Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1914-04-17 · 16 (17.4.1914) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
16 (17.4.1914)
Date
1914-04-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438483-2438498--4120-2443942
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 16 Freiheit In solchem Sinne erscheint uns dei Zionismus als eine Freiheitsbewegung, dessen Programm ein genau fixiertes Streben ist Die ganze Unfähigkeit jener Jugendkulturgruppe, zu einer Freiheitsbewegung zu -werden, zeigt - sich in jenem naiv-kjndischen Programm, das die freideutsche Jugend auf vdem hohen Meißner entworfen hat und dessen Autorschaft Wyneken so aufrichtig eingestanden hat Ein solches Programm ist eher geeignet, etwas, das sich schon bewegt, zum' Stillstände zu bringen, als eine träge Masse in Bewegung zu setzen. Freiheitsbewegungen werden das aufgreifen, was in all dem Sehnen jener „Jugendkultur“-Gruppe wirklich bewegend werden kann, jene Gruppe aber wird zu einem völlig bedeutungslosen Faktor werden. Vielleicht wollen sie auch nicht mehr. Ich habe bei Wynekens Reden den festen Eindruck, dab es sich ihm der Ausführung nach, die Begeisterung in seinem Herzen sei unbestritten, ujp. ein pädagogisches Exempel handelt. Wo aber das Leben die Ziffern setzt, ist alles, alles ganz anders. Ich bin überzeugt, daß die Probe nicht stimmen kann. Rudolf Glanz. JnöifAe Kultar und Uiüenfdiail its Judentums. Von M. Vexier, Paris.*) (Aus einer Artikelreihe.) Man gibt sich einer Täuschung hin, wenn man glaubt, daß das moderne Judentum, nach' dem1 es sich nicht mehr als eine ethnische Gruppe manifestiert und nichts mtlir sein will, als eine „Kirche“, alle seine lebendigen Kräfte in seine konfessionelle Existenz gelegt hätte. Im Gegenteil. Dieses konfessionelle Sein hat nur sehr mäßig die Entfaltung seiner intellektuellen Fähigkeiten begünstigt, der jüdische Genius hat sich gerade inbezug auf das’ religiöse Denken sehr wenig schöpferisch gezeigt. Und als die Hauptursache des' vorhandenen Verfalls des westlichen Judentum muß vielleicht die Beschränktheit der Theorie, daß wir eine „Konfession“ seien, ansprechen. Sehen wir vom politischen Gesichtspunkt ab ■und betrachten wir nur den literarischen und _ kulturellen. Wenn jedes wiridich nationale J3and bei den verschiedenen Gruppen des emanzipierten Judentums abhanden kam; wenn jede derselben das Schicksal jenes Volkes, dem es sich assimilierte, sowie sein moralisches und .materielles Leben teilte, mußte das nicht notwendigerweise alle Kultur, das heißt alle Literatur und Kunst, die man „jüdisch“ nennen könnte, unmöglich' machen? Mußten sich im Streben Zur Assimilation hin nicht alle Kräfte des ererbten jüdischen Genius auf das religiöse Leben beschränken und Seine anderen Offenbarungen als gefährlich bezeichnet werden? Fühlt man nicht — und zwar besSer als es Mendelssohn konnte — daß das Judentum immer eine Kultur darstellte, So daß man seine Wurzel abschnitt und ihm alle Nahrung entzog, als man es' vom kulturellen Boden entfernte? Das Fehlen jeder ursprünglichen Lebenskraft im modernen Judentum kommt nur daher: Es fehlt ihm eine Atmosphäre entwickelter jüdischer Kultur. Eine solche Kultur wäre möglich. Sie wäre natumotwendig da gewesen oder wenigstens ganz selbstverständlich' entstanden, wenn der Uebergang from Ghetto fcunf modernen Leben sich mit Ruhe und Würde vollzogen hätte, wenn der Jude Zeit gehabt hätte,-in sich selbst zu schauen, sich (selbst bewußt zu werden und sich nicht so mutlos und mit fieberhafter Kraft seiner Individualität beraubt hätte, was die Geschichte eines Tages vielleicht als die große Schande des Judentums des 19. Jahri’un^eris be+rariTen wird. Man stelle sich vor: Da ist eine Gemeinschaft, we'che durch lah-hunderte auf ei-en^m Boden eine den r>e'<hlosse’,s+en und einlrMfichs+en, wem auh nicht immer iini-Ts'1en Nationen gebildet hat, der ih-e tausendjährige Kultur ein Bewußtsein geschmiedet hat, so eisern und un¬ *) Im „Echo Sioniste“ veröffentlichte der Au+or übedj»ces Thema eine fori'aufende interessante Abhand'uner, de-e-1 Abschluß wi-, etwas