Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 15 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 halten für seine Schuld zu sprechen, da sich Dr. Sviha, nach einem matten Gestammel aus Böhmen geflüchtet hat. Wir hätten kaum Grund, von dieser Angelegenheit zu sprechen, wenn nicht Dr. Sviha der Führer jener Partei gewesen wäre, die durch die skrupellose Ausbeutung des Hilsner-Skandals groß geworden ist. Diese Partei hat in jener Zeit nach der Verhandlung von Pisek eine ganz unglaubliche Agitation gegen die Juden entfaltet, hat Ritualmordbilder plakatiert und versendet, Photographien der Hruza verteilt usw. Seither allerdings hat die Partei den Antisemitismus ein wenig abgestreift. Die „Reichspost“, das Wiener klerikale Organ kann sich damit nicht abfinden, daß Dr. Sviha, dem solche Lumpereien nachgesagt werden, ein Christ ist. Sie läßt sich aus Prag erzählen, daß Dr. Sviha -mütterlicherseits von Juden abstammt. Natürlich taucht derselbe Trost tagsdarauf im Briefkasten der „Ostdeutschen Rundschau“ auf, wo „Teut“ ungestört weiterschwätzen darf. Diesen Herrschaften sei die bündige Erklärung gegeben, daß sie Dr. Sviha uneingeschränkt zu den ihren zählen können. Soweit sich so etwas überhaupt feststellen läßt, hat er kein jüdisdhes Blut in den Adern gehabt. Die Herren mögen sich trösten, Sviha bleibt ebenso wie Redl, die Brüder Jandric und so viel Hundert andere, innerhalb des Bereiches der römisch-katholischen Kirche. Ein trauriger üahresabsthluh. Ernste Symptome deuten auf eine nahe und schwere Katastrophe im jüdischen Leben. Sie wird uns umso schwerer treffen, als sich zu unseren Leidensgebieten (ein neues gesellt hat: D a s griechisch gewordene Saloniki. Von Jahr zu Jahr wird unsere Lage schwerer, vergrößert sich der graue Elendzug der jüdischen Emigranten und vertieft sich die Apathie. Ein fieberschwacher Körper, der aut Schmerzen nicht mehr reagiert... Mit der Gefahrenzone wächst auch die Resignation. ln Rumänien, das sein Gebiet durch einen glorreich ausgeführten Raubritterstreich erweitert hat, fügt {sich eben jetzt an das System der Entrechtung der Juden, deren Verhöhnung. Den Söhnen der jüdischen Soldaten, die bei Plewna mithelfen mußten, ein russisches Heer aus der türkischen Umklammerung zu lösen, hat man das Wort gebrochen und sie zu Parias erniedrigt. Als man sich aber zu dem Feldzug gegen Bulgarien anschickte, erinnerte man sich der Enkel. Den jüdischen Soldaten wurde wieder die Naturalisierung versprochen. Als aber die Calarasi wieder .über die Donau zurückgekehrt waren, trat eine Verlegenheitspause ein. Vor den fremden Delegierten, die zum Friedensabschluß gekommen waren, konnte man nicht gut so, wie man wollte. Man sagte also den Juden, sie mögen warten. Eine Massennaturalisierung wäre eine Aenderung der Verfassung und eine solche könne nur die Konstituante durchführen. Wenn wieder normale Verhältnisse herrschen, dann werde sich alles finden. Als nun die Juden wieder anfragten, da bestellten sich die rumänischen Machthaber — diesmal sind es die Liberalen — Proteste und Demonstrationen bei der stets gefälligen Kulturliga. ln Jassy, in Galatz schmissen die für französische Kultur schwärmenden Studenten den Juden die Fenster ein, anderswo verprügelte man ein paar Juden. Nun konnte die Regierung auf eine kunstvoll erzielte Volksstimmung verweisen und wieder ihr Wort brechen. Nun kündigten die jüdischen Reservisten ihre Absicht an, auszuwandern, vorher aber mit der Kriegsmedaille geschmückt, das Land zu durchziehen, um für die armen Kameraden zu sammeln. Die Regierung, anstatt schamrot zu werden, verbot die Sammlung. Den Auswanderungslustigen versprach sie mit niederträchtigem Hohn die Reisemittel. Rumänien unterliegt eben auch dem Russifizierungsprozeß. Von der Kanaillenorganisation, die sich in der ritterlichen russisch-polnischen Gesellschaft gebildet