkmale könnj. ten die Spanischen Juden dadurch setzen, daß £ sie ihre Kinder die alten jüdisch-spanischen Hym- Ü. nen> Gebete ,usw. wieder singen ließen. Das Buch Samuel erzählt von den damaligen Priestern eine wenig erbauliche Geschichte. Wenn das Volk nach Silo kam, um dort zu opfern, stieß der Priester, noch während das Fleisch kochte, mit seiner dreizähnigen Gabel „in das Becken, oder in den Topf, oder in den Kessel oder in die Pfanne,“ und was immer die Gabel herausbrachte, nahm der Priester für sich. Unter dem glorreichen Regime des Herrn Dr. Stern hat sich nunmehr im Wiener Rabbinat eine ähnliche Sitte eingebürgert. Das Buch S a m u e i nennt allerdings die Priester der damaligen Zeit „ruchlose Männer“; Herr Dr. Stern aber begnügt sich vorläufig damit, jene Mitglieder des Kulturvorstandes zu beschimpfen, welche die Abstellung solcher Sitten verlangen. Zum juöifdien Erziefiungsproblem. Von Dr. Wilhelm Stein. Eine große Stunde der Begeisterung hat uns zum Zionismus geführt. In Glück und Leid haben wir den Weg zu unserer Gemeinschaft zurückgefunden, haben wir mit dem scharfen Auge des selbst Unglücklichen die unsägliche Not unseres armen Volkes erkannt, und haben aus diesem stärksten Erlebnis unseres Daseins den Willen zur rettenden Tat emporwachsen sehen. In dem Augenblick, in dem wir die ganze seelische Erniedrigung unserer jüdischen Gemeinschaft erfaßten, trat uns auch schon vor die Seele, daß nicht äußere Knechtschaft und Herabwürdigung allein die Schuld trage, sondern, daß an uns als Menschen böse Mängel, Grundgebrechen unserer Persönlichkeit, verheerend wirksam1 sein müßten. Mit Achad-Haams „Nicht dies ist der Weg“ beginnt diese Erkenntnis, bis sie heute in der Formulierung „Erhaltung oder Erneuerung des Judentums“ in den denkenden zionistischen Kreisen ihren festen, faßlichen Ausdruck gefunden hat. Herausgearbeitet mußte dieser Gedanke werden, als; man merkte, daß der Zionismus eine langfristige Bewegung geworden sei, d. h.—.daß zur endgültigen Verwirklichung unseres' letzten Zieles, die Schaffung einer neuen jüdischen Gemeinschaft in Erez Israel, mühevolle Stufen zu ersteigen seien. Es ist uns dabei ergangen, wie einst dem Volke Israel, das da vermeinte, kampflos und einzig durch die Hilfe seines allmächtigen Gottes das verheißene Land in Besitz nehmen zu können, nach Moses Tod aber erst in heißem, jahrhundertlangem Ringen dieVerheißung wahrmachen konnte. Das' ist unser Schicksal geworden: Die große Zukunft, die Herzl erträumt hat, fällt uns nicht mühelos über Nacht durch irgendeinen Glücksfall, aber auch nicht durch die diplomatische Geschicklichkeit eines Führers in den Schoß, nein, wir müssen in den vierzig harten Jahren der Wüstenwanderung gezählt und gesiebt werden, um dann mit unseren eigenen Händen, mit unserer eigenen Kraft diese große, herrliche jüdische Zukunft selbst zu schaffen. Fast könnte man versucht sein, beim Ueberschauen unserer so wenig ertragreichen Bemühungen an jene Geschichte zu denken, die von jenem1 ewig optimistischen Nachum aus Ginfsö uns überliefert ist. Als der greise Rabbi, der so viel' Gutes sein reiches Leben hindurch getan hatte, in seinem Alter von einer Krankheit so schwer gepeinigt wurde, daß ihm seine Schüler sagten, sie seien unglücklich, daß ihren Rabbi so arge Schmerzen quälten, da antwortete der Weise: „Ich aber wäre unglücklich, wenn ich, der so wenig nur getan, so viel aber unterlassen habe, nicht die Strafe für meine Halbheit büßen sollte.