Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 9 sehen Reiches, den griechischen Patriarchen in Konstantinope], er möge als höchster Kirchenfürst der griechischen Kirche im Orient sein Wort gegen die Ritualmordlüge einlegen.'Seinem Ansuchen legte der Chacham-Baschi ein vor 45 Jahren veröffentlichtes Protestschreiben des damaligen Patriarchen bei. Nun verging eine Woche, es vergingen zwei, drei, vier Wochen, Mendel Beilis ist bereits vor 5 Monaten freigesprochen worden, allein die Antwort des Patriarchen steht immer noch aus. Und dies kam so: Der russische Botschafter schritt beim Patriarchen höchstpersönlich ein und wandte seine ganze Macht auf, die bei den Griechen keine geringe ist, um eiine Protestkundgebung des Patriarchen gegeh die Blutlüge zu verhindern. Und dies gelang ihm. Rußland hat seine Fühler ausgestreckt. * ' Rothschild in Palästina. Nach vierzehnjähriger Abwesenheit betritt Baron Edmund Rothschild wieder palästinischen Boden. Die ganze Judenschaft des Landes jubelt ihm zu und fürwahr mit Recht, denn „der Barem“ — wie man ihn in Palästina zu nennen pflegt — hat sich um die Schaffung des neuen Jischuw große Verdienste erworben. Die Zionisten bäten denn auch Rothschilds Tätigkeit stets volle Anerkennung gezollt und wenn sich Rothschild von der Arbeit in Palästina entmutigt zurückgezogen hat, so war daran gewiß nicht er, sondern die philantropische Art und Weise seiner Kolonisation und die damit zusammenhängende Demoralisation und die Willkürverwaltung der Beamtenschaft schuld. Nun kehrt Rothschild wieder zurück, da das durch die nationale Idee hervorgerufene Aufblühen des Landes auch auf ihm nicht ohne Wirkung geblieben ist Die Besichtigung der auf seine Kosten vorgenommenen Ausgrabungen beim Oelberg scheint ja nur ein Vorwand für seine Reise nach Palästina gewesen zu sein. In der Wirklichkeit wollte er sich von den Fortschritten des jüdischen Siedlungswerkes überzeugen und wir wollen hoffen, daß er das Land befriedigt verlassen, wie auch Mittel und Wege finden wird, seine Tätigkeit von neuem aufzunehmen und dem Rahmen der neuen rationellen und nationalen Kolonisation anzupassen. Dann wird sie von Nutzen sein und dem Lande zum Segen gereichen, denn — und das mögen sich so manche sagen lassen — Rothschild kann trotz seiner ungezählten Millionen nur sehr wenig erreichen, wenn er die Arbeit nicht Hand in Hand mit dem jüdischen Volke leistet Dies beweisen die früheren Mißerfolge in Palästina und die einer weiteren Entwicklung unfähigen Siedlungen des verstorbenen Baron Hirsch in Argentinien. Das alte Herzische Wo'rt von. der Fahne, dem Sinnbild eines Ideals, ohne das ein Siedlungswerk ein Ding der Unmöglichkeit ist, besteht immer noch zurecht Es hat den Anschein, als hätte der Baron diese Maxime vollauf begriffen und beherzigt, haben sie ihm doch die Erfahrungen der palästinischen Kolonisation aufs deutlichste bewiesen. Und so schließen auch wrir uns dem Reigen derer an, die Baron Edmund Rothschild, den einzigen in der jüdischen Aristokratie, der für die nationalen Bestrebungen und das Zukunftsland unseres Volkes Verständnis hat und Opfer zu bringen bereit ist, im Altneulande willkommen heißen. Eine ZtilsM Der Orthodoxie. Unter den orthodoxen Westjuden gärt es. Seit die zionistische Bewegung in die Gemeinden Leben gdwadht hat, fühlen auch die Juden anderer Weltanschauung das Bedürfnis, sich zu organisier ein, zu manifestieren usw. Mit der Agudathbewegung wollen sich die Orthodoxen eine weltumspannende Organisation schaffen, die