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Jüdische Zeitung · 1914-04-10 · 15 (10.4.1914) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 15 . ersten Wählerkurie der Inneren Stadt, hatte das liberale Wahlkomitee, welches unter der Führung der Abgeordneten Kuranda, Friedmann und Neumann steht, Herrn Dr. Löwenstein aufgestellt Die Kandidatur eines so ziemlich unbekannten Mannes, hat in vielen Kreisen der Wählerschaft Unzufriedenheit hervorgerufen, aber bei der bekannten politischen Indolenz der Wählerschaft in der privilegierten Kurie wurden keine Gegenmaßregeln ergriffen. Erst wenige Tage vor der Wahl bemühten sich einige Kaufleute um die Aufstellung eines würdigen Gegenkandidaten und sie trugen Herrn Börserat Adolf Brecher die Kandidatur an. Herr Brecher erklärte sich bereit Es wurde eine Resolution verfaßt, in welcher seitens der kaufmännischen Kreise gegen die „Not- und Zufallskandidatur des Dr. Löwenstein“ Protest eingelegt und den Wählern die Person des Herrn Brecher aufe wärmste empfohlen wird. Die Resolution wurde von zirka 30 angesehen ed Kaufleuten eigenhändig unterschrieben. Das Manuskript mit den Originalunterschriften befindet sich in unserem Besitze. Es wurde hierauf ein Aufruf verfaßt, der die Namen der Untersdhriebenen trug, und an die Wählerschaft versendet Nachdem Herr Brecher einer der besten und ältesten Mitarbeiter der Wiener zionistischen Organisation ist, war es nur selbstverständlich, daß seine Gesinnungsgenossen eifrig für ihn agitierten und 3m soweit unterstützten, als dies in den drei Tagen möglich war. Der Anklang, welchen die Kandidatur Brechers in Wühleikreisen fand, machte die Freisinnigen ängstlich und sie verübten die verächtlichsten Streiche. Zwei Tage vor der Wahl.wandten.sich Bankier Richard Hock Und Börserat JRobert Wortmann, zwei der Unterzeichner der obgenannten Resolution, an Herrn Brecher -und erzählten ihm, daß sie sich in ihrer wirtschaftlichen Stellung bedroht fühlen, weil ihnen einflußreiche Persönlichkeiten das Auftreten gegen das liberale Wahlkomitee und Dr. Lövvenstein sehr verargen. Insbesondere der Abgeordnete Friedmann habe dem1 Börserat Wortmann stark zugesetzt und ihn an wirtschaftliche Gefälligkeiten erinnert, die er ihm als Abgeordneter geleistet habe. Ferner erschien der Gegenkandidat Dr. Löwenstein bei Herrn Brecher und bat um einen loyalen Kampf und Berücksichtigung der Herren Hock und Wort ma n n. Herr Brecher bestand nun nicht auf seinem Schein und erklärte in nobelster und selbstlosester Weise, daß er niemandem geschäftlich schaden wolle. Er gab seine Einwilligung, daß «BgBBBB-- _ usw. auszugeben, — so wenig ist durch die wissenschaftliche Widerlegung solcher Theorien der Antisemitismus aus der Welt zu schaffen. Wenn König so etwras zu glauben scheint, so i§t dies ein edler Irrtum eines weltfernen Gelehrten. In der vorliegenden Broschüre kann er sich nicht enthalten, trotz der vornehmsten Zurückhaltung die angeführten Theorien und ihre Vertreter zu ironisieren. Er zeigt die ganze Lächerlichkeit und nachweisbare historische Unwahrheit ihrer Behauptungen, an denen er keine gute Faser mehr läßt. Er weist auch darauf hin, dab Jesus selbst keine neue Religion schaffen, sondern nur der abschließende Vollender der jüdischen sein wollte. König, der ein ausgezeichneter Kenner und vorurteilsloser Schätzer des biblischen Judentums ist, bringt natürlich für seine Vernichtung des Rassenantisemitismus ein interessantes und reichhaltiges Material bei, das .die Broschüre äußerst lesenswert macht. Sehr fein bemerkt er am Schlüsse: Was kann denn auch überhaupt die Rasse über den geschichtlichen Zusammenhang der geistigen Kultur entscheiden? Das menschliche Denken ist nach seinem psychologischen Prozeß bei allen Rassen dasselbe. Mit diesem Betonen der Rasse verirrt, man sich vom geistigen auf das körperliche Gebiet, verwechselt