Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 13 meinsames haben und nur dadurch auf die Lachmuskeln des Pöbels wirken, weil sie mit mehr oder weniger gut imitiertem Jangon vorgetragen werden. An die jüdischen Komiker sei die Mahnung zunächst gerichtet, ihr eigenes Volk nicht mit Kot zu bewerfen. Dann aber an das jüdische Publikum, solche Stätten, wo dieser Unfug geübt wird, zu meiden. Möchte dieser Appell an den guten Sinn unserer Volks- und Glaubensgenossen nicht ungehört verhallen.“ Es ist bezeichnend für den modernen jüdischen Geist, daß selbst das erwähnte Assimilantenblatt nicht umhin kann, den kernigen Worten des Hofrats Go'.dschmidt Raum zu gewähren. Ganz besonders weit hat es bezüglich des Mangels an Selbstbewußtsein Wien gebracht, das diese Sorte jüdischer Selbstverspottung aus Budapest einführen zu müssen glaubte. Hoffentlich wird das erwachende jüdische Selbstbewußtsein,: dieser Kunstart, die auch schon in die Kabaretts einzusickern beginnt, den Garaus machen. Der jüöilfte Handuerherstan ö in Galiäen. Von Architekt Josef Laszkowitz (Wien).; (Schluß.) Galizien ist größtenteils ein Agrarland, in dem sich die Industrie erst im Anfangsstadium der Entwicklung befindet, so daß dort der Handwerker, mehr wie anderswo, Gelegenheit hat, Wurzel zu fassen. Es muß die Erziehung zum Handwerk von der Schule an systematisch erfolgen. Leider haben die Handwerker heute keine Möglichkeit ihre Söhne zu Handwerkern ausbilden zu lassen, da sie keine Aussichten auf ein besseres Fortkommen haben. In Galizien werden die Söhne der Handwerker größtenteils in die Mittelschule geschickt, da es viel leichter ist eine solche, als eine Gewerbeschule zu besuchen und da letztere nur in wenigen Städten Galiziens vorhanden sind. Max Nordau schilderte sehr gut am 5. Kongresse in seinem Referat über die Erziehung der Jugend die Verhältnisse in Galizien: „Da ich nicht Proletarier werden konnte, bin ich Student geworden!“ Mit Recht weisen die Vertreter des Handwerkerstandes daruf hin, daß i n allen Berufen eine große Ueberproduktion zu verzeichnen ist, so daß heranwachsende Jünglinge weder als Beamten oder Lehrer, noch als Juristen oder Mediziner eine auskömmliche Lebensstellung in absehbarer Zeit erreichen können. Die Gründung von niederen und höheren Gewerbeschulen könnte diesem Uebel abhelfen. Die Bevölkerung hat sich bedauerlicherweise daran gewöhnt, die unfähigsten und faulsten Schüler dem Handwerk zuzuführen. Von der Schule aus wäre es wünsdhenswert, die tüchigsten und talentiertesten Schüler für den handwerklichen Nachwuchs vorzubereiten, weil die Handwerker viel früher als die Studierenden die Selbständigkeit erreichen und in der Tüchtigkeit des Handwerkers die Wohlhabenheit der Bevölkerung liegt. Wir müssen daher alles aufbieten, um den jüdischen Handwerker in Galizien aus seiner schlechten wirtschaftlichen Lage emporzüheben. Wir müssen durch fachmännische Ausbildung, durch Gründung von niederen und höheren Gewerbeschulen für den künftigen Nachwuchs sorgen; sozial-wirtschaftliche Fürsorge treffen, wie Gründung von Kredit-, Konsum-, Rohprodukt-Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften. Bau von billigen Wohnhäusern und Werkstätten, Gründung von Handwerkerkolonien usw. Ich schlage in allererster Linie die Gründung eines „Jüdischen Handwerkerb und es" vor, der folgende Aufgaben hat- In allen Städten Galiziens jüdisdie Handwerkerorganisationen (Jud-Haruzim) ins Leben zu rufen und soziale und kulturelle Arbeiten zu leisten. Alljährlich hat ein Jüdischer Handwerkertag stattzufinden, der mit einer jüdischen Handwerkerausstellung verbunden ist, um sich von den Fortschritten des Handwerks zu überzeugen. Die weitere Pflicht dieser Organisation wäre: die Ueberwachung des gewerblichen Erziehungswesens, die Gründung von Lehrlingsheimen, die Veranstaltung von Vorträgen und gewerblichen Wanderkursen, die Herausgabe von Flug- und Zeitschriften, die