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Jüdische Zeitung · 1914-02-27 · 9 (27.2.1914) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 er sich durch den Augenschein von den Fortschritten des jüdischen Siedlungswerkes überzeugen und wohl auch manche Pläne zu dessen zweckdienlicher Ausgestaltung an Ort und Stelle prüfen. Zum Teil gilt die diesmalige Palästinareise des Barons Rothschild auch einem großzügigen wissenschaftlichen Unternehmen, dem er in letzter Zeit sein besofnderes Interesse zugewendet hat. Baron Rothschild hat nämlich von der türkischen Regierung die Ermächtigung erhalten, am Ophel in Jerusalem, südöstlich vom Tempelplatz, Ausgrabungen vorzunehmen, die seit einigen Wochen im Gange sind. Wie verlautet, sind die bisher erzielten wissenschaftlichen Ergebnisse von großer Bedeutung. Baron Edmund Rothschild traf mit seiner Gemahlin am Freitag, den 13. Februar, in Jaffa ein, wurde vom der gesamten jüdischen Bevölkerung enthusiastisch begrüßt. Am Sonntag, den 15. d. M., besuchte er die jüdische Kolonie Pethach-Tikwah, dann das jüdische Stadtviertel Tel-Awiw bei Jaffa. Zehntausende von Personen waren in den Straßen zusammengeströmt. Am 16. Februar besuchte Baron Rothschild das Hebräische Gymnasium und äußerte seine Befriedigung über die ungeahnte Entwicklung der hebräischen Sprache in Palästina. Am selben Tage reiste er nach den Kolonien Rischon-Le- Zion und Rechoboth ab. Von hier begab er sich nach Jerusalem zu zweitägigem Aufenthalt. Am Freitag, den 20. Februar, fuhr Baron Rothschild nach Cäsäräa, Haifa und der jüdischen Kolonie Sichron-Jakob. » Die neue Ritualmordhetze. Wir haben vor einiger Zeit von dem Fall in Fastow mitgeteilt. Dort wurde ein ermordeter Knabe aufgefunden, der alle die Merkmale auf sich trug, welche Pranaitis und Sikorski als Zeichen des Ritualmordes schilderten. Zum „Glück“ stellte sich heraus, daß es ein jüdischer Knabe war, ein Sohn des Jossel Poskow. Die jüdische Bevölkerung in der Stadt und Umgebung glaubte frei aufatmen zu können. Allein, was man nicht für möglich gehalten hätte, es traf ein. Die schwarzen Verbändler lassen sich den fetten Bissen nicht aus dem Munde reißen. Ganz plötzlich trat eine ganz neue Version auf: der ermordete Knabe sei gar kein Jude und auch nicht der Sohn des Jossel Paskow, sondern ein christliches Waisenkind gewesen, das von den Juden zu diesem Zwecke in Pflege genommen und nun geopfert wurde. So phantastisch sich diese von der Verbandspresse erfundene Mär anhörte, sie fand doch Glauben bei den Gerichts- und Polizeibehörden. Und nun haben wir einen neuen Beilis. Seit 14 Tagen sitzen der Vater des ermordeten Knaben, Jossel Paskow, und ein junger jüdischer Arbeiter namens K. Gutherz in Untersuchungshaft. Die Untersuchung bemüht sich vorerst festzustellen, ob und inwieweit Paskow der „Chassidimsekte“ angehöre. . . . Der Leichnam des Knaben wurde exhumiert und nochmals einer Sektion unterworfen. Das Zeichen des jüdischen Bundes ist an der Leiche unverkennbar. Dennoch entblödet sich die „Nowoje Wremja“ und die ihr geistesverwandte Presse nicht, zu behauptein, daß dieses Zeichen nachträglich der Leiche beigebracht wurde, entsprechend den Angaben des gelehrten Pranaitis. Die Gerichtsbehörde weist diese Annahme nicht von der Hand und führt die Untersuchung mit einem Ernst und Eiter, daß die Bevölkerung von dem neuen Ritualmorde schon felsenfest überzeugt ist und besonders in Faskow selbst eine höchst drohende Haltung gegen die Juden annimmt. Die Aufregung unter den Juden der ganzen Gegend ist eine unbeschreibliche. * ' Verfassungsrevision