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Jüdische Zeitung · 1914-03-13 · 11 (13.3.1914) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
11 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Ans der Wiener KultusgemeinOe. Die StinErrtungsJraaChe des Präsidenten. Der erste Antrag, welchen unsere Gesin- \ nungsgenossen Dr. Ehrlich und Ingenieur Stricker J im Wiener Kultusvorstande stellten, verlangte die Oeffentlichkeit der Sitzungen. Dieser Antrag, welcher bereits vor mehr als .13 Monaten gestellt wurde, ist. noch bis heute nicht der ordentlichen Behandlung im Plenum zugeführt worden. Man ließ alle Künste des ver- I alteten und in fast allen Punkten mehrdeutigen Statuts spielen, um die Erledigung zu verzögern. Zuerst wurde der Antrag dem Vertreterkollegium zugewiesen. Nach Verlauf einiger Monate wurde er auf die Statutenkommission abgewälzt. Diese Statutenkommission aber wurde wiederum monatelang nicht einberufen, ja nicht einmal konstituiert. Endlich, nach zehn Monaten, schritt die Statutenkommission notgedrungenerweise an die Beratung und bis heute, also nach weiteren drei Monaten, ist noch immer dem1 Plenum kein Bericht erstattet worden. Dieses Verhalten ist nicht, wie so viele andere Erscheinungen in der Seitenstettengasse, auf Nachlässigkeit und Bequemlichkeit zurückzuführen, sondern es liegt ihm die Absicht zugrunde, die OeffentliChkeitserklärung unter jeder Bedingung zu verhindern, weil sie notgedrungenerweise zum Zusammenbruche des heutigen Regimes führen müßte. Die durchaus persönliche und willkürliche Art der Geschäftsführung, welche der Präsident Dr. Stern übt, könnte einer öffentlichen Beurteilung auch nicht eine Woche standhalten. Den zionistischen Antrag aber im Plenum einfach niederstimmen zu lassen, paßte dem Herrn Dr. Stern nicht, also wird verschleppt. Herr Dr. Stern begnügt sich aber nicht mit der Geheimhaltung der Sitzungen, sondern bedient sich zwecks Stimmungsmacherei eines noch viel verwerflicheren Mittels. Er veröffentlicht Berichte über vertrauliche Sitzungen in der Art, daß er Dinge, die ihm passen, publizieren läßt und alles andere einfach verschweigt. Ein Schulbeispiel bildet der Bericht, den Dr. Stern nach der letzten „vertraulichen“ Sitzung durdh das Büro versenden ließ. Diese Sitzung verlief äußerst stürmisch und wurde durch die Schuld des Präsidenten vor der Erledigung der Tagesordnung abgebrochen. Wer aber den Bericht liest, muß Feuilleton. David Frischmann.*) Von Nahum Slousch. David Frischmann entstammt einer nach Polen eingewanderten wohlhabenden Familie, in welcher das hebräische Studium in Ehren gehalten wurde. Er ist einer jener Glücklichen des Ghetto, die Sehr wenig unter den Ungereimtheiten der Rabbinerschulen und einer rückständigen religiösen Erziehung zu leiden hatten. Ueberdies hat er gründliche hebräische Studien absolviert; von der Bibel angefangen bis zum Talmud und der mittelalterlichen Literatur. Seine Jugend verbrachte Frischmann in Lodz, dem russischen Manchester, einer Stadt, in der vor 30 oder 40 Jahren das deutsche Element besonders einflußreich war; auch der künftige Dichter wurde vor allem von den Grösten der deutschen Literatur beeinflußt, ohne deshalb das russisch-polnische und westeuropäische Schrifttum zu vernachlässigen. Diese vielseitige Bildung ging bei ihm eine vollkommene Verschmelzung mit der hebräischen ein, welche damals von dem realistischen und kosmopolitischen Genie Juda Leib Gordon beherrscht war. Mit den hauptsächlichen Eigenschaften, die den Ruhm des Dichters ausmachen, seinem reinen Stil, seiner durchsichtigen und klaren Konzeption, seinem unersättlichen Drang nach Freiheit und Wahrheit, verbindet Frischmann ein) ganz außerordentliches künstlerisches Empfinden, ein bedeutendes, angeborenes SChönheitsgefühl, *) Wir entnehmen diese