Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438483-2438495--4080-2443899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 13 JÜDISCHE ZEITUNG beite 3ebenes, wUrzelfesfes'Geschlecht' heran, das für die Ehtwtddung Palästinas gewiß Hervorragende^ leisten'wird. Zum' Schlüsse streift der Autor die Frage der Reformen in der‘Türkei und sielit das Hei} in -Gewährung _einer beschränkten Aütönomie an die' Provinzen. Natürlich sei eine umfassende Agrarreform nötig. - Der dritte Teil gibt eine Geschichte der jüdisdhen Kolonisation. Ln diesem Teil -kJ alles zusamhiensefaßt und dargestellt, was bisher auf dem' Gebiete der Kolonisation geieisteh ^vurde, die Resultate werden-eingehend besprochen, die Probleme erörtert, und Vorschläge erstattet Dieser Teil ist daher für unsere.. Arbeite der wichtigste und interessanteste. Nicht oft genug kann dem Autor dafür Dank gesagt werden?, daß er alles einschlägige Material erstmalig zusammengestellt, geprüft und bearbeitet hat. Erst nach Lektüre dieses Teils wird dem europäischen Zionisten klar werden, wieviel oder wie wenig bisher geleistet wurde und wo bei der-weiteren Arbeit die Hebel anzusetzen sind. Dieser Teil des Werkes beginnt miteiner Aufzählung; der Organisationen, die in Palästina arbeiten. Obzwar sich der Autor von vornherein auf die rein wirtschaftliche Seite der Kolonisation beschränken will, berührt es doch eigenartig, wenn er an dieser Stelle von Herz! nur sagt, er habe die Kolonisationsbestrebungen organisiert und das Interesse der westlichen Juden daraufgelenkt. Schließlich sind es vor allem psychische Antriebe, die HerzI ausgelöst hat und diese sind noch heute die stärksten Kräfte, über welche das zionistische Kolonisationswerk verfügt. Es ist durchaus nicht richtig, psychysche Antriebe aus_ einer ökonomischen Betrachtungsweise auszuscheiden. Es sei nicht nur auf die neuere Forschungsrichtung von Weber, Sombart u. a. hingewiesen, sondern auch darauf, daß es noch heute völlig unmöglich ist, ohne jene besonders starken psychischen Antriebe den Schwierigkeiten der Palästinasiedlung zu begegnen. Ohne den nationalen Opfermut des jüdischen ArbeFers und Wächters z. B. ist heute noch keine solche Kolonisation in Palästina möglich, die, wie ja der Autor es für nötig hält, nicht nur Kolonisation, sondern auch eine Konzentration der Juden zur Folge hätte. Die ethischen Werte und nationalpolitischen Bestrebungen, die der Zionismus auslöst, sind die mächtigsten' Nebel für „die jüdische Kolonisation Palästinas“, von der Nawatzkys Buch handelt. Seine Zurückhaltung ist aber .umso verständlicher, als er selbst Zionist ist, und sonst Gefahr gelaufen wäre, daß man sein Buch als eine Parteischrift angesehen hätte, wodurch das Ver- trauen in ein objektives Urteil geteilt worden ' wäre daß er aber jene Faktoren durchaus richtig eingeschätzt, deutet er in einem' späteren Abschnitt im Zusammenhang mit der Kuhur-' frage an. Er'sagt dort, daßtler jüdische--Natio- . nalismus zu einem entscheidenden Faktor auch der jüdischen Wirtschaftspolitik geworden ist und ihm Erfolge der Kolonisation zu verdankeg, sind, die selbst große Staaten vermissen lassen. Die Lücke ist aber vorhanden und nicht mir für jeden Zionisten schmerzlich fühlbar, sondern sie mindert auch ein wenig den Wert des Buches. Bei Aufzählung der Organisationen gibt Nawratzky eine ungefähre Schätzung der jährlich nach Palästina fließenden Summen für gemeinnützige Zwecke. Er veranschlagt sie aui zehn Millionen Franks. Allerdings fügt er hinzu, müsse in Palästina vieles für Zwecke aufgewendet werden, für die in anderen Ländern der Staat sorgt, audh: habe sich das Land bei Beginn der Kolonisation in einem unsäglich verwahrlosten Zustand befunden. Jmmefliin, die Aufwendung der Judenschaft für Palästinazwecke muß schon jetzt, wo wir erst am Anfang der Entwicklung stehen, als sehr groß bezeichnet werden, denn zu