es allerdings erst zu mässigen Ansitzen gebracht hat, und nun erscheinen auch Zeitschiften der Orthodoxie in deutscher Sprache. Wir Zionisten verfolgen mit größtem Interesse alle Bewegungen im Judentum und können, ohne mindestens irgend eine religiöse Anschauung zur „zionistischen“ zu machen, auch die ’ Bewegung der Orthodoxen nicht ohne kritische Beobachtung lassen. Deshalb wollen wir auch die Zeitschriften der Orthodoxie ernst und unbefangen prüfen. Das erste Heft einer solchen, „leschurun“ betitelt, erschien am 1. Januar in Berlin. Als Herausgeber zeichnet der bekannte Rabbiner und Gelehrte I. Wohlgemuth. Das von Dr. A. Berliner verfaßte Vorwort gibt das Programm. Wir blicken in eine bekannte Welt. Des Juden Leben Zweck ist, daß er über Gott sinne, mit ihm fühle, mit ihm wolle. Wie erkennt man aber die Echtheit des Wortes Gottes? Das Deuteronomium sagt an einer von Dr. Berliner zitierten Stelle, daß das Nichteintreffen einer Prophezeiung zeige, daß der Pronhet falsch sei, aber auch das Eintreffen verbürgt nicht seine Echtheit, denn Gott will oft nur prüfen. Mit diesen Zitaten ist also durchaus nichts getan. Gleichwohl greift Berliner zu der starken Schluß- ’ folgerung,. daß wir von Gott abfallen, wenn wir in uns selbst den Maßstab dessen suchen, was ' die Liebe zu Gott fordern darf. Eine Absage an die Moderne, wie sie nicht schärker gegeben werden kann. Welches ist nun der Weg, der zu dem Ziel eines gotterfüllten Lebens führt? Berliner erhebt . schwere Vorwürfe gegen das moderne Judentum vom religiösen Standpunkt, da er aber von „wir“ spricht, so gelten diese Vorwürfe anscheinend nicht bloß der Orthodoxie, sondern wesentlich dieser. Das Wissen um Gott sei Stückwerk geworden. Wegweiser könnten nur die großen Lehrmeister Israels sein. Ujnser Wille ist erlahmt, die Kraft uns zu bezwingen, verloren. Darum zurück zu den Quellen! Unser Gefühl ist erkaltet,- der Gottesdienst ist nüchtern geworden, erregen können wie war uns nur mehr für unsere eigenen Interessen, für politische und künstlerische Probleme. Man sieht, das alles ist mehr ein Stoßseufzer über das, ,was Großes im Judentum verloren ging. Was nützt es, wenn Berliner zum Schluß mit ziemlicher Banalität sagt, das Judentum fordere die Harmonie von Denken, Fühlen und Wollen. Gott möge uns diese wieder geben! Ist es doch merkwürdig, daß man in orthodoxen Kreisen nicht sehen will, daß Religon immer nur vo|n großen religiösen Persönlichkeiten ausging und von diesen Zentren aus die Menschen ergriff. Auch die jüdische Religion, obzwar sie angeblich „gelernt“ worden kann, ist nur wacherhalten und stets erneuert worden durch die großen religiösen Persönlichkeiten, an denen auch die Golusgeschichte so überaus reich ist und im Talmud Stellt auch schon — lange bevor der Chassidismus auftrat — daß die Welt eigentlich für die Weisen und Gerechten (gemeint sind wohl die großen religiösen Persönlichkeiten! da isL Die Orthodoxie von heute, sowoit sie wahrer Frömmigkeit entspringt, in allen Ehren, aber mi4 Zeitschriftenartikel kann man eine Religion nicht wieder beleben. Und die es könnten, die großen religiösen Persönlichkeiten, gibt es seit langer Zeit bei uns nicht mehr. ' Zum Ersätze dafür jgenügt auch' nicht eine jüdische Theologie, wie sie im selben Heft Rabb. Dr. Katz als nötig erklärt. Davor packt uns ein gelindes Grauen. Will man heute wirklich den schon so oft und von den größten Lehrern unternommenen und immer wieder mißglückten Versuch machen, eine jüdische Theologie z u schaffen, und