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Jüdische Zeitung · 1914-04-10 · 15 (10.4.1914) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr 15 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 noch jämmerlicher, als die in der Diaspora, weil sie eine Assimilation nach unten ist. Es ist unmöglich, daß 30.000 oder 40.000 Juden, selbst mit hebräischen Schulen, sich aufrechterhalten unter 600.000 bis 800.000 Arabern. Unsere 30.000 bis 40.000 Nationaljuden (in Wirklichkeit sind es heute kaum 10.000, denn auf Jerusalem und die anderen Städte können wir nicht rechnen) können nicht existieren, wenn sich der große Zug einstellt, sie werden zu arabischen Juden werden. Sie werden Sprache und Sitten derer annehmen, mit denen sie alltäglich zu tun haben. Und wie können wir das verhindern? Indem wir die Fahne des Zionismus stolz und hoch halten, indem wir die Grundidee des Zionismus verbreiten und arbeiten in der Hoffnung auf eine nationale Wiedergeburt. Was das A. C. seit vier bis fünf Jahren tut, liegt keineswegs in dieser Richtung. Anstatt nur ein großes Ziel zu verfolgen, wird von einem Kongreß zum anderen eine neue Parole ausgegeben, auf Grund deren man einen Eifer entfaltet, den Enthusiasmus weckt, um die Leistung zu vollbringen, die man sich bis zum nächsten Kongreß zum Ziele gesteckt hat . . Jetzt arbeiten wir aufs neue, wir sammeln Geld für die Schulen in Palästina; wie wir für die Genossenschaft gearbeitet und für die Agrarbank gearbeitet, so werden wir für die Schulen arbeiten. Möglich, daß wir die nötigen Beiträge aufbringen. Man wird sich beglückwünschen wie früher, aber ist das Zionismus? Man verschwendet Eifer, Kräfte, Begeisterung, schließlich auch das Geld ohne Resultate für unser Endziel. Wir werden schließlich eine Enttäuschung erleben, die viele an dem großen Ideal verzweifeln lassen wird. ■ „Aber, wirft man uns ein, das ist alles negative Kritik; wo ist Euer positives Programm?“ Nun, wir haben auch eine praktische Arbeit! Arbeiten wir in Palästina nicht für einzelne Personen oder Gruppen, sondern für das Volk Israel. Die Vorbereitungsarbeit besteht darin, die politischen und ökonomischen Möglichkeiten genau zu kennen. Wir müssen theoretisch und praktisch forschen und dahin gelangen, alle Bedingungen und Möglichkeiten festzustellen. Diese Aufgabe ist schon groß und vielseitig genug, sie wird viel Geld verschlingen, aber es ist dies eine verfechtbare Ausgabe. Wenn wir die ökonomischen Möglichkeiten festgestellt, diejenigen, die ins Land gehen wollen, aufklären und beraten können, ihnen den Weg zeigen und ihre Aufgabe erleichtern können, dann haben wir' uns um Israel verdient gemacht. Unsere Aufgabe ist es andererseits, die politischen Ereignisse zu verfolgen; der Rythmus der Ereignisse, der immer schneller und schneller wird, sollte uns mahnen, uns vorzubereiten auf alle Eventualitäten. Herzls Idee in dieser Hinsicht ist noch nicht übertroffen worden. Sein Instrument war eine Bank mit politischem Ziel. Unsere Bank besitzt aber nur 6,5 Millionen; dieses Kapital ist zu schwach; seit 12 Jahren bleibt sie auf ihrer Position. lUnd dann, ist dieses Geld auch immer flüssig? Das andere politische Mittel, das Herzl befürwortete, war der. Charter. Von dem kann heute keine Rede sein. Man hat in den letzten Jahren Gelegenheit gehabt, die Ohnmacht Europas zu konstatieren. Man kann nach diesen Lavierungen und Ränken als sicher annehmen, daß die Mächte niemals sich zu einem Akte zu Gunsten der Juden einigen werden, der von ihnen etwas wie selbstlosen Idealismus verlangt. Der Gedanke war berechtigt zu seiner Zeit, wäre aber heute von Herzl selbst nicht mehr aufrecht gehalten, weil Herzl ihn in dem Momente aufgegeben hätte, wo er ihm unpraktisch erschien: er war ihm eben nur ein Mittel. Die Bank sollte nach Herzls Intentionen ein Kapital von 50 Millionen Tranes haben. Gehen wir daran, zu werben, um das Kapital zu diesem Betrage zu vervollständigen, der von Herzl niemals als Maximum angesehen wurde. Wenn wir wirklich arbeiten wollen, so sei es nicht, um Schulen oder Genossenschaften zu unterhalten, sondern zur Vervollständigung des Bankkapitals. Wir haben also schon zwei praktische Objekte für die Ge- . genwartsarbeit. Das dritte .ist die Organisation des jüdischen Volkes außerhalb Palästinas zum Zweck der nationalen Wiedergeburt. Diese soll nicht nach mehreren Jahrhunderten eintreffen, wie das System der Infiltration und offiziellen Kolonisation sie versprechen kann; wir erwarten die Verwirklichung in viel kürzerer Zeit, etwa innerhalb einer oder zweier Generationen.