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Jüdische Zeitung · 1914-04-17 · 16 (17.4.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
16 (17.4.1914)
Date
1914-04-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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K&K NRTIONRL -JÜD15CHE5 DRBflN ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. —'Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- — ® reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjlhr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 16. Wien, Freitag, den 17. April 1914 VIII. Jahrgang Rifoalmoröhelie in Franlireidi. Berichte über Ritualmordhetzen bilden ständige Spalten in den jüdischen Blättern. Ihre Häufigkeit bringt es mit sich, daß der jüdische Zeitungsleser sie nunmehr ohne jegliche Erregung oder Empörung, ruhigen Gemütes zu lesen, ja sogar an ihnen achtlos vorüberzugehen vermag. Die Ritualmordhetze, die bisher fast ausschließlich um1 die Osterzeit wütete, erstreckt sich jetzt über das ganze Jahr. Eine der wichtigsten Tätigkeiten der r u s s i s c h e n Regierung und der ihr nahestehenden parlamentarischen Rechten besteht in der Veranstaltung von Ritualmordhetzen. Die entsprechende Bearbeitung des Volkes liegt den politischen Behörden ob, die blutrünstigen Artikel, der „Nowoje Wremja“ und anderer ähnlicher Hetzorgane sorgen für das übrige. Und so kommt es, daß in den verschiedensten Teilen des Reiches zu gleicher Zeit, es muß nicht gerade Ostern sein, die albernsten Ritualmordgerüchte entstehen und die Zeitungen berichten hernach über Verhaftungen von „verdächtigen“ Juden. Diese wohlorganisierte Ritualmordhetze, die zu einer ständigen Einrichtung des Zarenreiches geworden zu sein scheint, raubt der jüdischen Bevölkerung den Atem. In stetem Zittern und Zagen sieht sie der Zukunft entgegen. Pogrompanik macht die Seelen erzittern. Allein Rußland besitzt 'kein Monopol auf die Ritualmordhetze. Wir wissen ja, daß seit der Damaszener Ritualmordaffäre die Blutlüge in fast allen Ländern aufgetaucht ist, selbst unsere Monarchie und Deutschland haben ihren Anteil daran gehabt und ein unschuldiges Opfer gewissenloser Ritualmordhetzer schmachtet immer noch in einem österreichischen Gefängnis. Bloß die Länder Westeuropas blieben bisher von dieser Seuche verschont. Nun ist auch in dieser Beziehung Wandel eingetreten. Aus Frankreich wird über eine regelrechte Ritualmordhetze berichtet. Staunend steht man da und fragt sich, wie ist dies möglich? Wie ist es möglich, daß sich das reaktionärste Rußland und das fortgeschrittene Frankreich in der ' Judenfrage einigen-? Oder sollte dies etwa die Folge des1 politischen Zusammengehens sein? Als die Entente mit Rußland geschlossen wurde, wollten die fortschrittlichen Kreise in Frankreich darin nicht nur einen Pakt politischer Interessen sehen, sondern sie erhofften auch eine tiefgreifende Wirkung der französischen Zivilisation und freiheitlichen Gesinnung auf die russischen Verhältnisse. Diese Hoffnung hat sich zwar nicht erfüllt, dagegen ist nicht zu verkennen, daß umgekehrt russische Anschauungen in Frankreich Parteigänger In allen Lagern gefunden haben. Wie weit die Rücksichtnahme auf den Verbündeten geht, beweist der Umstand, daß während des Beilis-Prozesses auch große unpolitische Zeitungen kein offenes Wort gegen die bodenlose Verleumdung zu sprechen wagten. Die rechtsstehende Presse setzte natürlich ihren Lesern gut zugerichtete, von haarsträubenden Details strotzende Artikel vor, und als Beilis schließlich vom1 Volksgericht freigesprochen wurde, erzählten sie wieder von der ungeheuren Macht des verbündeten internationalen Judentums. In Frankreich selbst kam in der letzten Zeit ein Fall vor, den auch manche Skeptiker für unmöglich gehalten hätten. In einem Dorfe Korsikas, der schönen Insel, wo Mord und Totschlag seit jeher gang und gäbe sind, verschwand ein Kind. Ein Geistlicher, der beweisen wollte, daß er die Lektüre einer gewissen Literatur und Presse sich zunutze gemacht habe, konstruierte nach allen Regeln der Kunst einen Ritualmord. In der Gegend, die kaum je ein Jude betreten hat, fand das Gerücht leicht Glauben und die geheimnisvollen Reisenden „mit Bärten“ waren auch schnell erfunden. Unter den wenigen Blättern, welche diese Geschichte in Paris verbreiteten, befand sich