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Jüdische Zeitung · 1914-04-17 · 16 (17.4.1914) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
16 (17.4.1914)
Date
1914-04-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Sie 'mir, in erster Linie werden meine Parteigenossen Jmit Ihnen und Ihren Redaktionen abrechnen. Jetzt werden wir aber schon nicht mehr .aufs Geratewohl dreinschlagen, sondern alle unsere Schläge gegen die Vertreter der Intelligenz richten. Und die Abrechnung wird schonungslos und energisch sein — ich sage Ihnen das voraus!“ Auf die Frage des Korrespondenten, ob er gestattet, seine düsteren Prophezeiungen zu veröffentlichen, erklärte Herr Pelikan: „Halten Sie das, wie Sie wollen. Wir fürchten nichts. Wir verteidigen ja hier im Zentrum der Fremdstämmigkeit die russischen Interessen.“ ", Und diesem Bürgermeister Pelikan ist aufs Wort zu glauben. Er hat die Progrome von 1905 höchstpersönlich geleitet, er hat eigenhändig gemordet!und eigenhändig gestohlen, dieser echtrussische Herr Bürgermeister. Lucian Brunner. Nach Redaktionsschluß erhalten wir die tief betrübende Nachricht von dem1 plötzlichen Ableben unseres altbewährten Freundes und Mitstreiters Lucian Brunner. Wir stehen erschüttert an der Bahre dieses hervorragenden Juden und Menschen, dessen Hinscheiden eine tiefe Lükke in unserer Partei gerissen hat. Wir behalten uns eine nähere Würdigung des Verstorbenen vor. * * * . 'Am 15. April ist in seiner Döblinger Wohnung Lucian Brunner im Alter von 62 Jahren gestorben. Er war nur kurze Zeit krank. Er war am 30. September 1850 zu Hohenems in Vorarlberg geboren und war früher in der SchXveiz ,und in Triest Bankier. Im Jahre 1890 ist er nach Wien übersiedelt und hat sich hier alsbald in politische Kämpfe eingelassen. Von 1896 bis 1901 war er Vertreter des 1. Wahlkörpers im 9. Bezirke. Im Gemeinderate war Cr ein schneidiger Debatter, der sich nie ein Blatt vor den Mund nahm. Im "Jahre 1901 hat er auf sein Gemeinderatsmandat Verzicht geleistet. Er hatte sich der jüdischnationalen und zionisti-, sehen Bewegung angeschlossen. Lucian Brunner war außerordentlich wohltätig und hat namentlich die jüdische Studentenschaft sehr unterstützt. Im Jahre 1911 hat er sich bei den Reichsratswahlen um das Städtemandat Sereth—Suczawa—Radautz in der Bukowina beworben. Bei der ersten Wahl erhielt er mehr Stimmen als sein Gegenkandidat Hruschka. Er kam in die Stichwahl, ist aber dabei unterlegen. Er war Präsident des jüdischen Studentenheims, das an ihm seinen Gründer und seine mächtigste Stütze verliert. Er hinterläßt vier Söhne und eine Tochter, die •mit dem Holzhändler Munk verheiratet ist. seines Heimatsortes hinausgekommen ist, die wunderlichsten Anschauungen über die Juden. Besonders bezeichnend hiefür sind zwei Anekdoten, die David- Werner Amram in seinem Aufsatze „Century of Jewish Life in England“ erzählt: Ein jüdischer Geschäftsreisender, der einen Kaufmann im südlichen Irland besuchte, wurde von diesem gefragt: Nicht wahr, Sie sind Jude? — Ja, — antwortete der Reisende. „Ich wußte es wohl,“ sagte nun der Irishman, „aber was ich jetzt wissen möchte, ist bloß, was für ein Jude sind Sie? Ein kathoilscher oder ein protestantischer Jude?“ - Nicht minder bezeichnend bist die zweite Erzählung, deren Heldin, die Lady ot Limerick ist, die, als sie siebzig Jahre alt geworden, einen ihr bekannten jüdischen Großkaufmann ersudhte, ihr einen hebräischen Lehrer zu empfehlen. Als der jüdische Kaufmann verwundert -fragte, wozu die hohe Dame in so vorgerücktem Alter hebräisch zu lernen wünsche, antwortete diese offenherzig: „Gerade weil ich mich schon alt fühle und nicht mehr lange zu leben habe, möchte ich noch rasch hebräisch lernen, damit, wenn ich, von dieser Welt abberufen, vor dem Richterstuhl meines Schöpfers treten muß, in der Lage sei, mit seiner Allmacht in seiner eigenen Sprache zu sprechen.