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Jüdische Zeitung · 1914-02-27 · 9 (27.2.1914) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 . die deutsche Judenschaft dem Spott auszusetzen und die höchsten Interessen der Judenschaft dort und überall zu gefährden. Es gibt jüdische Zeitungen in Deutschland und wenn sich Nicht-Zionisten beschwert fühlen, warumveröffentlichen sie ihre Beschwerden nicht in den Spalten dieser Blätter? Wen glauben sie mit einem flammenden Inserat in der Kölnischen Zeitung erreichen zu können? Die jüdischen Leser solcher Zeitungen, die die Gemeindeblätter nicht lesen, werden schwerlich für den gegenwärtigen Konflikt interessiert werden köjnlnen. Die christlichen Leser wiederum können höchstens ein (sekundäres oder gar übelwollendes Interesse dafür haben. Daher kann durch diesen Schritt nichts erreicht werden und der einzig mögliche Effekt war ein Schwerer Nachteil für die jüdische Sache.“ Der „Jewish Chronicle kann sich aber nicht enthalten, auch' die Zionisten zu verurteilen, weil sie auf jenes Inserat in durchaus würdiger Form * geantwortet haben, indem sie sagten: „Inserate sind nicht der Weg, um solche Konflikte zu lösen.“ Wenn der Jewish Chronicle daher meint, die Zionisten seien zu tadeln, daß sie dem Hilfsverein gefolgt (sind, so trifft das nicht zu. Nein, sie feind dem Hilfsverein nicht gefolgt, sie haben eben durch ihre Erklärung gesagt, daß sie diese Form als unpassend halten und sind, dabei auf das Meritorische gar nicht eingegangen, haben auch die Antizionistische Erklärung nicht mit einem Wort getadelt. Uns kann es aber ganz recht sein, wenn der Jewish Chronicle durch seinen unmotivirten Tadel gegenüber den Zionisten sich als unserer Sache gänzlich fernstehend zeigt, iumso vernichtender werden die Worte, die er den Herren Nathan und Konsorten widmet, wirken. Rundschau. Die Wahlen der Wiener kaufmännischen Angestellten. Mit dem Aufgebot aller Kräfte wird jetzt in Wien der Kampf um die Mandate des GehilfenaussChusses geführt. Alle Parteien führen ihn: die Sozialdemokraten, die Christlichsozialen sowie die Deutschnationalen (die zwei letzteren und die Nächte laing. Wir haben eine wenig blühende Natur, den größten Teil des Jahres sdhläft sie und der Großstädter — ach' — er sieht sie nur an Feiertagen. Der Mensch ist von Kopf bis zum Fuß dicht eingehüllt, kaum daß wir Seine Nasenspitze und kaum seine Fingerspitzen zu sehen bekommen. Woher und wann sollen wir uns für die Kunst Anregung holen? Der Künstler ist den größten Teil des Jahres im Häusermeer begraben, einem Gefangenen gleich, hockt er in Seinem Atelier, mit ärmlichem Zusammenhajig mit der Natur, dem Modell; welch trauriger Ersatz für das Leben! Wir sind so sehr an das Grau, an die Farblosigkeit gewöhnt, wir vertragen keine Farbe, kein Leben! Alles ist grau oder schwarz: das also ist der Abglanz auf der Kunst Westeuropas. Wie sollte es auch anders sein, ist doch die Kunst eine Neuschöpfung der Natur! Es ist ein Wunder, daß wir noch Farben auf Bildern vertragen; sie sind aber doch nur kleine Flächen auf Unseren Wänden! Wir sagen weiß oder schwarz wäre elegant. Was heißt das? Nichts anderesalsdekadent. Man ist so reizbar, daß man eben keine Wirkungen verträgt, es ist das Geberden von Kranken! Wenn wir die bemalten antiken Bauten oder nur Statuen vor uns hätten, würden wir sie. unangenehm empfinden. Wir können sie nur in dem verwaschenen und verwitterten Zustande goutieren; das ist