Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 10 (6.3.1914)
- Date
- 1914-03-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10, JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 platz 1 abhält und werden an diesen Tagen alle Auskünfte in Vereinsangelegenheiten bereitwilligst (erteilt. * , ' Rechtschutzbureau. Das Rechtschutzbureau des jüdischen Volksvereines wird jeden Mittwoch abends von 7 bis 8 Uhr im Vereinslokal funktionieren und werden an diesem Tage an VereinSmitglieder Auskünfte in allen Rechtsangelegenheiten unentgeltlich erteilt. — * Mittwoch-Abe nd - Vorträge. Der erste der allwöchentlich stattfindenden Vorträge wird am Mittwoch, den 14. d. M. um 8 Uhr abends im Cafe Rembrandt (II., Untere Augartenstraße) abgehalten werden. Referent .und Thema werden noch an besonderer Stelle bekannt gegeben werden. Die Niederlage der Karmelweine befindet sich bei S. Steinhart, Weinhandlung, II., Rotensterngasse 22. Telefon 17348. Jüdische Kunst im Ghetto. Auch in der Stille der dumpfen, verborgenen, Judengäßlein des Mittelalters kam es nicht selten zu Aeußerungen der bildenden Künste. Der jäh verschiedene jüdische Historiker David Kaufmann war der erste, der auf die Kunst des Ghetto aufmerksam machte. In den seither verflossenen 20 Jahren sind in vielen Großstädten, wie Hamburg, Wien, Frankfurt, Straßburg usw. jüdische Museen erstanden. In Frankreich hat M. Strauß eine hervorragende Sammlung jüdischer Kunstgegenstände zusammengebracht Diese Sammlung ging, wesentlich bereichert, in Besitz der Baronin Nathaniel Rothschild über, die sie 1800 dem ehrwürdigen Musee' Cluny von Paris überwies. Die Frankfurter Zeitung bringt aus der Feder des Schrittstellers Georg Plotke eine Schilderung dieser Sammlung, der wir folgendes entnehmen: Was uns hier vorliegt, reicht zurück vom achtzehnten bis auf das zwölfte Jahrhundert und spiegelt getreu die Kunstsehnsucht des Juden im europäischen Ghetto wieder. Das Hauptstück bildet eine der Modener Synagoge entstammende heilige Lade vom Jahre 1505. Der mächtige freistehende Schrank aus Nußbaumholz zerfällt in 54 viereckiger Felder, die mit gotischen Ornamentschnitzereien ausgefüllt und von Intarsienarbeiten umgeben sind. Hierzu tritt ein entsprechender Altar, der die Abbildung eines schreitenden Leoparden, des Symbols für die Macht des Gesetzes, wiederholt. Er trägt einen schweren bronzenen Chanukkaleuchter, dessen Schames, das dienende neunte Licht, an dem die übrigen acht Flammen entzündet werden, ein LLöwe hält. WaS an der Ornamentik dieser Prachtstück auffällt, ist, daß die rein gotische Linienführung bisweilen in maurisch-arabische LArabesken überfließt; wie denn überhaupt die Kultgegenstände der Juden in romanischen Ländern mehr die Physiognomie sinnlicher Lebendigkeit gegenüber der schweren und düsteren vornehmlich der deutschen, Juden zu haben scheinen. Ebenfalls dem synagogalen Kultus gehört ein tragbares Tabernakel aus dem .Ende des 13. Jahrhunderts an, mit ziselierten Blumenborten besetzt, deren Kelchherzen aus farbigen Steinen bestehen; oben Sitzt ein Kind mit einer Zither. Ich sah noch nie einen katholischen tragbaren Altar von solcher Kostbarkeit. Der reichvertretene Thoraschmuck mit Glöckchen, Löwen, Engeln, Kronen bringt in seiner barocken Grandezza wenig Neues. Davonsind auszunehmen eine breite Silberkette mit goldenen münzenartigen Z wischensätzen und die Jadajim, die Deuter für die Lektüre der Thora. In Gold und Silber, Filigranarbeit und Gravierung, mit Sternen besetzt, mit feingeschliffenem Achatgriff und aufgemalten Goldlettern bieten sie die Mannigfaltigkeit einer bunten Entwicklung. Umsomehr aber Stickereien der Mappa*, wie auch die, übrigen zur Beschneidung gehörigen Gegenstände. Diese gestickten Mappas bilden eine Art von Geburtsregister, und man hat gjcb ihrer jij Frankreich -tatsächlich in dieser originellen Weise verdient, als nach der großen Revolution die jungen Israeliten zum ersten Male als Vollbürger zur Fahne berufen wurden. Oft sind sind sie mit naiven figuralen Darstellungen bestickt, z. B. Adam und Eva vor dem1 Baume, um dem sich die Schlange ringelt. Aehnlichen Schmuck, aber mit ausgeprägterem Kunstsinn, tragen die Messer, die neben silberenen Griffen auch geschliffene Glas- und Achatstile haben. Eine kleine vergoldete Kupferschale mit getriebener Darstellung einer Circumcision in Anwesenheit von sechs Personen, kompositionell meisterlich geglückt, trägt die Umschrift: „Und Abraham beschnitt seinen Sohn Isaak am achten Tage nach seiner Geburt, wie Gott es ihm befohlen hatte.