“ Erwähnt sei '"Hfer~b!oß noch, daß sowohl an der Dubliner Universität als auch jetzt an der nationalen Universität von Irland ein Lehrstuhl für die hebräische Sprache und Literatur besteht. Zum 10. toäestage IIkoJop Ms. (20. Tamus — 14. Juli). „In diesem Jahre geht ein Jahrzehnt zu Ende, seit Theodor H e r z 1 von uns gegangen, dem wir in dem Herzlwalde ein unvergängliches Denkmal zu schaffen unternommen haben. Dieser Gedenktag soll unsere Freunde und Vertrauensmänner ganz besonders an die Aufgaben erinnern, die die Baumspende zu erfüllen hat. Die aus dieser Spende angelegten Pflanzungen sollen die verwahrlosten Terrassen in den Bergen Palästinas wieder aufbauen helfen. Sie sollen die Sümpfe und Moore austrocknen, das Kulturland vor idem Vordringen der Sanddünen schützen, das notwendige Holz dem Lande wiedergeben, das Klima günstig beeinflussen und das schwierigste Problem, die Heranbildung von Städtern zu Landwirten, einer Lösung näherzubringen, und, nach dem Worte Herzls, eine große Arbeitsgelegenheit für das jüdische Volk schaffen!“ So schrieben wir beim Rückblick auf das Ergebnis des Jahres 1913 in unserem Aufsatz „Die Baumspende“ („Welt“ Nr. 12). Im Anschluß daran ist uns seitens vieler Vertrauensmänner der Vorschlag unterbreitet worden, einen Appell an die jüdische Oeffentlichkeit zu richten, daß jeder Zionist und Verehrer Theodor Herzls am 2 0. Tamus mindestens einen Baum für den Herzlwald spenden möge! Eigentlich sollte jeder Zionist alljährlich am Jahrzeittage Herzls seine Dankbarkeit durch Stiftung eines Baumes auf den Namen unseres großen Führers in sinniger Weise zum Ausdruck bringen. Diese ursprünglich von vielen unserer Freunde beobachtete schöne Sitte ist leider inzwischen vielerorts in Vergessenheit geraten. In diesem Jahre aber, zum zehnten Todestage Theodor Herzls, dürfen wir hoffen, daß die oben erwähnte Anregung, die wir aufs wärmste befürworten, von allen Gesinnungsgenossen ausnahmslos beherzigt werden wird. Eine Schrift über die „Baumspende“ und den 10. Todestag Theodor Herzls in deutscher Und hebräischer Sprache bifindet sich in Vorbereitung und wird unseren Vertrauensmännern rechtzeitig zugehen. Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds Justizrat Dr. Bodenheimer Vorsitzender. Dp. Gustav Wgnshen.*) Wieder ein neuer Prophet und seine Heilslehre mutet trotz aller Sonderlichkeit eigentlich so selbstverständlich an, daß wir uns wundern, daß die Menschheit sich nicht schon lange auf seinen Heilsweg begeben hat. Sie ist eigentlich nichts anderes, als die letzte Konsequenz je-' nes „Lasset die Kindlein zu mir kommen“, mit welchem ein ganz ungeahnt neues Prinzip in die Geistesgeschichte eingeführt worden ist. Jenes Christuswort ist das Endergebnis eines langen Kampfes, der die Unabhängigkeit des Einzelindividuums gegenüber dem Familienbande zum Ziele hatte, und das Recht der Individualität schuf, unabhängig von jeglicher Gestalt, in der sie umherging, also auch in der. Gestalt des Kindes. Die höchsten Träume der Methaphysik an die Gestalt eines Kindes zu binden, wie es jenem Christentum gelang, ist ein so revolutionäres Prinzip gegenüber der rdamaligen Gestaltung . des Familienbandes, daß man hierdurch erst die Macht jener Darstellung des Knäbleins begreift. In jener Zeit erfolgte die erste Anerkennung der Persönlichkeit im Kinde. Aber die Weltgeschichte bringt noch ganz anderes zur Reife. Ein neues, geistesgeschichtliches Prinzip begnügt sich nie damit, seine Anerkennung im Gedankenbereich der Menschen gefunden zu haben. Es drängt unzählige Menj sehen auf seine Bahn, die dann schlechthin in 1 allem, was Menschengeist heißt, nichts anderes sehen wollen, als gerade dieses Prinzip, die *) Wir veröffentlichen diesen Artikel mit Rücksicht auf die