man den psychologischen mit dem physiologischen Gesichtspunkt“ König hat den Mut, zu sagen, daß er in der „ario-germanischen“ Weltanschauung eine „Gefahr für den geistigen Fortschritt des Menschengeschlechts“ sieht. Es ist erfreulich undermutigend, zu Sehen, wie immer mehr nichtjüdische Gelehrte den Rassenantisemitismus abschüttein und ihn als eine Reaktion erkennen, wenn wir auch von solchem Fortschritt nicht die Lösung der Judenfrage erwarten. o o in einer am gleichen Abend stattfindenden Versammlung eine Erklärung abgegeben werde, des Inhaltes, daß die Herren Hock und Wortmann die Kandidatur Brecher nach wie vor unterstützen, doch nicht alle Ansichten teilen, welche in dem Wahlaufrufe enthalten sind. Dr. Löwenstein übernahm die Bürgschaft, daß diese loyale Erklärung nicht zu Ungunsten Brechers mißbraucht würde, daß sie nicht in die Zeitungen gebracht würde, da ja Herr Brecher unmöglich erwidern und berichtigen könnte. Gleich bei Eröffnung der Abendversämmlung wurde die vereinbarte Erklärung abgegeben. Und nun begann die Arbeit der freisinnigen Ehrenmänner. Nach der Erklärung erschien der Kandidat Dr. Löwenstein in der Versammlung und erzählte einem unserer Gesinnungsgenossen unter verlegenen Drehungen und Wendungen, daß seine „Parteifreunde“ doch beschlossen hätten, in den morgigen Blättern zu veröffentlichen, daß die Herren Hock und Wortmann mit den Aufrufen für Brecher nichts zu tun haben und nie ihre Unterschriften geleistet haben. Der erwähnte Gesinnungsgenosse wendete angeeekelt mit einer kurzen abweisenden Antwort dem1 Dr. Löwenstein den Rücken. Und richtig erschien in den liberalen Morgenblättem eine Notiz des freisinnigen Wahlkomitees, welche so gehalten war, daß jeder glauben mußte, die Herren Hock und Wortmann hätten nie mit einer Kandidatur Brecher etwas zu tun gehabt und Brecher hätte ihre Unterschriften gefälscht. Am Wahltage wurde aber der Gmeinheit die Krone aufgesetzt. Frühmorgens winden in den Straßen und auf der Börse Flugzettel folgenden Inhaltes verteilt: „P. T. Ein Wahlruf, welcher die Kandidatur des Herrn Börserat Brecher in den Wiener Gemeinderat empfiehlt, ist mit unseren Namen gezeichnet, w'ir erklären, daß wir weder einem Wahlkomitee angehören, noch irgend jemand ermächtigt haben, in unserem Namen einen Wahlaufruf zu unterzeichnen. Richard Hock. Robert Wortmann. Außerdem wurden die Banken und großen Geschäfte angeklingelt und benachrichtigt, daß die Unterschriften auf Brecher- Aufrufen, gefälscht seien und alle Börseleute für Dr. Löwenstein sind. Und das alles erfolgte zu einer Zeit, wo Herr Brecher nicht mehr be richtigen konnte. Er mußte widerstandslos mit ansehen, wie sein Name, der jahrzehntelang in Wiener kaufmännischen Kreisen das höchste Ansehen genießt — er ist Börserat, Obmann des Börsevereines, Mitglied der staatlichen Steuerkommission etc., etc. — auf bübische Weise von den freisinnigen Ehrenmännern in den Kot gezerrt wurde. Natürlich' sind ihm auf diese Weise hunderte von Stimmen verloren gegangen. Es wurde so raffiniert und verlogen äns Werk gegangen, daß die Ehrenmänner gerichtlich schwer zu belangen sind. Es gibt aber eine Gerichtsbarkeit, welche trotz aller Kniffe und Finessen ihr Urteil sprechen kann und das ist die OeffentlidhkeiL Wir berichten den Tatbestand und d,as Vorgehen des Dr. Löwenstein, des Bankier Hock, des Börserates Robert Wort mann und all ihrer freisinnigen Helfer sei dem Urteil der Oeffentlichkeit überlassen. Zur Charakteristik sei noch mitgeteilt, daß sich nach der Wahl Börserat Robert Wortmann an Herrn Brecher wandte, ihn um Verzeihung bat und ihn beschwor, doch weiter mit ihm1 zu verkehren. An denselben Brecher, den er und seine Freunderl am Wahltage als Fälscher hingestellt hatten. Auch Dr. Löwenstein kam1 nach' der Wahl zu unseren Gesinnungsgenossen gelaufen und suchte die Schuld an dem Vertrauensbruch auf sein eigenes