“ Wenn uns heute zur Gewißheit geworden ist. daß uns lange Zeiträume von der Erfüllung unserer Idee scheiden1, so empfinden wir das in seiner segnenden Wirkung. Nicht allein, weil die Seligkeit des Schreitens, des Woliens unid Schaffens gleichkommt dem Glück des Erreichens, sondern, weil wir dann erst die wahre jüdische Gemeinschaft, die der Traum unserer Seele +ist, zur Tat machen können. Daß wir nur in schwerem; mühereichem Tun um die Erfüllung unserer Idee ringen können, von Stufe zu Stufe empor, lehrt uns, wo der wahre Ge¬ QRflF-Wcirfel Feinste Rindsuppe An Ausgiebigkeit and Wohlgeschmack ähnlichen Erzeugnissen weit aberlegen. Graf-Wiirfel u. Würze Koscher. Man achte genau auf den Namen .Graf “ gensatz zwischen uns, den Zionisten und den anderen unserer Gemeinschaft zu suchen ist: „Es gilt hier nicht die Sache zwischen Nationalisten ,und dergleichen — das ist alles oberflächlich und unwesentlich — es gilt hier, die Sache zwischen Wählenden und Geschehenlassenden, zwischen Zielmenschen und Zweckmenschen, zwischen Schaffenden und Ersetzenden, zwischen Urjuden und Golusjuden.“ Wir wissen, wie häßlich verfault und morsch das ganze Gerüst des gegenwärtigen Judentums ist, daß nur Trägheit es hält und eine mißverstandene Pietät, unsere Hände aber rühren sich, diese unselige Gegenwart zu einer hellen Zukunft zu gestalten, in der unser Volk nicht von Tag zu Tag, von Ereignis zu Ereignis sich fortdrängen läßt, sondern selbst seinen Weg bestimmt, da ihm ein leuchtendes Ziel vor die Seele gestellt ist. Und wir werden das vermögen, wenn wir diese Scheidung zwischen Wollenden und Geschehenlassenden uns bewußt machen und wir damit das große aufrüttelnde Wort in seiner ganzen Bedeutung umfassen, daß der Zionismus nicht bloß etwas ist, das man an Sabbathen und zu beson- ’ deren Festzeiten hervorholt, daß er auch nicht eine schöne buntere poetische Umsäumung unseres Lebens bedeutet, sondern daß er die Forderung nach Umformung unseres Gesamtdaseins ist, daß wir unseren Zionismus in jeder Stunde, •in jeder Tat, in jeder Wollung wahrzumachen haben ,Und warum sind wir von einem Zionismus, der unser ganzes Leben wie ein Kidusch Haschern durdhdringen: und heiligen sollte, so weftesrweit entfernt. Warum stellen wir unseren Zionismpis nur von Zeit zu Zeit wie’ ein Prunkmöbel anderen Menschensichtbar aus? Oder — um von den Jungen, von den Studenten, zu sprechen — warum folgt den paar Jahren zionistischer Betätigung so leicht und sicher ein Zurückziehen von sämtlicher Arbeit, eineUebersättigung und Ekel an Partei und Parteiangelegenheiten? Die Antwort geben wir uns erst, wenn wir zur Erkenntnis kommen, daß der Zionismus nur ein Lebendigmachen unseres Judentums ist, daß aber das Judentum selbst nicht die dominierende Rolle im Leben des Juden spielt. iDer Jude, der fast als Typus des Materialisten genommen werden kann, soll mit einem Schlag nicht der ganze Komplex der materiellen Beziehungen, nicht die sinnlich-faßbaren Verbindungen mit der Umwelt, wie Natur, Sprache und Lebensformen mehr das Dasein beherrschen, sondern jenes Ungreifbare, das wir als das „Jüdische“ ansprechen. Wenn wir darum' von einer der großen Gegenwartsaufgabe sprechen, so muß es die sein, 'dem Jüdischen in uns die Bedeutung des leitenden und führenden Elementes zu geben. Das ist dann gewiß nicht eine einseitige Uebertreibung, vielmehr das notwendige Herausarbeiten des zentralen Momentes unserer Persönlichkeit, der die wahre Geltung zu geben ja höchster Zweck menschlicher Kulturtätigkeit ist: Wir müssen das Jüdische in uns, das da verschüttet ist, von den Forderungen «des Tages befreien und herausstellen. „Verschüttet“ sage ich, und „befreien“, und man wird dann das Wort vom „Jüdischwerden“ unseres Daseins nicht als künstliche, aus dem Haß gegen die anderen geborene Zurückwendung empfinden, wohl aber als freudige Selbstbesinnung, als helle Selbstbejahung: in Wahrheit sein wollen, was man ist. Rücken wir aber die Frage nach der Kulturarbeit in diese Beleuchtung, dann ist uns das vielumkämpfte Problem, ob eine Kulturarbeit auch im Golus nötig oder möglich ist von vorn-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.