Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438483-2438498--4118-2443940- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 16 hinzu, AvaqmSpfllie Leitung dieser Banken bej sotgen, (deren-^hfeinung also bei allen Aktionen ausschlaggebend ist Sie mögen nun wollen oder nicht, jsie sind für die antisemitische Roheit und ihre himmelschreienden Folgen verantwortlich. Anglo-Bank (Präsident: Professor Landesbe Tg er, Generalräte und Direktoren: Michael Benies, Siegmund Baron S p r i n g e r, Bernhard W e t z 1 e r, Hugo Schwarz, Wilhelm Platschek). Kreditanstalt: (Dr. Paul Hammerschlag, Ludwig Neurath, Siegmund Löwy, Max R. v. Gomperz, Julius Blum, Richard Lieben, Alois N e u m a n n, Leopold P o 11 a k v. Pamegg, Louis Freiherr von Rothschild, Paul BaronSchey, Ludwig W o 11 h e i m). Bodenkredit-Anstalt: (Dr. Sieghart, S. B a ch r a ch, Ferdinand Bloch, Hans Baron Reitzes, Dr. Karl v. T a u s s i g). Länderbank: (Markus Rotte r, Max Kraus, Artur Adler, Isidor K o h n, Richard E1 b o g e n, Fritz Hamburger, Ludwig A. H ahn.) Unter diesen Namen wird antisemitische Propaganda der Tat betrieben. Der Gegensatz ist ebenso grotesk als entsetzlich'. Was sollen die Christlichsozialen und die nationalen Antisemiten anstellen, um diese Juden zu übertrumpfen? * * * * Der junge Herr. Die Art, wie sich der Kronprinz des Deutschen Reiches entwickelt, ist sehr originell, aber nicht erfreulich. Der junge Herr, so nannte ihn der Sozialistenführer Bebel, fühlt sidh ausschließlich in jener wüstesten Junkergesellschaft wohl, für welche die Begriffe „Volk“ und „Pöbel“ gleichbedeutend sind. Wo sich auch ein Offizier oder Beamter einen Uebergriff gegen Bürger und Arbeiter erlaubt, er kann gewiß sein, vom „jungen Herrn“ eine schneidige Zustimmungskundgebung zu erhalten. Der deutsche Kaiser ist gewiß kein Mann der Modernen. Wenn man jedoch das Tun und Lassen des Sohnes betrachtet, so erscheint einem. der Vater als Apostel des Fortschrittes. Der reichsdeutsdre Abgeordnete v. Ger lach gibt in der Wiener „Zeit“ einige Pröbchen der kronprinzlichen Gesinnung und Tätigkeit (zum Besten: Der „junge Herr“ hat sich manches Jahr, wie fast alle Hohenzollem, überwiegend militärisch betätigt, hat Sport getrieben, . viel Sport, ist gereist und hat gejagt und hat schließlich eine Frau genommen. Nur selten hörte man von ihm etwas anderes als von seinen reichen Jagdstrecken und seinen minder großen sportlichen Erfolgen. Hie und da freilich sickerte eine Nachricht über seine politische Entwicklung durch, die stutzig machen mußte. Man hörte zum Beispiel, daß er auf einem Kommers des Antisemitischen Vereines deutscher Studenten an demselben Abend eine Rede gehalten habe, an dem auch der berüchtigte (Antisemitenführer Liebermann v. Sonnenberg dort sprach. Und war deshalb auch nicht mär sonderlich überrascht, als er vor ein paar Jahren in Königsberg ganz grundsätzlich allem „Internationalen“ Fehde ansagte und sidh zu „völkischen“ Anschauunen bekannte. Schon, daß er das Wort „völisdh“ gebrauchte, charakterisierte seinen Standpunkt izur Genüge. Wird es doch in Deutschland sonst nur von extremen Antisemiten und anderen Rassefan ät i k e r n in den Mund genommen. Gleichzeitig hörte man, daß Herr Limän sich näherer Beziehungen zum Kronprinzen rühme. Herr Liman ist einer der geschicktesten Journalisten Deutschlands. Aber seine einseitig alldeutsch-kriegslustige Richtung wird nur von einer sehr kleinen Zahl von Deutschen geteilt. Und seine Person steht keineswegs unangefochten da. Er hat in manchem Prozeß eine eben nicht glückliche Rolle gespielt, ganz abgesehen davon, daß er so lange blutrünstige antisemitische Artikel schrieb, bis er vor Gericht seine Abstammung erfuhr, die ihm die Abfassung derartiger Artikel verbieten mußte. > Wie eine Demonstration im1 Sinne der Limanschen Politik des Alldeutschtums wirkte das Auftreten des Kronprinzen bei der Marokkoaffäre. Damals griff der konservative Heißsporn v. Heydebrand die friedliche Politik Bethmanns (das heißt des Kaisers), mit äußerster Vehemenz im