und Judenfrage in Ru- > mänien. Die Parlamentswahlen in Rumänien sind gegenwärtig im vollen Gange. Da in der bevorstehenden Session eine Revision der Verfassung durchgeführt werden soll, so haben die Antisemiten bereits eine wüste Agitation im ganzen Lande eingeleitet, um zu verhindern, daß die Kammer zugleich mit der Reform der Wahlordnung usw. auch eine Abänderung des § 7 der Verfassung beschließe, wonach den „Fremden“ — worunter bekanntlich hauptsächlich die Juden verstanden werden — das Bürgerrecht nur individuell durch Parlamentsbeschluß erteilt werden darf. Jeder Kandidat muß seine Stellung zu dieser Frage unzweideutig präzisieren und die „Verdächtigen“ ein förmliches Versprechen abgeben, an dem geheiligten § 7 nicht rütteln zu lassen. Dabei kommt es vor, daß bekannte „Judenfreunde“, vor die Qual der Wahl gestellt, ihre früheren freisinnigen Bekenntnisse förmlich desavouieren : ein Sitz im Senate oder in der Kammer gilt eben mehr als die Freundschaft der Juden. An eine auch nur einigermaßen befriedigende Lösung der Judenfrage denkt übrigens, wie schon jetzt fe.ststeht, keiner der maßgebenden .politischen Faktoren. Daher die . schon jetzt sich bemerkbar machende, für das Frühjahr geplante Massenemigration der jüdischen; Bevölkerung aus Jassy und anderen Städten der Moldau. Nur der Vorstand der „Vereinigung der eingeborenen Juden“ gibt sich noch trügerischen Hoffnungen hin. Er hat vorige Woche in_ den Bukarester Tageszeitungen ein Communique publiziert, worin er eine besondere Aktion ankündigt, um die Regierungsparteien für eine Lösung der Frage der eingeborenen Juden zu gewinnen. Zu diesem Zwecke soll der Regierung und den gesetzgebenden Körperschaften eine Denkschrift überreicht, öffentliche Versammlungen in Bukarest und der Provinz einberufen, Propaganda-Broschüren verbreitet und eine Massenpetition der eingeborenen Juden dem Parlament überreicht werden. Auch plant die Vereinigung die Einberufung eines neuen außerordentlichen Kongresses der eingeborenen Juden. In allen Kreisen, die mit den politischen Verhältnissen und Stimmungen des Landes vertraut sind, hält man alle diese Aktionen für völlig aussichtslos. *• Palästinabureau in Lemberg. Den Bedürfnissen der galizischen Judenheit Rechnung tragend, gründete das Palästina r Ressort des zionistischen Zentralkomitees für Galizien ein Palästina-Informationsbureau, das unseren Konnationalen in Galizien in allen Fragen der jüdischen Kolonisation in Palästina Bescheid erteilen und eventuell auch mit Rat dienen soll. Die Palästinakommission ist zu diesem Zwecke mit dem zionistischen Palästinaamte in Jaffa und anderen Korporationen, die sich mit der jüdischen Kolonisation in Palästina beschäftigen, in Verbindung getreten und wird sich bemühen, stets genau über die Kolonisationsverhältnisse in Palästina und zumal über die dort freien Erwerbspositionen unterrichtet zu sein. Auf diese Weise wird das Bureau für die galizische Judenheit, die jetzt — sei es infolge der allgemeinen ökonomischen Krisis, sei es infolge der Entwicklung eines polnischen und ruthenischen Mittelstandes — immer mehr aus ihren jetzigen E.werbspositionen verdrängt zum Wanderstabe greifen muß, von großer Bedeutung sein. Die Leitung des in o.mationsbureaus hat der Präses der Palästinakommission Advokat Doktor Le.on Reich übernommen. Anfragen können schriftlich an die Adresse des Öbgenannteni (Lemberg, Kraszewskigasse 1) oder mündlich an die akademische Verbindung „Judäa“ (Bernsteingasse) täglich zwischen 12—1 Uhr nachmittags gerichtet werden. Die Antwort erfolgt