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Jüdische Zeitung · 1914-03-13 · 11 (13.3.1914) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
11 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 4 den, denn sie bietet die einzige Gewähr dafür, daß endlich an Stelle des Willens einer Person, der Wille der jüdischen Oeffentlichkeit trete1. Unsere Vertreter haben durch ihre bisherige Haltung im Kultusvorstande bewiesen, daß sie ruhig und sachlich arbeiten können und wollen. Sie haben sich die Achtung der Gegner erworben. Aber sie können es nicht länger ruhig mitansehen, daß die Ausschreitungen des Präsidenten jedes würdige und plangemäße Handeln zunichte machen. Sie werden dagegen die schärfsten Maßregeln ergreifen und dabei die jüdische Oeffentlichkeit an ihrer Seite finden. * * * Wald eines Rabbiners für den Gemeindetempel in Fünfhaus. Im offiziellen Bericht heißt es: „Kultusvorsteher Dr. Leopold Kohn erstattet namens des Vertreterkollegiums ein eingehendes Referat in dieser Angelegenheit, welches dahin konkludiert, daß das Vertreterkollegium von einem nominativen Vorschlag an das Plenum zu erstatten, Abstand genommen hat. Nach einer eingehenden Debatte, an welcher die Herren Dr. Jakob Engel, S. Brod, Dr. Heinrich' Schreiber, kais. Rat Jonas Weil, S. Steiner, Max Zirner, Oberingenieur Stricker, Dr. Markus Spitzer und Dr. Leopold Kohn teilnahmen, wurde zur Abstimmung geschritten. Nachdem in den ersten zwei Wahlgängen keiner der Kandidaten die im Statut vorgeschriebene Stimmenzahl von 18 erhalten hatte, wurde ein dritter Wahlgang vorgenommen, bei welchem der Rabbiner des Tempelvereines in Mariahil?, Dr. Israel T a g 1 i c h t, mit 20 von 27 abgegebenen Stimmen zum Gemeinderabbiner für den Tempel XV., Turnergasse 22, gewählt wurde.“ Diese Wahl ist aufs freudigste zu begrüßen. Herr Dr. Taglicht ist wirklich derjenige Rabbiner, den sich die Bevölkerung seines nunmehrigen Amtskreises aus vollem Herzen gewünsdit hat In vielen Kundgebungen sind die Vertrauensmänner der westlichen Bezirke für die Ernennung Dr. Taglichts eingetreten und auch die zionistischen Vertreter haben sich für die nunmehr erfolgte Entscheidung eingesetzt. Natürlich fehlte es auch diesmal nicht an Bestrebungen, dem ausgesprochenen Wunsche der Bevölkerung entgegen zu arbeiten. Aber in diesem Falle hat die Hintertreppenpolitik, die sonst bei endung handhabt. Ihm fehlt lediglich eine reiche Erfindungsgabe und ein wenig Gemeingefühl, um ein großer Dichter zu sein. Als Erzähler bietet uns Frischmann Geschichten und Essays, in denen die tiefste psychologische Beobachtung mit einer feinen und originellen lyrischen Note verbunden sind. Er wählt für seine Sujets besondere psychologische und soziale Fälle, denn Frischmann liebt nicht die Schablone und die aller Welt bekannten Banalitäten. Die Mehrzahl seiner Helden sind moderne Menschen, Juden des Nordens, zum Teil emanzipiert, bei denen die charakteristische Ghettotype schon verwischt ist Auch die Erzählungen Frischmanns sind allgemein-menschlich und vor allem europäisch. Selbst die am meisten jüdischen Themen gewinnen), wenn sie durch das Denken dieses Künstlers gehen, ein kosmopolitisches Aussehen. Vom westeuropäischen Gesichtspunkte bilden seine Schöpfungen ohne Zweifel eine sehr angenehme Lektüre, erscheinen aber wie neue Variationen eines schon hundertmal wiederholten Themas. Trotz des Mangels an Einbildungskraft, die man bei seinen Geschichten konstatiert, findet man in ihnen einen lyrischen Gehalt und eine Vollendung im Erzählen, welche vom verwöhnten Leserpublikum sehr geschätzt werden. Alan findet in ihnen vor allem eine reizende humoristische Note, welche vielleicht der persönlichste Zug Frischmanns ist. Dieser. Humor lebt sich in den zahlreichen Feuilletons des Autors aus' der gemeinsam mit Dr. Kantor die hebräische Tagespresse geschaffen hat. Ein reiner Stil, klare Ideen, ein lebhafter und gesunder Humor, eine künstlerische Objektivität, mit der Neigung, den Leser ohne Schulmeisterei zu belehren — das sind die Hauptvorzüge der Frisdimannschen Prosa. Personalfragen den Ausschlag gibt, endlich einmal versagt. * * * Umbau de» Gemeindehauses XV., Turnerg. 