damit vernichten, was selbst christliche Theologen, wie Travers Herford, an dem jüdischen Bekenntnis als sein bestes anerkennen: Die Freiheit der Auslegung der Thora? Und das soll die jüdische Religion erhalten? Eine Theologie, die nach Katz nicht „nach den Gesetzen der Logik aufgebaut’“, sondern die aus dem göttlichen Willen hervorgegangen ist! Ja wer soll denn der richtige Interpret des göttlichen Willens sein? Ein Rabbiner-Kollegium? Wir danken. Herr Dr. Katz, der immerfort betont, die Theologie müsse jüdischen Geist besitzen, fremde Gedanken dürfen nicht hineingetragen werden, übersieht, daß Schon sein eigener Grundgedanke, eine solche Theologie überhaupt zu schaffen, ein durchaus unjüdischer ist. Uebrigens wollen wir uns mit Rabbiner nicht darüber streiten. wras jüdisch ist, da sich daraus doch nur ergibt, wie kontrovers solche Klassifizierungen sind. Ein alnderer Aufsatz von . Rabb. Dr. Unna behandelt „ästhetische Gesichtspunkte im Religionsgesetz“. Dieser Artikel fäfngt mit der wirklich schon unerträglichen Phrase an, daß der Gegensatz zwischen Hellenismus als Verherrlichung des Sinn'ich-Schönen und Juden4um als streh" sittlicher Lebensauffassung auf dem Boden Palästinas zugunsten des letzteren entschieden wurde. Wahrscheinlich will Unna damit die Makkabäerkämofe charakterisieren, für die man sich diese Schablone zurechtgelegt hat. In Wahrheit hat aber das G-iechentum des Geistes, in Gestalt der neunlatonischen religionsphilosophischen Ideen zuletzt in Verschmelzung mit jüdischen Anschauungen eine neue Religion, das Christentum geschaffen. Mit so rohen Schablonen: Griechentum — Aesthetik, Judentum — Ethik sollte doch heute kein ernster Mensch mehr arbei+en. Die wrei*eren Ausführungen Unnas daß das Judentum durchaus nicht gegen die Forderungen der Aesthetik gerichtet war üsw'. haben für uns kein Interesse. Wir sehen den Kampf, namentlich den religiösen Kampf, um den es sich den Orthodoxen heute handelt, nicht von der Perspektive: Ethik kontra Aesthetik an, wir sind auch nicht so sicher, daß Religion und Ethik identisch sind. Wir setzen vielmehr religiöse Vorstellungen und künstlerische Gestaltungen in Beziehung mit den lebendigen Kräften eines Volkes und wrer etwa liest, was Calvary über ein einwh’äoiges Thema im Jahrbuch „Vom Judentum“ geschrieben hat, wird sich von solchem Dreschen leeren Strohs abwenden, wrie es sich im besprochenen Artikel zeigt. Sonst enthält das Heft noch den kurzen Anfajng eines Aufsatzes von Berliner „Die Lehrer Moses Mendelsohh“ und einen Artikel des bekannten Statistikers Dr. Segall über Bevölkerungs- und Wirtschaftsfragen. Daß auch die Orthodoxie sich mit solchen Problemen zu beschäftigen afnfängt, ist ganz erfreulich. Wenn aber Segall, der ein ernster Soziologe ist, davon spricht, daß die orthodoxen Kreise die Pflicht haben, dem Geburtenrückgang dadurch zu begegnen, daß sie sich dem „wirtschaftlichen Zeitgeist“ entgegenstemmen und die Ansprüche an das Leben herabstimmen sollen, um mehr Kinder aufziehen zu köjnnen, so muß man sagen, daß es Dr. Segall doch bekannt sein muß, daß auch in jenen Gebieten, wo Millionen von Juden wrohnen; die ihre Ansprüche an das Leben deshalb nidrt mehr niedriger schrauben können, weil diese ohnehin schon unter jedem billigen Maße sind, ein starker Geburtenrückgang zu konstatieren ist. Diese Erscheinung ist heute eine allgemeine, und mit so kleinen Mitteln, wie dem Zuruf: „Lebt bescheidener, damit ihr mehr Kinder aufziehen könnt“, wird das gewaltige soziale Phänomen der Gegenwart