“ Diese Rede spricht für sich und enthebt uns der Aufgabe, auf die Einzelheiten einzugehen. Eins muß jedoch jedem befremden: Dies ist die Art und Weise, "wie -Max Nordau die zionistische Leitung als eine Gruppe von Lügnern und Fälschern Ihingestellt. In seiner Rede vor demWr. Zioriistenkongreß bezweifelt er die Richtigkeit der Rechnunglegung unserer Leitung, jetzt straft er Lügen das E. A. C., indem er die jeder Grundlage entbehrende Behauptung aufstellt, die von der „Welt“ als eingelaufen bezeichneten Spenden für den Schulfonds und den Zentralfonjds seien nicht eingezählt. An solche Kampfesweise sind wir wohl von Seiten unserer Widersacher gewöhnt, von unseren Gesinnungsgenossen hätten wir sie niemals erwartet. Diese Kampfesweise ist eines Antizionisten, nicht aber eines Max Nordau würdig und wir müssen sie aufs energischeste zurückweisen. Ueberhaupt strotzt die Rede von Unrichtigkeiten. Die Fehlgriffe des Wolffsohnregime tradhtet er der jetzigen Leitung in die Schuhe zu schieben. Nachgerade komisch wirkt aber das von Nordau aufgestellte Programm der politischen Zionisten, das er der jetzigen zionistischen Tätigkeit als ein hehres Ziel gegenüberstellt. Der Assimilation in Palästina will er mit der Hochhaltung der Fahne des Zionismus steuern, 'die Jüdische Kolonialbank, die infolge der schlechten Leitung überhaupt keine Fortschritte macht und nichts weniger als populär ist, durch Vervollständigung .des Kapitals auf 50 Millionen Kronen, die natürlich in englischen Konsols angelegt werden sollen, sanieren. Nach Nordaus Rede meinte eine Diskussionsrednerin, Frau Dr. Marmorek, Palästina, die Ostjuden und die großen Westjuden seien gegen den politischen Zionismus. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sich in dieser Beziehung un1ter den obwaltenden Verhältnissen nichts ändern wird. Eine zweite Versammlung in Paris fand am 28. März!statt, in der die Mitglieder des Aktions- Komitees, Professor Dr. Chaim W e i z m a n n und Dr. Schemarjahn Levin über die Ziele und Erfolge des Zionismus referierten. Mlens Politik und öle Juden. In Preußen bifdet die Ausweisung von Juden als „lästigen Ausländem“ ein ständiges Kapitel. So fand im Jahre 1906 eine Massenausweisung jüdischer Ausländer statt. Die Zionisten waren die einzigen, die gegen die rohe antisemitische Willkür der Behörden Stellung nahmen; die „Offiziellen“ verhüllten sich in tiefes Schweigen. Sie kehrten sich eben nicht an die „ausländischen Glaubensgenossen“. Seitdem sind nun acht Jahre ins Land gegangen, der Zionismus ist in Deutschland groß und stark geworden und hat während dieser Zeit ein tüchtiges Stück Erziehungsarbeit geleistet, die bereits ihre segensreichen Früchte zu tragen beginnt. Als vor einigen Monaten, zur Zeit des Beilis-Prozesses, die Duisburger Juden ihre dort ansässigen „ausländischen Glaubensgenossen“ bei den Behörden zu verdächtigen suchten, machte sich auch in nichtzionistischen Kreisen darüber eine Empörung bemerkbar. Jetzt beginnen sich sogar schon die Verwaltungen der großen jüdischen Gemeinden in Deutschland drangsalierter oder mit der Ausweisung bedrohter ausländischer Juden gegenüber den staatlichen Behörden anzunehmen. Aus der Mitte des Rep-.äsentantenkollegiums ist an den Berliner Gemeindevorstand folgende Interpellation gerichtet worden: „Ist den Gemeindebehörden'(bekannt, daß hunderte jüdische Industriearbeiter, die teilweise seit drei Jahrzehnten hier wohnen, mit der Ausweisung bedroht sind und was gedenkt der Gemeindevorstand zu tun. um clen wirtschaftlichen Untergang dieser Glaubensgenossen zu verhindern.