verkürzt, in deutscher Uebersetzung bringen. durchdringlich, daß sie selbst losgerissen vom Heimatboden, ihrer natürlichen Stütze, mehr als 2000 Jahre einig und unteilbar besteht, über alle Grenzen, (über alle Länder hinweg, in denen sie Zerstreut ist, und siegreich über das widerwärtige Geschick, das nicht imstande ist, ihr etwas anzuhaben; deren Genie sich in originellen und unzerstörbaren Monumenten offenbart hat, durch die es sich von Generation zu Generation immerwährend indie individuelle Seele des Juden einprägte, eine Gemeinschaft, welche außerdem’ die seltsamste Geschichte hat, die man sich vorstellen kann, die wunderbarste, reich an epischen, heroischen (und tragischen Seiten — und dann erfühlt man uns, daß am "Tage nach der.Emanzipation, die doch1 eine rein äußerliche Sache war, die jüdische Seele gestorben wäre, das jüdische Genie sich verflüchtigt hätte, nichts Jüdisches mehr in unserem Bewußtsein und Unterbewußtsein, nun ein wahrhaft jüdisches Kunstwerk entstehen zu lassen! Und man wird es wagen Zu behaupten, daß die jüdische Geschichte und die jüdischen Schriftdenkmale das literarische und künstlerische Leben aller Kulturvölker befruchtet haben, nur wir allein könnten nicht mehr die geringste Anregung daraus schöpfen. Aber wäre sie wirklich tot, würde dann nicht die alte dichterische Seele Israels auPwachen beim Klange der leidenschaftlichen Dramen und Epen, (welcher aus seiner Geschichte tönt, bei den tausend Stimmen von Heroismus und göttlicher Begeisterung, die aus seinen Annalen erklingt, dieser wundervollen Welt, wo die unvergleichlichsten und künstlerischen Gesichter zu schauen feind? Aber das westliche Judentum hat Furcht davor gehabt, diese Stimmen zu vernehmen und hat sie nicht gehört. Es hat mit. Eifer und Freude resigniert. In dem Lande, in dem1 die Juden Wohnten, entwickelten sich die östlichen Kulturen ungestört und waren nicht bekümmert darum, daß die nationale Einheit gefährdet wäre. Der Jude allein hätte diese Furdit und wollte in seiner frisch nationalisierten Seele kein ererbtes Gut aufkommen lassen. Das Judentum hat den Völkern Denker, Schriftsteller und Künstler (geschenkt. Was hat es für sich' behalten? Einige Namen von Mitte'mäßigkeit, wie Auerbadt und Komperi, einige unvollendete Seiten von Heine, eine größere Anzahl von musikalischen Schöpfungen, einige Gemälde talentvoller Maler und schließlich eine wirklich sehr beträchtliche Anzahl von mittelmäßigen und totgeborenen Werken, die beim Erscheinen schon vergessen wurden. Viel guter Wille vielleicht, aber wenig Talent und noch weniger Genie. Das ist seine ganze Literatur und Kunst! Dieser Mangel einer allgemeinen jüdischen Kultur, Welche dem Judentum’ als Stütze hätte dienen körnen, ist es, woher die Armut auch der jüdisch-religiösen Kultur der westlichen Judenheit stammt. Indem der Judaismus seinen intellektuellen Fähigkeiten zu bloßem’ religiösen Gebrauch herabdrücken wollte, hat er sie aufgezehrt. Seine fixe Idee, fortan nur mehr eine Kirche darsfellen zu wollen und zu können, hat seinen intellektuellen Bankerott so vollkommen gemacht, daß man nicht mehr vermuten kann, daß selbst diejenigen sich diesem Zustand anbequemen könnten, welche von dem unversöhnlichsten Haß gegen alles, was leiner allgemeinen jüdischen Kultur gleichkömmen könnte, beseelt feind. * * * Wir' können diese Betrachtungen über das intellektuelle Leben der Westjuden nicht schließen, ohne ein Wort über jenes des Ostjudentums zu (sagen. Man kennt den bewundernswerten. Aufschwung, welchen seit dem letzten Jahrhundert die hebräische und jüdische Literatur in Osteuropa genommen hat. Ihre Erzeugnisse haben den Weg nach Westen gefunden. Uns handelt es sich bei unserer Betrachtung darum, in welchem Maße diese Erneuerung des jüdisch-literarischen Lebens der Sache des Judaismus im Westen dienen und seiner intellektuellen Armut au'helfen könnte. Vie’e Juden, namentlich solche in Deutschland, scheiten sich sehr weit von dem Einfluß dieser literarischen Entwicklung auf das Westjudentum zu versprechen. Sind diese Hoffnungen (begründet? Der ästhetische Wert dieser Literatur