Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDGCHE ZQTUNG ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- -g ■“ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 2£075. ■ Nr. 13. Wien, Freitag, den 27. März 1914 VIII. Jahrgang Die Wiener Grohbanhen unü die jüüildien Arbeiter. Vor wenigen Wochen ist die große B u k o w i na er-Zuckerfabrik, -welche von der Fischerschen Familie erbaut wurde, in den Besitz des österreichischen Zuckerkartells übergegangen, d. h. in den Besitz und die Verwaltung der Wiener Großbanken, denn diese finanzieren das Zuckerkartell. Diese wirtschaftliche Transaktion {hat 'durch gewisse Begleitumstände eine für die Bukowinaer Judenschaft VerhängnisvoIleBedeutung gewonnen. Bisher waren in dieser Fabrik eine überaus große Zahl jüdischer Beamter und Arbeiter beschäftigt. Die jüdischen Firmenchefs und der jüdische Direktor hätten in lobenswerter Weise insbesondere jüdische Mädchen zur Arbeit herangezogen. Für die von den entsetzlichsten Wirtschaftskrisen heimgesuchten Bukowinaer. .-.Juden bedeutete diese Arbeitsgelegenheit einen wahren Segen. Für viele hunderte von Familien bot sie die einzige Möglichkeit für eine Fort exist enz. Auch für die Leitung erwies sich die Beschäftigung von Juden als äußerst günstig, da die letzteren in Bezug auf Fleiß und Intelligenz das andere Arbeitermaterial' hoch überragen. . Nunmehr sprechen Anzeichen dafür, daß durch den Wechsel der Besitzer dieser Zustand gefährdet ist. Den jüdischen Beamten und Arbeitern droht die Entlassung. Es sei hier nur an einen besonders krassen Fall erinnert, in welchem eine ähnliche Situation tausend jüdische Arbeiterfamilien an den Bettelstab brachte. In .den Boryslaver E r d w a c h s g r uben arbeiteten früher fast ausschließlich Juden. Als die Gruben aus den Händen privater Besitzer ins Eigentum der W i ener Länderbank übergingen, wurden antisemitisch polnische Beamte an die leitenden Stellen gesetzt und in wenigen Wochen lagen sämtliche jüdische Bergarbeiter auf dem Pflaster. Viele Faktoren, insbesondere die zionistische Organisation, waren damals bemüht, auf die Leitung der Länderbank und ihre jüdischen Aktionäre einzuwirken, damit dieser Barbarei polnischer Antisemiten Einhalt geboten werde. Es half nichts. Viele Familien wanderten nach Amerika aus, viele gingen zu Grunde. Es ist ernstliche Gefahr, daß sich im Falle der Fischerschen Zuckerfabrik das traurige Schauspiel wiederholt. Der jüdische Direktor hat schon seinen Posten verlassen und viele jiidicche Beamte sind durch polnische, d. h. antisemitische Betriebsleiter ersetzt. Die in Lemberg erscheinenden polnischen Zeitungen beschäftigen sich mit den Arbeitsverhältnissen in der Fabrik und verlangen ganz ungeniert, es möge mit der alten jüdischen Wirtschaft vom Direktor bis zur letzten Arbeiterin ein Ende gemacht und der ganze Betrieb polonisiert werden. Im ersten Augenblick erscheint diese Forderung so überaus unverschämt, daß man sich versucht fühlen könnte, darüber zu lachen. Polnische Antisemiten verlangen von Wiener Banken, die sich zum überwiegenden Teil auf jüdisches Kapital gründen, sie mögen ihre jüdischen, fleißigen und intelligenten Arbeiter wegjagen und durch minderwertiges, dafür aber antisemitisches polnisches Arbeitermaterial zu ersetzen. Aber wer das weiß, wie teilnahmslos die meisten jüdischen Bankgrößen allen jüdischen Dingen gegenüberstehen, muß befürchten, daß sich der Boryslaver Fall wiederholt. Es ist höchste Zeit, daß alle einflußreichen Korporationen und Personen ihre ganze Kraft aufwenden, um das Unglück zu verhüten. In erster Linie wäre die Wiener Kultusgemeinde hiezu berufen. Die jüdischnationalen Organisationen werden ihre Pflicht gewiß nicht versäumen. * * * Das „Lemberger Tageblatt“ bringt ein Interview mit Abg. Dr. Straucher über die Lage der Juden in der Bukowina. Die soziale und politische Verschlechterung der jüdischen Lage sei wohl zum Teile auf die allgemeine wirtschaftliche Krise zurückzuführen, andererseits seien aber auch die Juden selbst schuld daran. Sie haben es leider dahingebracht, daß die feste Organisation, die durch jahrelange 'Arbeit zustande kam, gelockert und die Einigkeit zerstört wurde. Das hat die politische Position der Juden am meisten geschwächt. Dazu kommt noch, daß die reichen Juden des Landes sich von jener Beteiligung ausschließen, die wirtschaftlich schwachen Kreise weder materiell noch moralisch unterstützen. Um