jener Summe kommen j3 noch die Beträge, die für rein privatwirtschaftliche Zwecke nach Palästina fließen. Nawratzky gibt sodann eine Schilderung der Anfänge der Kolonisation, wobei zum erstenmal die Tätigkeit der J. C. A. in zusammenhängender Weise dargelegt wird. UeberraSchen muß, daß der Autor für diese Tätigkeit nur Lob hat. Seinem Urteil, daß die. J. C. A. ihre Aufgabe glänzend gelöst habe, stehen die fortwährenden Klagen' der Kolonisten aus der Sanierungszeit entgegen. Gewiß ■ sind viele Beschwerden auf Härten der Verwaltung, zurückzuführen, die unvermeidlich waren, vieles. ist aber, auch von Fachleuten 'sehr gerügt worden. (Z. B. Soskin in „Altneuland“ 1906, Heft 1.) Audi heute noch erscheinen manche Kolonien durchaus noch nicht saniert, was auch aus den Jahresberichten der J. C. A. hervorgeht. Die Arbeit in den letzten Jahren ging nur sehr, Sehr, langsam vonstatten, es scheint, daß die Beamten die guten. Willens sind, nur mit Mühe in Paris etwas durchsetzen konnten. Aber angesichts der in jüngster Zeit zu -Tage getretenen größeren Palästinafreudigkeit . der J, C. A. und des Umstands, daß sie in früheren Jahren, unter uns fast nur heftige Kritiker fand, indes selten jemand der mühevollen und großen Arbeit, die ihre Beamten geleistet haben, lobend'gedachte, ist es nur gerecht, wenn in einer objektiven Untersuchung festgestellt wird, welch großen Anteil die J. C. A. daran hat, daß die Kolonien lebensfähig geworden sind. Die ausführlichen. Einzeldarstellungen der Kolonien gruppiert Nawratzky in sehr glücklicher Weise' hauptsächlich nach ihrem Grundcharakter. Es kann auf Einzelheiten der Darstellung nicht eingegangen (werden: sie gibt nicht nur ein geschlossenes Bild der Kolonien, sondern auch der Koionisationsmethoden der JCA., sowie eine kritische Herausarbeitung der Gesichtspunkte ,die für eine weitere Hebung der Ansiedlung von Wichtigkeit sind. Immer wieder weist Nawratzky darauf bin, daß infolge des relativ hohen Gemeindebudgets, das verursacht ist durch die großen kulturellen Ansprüche der Juden, die Kolonien nicht zu klein angelegt werden dürfen, ferner empfiehlt er immer wieder die gemischte Wirtschaft, die allein in Palästina rentabel sein kann. Wenn auch Pflanzungen hohe Erträge haben, so müssen dafür, wo sie einseitig betrieben werden, Produkte der Acker- und Viehwirtschaft teurer von den Arabern bezogen werden. Die Viehversicherung ist leider noch immer wenig ausgedehnt, obzwar .der Tierstand durchaus nicht klein ist, wie gewöhnlich angenommen wird, und die Seuchen oft sehr verheerend wirken. So sind zum Beispiel in Petach Tikwah in drei Jahren allein 197 Ochsen bei einem Bestand von 610 den Seuchen zum Opfer gefallen. Größere Kolonien können leichter die Kontumaz gegen arabisches Vieh durchführen, als kleinere. Die Zahl der arabischen Arbeiter wird leider nur im Ganzen, nicht bei jeder Kolonie einzeln angegeben. Es folgt ein Kapitel „Kreditwesen“, worin die Tätigkeit der APC. Würdigung findet. Daß ein so gründlicher Forscher, wie Nawratzky, in Bezug auf den JCT. sich damit begnügt, die stets von der Leitung gegebenen stereotypen Entschuldigungen für die unbefriedigenden Resultate die:;.- Instituts einfach zu übernehmen, muß verwundern, umsomehr gerade im letzten Jahr von verschiedenen Seiten sehr eingehende Ana'.yreti der Bankpolitik veröffentlicht worden sind. Anläßlich' der Besprechung der Voiksdomänen findet sich auf Seite 2-il eine nicht recht verständliche Bemerkung, daß mm die Mittel für die Oeibaumpflanzu.ig auf vorläufig 600.000 Mark erhöhen will. Die Baumspende wird ja nie abgeschafft werden und wieviel man in Hulda-Ben Schämen maximal investieren wird, kann man im Vorhinein nicht feststellen. Bei Untersuchung der. Ernteergebnisse zeigt Nawatzky, wie wichtig, es ist, daß Kolonisten angesiedelt werden, die schon landwirtschaftliche Vorkenntnisse besitzen. Im allgemeinen