Skizze über den berühmten hebräischen Schriftsteller der „Revue Hebraique“ (Paris). glauben,, daß die ganze Tagung eine Ehrung des Präsidenten bildete. Denn er enthält neben der Aufzählung von Spenden und der trockenen Bekanntgabe des Resultates der Rabbinerwahl nur noch eine rührselige Kundgebung für Dr. Stern. Es steht wörtlich darin, daß kais. Rat Kauders „folgende Kundgebung verlas, welche bereits die Unterschrift von sämtlichen anwesenden Mitgliedern des Vorstandes, mit Ausnahme der beiden zionistischen Vorstandsmitglieder Dr. Ehrlich und Ingenieur Stricker, trägt.“ Die Kundgebung hat folgenden Wortlaut: „In jüngster Zeit sind in hiesigen jüdischen oppositionellen Zeitungen wiederholt gehässige Angriffe gegen die Person unseres verehrtert Präsidenten Dr. Alfred Stern erschienen. Bei Anerkennung selbst des weitestgehenden Rechtes der Kritik der Tätigkeit des Kultusvorstandes im allgemeinen und des Präsidenten der Kultusgemeinde im besonderen, kann in diesen Angriffen nichts anderes als die Absicht erblickt werden, das Ansehen des Präsidenten und des Gesamtvorstandes in unberechtigter Weise in den Augen der Gemeindemitglieder herabzusetzen und dadurch den Unfrieden in die Gemeinde zu tragen.“ „Indem wir uns gegen ein Solches Vorgehen verwahren, sprechen wir gleichzeitig dem Herrn Präsidenten das vollste (Vertrauen aus und richten an ihn die Bitte, unbekümmert um diese Angriffe auch weiterhin srine unschätzbare Kraft und seine reichen Erfahrungen dem Wohle unserer Gemeinde zu widmen.“ „Präsident Dr. Alfred Stern dankt für diese Kundgebung und erkläre, so wie bisher, auch' in Zukunft sein ganzes Können in den Dienst der Gemeinde stellen zu wollen. Der Vorstand hat bisher es verstanden, das. Ansehen der Gemeinde nicht nur in Wien und Oesterreich, sondern auch im Auslande zu wahren und.wie bisher werde er auch in Zukan.c das größte Gewicht darauf legen, daß das Ansehen der Gemeinde und ihres Vorstandes nach innen .und außen gewahrt bleibe. (Beifall.)“ Ueber die Resolution als solche braucht man sich wirklich nicht aufzuhalten. Dr. Stern hat einen völlig legal gefaßten Beschluß des Vorstandes auf Einsetzung einer Palästinakommission einfach sistiert. Er hat sich dadurch eines brutalen Rechtsbruches schuldig gemacht. Er hat durch' Androhung der Demission die Billigung) dieses Rechtsbruches seitens der Majorität zu GRflF-Wärfel Feinste Rindsuppe An Ausgiebigkeit und Wohlgeschmack ähnlicnen Erzeugnissen weit überlegen. Graf-Würfel u. Würze Koscher. Maac^te ge-an a"f den Namen „Graf“ erzwingen gewußt und einige seiner intimen Freunde haben ihm in der Weise geholfen, daß sie vor der entscheidenden Sitzung erzählten), man könnte durch Widerspruch den greisen Präsidenten in der Gesundheit schädigen. Daß eine Majorität, die sich durch solche Mittel gefügig machen läßt, auch nach gehöriger Bearbeitung im Zimmer des Präsidenten Kundgebungen unterschreibt, ist nicht verwunderlich. Ueberdies sei bemerkt, daß zur Zeit, als der Herr Kauders die Resolution verlaß, keineswegs alle Vorstandsmitglieder unterschrieben waren1. Die Unterschriften müssen daher später liebevoll_ „erbeten“ worden sein. Von dieser Episode läßt Herr Dr. Stern offiziell berichten. Warum aber verschweigt er den sonstigen Verlauf der Sitzung, in welcher Dinge vorgefallen sind, welche der Oeffentlichkeit wahrlich näher gehen, als abgestandenes, aufgewärmtes Loyalitätsgestammel. Warum verschweigt er, daß in dieser Sitzung eine ungeheuerliche Skandalaffäre zur Sprache kam? Daß es Stürme gegen das Präsidium gab, die wirklich nicht allein von den Zionisten ausgegangen sind? Daß er, um seinen Willen durchzusetzen und die Einleitung eines ordnungsgemäßen Verfahrens zu verhindern, wieder mit der Demission gedroht hat? Warum verschweigt er, daß trotz dieser Drohung, fast die