in ihrer Gesamtheit ist außer Diskussion. Trotzdem sich noch eine Tendenz zur Uebertreibung zeigt, indem man versucht, einige der kleineren Götter für (authentische Genies auszugeben, ist es sicher, daß jene Literatur schon eine Anzahl von Werken großen Stils .aufvveist. Sie hat ihre Meisterwerke, Welche sehr stilrein sind und die bleiben werden. Aber man muß Sie im Original lesen. Alles, was man von dem Mangel der Uebersetzungen sagt, daß sie das Original verstüm'- pem, ist doppelt wahr, wenn es sich um hebräisch oder jüdisch handelt. Letzteres Idiom ist schlechterdings unüberstzbar. Das andere ist es ein bißchen weniger, verliert (aber nicht weniger.; Doch sehen wir von dieser Schwierigkeit ab. Kann die Mehrzahl dieser Werke wirklich durch ihren Gehalt und die darin enthaltene schöpferische Offenbarung aus Westen die jüdische Kultur ersetzen, deren Abwesenheit wir beklagen? Ein (guter Teil der neuhebräischen Und fast die ganze jüdische Literatur entlehnen ihr Sujets dem lokalen Leben. In erzählender oder lyrischer, manchmal sogar in dramatischer Form wird das ganze Sein im’ Ghetto aufgerollt, das gleichzeitig düster und farbig, resigniert und bewegt, schweigsam, träumerisch und malerisch ist. Da Sind seine so uralten Leiden und Freuden, seine stummen Hoffnungen, welche selten durch- Schimmern, aber doch das Leben zu tragen helfen, da ist die ganze nervöse und eingeschlossene Seele des Ghettos mit seinen Kompliziertheiten, Naivitäten und Raffinements, und außerdem seit einer (gewissen Zeit seinen modernen Leidenschäften, Welche uns in ihrer .ganzen 'ehendinon Wirklichkeit entgegentreten. In reVistis’chen oder idealisierten Schilde-unnen, in humoristischem oder bitterem1 Ton, tnit einem Lächeln oder mit einer Grimasfee wird uns die ganze Mannindältior. keit 'seiner Charaktere, Tvnen, Sitten und jahrhunderteal+en Gebräuche vorgeffiVt. Eine ganze Enoche des Judaismus in ihrem1 phvsischen, intellektuellen und moralischen Habitus ist hier in ihrer Lebendigkeit gepackt und für immer mit unvergeßlichen Zügen festgehalten. Das sind jene historischen Schilderungen, we’ch'e, abgesehen von ihrem Kunstwert, jeden Gebildeten als menschliche Dokumente interessieren (müssen. Doppelt inte-essant sind si# natürlich für Juden. Aber es ist klar, daß. abgesehen von diesem speziellen Interesse diese Art Werke, welche die zahlreichsten sind, nichl erscheinen, um irgendwelche „kulturellen“ Bedürfnisse 'des westlichen Judentums zu befriedigen Es gibt ferner — diese Klassifikation macht natürlich nicht Anspruch' auf Exaktheit —Werke allgemeineren Charakters, an denen nichts H<- bräisch ist a's die Sprache. Die Poesie behandelt darin ihre ewigen Sujets: Die menschliche Seele, ihre Leidenschaften und Bestrebungen, die Natur mit ihrem Zauber und ihren Geheimhisfeen. Man kann nicht genug die Wichtigkeit dieser Werke betonen, die sie für die Bildung der jüdischen Seele jener Ostjuden haben, welche nur hebräisch lesen. Lange Zeit dazu gezwungen, ein verengtes und künstliches Leben Zu führen, beginnen sie durch’ sie wieder natürlich zu sehen und zu fühlen. Sie bilden sich daran wieder menschliche Sinne, Herzen und menschlichen Geist. Die Tora, 'das Ghetto öffnen sich und sie blicken hinaus ins weite Universum. — Aber abgesehen davon, daß gerade diese Werke., nicht das originellste und bemerkenswerteste der neüh'ebräisdhen Literatur bedeuten, ist es auch von ihnen klär, daß es nicht ein Beistand in ihrem Sinne ist, den wir für den Westen erwarten. Schließlich ist zu bemerken, daß im' gleichen Maße, in dem die neuhebräiSchen Schriftsteller nach dieser Richtung schreiben, sie sich aufs heftigste der rabbinischen Tradi'ion widersetzen, was seit Gordon beinahe die Regel war; sie entfernen Sich aber noch viel vollständiger von aller (gewöhnlichen jüdischen oder hebräischen Tradition. So z. B. Saul Tschemichowsky, um nur jenen zu nennen, der diese Tendenz am schärfsten Vertritt. Welches jüdische Interesse können sie also für uns haben? Sie sind selbst gegnerisch interessant und können der jüdischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.