in der jeweiligen Sonntagsnummer des jüdischen „Tagblatts“ in Lemberg oder auf spezielles Verlangen — je nach Wichtigkeit der Anfrage — auch brieflich. * Die Sanierung von Palästina. Die Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler für sanitäre Interessen in Palästina hat ihren ersten Jahresbericht herausgegeben, der einen Ueberblick über das bisherige Ergebnis der Tätigkeit der Gesellschaft gibt. Bereits zwei Monate nach Gründung der Gesellschaft konnte mit der praktischen Arbeit begonnen werden, nachdem schon vorher durch den Philantropen Nathan Strauß in Newyork im Frühjahr 1912 ein Gesundheitsamt zur Bekämpfung der endemischen Krankheiten, insbesondere des Sumpffiebers begründet worden ist. Das Gesundheitsamt nahm im August seine Tätigkeit mit der Bekämpfung der Malaria in der stark verseuchten Kolonie Chedera und mit der Feststellung der Ursachen und die Verbreitung der Malaria in Jerusalem auf, um 1913 mit der Bekämpfung der Malaria in Jerusalem1, mit serologischen und bekteriologischen Arbeiten und mit der Bekämpfung der ägyptischen Augenkrankheit zu beginnen. Zurzeit sind in dem unter Leitung des Herrn Dr. Brünn stehenden Health-Bureau drei Aerzte beschäftigt. Mit der „Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Malaria in Jerusalem“ wurde, um einer Zersplitterung vorzubeugen, ein Vertrag abgeschlossen, nach dem die beiden Gesellschaften und das Jewish Healths Office ein internationales Gesundheitsamt begründen, das vier Abteilungen enthält: 1. Eine Abteilung für Malaria, unterhalten von der deutschem Gesellschaft; Leiter Prof. Dr. Mühlens; 2. eine hygienische Abteilung, unterhalten von Jewish Healths Office; Leiter Dr. Brünn; 3. eine serologische und Wutschutz- Abteilung, unterhalten von der Gesellschaft jüdischer Aerzte, Leiter Dr. Behan; und 4. eine bakteriologische Abteilung, unterhalten von Jewish Healths Office, Leiter Dr. Goldberg. Die Malariaabteilung begründete außerdem eine arabische Fürsorgestelle in der inneren Stadt, das Jewish Health Office eine Station zur Bekämpfung der Augenkrankheiten. In der Wutschutzabteilung wurden in 8 Monaten 125 Tollwutimpfungen vorgenommen und aufklärende Vorträge über die Tollwut gehalten. Der Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler usw. gehören bis jetzt 650 Mitglieder in Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Rußland, Frankreich, England, Italien, Holland, Belgien, Schweiz, Skandinavien, Griechenland, Türkei und Amerika an. Sie nimmt auch Mitglieder auf, die keine Aerzte und Naturwissenschaftler sind. Die Adresse der Gesellschaft lautet: Dr. Sandler, Charlottenburg, Droysenstraße 6. Am 2 Februar fand in Berlin, Nollendörfkasino, die Generalversammlung der Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler für jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler für sanitäre Interessen in Palästina statt Es wurde beschlossen, daß die Gesellschaft fortan den Namen führen solle: „Jüdische Gesellschaft für sanitäre Interessen in Palästina“. Es ist zu hoffen, daß sich diese Namensänderung bei der Propaganda in nichtärztlichen Kreisen als nützlich erweisen wird. In den Vorstand wurden gewählt: Dr. Sandler (1. Vorsitzender), Doktor Pinczower (2 Vorsitzender), ferner die Herren Danziger, Dr. Löwenheim, Dr. Mühsam, Trietsch (sämtlich Berlin), Dr. Emil Stein (Wien) und Dr. Tschlenow (Berlin-Moskau). * Das Krankenhaus der jüdischen Gemeinde in Jerusalem, das „Bikur-Cholim-Hospit a l“, welches vor etwa 70 Jahren errichtet wurde und vorzugsweise von dem ärmeren Teil der Bevölkerung aufgesucht wird, hat sich längst als zu klein erwiesen; auch entsprechen die hygienischen und medizinischen Einrichtungen bei weitem nicht mehr den modernen Ansprüchen. Wegen Platz- und Geldmangel müssen täglich unzählige Kranke abgewiesen werden. Aus diesen Gründen bemühen sich seit vielen Jahren die Jerusalemer Gemeinde - Institutionen, das Hospital zu erweitern und einen Neubau aufzuführen. Die Bewohner Jerusalems selbst haben ansehnliche Beträge hiefür gezeichnet.