die Lage der Juden in der Bukowina zu verbessern, bemerkte Abg. Dr. Straucher, müsse eine Erstarkung in den Reihen der Judenschaft erfolgen. Die Juden müssen wieder als ein geschlossener Faktor auftreten, dann werden sie ihre vor wenigen Jahren gehabte Position — sowohl auf wirtschaftlichem wie auch auf politischem Gebiete — wieder erlangen. Jflöifdie Seltstoerfjoltung. Selbstverspottung, die einer gesunden Selbstkritik entspringt, kann nur ersprießliche Folgen zeitigen, wie sie jedoch in gewissen Tingltangls gepflegt wird, muß von Seite aller selbstbewußten Juden die schärfste Verurteilung erfahren. So schreibt Hofrat Dr. Goldschmidt (Bad Reichenhall) in der Berliner jüdischen Monatsschrift „Im Deutschen Reich“: „Es ist eine jüdische Krankheit, sich über die Volksgenossen, besonders in nichtjüdischen Kreisen, lustig zu machen. Nun gehe ich lange nicht so weit, um jeden jüdischen Witz oder jede jüdische Jargonwendung aus der Unterhaltung zu verbannen. Wir Juden bieten in unseren Manieren, unseren Ausdrücken, ja sogar in unserem Benehmen ganz gewiß so manches dar, was den Spott und die Karikatur herausfordert. Darin unterscheiden wir uns von keiner anderen Bevölkerungsklasse. Der bramarbasierende Franzose, der phlegmatische Engländer, der chauvinistische Magyare, der radebrechende Tscheche, werden mit Recht ebenso verspottet wie der naiv-raffinierte Schwabe, der derb-naturalistische oberbayrische Bauer, der unterwürfige Sachse und der schnodderige Berliner. Warum soll der Jude eine Ausnahmestellung beanspruchen? Nein — er soll verspottet werden in Dingen, die den Spott herausfordern, und seien wir nicht zu empfindlich, wenn die Farben etwas dick aufgetragen werden. Aber, was wir fordern können ist, daß der Spott aus der Sache selbst hervorgehe. Man verspotte den aufgeblasenen jüdischen Protz, der in lächerlicher Weise sich dem Adel anschmiegt und mit hohen aristokratischen Bekanntschaften renommiert, man verspotte den aufdringlichen jüdischen Schnorrer, der ohne einen Pfennig Geld in der Welt herumkutschiert, faulenzt und es als selbstverständlich ansieht, daß man seine geheiligte Person respektiert. Was aber durchaus empörend wirkt und über das erlaubte Maß des Spottes weit hinausgeht, ist das Vortragen von absolut unjüdischen Dingen, die nur dadurch „jüdisch“ gemacht werden, daß sie in jüdischem Jargon, begleitet von als „jüdisch“ geltenden Gesten zum Besten gegeben werden. Einige Beispiele. Da war ich in einem Münchner Kabarett zugegen, als eine sonst recht gewandte Chansonette unter dem Titel „ein Traum“, ein ebenso blödes wie sinnloses Lied vortrug. Ein Jude denkt sich in diesem Traume ganz Deutschland von Deutschen gesäubert, statt der Gerste und des Korns alle Felder mit Knoblauch bestellt, auf dem Throne den Kaiser Cohn sitzend, als Reichskanzler Herrn Itzigsohn, und den Grafen Pückler in Spiritus mitgeführt. Diesen wirklich abscheulichen Unsinn, der durchaus nichts hat, was die Phantasie oder das Gespräch eines Juden je ausgeheckt haben, wurde mit dem Refrain: Das war ein Traum, ein feiner Traum, ein koscherer Traum, ein bekannter Traum! vorgetragen. Ein noch dümmeres Kuplet wurde ebenda von einer anderen Dame gesungen — eine Ode an Moritz. — Die Schwärmereien der Frau v. Moritz sind zu dumm, um hier wiederholt zu werden, und das Lied wäre sicherlich ohne Applaus geblieben, wenn die Chansonette nicht einige jüdische Anreden zum Gaudium des zuhörenden Pöbels eingestreut hätte. Nun sind wir ja an dergleichen dumme, bei den Haaren herbeigezogene Finessen gewöhnt, die wieder jüdisch noch humorvoll sind, und pur darum als „jüdisch“ gelten, weil sie ganz unlogischerweise im Jargon vorgetragen u'erden, aber geradezu empörend ist es, daß beide erwähnte Damen Jüdinnen sind. Ich war Zeuge von Vorträgen des ungarisch-jüdischen Varietes in der Taborstraße in Wien. Ein Ekel erfaßte mich bei diesen Vorführungen, die ausschließlich von Juden ausgehen. Pfui! über Juden, die ihr eigenes Volk, dem Hohn und Gespött des andersgläubigen Pöbels preisgeben, um des schnöden Mammons oder des noch schnöderen Beifalls willen. Aber Pfui auch über solche Juden, die dieser Schändung des eigenen Volkes lauten Beifall zollen. In Summa: Verspottet wirklich Lächerliches, auch bei den Juden, denn der Humor soll vor jüdischen Lächerlichkeiten nicht Halt machen, aber zoll? nicht Beifall Dingen, die weder mit dem Humor noch mit dem Witz etwas Ge-