Errichtung von Stellenvermittlungsbureaux, die Veranstaltung von gemeinsamen Exkursionen in die gewerblichen Etablissements. Wir könnten in Galizien eine große Anzahl tüchtiger Mitarbeiter wie Juristen, Mediziner, Ingenieure, Architekten, Baumeister und Gewerbetreibende, welche sich für diese Art sozialkultureller Arbeiten bereitwillig einsetzen würden, heranziehen, wie auch viele andere schlummernde Kräfte zum Leben erwecken. Wir könnten auch auf die Mithilfe verschiedener jüdischer Institutionen rechnen, wenn diese Frage endlich einmal praktisch verwirklicht wird. Unsere allernächste Aufgabe wäre, eine Konferenz jüdischer Handwerkervertreter aus den einzelnen Städten Galiziens nach Lemberg einzuberufen,, und zwar mit der Tagesordnung: „Die Lage des jüdischen Handwerkers.“ Die Aufgabe dieser Konferenz wird es sein, in einigen Monaten später, einen jüdischen Handwerkertag einzuberufen, zwecks Gründung eines jüdischen Handwerkerbundes. Wir müssen der zivilisierten Welt durch unsere Taten beweisen, daß wir gewachsen sind, in allem als ein Kulturvolk aufzutreten, und daß wir imstande sind, unserem Volke alle menschlichen Errungenschaften des Geistes und der Technik beizubringen. Und wenn unsere Sehnsucht, als freies und selbständiges Volk auf heimatlichem Boden zu leben, in Erfüllung gehen wird, werden wir all das, was wir hier im Galuth von den Naturvölkern gelernt haben, zu Nutz und Frommen unseres Volkes verwerten 1 Die jöHildie Koloniiation Palästinas (Dr. Curt Nawratzky, Verlag Ernst Reinhardt, München.) ’ Wer sich in der Diaspora bisher über die jüdische Siedlung in Palästina eingehend informieren und am1 Laufenden halten wollte, stand vor einer unmöglichen Aufgabe. Es gab bisher keine umfassende und objektiv-wissenschaftliche Monographie darüber und so mußte 'man sich mühsam aus Broschüren, Zeitschriften und Jahresberichten das Wenige zusammensuchen, was über die einschlägigen Materien publiziert worden ist. Nur wer die Zeit hatte und sich die Mühe nahm, diese Arbeit immer aufs neue zu verrichten, konnte sich einigermaßen' über das jüdische Palästina und die verschiedenen Siedlungsprobleme informieren. Einige Besserung brachte die Zeitschrift „Palästina“ die nicht nur das Material laufend sammelte und veröffentlichte, sondern auch Spezialuntersuchungen über Palästinafragen veranlaßte und publizierte. Leider ließ das geringe Interesse, das die Zeitschrift fand, sie nicht zu einer befriedigenden Entwickelung kommen und schließlich mußte sie ganz eingestellt werden. Dieser Mangel an Interesse selbst bei Zionisten erklärt sich vielleicht zum Teil dadurch, daß die Zeitschrift naturgemäß schön eine gewisse nähere Bekanntschaft mit den Palästinafragen vom Leser voraussetzen mußte. Diese war aber infolge der mangelnden Informationsbehelfe nur bei wenigen vorhanden. Die Kenntnis des jüdischen Palästinas und seiner Probleme war bisher eine „esoterische“ Wissenschaft. Daß dies fortan anders werden könne, daß es von jetzt ab zionistischen und auch anderen Palästinafreunden möglich gemacht sein wird, sich über die ganze Materie (erschöpfend und genau zu unterrichten, ist das Verdienst eines jungen zionistischen Doktors der Staatswissenschaften. Dr. Curt Nawratzkvs, der sich wahrscheinlich die Frage vorgelegt hatte, warum eine nationalökonomische Seminar- oder Doktorarbeit sich nicht auch einmal mit der jüdischen Kolonisation Palästinas beschäftigen solle, umsomehr, als diese ja gewiß auch von allgemeinen volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten aus, von großem Interesse ist. So entstand das vorliegende Budi, ein Produkt unsäglich mühevoller Quellenstudien und eines mehrmonatlichen Aufenthaltes in Palästina. Die Leistung als solche muß um so mehr anerkannt werden, als der Verfasser sehr differente Gebiete zu behandeln hatte, ihm teilweise nur sehr dürftiges Material vorlag und er über die ganze Reihe komplizierter Fragen, die