Reichstag an. Der Kronprinz saß in der Hofloge. Als Heydebrand unter den Bravorufen der Konservativen und der Antisemiten seine Anklagerede gegen die Regierung schloß, da klatschte der Kronprinz in die Hände. Nun Wußte das deutsche Volk, welche Wege |sein künftiger Kaiser zu wandeln gedenke. Seit dem „völkischen“ Bekenntnis in Königsberg (und der Zustimmung der Kriegsrede Heydebrands ist er der erklärte Liebling der An t is em iten, die ihn bei jeder Gelegenheit gegen seinen Vater ausspielen. Sein bester Freund und Berater Herr v. Oldenburg verdient eine besonderes Wort. Er ist der Typus eines preußischen groß agrarischen Junkers. Seine Gesinnung teilen viele seiner Stammesgenossen, seine Offenherzigkeit kaum ein einziger. Er macht kein Hehl daraus, daß er ein Totfeind aller Volksrechte ist. Mit Entrüstung hat er die Reichserbschaftssteuer nur deswegen abgelehnt, weil er das Portemonnaie der Vorsitzenden nicht einem1 Parlament des allgemeinen Wahlrechtes ausliefern wolle. Der Reichstag an sich ist ihm in tiefster Seele verhaßt. Er hat öffentlich1 als ein Recht des Kaisers proklamiert, den Reichstag durch „einen Leutnant mit zehn Mann* auseinandertreiben Izu lassen. Der Staatsstreich hat für ihn nichts Erschreckendes. Im Gegenteil. Mit diesem Mann,, .der in Westpreußen angesessen ist, ..hat der Kronprinz bei seinem Aufenthalt in'Langfuhr' intime Beziehungen . ÜigekriüpfL'-Sf setzt sie «fingst in Berlin fort. Oldenburg ist sein bevorzugtester Gast, sein politischer Vertrauter. „Ist fes ein Wunder, wenn nach' alldem das deutsche Volk mit Sorge in die Zukunft blickt?“ Mit diesen Worten schließt v. Gerlach seine Betrachtungen. Noch größere Sorge aber mußte die in Deutschland lebenden Juden beschleichen. Und nützt da alles Gerede der offiziellen jüdischen Blätter, die beständig vom Niedergang des Antisemitismus sprechen und ihren Lesern weismachen wollen, daß sich in Deutschland nur mehr wenige politische Desparados und Lumpen Weigern, die Gleichberechtigung der Juden anzueikennen. Die Haltung des Kronprinzen, der von diesen hurrahpatriotisdien, deutschnationalen Kleines Feuilleton. Der größte TeQ der hebräischea Manuskripte in England. Auf der Jahresversammlung der jüdischen historischen Gesellschaft wies Präsidenten Elkan N. Adler darauf hin, daß einer seiner Vorgänger in der „Jewish Encyclopädia“ schrieb, daß im Jahre 1914 von den damals bekannt gewesenen 15.059 jüdischen Handschriften England 6677 besessen habe. Er sei nun in der Lage, weitere 4000 Nummern hinzuzufügen, so daß heute mit Recht behauptet werden könne, daß mehr als die Hälfte der derzeit bekannten hebräischen Handschriften sich in englischem Besitze befinden. Diese Tatsache sei audi historisch begründet, kann angenommen werden, daß schon nach einer Generation die Hälfte der Juden der Welt englisch sprechen wird. leben und nach ihrem Tode dort begraben zu werden, mit Kost und Wohnung bis an ihr Lebensende zu versehen und für ihr Begräbnis in Jerusalem Sorge zu tragen. Wie nun der amerikanische Konsul in Palästina berichtet, gibt es in Jerusalem dermalen über 1300 Juden, welche solche Versicherungen eingegangen sind und auf Kosten der betreffenden Versicherungsgesellschaft leben und ihrem Tode in der heiligen Stadt entgegensehen. Der Konsul fügt diesem Berichte noch hinzu, daß die Gesellschaft im großen und ganzen ein schlechtes Geschäft macht, wenn sie damit rechnet, daß der Jude, der den Wunsch äußert, in Palästina zu sterben, wirklich seinem Tode nahe sei; denn viele von ihnen genießen die sogenannte Jerusalemrente viel länger, als es der Gesellschaft lieb ist. * * * Die Wahrheit über CohAnbus. Juden So oft angehimmelt wurde, zeigt, daß der reichsländische Antisemitismus meTir ist, als ein Hirngespinst ider bösen Zionisten. Pogrom. Zurzeit (des Beilisprozesses hatte man die Juden aus allen Lagern fleißig protestieren gehört. Da haben sich auch Leute, die sich nie im Leben ium ihr Judentum1 bekümmerten, für die „bedrängten Glaubensgenossen eingesetzt“. Nach' dem glimpflichen Ausgang des Prozesses sind sie wieder verschwunden. Viele haben sich eingebildet, (nun seien für die russischen Juden bessere Zeiten angebrochen. „Auch in Rußland beginnt ,es zu tagen!