immer größer werdende Bedeutung des Jüdischen Wanderbundes „Blau- Weiß“. GRflF-Würfel Feinste Rindsuppe An Ausgiebigkeit und Wohlgeschmack ännlicaen Erzeugnissen weit überlegen. Graf-Würfel u. Würze Koscher. Mai ac^te geiau a'f den Namen .Graf“ sich aus ihm ihre Waffen schmieden und nach ihm ihr Programm entwerfen, mit dem sie in die ganze Welt des Geistes Einzug halten wollen. Aus der bloßen Anerkennung der Persönlichkeit im Kinde entsteht eine eigene, bloß auf das Kind, resp. die Jugend beschränkte Persönlichkeit, „Jugendlichkeit“ mit eigenen Empfindungen und Gedanken von der Welt, die nur die Jugend haben soll, die „Jugendkultur!“ Heine sagt einmal, der grimmigste Despot hätte noch lange nicht so glattzüngige Schmeichler wie das arme Volk, dessen Lumpen als die zweckmäßigste Kleidung, dessen Roheit und Instinkt für Natürlichkeit und dessen Unwissenheit und Aberglaube gar als unfehlbare vox dei hingestellt werden. In einem ähnlichen Sinne möchten wir von allen den Theorien, die sich heute mit der Mission der Jugend beschäftigen, sagen, dab es noch lange, lange kein Preislied des Alters gibt, das ihm eine solche entscheidende Kraft des Rates, der Besonnenheit, Ueberlegtheit und Echtheit des Entschlusses zuspricht, als es jene Sirenenlieder der Jugendtheorien tun, die sich vom Eintritt der Jugend in die Weltgeschichte ungeahntes versprechen und von dem Entstehen einer Jugendbewegung gar das Entstehen einer eigenen „Jugendkultur“ erhoffen. Unserer Ansicht nach liegt jenem neuen Glauben ein sehr verhängnisvoller Aberglaube zu Grunde. Denn unserem Ermessen nach kennt die Geistesgeschichte nur Freiheitsideen und Freiheitsbewegungen. Das Wesen der wahren Freiheitsbewegung besteht eben darin, daß im Sehnen nach der Freiheit die Alten jung und die Jungen alt werden. Daß es einer Bewegung, um jung zu werden, gar nie bedar?, sondern nur, um frei zu sein. Meint die Jugendbewegung gewisse Zwänge, die man gerade der Jugend anzwingt, so wird diese die Menschheit durch eine Freiheitsbewegung überwinden, nie aber wird sie durch eine solche jugendlich werden wollen. Kultur vollends ist immer der Ausdruck einer bestimmten Art des Seins als Individualität, nie aber ein Ausdruck des Jungseins oder Altseins. Jener verhängnisvolle Aberglaube, gerade in den Instinkten der Jugend das Lebens- und Kulturbefreiende zu sehen, wird den Untergang der Jugendbewegung, die wir uns als Freiheitsbewegung mit einem echten Protestbewußtsein gegen die Vergewaltigung der Jugend sehr gut hätten denken können, besiegelt. Daß die neue Bewegung mit dem ganzen üblichen, recht charakteristischen Wortgerassel einhersegelt — man braucht nur aus Wynekens Mund vom „Adel der Jugend“, von der „Garde der Jugend“, von ihren „Kerntruppen“ zu hören — bestätigt nur immer mehr die Gewißheit, daß daraus nie und nimmer eine wahrhafte Freiheitsbewegung, sondern nur ein gewisses Verkennen über das wahre Wesen der Kultur;entspringen kann. Für welche ausgeprägte Individualität kann denn der Gedanke, jung zu sein, etwas Beglückendes haben? Di« Eigenschaften, die das Selbstbewußtsein der Per sönlichkeit ausmachen, sind so sehr persönliche dab eine Verbindung derselben mit einem be stimmten Alter nur niederdrückend auf die Gemüter wirken kann, nie aber befreiend unJ erhebend. Unmöglich kann es das Ideal einer Generation werden, jung zu sein, wenn sie noch so vieles zu tun hat, um frei zu werden. In diesem Sinne können wir uns unendlich viele Freiheitsbewegungen denken, die alle etwas vom Wesen der Freiheit 'erfaßt haben, aber keine Bewegung, deren Ziel es sein soll, die Jugendlichkeit wiederherzustellen. Für die Jugend ersehnen wir vieles und durch die Jugen.d glauben wir uns zu vielem mächtig, was wir aber bei allem immer, immer wollen, ist die

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