Wahlkomitee abzuwälzen. Aber es ist nachgewiesen, daß er von dem sauberen Plane rechtzeitig Kenntnis erhalten hatte und seine Ausführung verhindern konnte. Edelmenschen! * * * (Anmerkung der Redaktion.) Bei uns wurde ein Manuskript folgenden Inhaltes hinterlegt: P. T. „Am 26. März findet die Gemeinderats\valil für den ersten Wahlkörper des ersten Bezirkes statt. In der Erwägung, daß der erste Wahlkörper der Wiener City der großen Mehrheit nach den kaufmännisch industriellen Kreisen a n geh'ö r t und die offiziellen Parteien mit Hinwegsetzung über die Interessen der Wählerschaft nur Not- und Zufallskandidaturen aufgestellt haben, haben die Unterfertigten beschlossen, den sehr geehrten Herren Wählern des ersten Wahlkörpers in der Innern Stadt Herrn Adolf Blecher, Börserat als freiheitlichen, kaufmännischen und vollends unabhängigen Kandidaten zur Wahl zu empfehlenl“ Das Schriftstück trägt die Originalunterschriften von Bankier Hock und Börserat Robert Wortmann und kann jederzeit eingesehen werden. Politisier und praltliiiier Zionismus. Der sogenannte politische Zionismus schritt in den letzten Jahren von Niederlage zu Niederlage. Die allermeisten seiner Anhänger machen noch aus persönlichen Rücksichten für die Führer der politischen Richtung mit, [ansonsten haben sie die Richtigkeit der praktischen Strömung längst erkannt und arbeiten eifrig an dem palästinensischen Werke unserer Partei mit. Nur die ganz Unentwegten stellen sich in' den Schmollwinkel, treiben passive Resistenz und' schwören auf Paris. Ihre Zähl schrumpft aber immer mehr zusammen und so sähen sich' die „politischen“ Führer notgedrungen veranlaßt, einen Neubelebungsversuch des politischen Zionismus zu unternehmen. Am 19. März hat zu Paris eine Versammlung stattgefunden, in der die Herren Dr. Nordau und Dr. Marmorek über Politik sprachen. Herr Dr. Nordau ging von dem jungst geführten Kampf um die hebräische Sprache aus, den er jetzt rundweg mißbilligt — während er in dem am 30. Jänner d. J. in der „Welt“ abgedruckten Briefe dem Verhalten der zionistisdien Kuratoriumsmitglieder und der Gründung neuer hebräischer Schulen „vorbehaltlos zustimmt“. Herr Dr. Nordau hat sidh auch einige scheinbar von feindlicher Seite ausgestreute Unterstellungen zu eigen gemacht, wie daß die in der „Welt“ ausgewiesenen Schulfondsbeiträge nicht wirklich'- eingezahlt wären. Im Anschluß an die Kritik des Verhaltens des A. C. in diesem einen Falle erörtert Herr Dr. Nordau die prinzipielle Bedeutung der Angelegenheit und legt seinen zionistischen Standpunkt dar. Er sagt im wesentlichen folgendes: „Das Endziel des Zionismus ist Palästina, aber nicht für eine oder zwei kleine Kolonien; wir wollen arbeiten für die Gesamtheit des Volkes. Daher kann auch Palästina der Gegenstand sofortiger Anstrengungen nur in so weit sein, als dadurch das allgemeine Werk gefördert wird. Wir arbeiten nicht, um ein paar Kolonien zu gründen oder ein kleines Synhedrion zu schaffen; das kann man ebensogut außerhalb Palästinas haben, das bringt uns unserem Endziel nicht näher. Die praktischen Zionisten oder die sich so nennen, sagen, wir müssen in Palästina arbeiten! Die „politischen“ antworten, sehr richtig, wir müssen dort arbeiten, aber für Israel, und nicht für das Land. Wenn ich nicht die Hoffnung hätte, eines Tages in Palästina ein neues jüdisches Volksleben zu sehen, so hätte ich für das Land nur ein archäologisches Interesse. Eine andere Gefahr droht uns, viel schlimmer und folgereicher bei diesem System. Wir haben heute etwa 8000 bis 10.000 Kolonisten, die wir bestenfalls im Laufe der Jahre auf 30.000 bis 40.000 bringen können.. Während wir hier in der Diaspora für ihre Schulen arbeiten, droht unseren Kolonien, wenn unser Werk sich auf diese Arbeit beschränken soll, die palästinensische- Assimilation: Dieselbe ist

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