Hälfte des Plenums für den Antrag stimmte? Und warum erzählt nicht der Bericht, daß der Präsident in seinem Zorne darüber den Gesinnungsgenossen Dr. Ehrlich, dessen würdiges und ruhiges Wesen bekannt ist, in der unerhörtesten Weise persönlich beschimpfte, so daß wegen der entstandenen Aufregung die Sitzung abgebrochen werden mußte? Ein solches Vorgehen ist einfach nicht länger zu ertragen. Die Oeffentlichkeit der Sitzungen muß durchgeführt wereine vollkommene Aufrichtigkeit, gesunden Verstand und einten Geschmack, die ihm zu einem richtigen „Schöngeist“ machen. Dem Schöngeist par excellence der hebräischen Literatur Sein skeptisches und zur Opposition geneigtes Temperament führt ihn zum Humor, doch1 enthält er sich der Extreme, deren Mißbrauch’ für die Schriftsteller seiner Umgebung charakteristisch ist. Schon durch seinen Stil nimmt er einen besonderen Rang unter ihnen ein. Ein unvergleichlicher Meister der klassischen BibelspraChe versteht es Frischmann außerdem' die tiefsten Ideen, sowie die zartesten Gefühle in einer einfachen Sprache und mit geringem Wortreichtum auszudrücken. Unter anderem' ist seine Uebersetzung von Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ — ein Buch mit tiefen und seltsame Ausdrücken, in Versen, die an jene der Bibel erinnern geschrieben — ein Beweis sowohl des bewundernswerten Sprachgefühls des Uebersetzers, wie auch der Lebenskraft des biblischen Klassizismus. Vergleicht man das deutsche Original, das doch so gewaltig ist, mit der hebräischen Uebersetzung, so ist diese jenem an Treffsicherheit, Originalität des Ausdrucks und Gewalt der Bilder überlegen. Dieses Werk von FrisChmann, wie überhaupt all seine literarischen Schaffungen widerlegen auf glänzendste was in literarischen Kreisen über die Unzulänglichkeit des klassischen Hebräisch für Wiedergabe der modernen Ideen und der feineren Nuancen gesagt und diskutiert worden ist. Die reine Sprache Frischmanns ist eine neue Bestätigung der von verschiedenen französischen Schulen aufgestellten These, daß insbesondere in der Poesie, der wahre Klassizismus keiner Neubildungen und Barbarismen braucht, um allen Bedürfnissen des Denkers und Schöpfers zu entsprechen. Es ist aber wichtig, daß diese Regel nur auf zwei Sprachen, die eine wahrhaft klassische Tradition haben, angewendet werden kann: Auf Französisch und Hebräisch. Künstler durch seine Art zu schreiben, ist Frischmann Dichter hauptsächlich durch sein Temperament. Er ist ein Einsamer, Zurückgezogener, der die Menge flieht. Aus Furcht, seine Feder zu profanieren, vermeidet er, sich über die Tagesfragen auszusprechen und heuchelt eine verachtungsvolle Gleichgültigkeit gegen alles), was die Meinungen erregt. Er verschanzt sich hinter seiner Berufung als ästhetischer Erzieher, der vorgibt (und dies unter Gefahr, als nicht ernst zu erscheinen), alles zu verspotten, was in der hebräischen Welt veraltet, gewöhnlich, maßlos und von strengem Ernst ist. Er fürchtet vor allem das Lächerliche, das in den Augen des Europäers die Schriften verschiedener Autoren das Ghetto charakterisiert. Frischmann zeigt sich lieber indifferent, unberührbar von den brennenden Fragen des Ghetto, als sich seinerseits über die profanen Themen mit dem seinen Zeitgenossen eigenen Pathos und Wortschwall zu verbreiten. Sein stets feiner und geistreicher Humor schont weder die Tagesfragen noch die Tageshelden. Er zieht es vor, für aristokratisch zu gelten, um nicht .mit den Demagogen der Demokratie verwechselt zu werden, er will lieber als ein Gefühlloser gelten, als mit den Pionieren eines eifervollen Nationalismus zusammen zu gehen. Um das Werk der sozialen Erziehung des Volkes zu vollbringen, bedient sich Frischmann jeder Literaturgattung, welche er alle mit Voll-

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