“ Führten schon diese Gegenstände aus dem Bereich des Gotteshauses in die Familie, den eigentlichen Hort des Judentums, so ist das noch mehr bei den zahlreichen Cha nukkaleuchtern aus Privatbesitz der Fall. Nur von wenigen sei hier die Rede: Aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammt einer, köstlich pathiniert, in schlichter Dreiecktorm wie eine Kirchenfront gehalten. Oben trägt er eine Rosete, unten eine rein gotische Bogenfensterfolge, die an die düstere Schönheit der Wernerkapelle zu Bacharach gemahnt. Typisch für die etwas spielerische französische Renaissance ist ein Leuchter, der mit den unvermeidlichen mythologischen Gestalten, Medusenhaupt, Centaur, Nymphe, Delphin überladen ist. Sehr eigenartig wird er durch die Krönung mit gotischen Zinnen zu seiner sakralen Bestimmung zurückgeführt. Eine gewisse behagliche Freudigkeit, wie sie sich für dies Siegesfest ziemt, hegt über vielen dieser Leuchter, besonders über einem vlämischen Ursprungs aus dem 17. Jahrhundert, mit Glöckchen verziert, jedes Licht von einer symbolischen Tiergestalt begleitet, als Gipfel Juda Makkabäus mit geschwungenem Schwerte, in der Hand das behelmte Haupt des feindlichen Feldherrn Lysias, auf beiden Seiten von Kriegern flankiert. Ein anderer gleichfalls silberner Leuchter trägt Engelsgestalten und die Inschrift: „Denn die Bestimmungen des Gesetzes sind das Licht.“ Die Menorah; die beim Thoraschmuck mehrfach als Pendant zu den Gesetzestafeln dargestellt war, bildet das Hauptstück der Amulette. Ein hervorragender siebenarmiger Leuchter hat als Lichtquellen die Leiber von sieben Löwen aus deren aufgesperrten Rachen die Dochte ragen. Die M e s u s a erscheint in mehrfacher Ausführung, auch in kunstreich geschnitzte Holzhäuschen eingebaut. Ungleich mannigfaltiger aber sind die Besomimbüchsen, mit Spezereien gefüllte Behälter, die bei der Havdalah, der dichterisch verklärten Zeremonie des Sabbathausganges, ihre Rolle zu gpielen, haben. In der bekannten Ausführung als Filigrantürmchen kehren sie wieder, einmal sogar mit zwölf ovalen biblischen Miniaturmalereien und Steinen und auch als echte, gotische Türme mit schwerer Pforte und verschiedenen Stockwerken; natürlich sind sie deutsche Arbeit. Besonders fällt eine in verdüstertem Rokokogeschmack gehaltene Büchse auf, die schwerfällig gebaut ist und in vier herzförmige Kammern eingeteilt wird. Auch der Sabbathbecher in ernster, getriebener Arbeit sei hervorhebend gedacht. Im Renaissancegeschmack sind viele Verlobungsringe gehalten und tragen zum Teil das plastische Bild des Tempels, fast anderthalb Zentimeter hoch, und es nimmt Wunder, wie sie an Frauenbünden ausgeschaut haben mögen. Einer trägt die für das Judentum typische Inschrift : „Gottesfurcht vor allen Dingen. Es kann sich hier bei der über achthundert Stücke enthaltenden Sammlung nur um eine Hervorhebung des Wesentlichsten handeln. Nun bleibt uns die Frage, ob diese Produkte jüdischen Kunstsinns — der jüdische Goldschmied begegnet uns ja bereits seit dem frühen Mittelalter — mehr sind als bloße Nachahmungen, *) Mappa ist ein viereckiges Leinwand- oder auch Seidenstück, das nach seinem Gebrauche bei der Circumcision in lange Streifen zerschnitten und mit Daten bestickt wird, um dann zur Umwicklung, der Thora zu. dienen. mehr auch als bloßes Kunstgewerbe, das wir vornehmlich aus stofflichen Gründen bewundern. Und ich glaube wohl, daß gerade im historisch und soziologisch Gebildeten diese Arbeiten zu hoher künstlerischer Eigenwertigkeit emporwachsen müssen. Weil in der herben Beengung durch immer