im Verlaufe der Kolonisation aufgetaucht sind und die verschiedensten Beantwortungen gefunden hatte, ein eigenes Urteil fällen mußte. Eine ausführliche Besprechung des 553 Seiten füllenden Buches müßte selbst eine ganze Broschüre werden. Hier sei nur eine Skizze des Aufbaues gegeben und einige der für den Zionismus besonders interessanten Meinungen und Urteile des Autors angeführt. Das Buch repräsentiert sich als eine volkswirtschaftliche Untersuchung, daher stellt der Verfasser das Palästinawerk als eine Kolonisationsbewegung dar, die ihre wirtschaftlichen Antriebe vornehmlich aus der Lage der Ostjuden erhält, die zur Emigration führt. Aehnlich der Einteilung, die der Referent im Kleinen in der Broschüre , „Der Jüdische Nationalfond“ eingehalten hat, beginnt daher der Autor mit der Darstellung der Lage der Ostjuden. Hiebei arbeitete er den Stoff, der schön öfters' behandelt worden ist und zu dem neue Gesichtspunkte kaum mehr beigebracht werden können, selbstständig durch' und hat sich auch manche Quellen, wie z. B. das Material der JCA Enquete, besser erschließen können, als frühere Autoren. In Bezug auf die Entwickelung in Osteuropa ist er nicht so optimistisch, wie Ruppin, der an die Möglichkeit eines baldigen wirtschaftlichen Aufstiegs der Juden in Rußland glaubt, er sieht vielmehr die Zukunft in ziemlich düsterem’ Lichte. Trotz aller Einwendungen der Jiddischisten, die immer wieder darauf hinwiesen, daß in einzelnen Industrien die Juden doch' dahin gelangt sind, als Arbeiter einzudringen, kann aus solchen und einigen anderen erfreulichen Erscheinungen doch absolut nicht gefolgert werden, daß ein totaler Umschwung zur Besserung der wirtschaftlichen Lage der Ostjuden bevorstehe. Denn in Wirklichkeit hat sich gerade in den letzten Monaten (die Lage der Juden Rußlands (namentlich Polens, Galiziens und Rumäniens) furchtbar verschlechtert, und zwar infolge direkter darauf abzielender Aktionen der Mehrheitsbevölkerung. Ja, eä scheint, daß jetzt in Osteuropa allerorten der latente und im stillen praktisch geübten Antisemitismus überall in einen offenen, gewalttätig-aggressiven übergeht, wobei auch die sogenannten „höheren Stände“ in der Parole der Nationalismus ein willkommenes Schlagwort finden, upi jede Scham’ in der Judenverfolgung abzulegen. Nawratzky untersucht sodann die Situation in den. Einwanderungsgebieten und die Frage der Dezentralisation oder Konzentration, Wobei er sehr klar durch' rein sächliche Argumentation nen aus der gegebenen Lage die zionistische Lösung der Judenfrage (soweit diese eine ökonomische ist) deduziert Kolonisation mit gleichzeitiger Konzentration heißt der einzig gangbare Weg. Für Palästina spricht nebst allen anderen "Momenten auch' der Umstand, daß allein dorthin nicht nur jüdische Proletarier, sondern auch Leute mit Kapital auswandern, was für die Entwickelung eines dünnbevölkerten noch nicht sehr erschlossenen Agrarlandes unerläßlich ist. Schon allein mit diesem Argumente ist aller Territorialismus widerlegt. Der zweite Teil des Werkes schildert die Landesverhältnisse Pa’ästinas nach allen Richtungen. Besonders die Zusammenstellung der türkischen Bodenrechts- und Steuerverhältnisse, die mit großer Genauigkeit wiedergegeben sind, wird allen, die sich mit Palästina beschäftigen, sehr willkommen sein. Von Interesse ist auch; was Nawratzky übe’- die Missionsschulen für die einheimische Bevölkerung sagt. Diese Schulen mit verschiedenen Unterrichtssprachen, die die Heimatkunde und Muttersprache (Arabisch) zurückdrängen, müssen „ein geistiges Zwittergeschlecht“ hervorbringen. Also die Araber werden durch die europäischen Schulen genau So verbildet, wie dies bei den luden Palästinas der Fall ist! Welch enormen Wert haben deshalb die hebräischen Schulen schon .aus lokalem Interesse! Sie bilden ein geistig ungebro- MEINL'S MäRME MARMELADE Bestes Obst in der bekömmlichsten Form Frei von allen künstlichen Zusätzen.