für uns genug, mehr wäre zuviel. Eine (dekadente Welt! Hier konnte nicht die Kultur 'der Menschheit reifen, hier wird sie nur koinserviert, katalogisiert. — - Studium, nichts als Studium, keine Leidenschaft! Wir Juden sind ein orientalisches Volk. Wir haben mit unserer in Palästina zur Blüte gelangten Kultur der Menschheit den Stempel aufgedrückt, wahrscheinlich war auch unsere Kunst eine alle anderen semitischen Völker überals Liebespaar) mit allen Mitteln des modernen Lebens, in Versammlungen, in Zeitungen und durch schreiende Plakate. Nun geschah diesmal etwas Unerwartetes, ja mah könnte sagen, für die Kämpfenden entschieden Unangenehmes. Die Juden (besannen sich nämlich auf ihre eigene Würde und ihre eigenen Interessein und da sie die überwältigende Mehrheit der kaufmännischen Angestellten bilden, griffen auch sie in den Wahlkampf ein. Unerhörte Anmaßung! Anstatt sich wie seit Jahrzehnten von den deutschliberalen oder roten Assimilanten ins Schlepptau nehmen zu lassen und als zuverlässige Schutztruppe dieser Richtung in den Wahlkampf zu ziehen, wollen die Juden ihr Geschick nun selber in die Hand nehmen. Mit der nationalen Entwicklung der Juden haben sich alle Parteien wohl oder übel abgefunden, nur die „Arbeiter-Z eitung“ kann den Abfall der Juden immer noch nicht begreifen und noch weniger verschmerzen. Sie schreibt daher in ihrer maßlosen Wut : „Ein Wahlkampf soll auch des Humors nicht entbehren. Dafür sorgen diesmal Leute, die wirklich keine anderen Sorgen zu haben scheinen und bei den Angestellten für irgend eine jüdischnationale Idee krebsen gehen wollen. Haben die Angestellten die von antisemitischer Seite In sie hineingetragene Zersplitterung überdauert, so wird ihnen auch! wohl diese neueste Bewegung nichts enhaben können. Die Wiener Angestellten sind durch ihre, alten Machenschaften zum Trotz immer stärker gewordenen Einigkeit und Gel sChlossenheit zu einem außerordentlich bedeut- . samen Faktor geworden, und wohl die erdrückende Mehrheit der Angestellten sieht es ein, daß ihnen zu den bisher errungenen Erfolgenweitere Siege nur blühen können, wenn sie I unbekümmert um alle solche Machenschaften, [ unbekümmert um die Versuche, sie national oder konfessionell zu verhetzen, ihrer Ueberzeugung treu bleibt und ihrer Erkenntnis folgt.“ „Irgend eine jüdischnationale Idee“ ist gut Nur scheint das Gedächtnis der Arbeiter-Zeitung — allzukurze Beine zu haben, sonst hätte sie dies unmöglich niederschreiben können. Wir erinnern an die letzten Reichsratswahlen in der Leopoldstadt, wo irgend eine jüdischnationale Idee den Herrep von der Arbeiter-Zeitung sehr, ragende. Es gab damals poch keine überflüssigen Kritikaster, die sich von dem Fette undr dem Marke anderer genährt hätten. Was uns die Ueberlieferung von der Kunst berichtet ist genug, sie aller anderer voranzusetzen. Dort in dem blühenden Lande, dort in der Scume ist die schöpferische Zukunft der Kunst! Die Kunst ist die Blüte auf dem Bäume des Handwerks. Wir wollen also erst den Baum pflanzen, ihn zur vollen Entwicklung kommen lassen und er wird Blüten tragen. Das wird unsere Kunst sein! Wir brauchen die Möglichkeit des Anknüpfens an unsere Tradition und ich denke mir das am besten in der Weise gelöst, daß wir in Jerusalem ein Museum der semitischen Kunst gründen. Ansätze dazu sind vorhanden und können dazu benützt werden. An das Museum sind Handwerkerlehrwerkstätten zu errichten, geleitet von einem Architekten, dem Werkführer