“ Diese Interpellation hat eine Vorgeschichte, die wieder einmal zeigt, wie im Ringen der Nationalitäten oft der gänzlich am Kampfe unbeteiligte Jude die Kosten desselben zu tragen hat. Man hält es neuerdings den Interessen der Ostmarkenpolitik für dienlich, die Zahl der polnischen Industriearbeiter in Preußen tunlichst einzuschränken. Die erste diesen Zwecken dienende Maßregel trifft die Juden. Hunderte Zigarrenarbeiter aus Polen und Galizien leben seit Jahrzehnten in Berlin und anderen Industriestädten Preußens und nähren sich schlecht und recht, ohne mit den Behörden in Berührung zu Arbeiter zur Hebung der Zigarrenindustrie beikommen. Was diese tüchtigen, arbeitsamen, getragen, wird allgemein anerkannt. Und nun soll gerade diese Leute, die der polnische Vernichtungskampf gegen die Juden aus der Heimat gejagt, jetzt das gegen die Palen gemünzte Gesetz in seiner ganzen Schwere und Härte treffen. Ihnen allen wurde, sofern sie in Polen geboren sind, die Ausstellung der Arbeiterlegitimation für 1914 verweigert und sie wurden aufgefordert, binnen vierzehn Tagen den Nachweis zu erbringen, daß sie nicht polnischer Nationalität seien. In den Aufforderungsschreiben wird die Forderung unter anderem damit begründet, daß der Aufgeforderte „polnischer Jude“ sein solle. Dies ließ eigentlich, wenn man nicht einen Mißgriff im Ausdruck seitens einer untergeordneten Stelle voraussetzen will, den Schluß zu, daß von dieser Maßnahme nicht der Pole, sondern der Jude allein betroffen werden solle. Die meisten der jüdischen Zigarettenarbeiter, die zu einem Teile zwanzig Jahre und Länger in Deutschland wohnen, waren vielfach gar nicht in der Lage, die erforderten Ausweise, daß sie nicht polnischer Nationalität seien, zu bringen. Sie wurden dann zur Polizei vorgeladen, wo man untersuchte, ob sie polnisch „ sprachen, und wo man sie direkt befragte, ob sie des Polnischen mächtig seien. Die meisten verneinten es, obwohl es durchaus erklärlich wäre, wenn die Leute, die zum Teil aus Galizien stammen, polnisch sprechen. Man hat ihnen dann in der Landarbeiter-Zentrale eröffnet, daß sie bei der genannten Firma in Pankow nicht beschäftigt werden dürften. Im Jahre 1907ist eine Verfügung ergangen und publiziert worden, wonach ausländische Arbeiter aus Rußland und Oesterreich-Ungarn Ausweispapiere, die von den inländischen Behörden ausgestellt werden, haben müssen. Die deutsche Feldarbeiterzentrale hat diese Bestimmung auf alle ausländischen Arbeiter ohne Unterschied der Nationalität ausgedehnt. Arbeiter, die den verlangten Ausweis nicht haben oder erhalten, können ausgewiesen werden. Es besteht jedoch noch eine zweite, aber nicht publizierte Verfügung, die sich speziell gegen die Polen richtet. Danach sollen polnische Arbeiter im allgemeinen nicht zugelassen werden, es sei denn als landwirtschaftliche, sogenannte Saisonarbeiter. Ausnahmen sind zwar statthaft, aber jede einzelne solcher Ausnahmen bedarf besonderer Genehmigung. Neuerdings ist dieser zweite Erlaß auch auf jüdische Industriearbeiter ausgedehnt worden. Die Verfügung besagt nun zwar keineswegs, daß sie ohne die erforderlichen Ausweispapiere der Ausweisung anheimfallen sollen, aber in praxi würde das doch die vermutliche Folge sein. Obwohl die Verhandlungen, die der Gemeindevorstand eingeleitet hat, noch schweben, ist es gelungen, für eine Anzahl der bedrohten jüdischen Industriearbeiter den Nachweis zu führen, daß sie keine Polen seien. Diesen sind denn auch die erforderlichen Ausweispapiere ausgehändigt worden. Daraus geht klipp und klar hervor, daß es wieder einmal die Juden sind, auf deren Rücken der Streit zwischen zwei Völkern ausgetragen wird. Preußen macht Politik gegen die Polen. Die Folge ist: jüdische Arbeiter verlieren ihr Brot und werden des Landes verwiesen. Die Medaille hat aber auch eine zweite Seite: Die Assipiilanten, die stets das Vorhandensein eines jüdischen Volkes leugnen und auch die Behörden darin befestigen, daß es bloß eine jüdische Religion gäbe, bieten nun alles auf, um der Welt zu beweisen, daß die Juden aus Polen keine Polen seien. Am Ende werden sie gar Juden sein? . . . Mnadwidifeii. Zentralfondsbeiträge aus Westösterreich für 1914. X. Ausweis. Innerösterreich: Wien: Dr. W.Strisower 20.—; bereits ausgewiesen 3159.36, zusammen K 3179.36. Mähren-Schlesien: Troppau: Slg. Gustav Finzi 60.—; bereits ausgewiesen 4238.88, zusammen K 4298.88. vv' ■•■ffhrK.

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