22. Das Vertreter-Kollegium und das Bau-Komitee beantragen mit Rücksicht auf den baufälligen Zustand des Gemeindehauses in Fünfhaus den Umbau desselben und die Errichtung eines je 3 Stock hohen Gassen- und Hoftraktes zur Unterbringung von Kanzleien, AmtS- und Privatwohnungen. Der Antrag des Vertreter-Kollegiums wird bei Anwesenheit von 26 Mitgliedern einhellig angenommen. — Hiezu ist zu bemerken, daß eine öffentliche Konkurrenz, an welcher sich alle jüdischen Architekten beteiligen können, behufs Erlangung von Plänen ausgeschrieben werden wird. Der diesbezügliche Vorschlag des Obering. Stricher wurde im Baukomitee einhellig genehmigt und audh vom Vertreterkollegium und Plenum akzeptiert. Wenn man bedenkt, welchen schweren Kampf unsere Gesinnungsgenossen noch anläßlich des Kinderspitalbaues führen mußten, um dem Prinzip der Zulassung aller jüdischer Architekten bei der Bewerbung um Bauarbeiten der Kultusgemeinde zum Siege zu verhelfen, muß man mit Genugtuung konstatieren, daß es diesmal keiner Diskussion mehr bedurfte. In dieser Richtung hat die Stellungnahme der zionistischen Vertreter richtunggebend gewirtet. Der jüiifdie fianöwtrherslanö in Galizien. Von Architekt Josef Laszk o witz-Wien. Das Problem des jüdischen Handwerkerstandes ln Galizien ist eine der wichtigsten Fragen1, mit der wir uns in allernächster Zeit befassen werden müssen, denn derselbe nähert sich dem Untergänge. Beinahe 36 Prozent der jüdischen Bevölkerung Galiziens gehören dem Handwerkerstand an und infolge schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse in den letzten Jahren und der Kriegskrise wird die Not desselben immer größer. Eine Folge dieser Verhältnisse ist die große Auswanderung des jüdischen Handwerkers nach dem Westen, speziell aber nach Deutschland, England und Amerika. Aus denjenigen aber, die Als Uebersetzer ist Frischmann einer von denen, deren Uebersetzung vielleicht selbst das Original überleben könnte. Zahlreich und verschieden sind die Werke, welche er in rastloser Tätigkeit ins biblische Idiom übersetzt hat (Heine, Byron. Nietzsdie, Andersen, Maeterlink, Nordau Eliot, Puschkin, etc.). Dazu kommen noch Uebertragungen naturgeschichtlicher Abhandlungen. Gegenüber den Neuerern; von denen die einen an den eigenen Charakter des Hebräischen vergessen und westeuropäischen Stil schreiben und die anderen, die Uebertreibungen und Barbarismen des rabbinisclien Stils, welcher die reine Sprache der Bibel verunstaltet, einführen, zeigten die vielfältigen und zahlreichen Werke Frischmanns den hebräischen Klassizismus, in all seiner Reinheit und Einzigkeit. Stil und Sprache unseres Autors’ sind vielleicht seit dem Tode Lebensons die reinsten unter den heutigen Autoren. Man hat gesagt, daß der Künstler und Schöngeist Frischmanns die Probleme verkennt, welche das jüdische Denken beschäftigen. In Wirklichkeit ist nichts weniger wahr. Unter der Maske der Gleichgültigkeit und des Spottes entdeckt man bei ihm eine gewollte Reserve und Gefühle, die sehr stark sind, wenn sie auch unausgesprochen bleiben. Sein Temperament eines skeptischen Frondeurs und formbegeisterten Künstlers macht, daß sein Werk der mitteilsamen Wärme und Überzeugungskraft entbehrt, was aber nicht verhindert, daß eS seit einigen Jahren von der Renaissance, die' im Geiste der jungen hebräischen Dichterschule lebt, sehr starte berührt wurde. o o Nr. 11 altbewährlesBHUM»]s*:l.,.13:ii vollsländigeSäuglingsnahpung Probedosen und lehrreiche Broschüre über die Kinderpflege gratis durch die Firma Henri Nestle, Wien, I. Biberstr. 