läßt nach' Nawatzky die Technik der Feidwirtschaft fast überall , noch sehr viel zu .wünschen übrig, die Düngung ist wenig befriedigend, was Tiatürlich im Zusammenhang, mit '-der .unrationell ^betriebenen" Viehzucht-steht. Für diese ist mangelnde Vertrau.iieit der Kolonisten und namentlich ihrer "Trau in dami:, ferner die schwierige Fucterbeschaffung .verantwortlich , zu machen. Der -Bedeutung c'es Problems entsprechend, wird die 'Landarbii erfrage in großer Ausführlichkeit und Gründlichkeit erörtert. Nawratzky schildert, was sehr wenig bekannt ist, daß im Anfang der Kolonisationsbewegu ig ii Palästina zahlreiche jüdische Landarbeiter beschäftigt waren, die „ausschließlich aus ökonomischen Gründen“ durchdie Araber verdrängt wurden. Es wird sedann die Seßhaftma.nuig der Jemeniten, sowie der osteuropäischen Landarbeiter besprechen. Mit besonderer Liebe schildert Nawnatzky die Arbeiterkolonie Ain Gar, im (Fedsche) bei Petach Tickwah. Nur diese allein sei das Muster einer richtigen Häuslerkolonisation. Man siedelte keine gänzlich unbemittelten Arbeiter an, verzichtete aber auch darauf, die Ansiedler schnell wohlhabend machen zu wollen, und wegen der Nähe von Petach Tikwah sparten die Häusler am Gemeindebudget und hatten immer Arbeitsgelegenheit, ln Eir Jacob war es dagegen verfehlt, Leute mit gänzlich ungenügendem Kapital zu Pflanzungsbesitzern machen zu wollen, in Kafr Saha könne es zu einer gesunden Entwicklung erst dann kommen, wenn diese Ansiedlung zu einer richtigen Pflanzungskolonie ausgebaut werden würde.- Nawratzky verschließt sich aber auch in bezug auf Ain Ganim nicht der Einsicht, daß hier, wie überall, der Grundfehler begangen wurde, den Boden in Privatbesitz zu geben , wodurch früher oder später die Arbeiteransiedler einfach die Wert- Steigerung des Bodens durch Verkauf zu realisieren geneigt sein werden. Ueher den möglichen wirtschaftlichen Aufstieg der Landarbeiter pflichtete Nawratzky den Ansichten Ruppins bei. Doch .nimmt er ziemlich ernergisch gegen die „Gewinnbeteiligung“ der Arbeiter Stellung, weil eine Berechnungvon Reingewinn auf Ländereien, die, wie die palästinensischen, erst jahrelang melioriert werden müssen, einfach gar nicht gemacht werden kann. Aber selbst auf schön lange okkupierten Terrains müßte nach Ansicht Nawratzkys bei der Siedlungsgenossenschaft zu große Anforderungen anden Idealismus der: Genossen gestellt werden, .als daß ihm eine allgemeine Anwendung ihrer Form möglich schiene, und bei den Okkupationsgenossenschaften, die aüf reinen' Getrfcidebau ohne Nebenbetrieb angewiesen sind, könne sich schon deswegen kein „Gewinn“ einstellen. Die Genossenschaften erscheinen Nawratzky nur als ein Uebergangsstadium. So sehr der Autor seine Ansichten begründet, wird man darin doch nicht das letzte Wort sehen können, das über die Frage der genossenschaftlichen Ansiedlung gesprochen wurde: In richtiger Erkenntnis des unersetzlichen Wertes dieser Organisationsform für das zionistische Hauptwerk: Der Ueberführung möglichst zahlreicher Proletarier in palästinensische Landwirte und der Nationalisierung der Arbeit im Lande, sucht der Nationalfonds doch Wege, um die Genossenschaftsform durchzuführen, vor allem durch Schaffung eines Genossenschaftsfonds, durch welchen den Arbeitern die nötigen Mittel gegeben werden sollen, um Inventar zu beschaffen. Auch weiß die Nationalfondsleitung sehr gut, daß die ersten Meliorationskosten sehr hohe sind und wird, wahrscheinlich auf dem Wege sehr langfristiger Verträge mit den Genossenschaften die Berechnung auf eine richtige Basis zu stellen suchen. All das soll gerade jetzt versucht werden. Der Schreiber dieser Zeilen ist übrigens der Ansicht, daß angesichts der außergewöhnlichen Leistungen in der Okkupationsperiode, die ja so oft auch Blutopfer fordert, jeder Besitzer^ der sich zur Okkupation der Genossenschaft bedient, diese auch überdurchschnittlich