auch das 'klerikale „Echo de Paris“, auf dessen Titelblatt als Direktor, Administrator und Chefredakteur die Gebrüder Simond (früher Simon) prangen. Eine solche Gelegenheit, die „gute Gesinnung“ zu bezeugen, wollten sich die Herren natürlich nicht entgehen lassen! Ganz nach russischer Methode führt die „Libre Parole“ ihre Kampagne von Purim bis Pessach gegen die „blutdürstigen“ Juden. Das Blatt verkündet seinen Lesern folgende hochernste Mahnung: „Dieses Jahr, 1914, fällt der 14. Nissan, der erste Tag des jüdischen Osterfestes, auf den 11. April: das ist gerade der heilige Samstag, der Tag vor unserem heiligen Osterfeste. Es ist also für die Juden, unsere Feinde, ein sehr feierliches Osterfest, das ihnen eine noch stärkere dämonische Wut gibt als gewöhnlich. In den Ländern, wo ihnen die Straflosigkeit ungefähr gesichert ist, kann man den Katholiken nicht genug anempfehlen, über ihre Kinder zu wachen.“ Diese aus Frankreich kommenden Nachrichten sind von tiefgehender Bedeutung: sie werfen ein grelles Licht auf die Lage der Juden in Frankreich ,und sind überaus symptomatisch für die zukünftige Entwicklung der dortigen Juden. Die einwandernden Juden werden schon jetzt mit scheelen Blicken betrachtet, Stimmen werden gegen sie laut und der Zeitpunkt scheint nicht mehr fern zu liegen, wo der jüdischen Einwanderung aus dem1 Osten ein Riegel vorgeschoben werden wird. Frankreich, Wiege und Hort der menschlichen Freiheit, nimmt uns- Juden gegenüber eine Ausnahms- I Stellung ein und wir erleben das Wunder, daß gesittete Kulturvölker mit tiefstehenden Barbaren Hand in Hand gehen, wenn es gilt, dem verfolgten und geknebelten Judenvolke an den Leib zu rücken. Dies mögen wir uns stets vor Augen halten, wenn wir geneigt sind, von den Segnungen der Zivilisation gar zu viel für uns zu erhoffen. Die Kulturvölker werden uns gegenüber erst dann die Gesittung hervorkehren und Gerechtigkeit üben, wenn wir wieder ein geachtetes Volk werden. Diese Achtung kann jedoch nur ein auf nationaler Grundlage geeintes, starkes jüdisches Volk, das auf ein eigenes Stammland hinweisen kann, erringen. Die Nachricht über die Ritualmordhetze aus Frankreich bestätigt vollauf die Richtigkeit der zionistischen Lösung der Judenfrage und läßt die von dem menschlichen Fortschritt erhoffte Gleichstellung der Juden als jeder Grundlage entbehrende Gefühlsduselei und weltentrückte Träumerei erscheinen. Rundschau. jüdischer Antisemitismus. Wir haben in der vorletzten Nummer über die Vorgänge in der ehemals Fischerschen Zuckerfabrik in der Bukowina berichtet, ln der vor zirka 2 Jahren erbauten großen Fabrik waren Ihunderte jüdischer Beamter, Arbeiterund insbesondere viele jüdische Mädchen beschäftigt. Für die wirtschaftlich total heruntergekommene Bukowiner Judenschaft bedeutete diese Arbeitsgelegenheit einen wahren Segen. Den jüdischen Besitzern und ihrem Direktor, welche es sich angelegen sein ließen, ihren unglücklichen Volksgenossen eine wenn auch schwere, so doch anständige Existenz zu ermöglichen, gebührt volle Anerkennung. Aber sie kamen auch auf ihre gute Rechnung, denn die jüdischen Angestellten and Arbeiter erwiesen sich als überaus tüChtig und gewissenhaft. Nun ist die Fabrik aus den Fischerschen Händen in den Besitz des Zuckerkartells übergegangen. Sofort ging eine Hetze gegen die jüdischen Angestellten los. Die polnischen Blätter forderten, es möge mit der „Judenwirtschaft“ ein Ende gemacht und das Etablissement „polnisch“, d. h. judenrein gemacht werden. Wir sprachen die Befürchtung aus, daß wir es hier mit keiner leeren Drohung zu tun haben und daß das Schicksal der in der Fabrik besChäftigten Juden stark bedroht sei. Schneller als wir glaubten, hat sich unsere Befürchtung bewahrheitet. Dieser Tage sind sämtliche jüdische Angestellte gekündigt worden. Das Elend ist unbeschreiblich. Wer sind nun die neuen Besitzer, die eine solche brutal-antisemitischen Maßregel getroffen haben? Ist die Fabrik in die Hände irgend einer polnisch-antisemitischen Genossenschaft gelangt? Nein. Die Wiener Banken, die sogenannten Judenbanken sind die Besitzer der Fabrik. Nachstehend seien die Institute angeführt, welche derzeit Eigentümer der Fabrik sind. Um die Sache deutlicher zu machen, fügen wir auch die Namen der Herren

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