“ So orakelten die Zeitungsschreiber im gebräuchlichen freisinnigen Jargon, Es ist ja so bequem, Zu warten, bis einige hundert Juden erschlagen und tausende nach Sibirien transportiert (sind, um aber dann energisch zu protestieren, ln der Zwischenzeit tröstet man sich mit der billigen Behauptung, daß es auch in Rußland tagt, und tut nichts. Wie es in. Rußland zu tagen beginnt, beweist ein trauriger Bericht aus Odessa. ln der jüdischen Bevölkerung Odessas haben Aeußerungen des Bürgermeisters Pelikan einem Berichterstatter gegenüber Beunruhigung hervorgerufen. Das Stadthaupt hat unter anderm erklärt: „Im Hinblick auf die gegen uns in der Presse gerichteten Hetzartikel steigt die Welle des Volksunwillens immer höher. Man kann jetzt nicht mehr für den folgenden Tag eintreten, der dem Judentum' blutige Vergeltung bringen kann.“ Noch deutlicher hat sich das Stadthaupt Herr Pelikan einem Korrespondenten der fortschrittlichen Kiewsk. Mysl gegenüber ausgesprochen. Er sagte: „Es erwarten Sie in nächster Zeit Pogroms, mit denen verglichen die Oktobertage des Jahres 1905 nur ein Kinderspiel sein werden.“ — „Ist denn bei Ihnen alles zu einem blutigen Gemetzel bereit?“ fragte darauf der Zeitungsvertreter. — „Seien Sie ruhig,“ antwortete das Stadthaupt, „sieht man es denn nicht, daß jetzt alles sich auf eine zweite Revolution Zuspitzt? Wir werden aber jeden Versuch in Strömen Blutes ersticken. Und glauben Cbie neue torjügtidje Stocfjfdpfotabe auS SuliuS ÜJZeinlS Sdjofolabefabrif. 3u fjaben in aßen giliafen ber girma ]B SuliuS 2»einl. JM fuFl'U anuHE entschlossen, auf solche Weise den verschiedenen abenteuerlichen Gerüchten und der mit demselben gewöhnlich verbundenen unfruchtbaren unwissenschaftlichen Polemik ein Ende zu bereiten. Ob ihr der Nachweis der Historizität der einen oder anderen Anschauung gelingen wird, ist allerdings noch fraglich. Von den Juden in Irland. Anläßlich der großen Ulster-Krise wird es nicht uninteressant sein, Einiges über die Juden in Irland zu erfahren, ln Irland, leben jetzt ungefähr 5000 Juden. Während die Juden außerhalb Irlands, z. B. in Amerika, mit den Iren in so intim freundschaftlichen Beziehungen leben, daß diese irisch-jüdische Freundschaft förmlich sprichwörtlich geworden ist und einen amerikanischen Poeten sogar zu einer schwungvollen Lobeshymne auf diese Freundschaft angeregt hat, stehen in Irland selbst die eingeborenen Irländer gu den Juden nicht besonders freundlich, sondern in einem recht kühlen Verhältnis. In den irischen Städten haben die Juden durch Fleiß und Redlichkeit sich eine Position zu erringen verstanden, und gerade in Belfast, dem Mittelpunkte der gegenwärtigen kritischen Ereignisse, wurde vor kurzem ein Juae zum Bürgermeister gewählt. Auf dem Lande und in den kleineren Städten hingegen hat der irische Bauer oder Kleinbürger, der, abgeschlossen von der Außenwelt, vielleicht niemals über die Gemarkung Die Jerusalem-Bank. Die „Newyork Times“ weiß von einem eigenartigen Versicherungsgeschäfte zu erzählen, welches einzelne amerikanische Versidierungsgesellschaften seit einiger Zeit eingeführt haben. liese Versicherungsgesellschaften verpflichten sich gegen Bezahlung einer Prämie, die nicht allzuhoch bemessen ist, Juden, welche das 65. Lebensjahr überschritten haben und den Wunsch haben, ihren Lebensabend in Jerusalem zu ver- In der jüdischen wissenschaftlichen Welt wird es mit Sympathie aufgenommen werden, daß die „Jewish Historical Society“ in Amerika in ihrer letzten Vorstandssitzung in Philadelphia (den Beschluß gefaßt hat, die wissenschaftliche Untersuchung über die Abstammung Christoph Columbus selbst in die Hand zu nehmen. Ob mit der Forschungsarbeit eine Einzelperson oder ein kleines Arbeitskomitee betraut werden soll, hierüber soll in nächster Zeit Beschluß gefaßt werden. Die Direktion der obenerwähnten historisdien Gesellschaft ist fest