1 gezwungen bleiben, kann der Stand nur noch einige Jahre erhalten bleiben, da auf einen Nachwuchs nicht mehr zu rechnen ist. Die jüdische Handwerkerfrage in Galizienist ein Teil der Judennot; sie wurde bis nurvseitens der Zionisten nur stiefmütterlich oder überhaupt nicht beachtet und es wäre; die höchste Zeit, dieser Frage mehr Interesse und Arbeitswille entgegenzubringen, als es bis nun der Fall war. Sonst setzen wir uns der Gefahr aus, tatsächlich den jüdischen produktiven Mittelstand zu verlieren, welchem das Gros der jüdischen Massen des Ostens angehört. Unsere zionistische Arbeit darf nicht auf Einseitigkeit beruhen, denn neben einem tüchtigen Ackerbaustand muß auch ein produktiver Handwerkerstand erzogen werden. Die Erziehung der Volksmassen anderer Völker in den letzten Jahrzehnten beruht hauptsächlich auf der Erziehung eines gewerblichen Mittelstandes, welcher die Stütze und Grundlage eines jeden wirtschaftlich kulturell hochstehenden Volkes ist. Bevor ich eigentlich die Frage des jüdischen Handwerkerstandes in Galizien einer genauen Betrachtung unterziehe, will ich es versuchen, geschichtlich zu beweisen, daß bei den Juden, seitdem sie einen regeren Anteil an der Wirtschaftsgeschichte nehmen, auch das Handwerk im Vordergründe stand. Viele behaupten, daß Juden sich erst im XIX. Jahrhundert dem Handwerk zugewendet haben. Wer diese Behauptung aufstellt, verkennt die jüdische Wirtschaftsgeschichte; denn die Juden waren nicht nur die ersten Träger des kapitalistischen Welthandels, sondern auch die besten Vertreter des Handwerks. Schon in Palästina blühte bei ihnen das Handwerk und erfreute sich bei allen Schichten der Bevölkerung großen Ansehens; viele Gesetzgeber und Gelehrte lebten von ihrer Hände Arbeit. Zur Zeit des babylonischen und persischen Exils waren die Juden in allen Handwerksberufen tätig und besonders als geschickte Bauhandwerker bekannt. Unter der römischen Herrschaft wie auch im ganzen Römerreiche, wo die Juden zerstreut waren, übten sie den Handwerkerberuf fleißig aus. In Alexandrien war sogar eine große Synagoge, in der jedes Gewerbe des Handwerks seine eigene Abteilung hatte und der sich die zugereisten stellenlosen Handwerksleute anschlossen. Man muß nur die jüdische Geschichte durchblättern, so wird man überall dort, wo die Juden ihr Domizil hatten, den jüdischen Handwerker vertreten sehen. Wir finden ihn, neben dem jüdischen Kaufmann, in Spanien, Frankreich, Deutschland und. in den slawischen Ländern. Die Spuren seiner Arbeit finden wir in den mittelalterlichen synagogalen kunstgewerblichen Erzeugnissen, auf alten Grabmälern usw. Die jüdischen Handwerker waren besonders als Goldschmiede, Glaser und. Steinmetzer tüchtig, was die jüdischen Namen bezeugen. Noch heute sind die jemenitischen Juden in Arabien ausschließlich Handwerker; sie schmieden die kostbaren Waffen der Arabern sie sind als Schneider, Schuster, Tischler und Maurer besonders tüchtig. Im Mittelalter ist es dem' jüdischen Handwerker ebenso wie dem Kaufmann immer’ schlechter gegangen, da er durch den nichtjüdischen Konkurrenten allmählich vom Markte verdrängt wurde, der sich vermittels Assoziationen in Form von Gilden und Zünften abzusperren und judenrein zu erhalten wußte. Die Juden waren ihre Erzieher und Lehrer, wurden aber dann durch ihre Schüler vom Weltmärkte verstoßen, was zur Folge hatte, daß sie keine Absatzgebiete mehr finden konnten und gezwun-

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