und äußere Gewalten diese Fülle fast unwillig gehegt erstehen konnte, deshalb gewinnt jede persönliche Nuance, die das Vorbild überwindet, es vergeistigt und eigentümlich abwandelt, an Bedeutsamkeit. Auch hat diese Kunst, obwohl ihre Schöpfer über ganz Europa zerstreut waren, Gemeinsames, das über das Stoffliche hinausgeht: Sie gibt etwas von der Seele der jüdischen Idee, von jüdischer Weltanschauung und damit das tiefste, was eine Kunst geben kann. Sie trägt die Zeichen jahrtausendalter Leiden, das Patriarchalisch-Familiäre, und auch den Optimismus für den edlen Sieg der Idee und darum auch einen durch nichts geminderten Stolz. Sie wurzelt in der Tradition, ist nicht schöpferisch im Sinne des Entdeckers, aber trotzdem an sich mindestens ebenso positiv wie die Leistungen des Judentums auf anderen Kunstgebieten. Denn sie ist bedingungslos ehrlich und voller Innerlichkeit. Der HaMhampi Ser Wiener tianlmän: nischen Angestellten. Wir erhalten von einem Angestellten folgende Zuschrift: Jn Nummer 9 der Bloch'schen Wochenschrift fordert dort ein Herr A. die jüdischen Angestellten auf, bei der am 8. März 1914 stattfindenden Gremiahvahl für die Liste Karl Pick end Kollegen zu stimmen. Ich kann nur annehmen, daß dem1 Artikelschreiber Karl Pick und sein Verhältnis zum Judentum nicht bekannt ist, denn sonst würde er kaum diesen Mann bewußtjüdischen Angestellten als Kandidaten empfehlen. Der Herr F. ist wahrscheinlich — es spricht viel dafür — ein noch zufällig die jüdische Matrik zierender jüdischer Sozialdemokrat vom Schlage Pick, dann hat er eine Falschmeldung begangen, oder aber von so krasser Unwissenheit, daß er als Ratgeber der jüdischen Angestellten lieber nicht auftreten sollte. Nach Herrn A. gibt es bei den Gehilfenwahlen keine Stichwahl. Das ist aber falsch: es gibt eine Stichwahl. Freilich, ich verstehe, warum diese falsche Behauptung aufgestellt wird. Karl Pick fürchtet, daß bereits sehr viele Juden sein wahres Wesen kennen. Deshalb traut er sich als politischer Kandidat nicht mehr in die Leopoldstadt, deshalb aber läßt er auch diese unwahre Behauptung zur jetzigen Wahl lanzieren. Die Furcht und der Haß gegen den deutschnationalen Antisimitismus sollen ihn noch einmal die jüdischen Stimmen zuführen. Den Eisenbachjargon kritisiert A. mit Recht beim antisemitischen Arzt. Warum kritisiert jedoch Herr A. nicht bei Pick die ordinärsten Spötteleien über die Juden, die sich Herr Pick in öffentlichen Versammlungen leistet. Hofft doch Herr PiCk mit diesen Mitteln einen oder den anderen christlichen Angestellten für seine Organisation zu fangen. Die christlichen Angestellten sind aber charaktervoller, als leider mancher jüdischer Angestellte, mit Ekel wenden sie sich von einem Manne, dessen Vorgehen an das jenes Vogels erinnert, der sein eigenes Nest beschmutzt. „Als ich gesehen habe, daß ich als Jude zur Welt gekommen bin, habe ich geweint.“ „Ich kann nichts dafür, daß ich 8 Tage nach meiner Geburt vergewaltigt wurde“, das sind die Worte, die Karl Pick jetzt tagtäglich in einem anderen Bezirke von sich gibt. Die jüdischen Angestellten sind für ihn „die Zugewanderten“, soll wohl heißen: minderen Rechtes. Das ist Pick, der Jude. Und wie ist Pick, der Gehilfenobmann? Als vor vier Jahren bei der Firma J. A. Hilpert 80 Angestellte, nur deshalb, weil sie Juden waten, vom neuen Direktor entlassen wurden, hat der Gehilfenobmann Pick, in Mißachtung seiner Pflich*, jedes Eintreten für diese Gemaßregelten! abgelehnt, weil er sich mit „jüdischen Sachen nicht befassen kann“. So sieht der Ge- ■’ hilfenobmann und Gewerkschafter Pick aus! Für | die vom Boykott der antisemitischen Chefs bedrängten Juden, hat er nur den einen Rat: „Gehen Sie zum Rabbi mit konfessionellen Angelegenheiten.“ Ich muß sagen, der Rat ist nicht schlecht. Beim Rabbiner erhält so ein Angestellter wenigstens Trostesworte, beim Herrn Pick kann er nur Hohngelächter und faulen Spott gewärtigen. Es ist nicht richtig, daß gegen den Boykott nichts getan werden kann. Auch der Erste Wiener Konsumverein hat vor kurzer Zeit noch-