nicht zu beseitigen sein. Wir gaben absichtlich einen ausführlichen Bericht über die erste Nummer der orthodoxen Zeitschrift, um unsere Leser darüber zu orientieren, was in den traditionellen Kreisen heute die Geister bewegt. Wir wollen uns nicht wundern, daß die aufregendste Erscheinung im jüdischen Leben der letzten Wochen, das Erwachen Palästinas, sow’ie all die Probleme, die heute das jüdische Volk bew'egen, keinerlei Echo in jenem Lager findet. Aber auf ihrem eigenen Gebiet, dem religiösen, zeigt das vorliegende Heft keinerlei besonderes Niveau. Manche nicht orthodoxen Zictnisten haben in letzter Zeit viel bedeutenderes über jüdische Religion geschrieben, als dies ganze Heft enthält. Immerhin, die Orthodoxen haben es zu einer, wenn auch nur schmächtigen Monatsschrift gebracht, wir Zionisten sind noch immer nicht so weit. A. B. Bus Sem jSiifiiien Beben. Die Schächtfrage in Rußland. Wie unseren Lesern bekannt, liegt der Reichsduma ein Antrag auf Einführung eines allgemeinen Schäclitverbots in Rußland vor. Man tröstet sich bis jetzt mit der naheliegenden Vermutung, daß es den Initiatoren nicht ganz ernst um die Sache sei, daß ihnen mehr darauf ankomme, für die antisemitische Sache, die nach der Kiewer Komödie etwas ins Wanken geriet, eine neue Unterlage zu schaffen und sidh selbst Gelegenheit zu geben, im Rahmen einer Judendebatte ihren Gefühlen wdeder einmal freien Lauf zu lassen. Nach den Ereig- Lnissen der letzten Tage will es jedoch scheinen, als sei die Situation wreit ernster, als man glaubte. Nach einer Mitteilung der „Novia Wremja“, an derän Richtigkeit nicht zu zweifeln ist, haben sich die Minister der an der Frage interessierten Ressorts bereits zur Sache, geäußert und zwrnr in einem dem Antrag durchaus günstigen Sinne. Den Finanzminister interessiert mehr die vom Schächtverbot bedingte Abschaffung der Kordbka 1,750.000 Rubel eingebracht hat, von welcher Summe 147.000 Rubel zur Deckung von Gemeindeschulden, 360.000 Rubel für Armenunterstützung, je 500.000 Rubel zur Erhaltung von Spitälern und Schulen verausgabt wurden. Er, der Finanzminister, habe gegen den Antrag nichts einzmvenden, vorausgesetzt, daß ein geeigneter Ersatz für :den Ausfall der Korobkagelder geschaffen w'er den. Der Justizminister ist ein begeisterter Anhänger des Betäubungssystems und verspricht im Falle der Abnahme des Antrages, die Strafparagraphen; für Vergehen gegen das Gesetz baldigst im einzelnen auszuarbeiten. Andere Regierungsvertreter sprechen sich im gleichen Sinne aus. Nach diesen Aeußerungen ist der Ernst der Lage nicht mehr zu verkennen. Es handelt sich also nicht mehr um einen Schreckschuß seitens der Schwärzen Hand, sondern um eine wirkliche Gefahr, die abzuwenden, es der eifrigsten, zielbewußten Arbeit bedürfen w'ird. * Die Palästinareise des Barons Edmund Rothschild. Der hochherzige Förderer der jüdischen Kolonisation Palästinas, Baron Edmund Rothschild aus Paris, wfeilt seit vierzehn Jahren zum erstenmal wieder In Palästina. Seitdem er sich von der Verwaltung der von ihm begründeten landwirtschaftlichen Kolonien zurückzog und die Jewish Colonisation Association mit der Fortführung seines Lebehswerkes betraute, war er nicht mehr im Lande gewesejn, obwohl er sich nach wie vor lebhaft und werktätig für die Entwicklung der dortigen jüdischen Ackerbaukolonien interessierte. Mit freudiger Anteilnahme verfolgte er den stetigen Aufschwung der Kolonisation in den letzten Jahren und das frisch pulsierende jüdische Leben in Stadt und Land. Nun will