hat, war in diesem Blatt schon die Rede. Es wurde hiebei die enthusiastische Einmütigkeit aller Klassen des Volkes zu einem Griff in die jüdischen Taschen konstatiert. An der Spitze dieser edlen Schar steht der Virtuose Pa derew ski, dessen Konzerte auch bei uns die jüdischen Snobs beiderlei Geschlechtes füllen. -.Dieser Herr ist der blutrünstigste Vorkämpfer des Ritualmordblödsinns. Sollte er demnächst nach Wien kommen, so werden wir ihn dem jüdischen Publikum warm empfehlen. Diese Ausstrahlungen des russischen Volksgeistes beschränken sich aber nicht auf Osteuropa. In dieser Beziehung hat er das politische Ziel des Russentums, das Mittelmeer bereits erreicht. Er hat .sich in Griechenland festgesetzt. Nur daß die Griechen ihr kirchliches und staatliches Muster übertreffen. Denn was in Saloniki in den Tagen geschehen ist, die dem Einmarsch der griechischen Truppen nach der Erwerbung der Stadt folgten, läßt so manches blutiges Ereignis in Rußland weit hinter sich. W as damals französische, englische und reichsdeutsche Blätter meldeten, war allerdings nur das Treiben alkoholisierter Soldaten. Seither ist dies zur Regierungsmaxime geworden. Die griechische Regierung will das öRnr-Würfei Rindsuppe Aasgleb äHnllctien Wohlgeschmack *' überlegen Judentum Salonikis wirtschaftlich ersticken. Sie hat Maßregeln ergriffen, welche die einst so blühende Stadt von dem Wirtschaftsleben Europas abschnüren. Das ist aber nicht etwa aus dem Grund geschehen, um die Konkurrenz für den neuen Hafen vom Kavalla zu beseitigen, sondern ausschließlich aus antisemitischen Gründen. Denn Cavalla wird sich schon infolge des bulgarischen Revanchestrebens nicht entwickeln können. Die Not in den jüdischen Stadtteilen Salonikis wächst von Tag zu Tag. Die Interventionen des Rabbiners werden von den griechischen Gouverneuren mit kaum verhüllter Energie abgetan. Und so vollzieht sich die jüdische Abwanderung aus einer Stadt, wo die Juden seit 500 Jahren leben, die sie durch Energie und Fleiß groß gemacht haben. Und diesem Volkselement, wagt die griechische Presse zu drohen, man werde (die Fremdlinge hinausjagen. Es ist selbstverständlich, daß wir der neuen sich vorbereitenden Katastrophe nichts entgegenstellen können. Wir haben kein Land, keine Macht, und also, wenigstens nach den Begriffenj Europas von Recht und Gesetz, kein Recht. Uns bleibt nur die Arbeit in Palästina, der langsame, systematische Wiederaufbau der Heimat, wo unser Volk durch die Berührung mit der Muttererde wieder gesunden soll. Wir werden aber, ehe dieses Ziel erreicht ist, das Jahr noch öfters in solcher Stimmung schließen wie diesmal. j. 1. Liberale Uahlmonl. - Freisinnige Ehrenmänner. Die Wiener Freisinnigen erschöpfen sich in Klagen über die christlichsoziale Wahlmoral. Uml Wahlerfolge zu erzielen, scheuen die Rathaüschristen vor der Anwendung der schmutzigsten Mittel nicht zurück. Die letzten Wahlen in den Gemeinderat haben aber bewiesen, daß die Wiener Freisinnigen in dieser Beziehung vor den Christlichsozialen nichts voraus haben. , Als Kandidaten für die Ersatzwahl in der Frauen aber und die Mädchen tragen Rosen und sonstige Blüten ins Haar geflochten, die den schönsten Duft verbreiten. In dieser Nacht fürchten sie keinen bösen Blick und keine argen Geister,, denn es ist eine Nacht, da Er wacht .... Wenn der Vorleser ian die Stelle kommt, die von der zukünftigen Erlösung spricht, heben alle ihre Hände auf, spreizen die Finger und rufen, tief bewegt und voller Trauer: „Wollte Gott, daß Mescniach, Davids Sohn, käme und alle Verbannten sammelte, so wie der Ewige, unser Gott, einst unseren Vätern tat.“ Und die Frauen fallen ein und rufen: „Amen, dies sei sein Wille!“ und an der Stelle: „Zu jeglicher Zeit ist ein jeder verpflichtet . . .