entlohnen muß. Der Gesichtspunkt, daß dies eine Art Philantropie wäre, kann darauf nicht angewendet werden, da ja der übernormalen Entlohnung eine überdurchschnittliche Leistung gegenübersteht. Natürlich wird das bei privaten Besitzern schwer möglich sein, weil diese auf die Rentabilität angewiesen sind, es kommt deshalbbei der genossenschaftlichen Kolonisation — und der Gedanke ist,' daß die „Okkupationsgenossenschaften“ auch dauernd auf dem Boden, den sie mit ihrem Schweiß u-.d Blut urbar gemacht haben, verbleiben so'ien — vor allem der Nationalfonds in Betracht, der je gerade jetzt an die Lösung dieser Aufgabe hcrantritr. Nawratzky verlangt für die Arbeiteransiedlung im Einklang mit den Maximen des Naticnalfonds, daß der Beden in Erbpacht oder Teilpauit gegeben werde und meint, daß die Natic >.a!fonasdcmär.cn ai die Peripherien größere— Ko'onicn zu legen wären. Er hofft auch, daß die j C. A., wenn ihr ein zahlreicheres Material mit landwirtschaftlicher Ausbildung als bisher entgegenträte. ihre Kolonisätionstäiigku: ausdehnen würde. Im allgemeinen sagt: er in sehr verständiger Weise, daß die Aufstiegsmöglichkeiten für den Proletarier in-Palästina nicht besonders günstig;sind, daß aber angesichts des. schweren sozialen Problems doch schön einiges erreicht ist, wenn der junge Einwanderer etwa nach fünf Jahren zumHaibkoloaisten und hach zehn Jahren zum selbständigen JCofonisten aufsteigen könne. Da Nawratzky gefunden hatte, daß landwirtschaftlich vergebüdete Kolonisten in Palästina viel bessere Resultate erzielen, als andere, bei denen das nicht der Fall ist, so sicht er die landwirtschaftliche Kolonisation von Juden auch in anderen Lände-n als eine Förderung der palästinensischen an. Dadurch würde auch die Auswahl unter den anzu.iedelnden Familien eine größere. _ Er untersucht daher den Anteil der Juden an 'der Landwirtschaft ü:id ihre Ausbildung in dir,ser. Was Palästina betrifft, so fällt er über die Schule der Alliance (Mikweh Israel) -in ebenso vernichtendes Urteil, wie seinerzeit Leiha- Mey —. Sie sei gänzlich ungeeignet, die landwirtschaftliche Au.biidung der großen Massen zu fördern. Dies könnten nur Dorfschulen. Fortbildungskurse usw. Auch die neue landwirtschaftliche Mittelschule in Petach Tikwah sei deplaciert, da sie zu viel Kenntnisse vermittle, daher lauter Administratoren, Agronomen etc. erziehe. Für die landwirtschaftliche Erziehung der Frauen empfiehlt er eine Kombination von Haushaltungsschule und Lehrfarm. Ein Abschnitt über die Kulturen Palästinas stellt die wichtigsten Daten zusammen. Von Interesse ist, daß das Winzersyndikat im Verein mit den Kolonien aus eigenen Mitteln Chausseen bauen mußte, der Staat versagte trotz der hohen Steuern, die er einzieht, in dieser Richtung völlig. ln einem nächsten, statistischen Kapitel beziffert Nawratzky die Seelenzahl der jüdischen ländlichen Bevölkerung mit 10.000, den Grundbesitz mit +1.000 ha. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Rentabilität der jüdischen Kolonisation, worin Nawratzky wieder zeigt, daß der reine Ackerbau absolut unrentabef ist und dab nur eine gemischte Wirtschaft sich rentieren kann. Der Bodenpreis für einen Kolonisten dürfe 130 bis 300 Francs nicht übersteigen. Nochmals entwickelt er die Vorteile, die aus der Anlage der Nationalfondsdomänen an der Peripherie von einzelnen Kolonien^erwachsen würden. Der zweite Hauptabschnitt des Teiles, der sich mit der Kolonisation beschäftigt, ist den Städten gewidmet. Der Verfasser schildert die einzelnen Niederlassungen und führt an, daß durch die Unterstützung des Nationalfonds, der für den Bau von Tel Awivv nur eine Viertel Million kreditierte, Privatkapitalien in der Höhe von anderthalb Millionen Francs dort investiert wurden. Er rügt, was der Referent als einziger schon bei Bewilligung des Kredites (1908) getadelt hatte, daß der Boden in Privateigentum