^ Aus Amerika und Rußland sind gleichfalls größere Summen bewilligt und versprochen worden, so daß die Jerusalemer Verwaltung den Neubau in Angriff nehmen ließ. Die für den 1200 m2 großen Bauplatz und die bisherigen Bauten verausgabten Kosten von 90.000 Mark wurden durch1 Sammlungen aufgebracht. Zur Vollendung des Krankenhauses, welches nach seiner Fertigstellung 112 Betten und alle Räumlichkeiten, die die moderne Medizin und Hygiene erfordern, fehlen jedoch noch 160.00 Mark. Da eine ganze Anzahl von Zeichnern größerer Beträge die Bedingung stellte, daß die Verwaltung der Gelder von einem europäischen Komitee geschähe, hat sich nach langwierigen und eingehenden Verhandlungen mit der bisherigen Jerusalemer Verwaltung des Bikur -Cholim-Hospitals ein Zentrat- Komitee gebildet, welchem die Zentralisierung der Geldsammlungen und ihre Verwaltung und die Kontrolle über den fortzuführenden Neubau, insbesondere unter Berücksichtigung der modernsten hygienischen Forderungen, übertragen wurde. Das Bureau des .Zentralkomitees befindet sich in Hamburg, Große Bleichen 67 I. * Ein neuer hebräisch-wissenschaftlicher Verlag. In Moskau ist mit einem Kapital von 50.000 Rubel (125.000 K) der Verlag „Mado“ („Wissenschaft) begründet worden, der sich zur Aufgabe gestellt hat, als Vorbereitung für die hebräische Universität in Jerusalem naturwissenschaftliche und medizinische Lehrbücher in hebräischer Sprache herauszugeben. Der Verlag will Uebersetzungen der hervorragendsten wissenschaftlichen Werke dieser Disziplinen herausbringen. Bedeutende Mediziner, unter ihnen Dr. L. Rosenthal und Dr. W. Münz, die beide Privatdozenten an der Moskauer Universität sind, sind an diesem Unternehmen interessiert. Die Werke des' neuen Verlages werden epochemachend sein für die hebräisch-wissenschaftliche Terminologie auf medizinischem und naturwissenschaftlichem Gebiete. Für die Schaffung dieser Terminologie werden in erster Linie die Herren S. TsChernichowsky und Dr »*N. Katzenelson tätig sein. Der Verlag wird in engster Fühlung mit der Hebräischen Sprachkommission (Waad-Halaschon) in Jerusalem stehen. Es ist zweifellos, daß es dem neuen Unternehmen gelingen wird, Werke herauszubringen, die wissenschaftlich in jeder Hinsicht einwandfrei sein werden. Der Verlag bietet auch die Garantie, daß seine Publikationen den größten Ansprüchen an die äußere Ausstattung genügen werden. In wenigen Jahren werden so für die naturwissenschaftliche Fakultät und für die ersten vier Studiensemester der jungen jüdischen Mediziner wissenschaftlich einwandfreie Lehrbücher in hebräischer Sprache vorliegen. Die Gründung des Verlages „Mado“ ist eine notwendige Voraussetzung für die von zionistischer Seite geplante hebräische Universität in Jerusalem. * Zur Lage der galizischen Judenheit. In unserer jüngsten Nummer haben wir uns mit der Lage der galizischen Judenheit vom Gesichtspunkte des bevorstehenden polnischruthenischen Ausgleiches befaßt und konnten ihr nur eine ungünstige Prognose stellen. Diese unsere Anschauung bestätigt auch ein Aufsatz r 1 »-

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