“ erhebt sich der Vorleser, nimmt ein Stückchen es sich auf den Nacken, geht vier Schritte, zeigt es allen und .erklärt ihnen in ihrer Sprache, daß so unsere Väter aus Mizrajim zogen, den Teig auf den Schultern; auch macht er hastige Bewegungen, um ihnen das Wort: „In Eile“ recht zu Gemüte zu führen. Indeß gehen die Jünglinge : in ein besonderes Zimmer, wählen dort einen unter sich, kleiden ihn in zerfetztes Gewand, legen ihm einen Sack auf die Schultern, geben ihm einen dicken Hakenstock in die Hände und schicken ihn hinaus. Nach einer Weile hört man lautes Pochen an der Tür. Der ausgesandte Jüngling steht draußen und bittet flehentlich um Einlaß. Die Sitzenden fragen ihn insgesamt: „Wer bist du und was willst du hier?“ „Ich bin ein Jude und will mit euch Pessach feiern, das Fest der Freiheit.“ „Wie sollen wir dir glauben, daß du ein Jud ebist?“ „Ich trage doch .einen Tallis katan und Schaufäden.“ „Das ist noch kein Beweis; gib ein anderes Zeichen 1“ „So mögen es euch meine Schläfenlocken beweisen 1“ „Auch das genügt uns nicht, es ist noch nicht das Richtige.“ „Laßt mich nur ein und ihr werdet sehen, daß ich die Wahrheit spreche.“ Und dabei beginnt er zu zürnen und zu toben und poltert mit dem Stocke an der Türe. Da fragen sie weiter: „Wenn du denn ein Jude bist: weshalb kommst du so spät? Weißt du denn nicht, daß heute ein Festtag in Israel ist, an dem man daheim ruht?“ „Sehet, ich komme jetzt von Jerusalem, der heiligen Stadt; der Weg ist sehr weit und voller Gefahr auf Schritt und Tritt. Unsere Feinde lauern uns auf und stellen sich uns in den Weg. Wie eine eiserne Mauer ‘traten sie zwischen mich und euch, daß ich nicht vor dem Feiertag zu euch kommen konnte.“ Dabei bricht er in Tränen aus und klagt bitterlich, die Versammelten aber sitzen, wie versunken in ihre Gedanken; tiefe Stille herrscht im ganzen Hause, nur selten von einem schweren Seufzer unterbrochen. Alle sehen nach der Tür; der Vorleser aber gibt ein Zeichen, man öffnet und sogleich tritt der Jüngling ein und geht bis in die Mitte des Zimmers, das Schwert an der Seite, mit Leder gegürtet, den Stock in der Hand und den Sack über den Schultern. An den Füßen trägt er genagelte Sandalen mit aufgebogenen Spitzen und sein Kleid ist über und über bestaubt. Und plötzlich bricht im ganzen Raume ein lauter Jubel los, alle bestürmen ihn mit Fragen. „Wie geht es Jerusalem, der heiligen Stadt?“ „Wie geht es unseren Brüdern, die dort vor Gott sitzen, im Lande der Herrlichkeit?“ „Wann wird der Erlöser kommen, uns zu erlösen?“ „Bringst du uns .eine Botschaft von unserer Befreiung und Erlösung?“ Und er sagt ihnen einen herzlichen Gruß von Jerusalem, von den Weisen daselbst, von den Städten und Dörfern, den Feüdern und Hügeln, von den heiligen Gräbern. Und im Namen der Weisen in - der heiligen Stadt meldet er ihnen, es seien Zeichen geschehen, dab der Erlöser bald kommen und die eiserne Mauer zerschmettern werde, die sie von der heiligen Stadt scheidet. Und alle lauschen andächtig seinen Worten; dann heben sie die Hände auf und wiederholen viele Male mit langen Seufzern und innigem Schmerz und mit herzlicher Inbrunst: „Ja, so sei sein Wille, so sei sein Wille!“ Professor Eduard König: Das antisemitische Hauptdogma. — Verlag A. Marcus und E. Weber, Bonn. — Der berühmte Bibelforscher will dem Antisemitismus zu Leibe rücken und glaubt, den Schlüssel zum Antisemitismus in der Aufstellung eines Rassegegensatzes zwischen Ariern und Semiten gefunden zu haben. So zweifellos richtig es ist, daß erst die Chamberlain, Guido List, Theodor Frisch u. a. mit dieser Theorie und den gewaltsam zurechtgemachten Hypothesen, daß die Propheten und Jesus keine Semiten, die Israeliten keine Juden waren, usw. den Antisemitismus bei den Gebildeten — die ihn ja immer besaßen, die sich seiner aber schämten — hoffähig gemacht hat, so daß ein Bekennen dieser Lehre jedem Nichtjuden die Möglichkeit gibt, seinen Antisemitismus als einen Kampf gegen die verderbte Rasse