der einzelnen Handwerke der Architektur, der Industrie und des Kunsthandwerkes unterstehen und an den einzelnen Werkstätten mit den Schülern arbeiten. Diesen Werkstätten parallel gehen Vorträge und Uebungen in den bezüglichen Hilfswissenschaften und Fertigkeiten. Die Besten, die Auslese, werden zum. freien Künstlerberuf des Architekten; des Malers Und Bildhauers herangezogen. Doch soll der Weg zu der weiteren Ausbildung für diese Berufe nur äußerst vorsichtig geöffnet werden, um brotlose Existenzen zu vermeiden und nicht der Mittelmäßigkeit die Hand zu bieten, sich breitzumaChen. Die künftige Akademie wäre auch der Sammelpunkt der jungen jüdischen Künstler der Diaspora, die . sich hier zur letzten Ausbildung und znr anregenden Zusammenarbeit einfinden würde, wo auch der Sitz der künftigen Organisation der jüdischen Künstler wäre. Kunst ist der Aufdruck der Volksseele. aber sehr unangenehm wurde, so daß die Sozialdemokraten gezwungen waren, in der von ihren Führern verfemten und verhöhnten jüdischen Sprache in schöner hebräischer Quadratschrift ( oh, dieses Ueberbleibsel des jüdischen Klerikalismus!) Wahlaufrufe drucken zu lassen und daß zuguterletzt Genosse Austerlitz imeigenen Blatte feststellen mußte, daß die KTeinbourgoisie im Lager irgendeiner jüdischnatiohalen Partei stehe. Wir wollen dafür sorgen, daß die Genossen mit irgendeiner jüdischnatiomalen Idee fürderhin in nähere Bekanntschaft treten! * Rußlands Fühler. Es bedarf keiner neuer Beweise mehr, um darzulegen, wie elend es um die Lage der Juden im Reiche des weisen Zaren bestellt ist. Jeder fühlt es, auch wenn er nicht von neuen Verfolgungsnachrichten aus dem russischen Reiche hören will und sein Herz gegen die Not der russischen Judeinschaft bereits abgestumpf hat Das Mißlingen der Beileis-Affäre, die so schön eingefädelt war, hat die russische Bürokratie in Wut und Verzweifluhg versetzt und nun trachtet sie nach allen möglichen und unmöglichen Mitteln, um den Juden beizukommen, und die erlittene Schlappe wettzumachen. So denkt sie an die Einführung des Schächteverbotes, was für unsere Brüder in Rußland naturgemäß einen furchtbaren Schlag bedeuten würde. Der Grund hierfür ist selbstverständlich in der großen Tierfreundlichkeit der Petersburger Regierung zusuchen. Vota der „Nowoje Wremja“ und anderen Regierungsorganen werden Tag für Tag neue Ritualmordlügc© verbreitet, die trotz ihrer Albernheit nicht verfehlen, die gewünschte Wirkung hervorzurufen. Die wirtschaftliche Schädigung der Juden wird auf allen Gebieten gefördert, die Advokatenlaufbahp soll für sie gesperrt werden, kurz und gut Bosheit und Haß sind jetzt die erfolgreichsten Ratgeber der russischen Regierung in ihrem Verhalten zu der jüdischen Bevölkerung. Seit letzter Zeit begnügt sich aber die Regierung nicht mehr mit der Riesenfläche des russischen Staates, sie versucht es auch hn Auslande Lorbeeren zu ernten. Zur Zeit des Betlis-Prozesses ersuchte Rabbi Chajim Nochum, Chacham-Baschi des ottomani- Dort würden Jucfeh unter Juden auf jüdischem Boden reine Töne ihren Herzen entströmen. Wir werden eine nationale Kunst haben! Die Kunstjünger werden nach einigen Jahren ernster Arbeit wieder in die Diaspora zu den ihrigen zurückkehren und werden ein Stück des Lichtes von Jerusalem mitbripgen; des Lichtes, das endlich über die gajnze Erde erstrahlen wird. So tarie unserer Heiligen Schrift (die Grundsätze der Ethik und Moral mit ehernem Griffel aufgezeichnet sind, so sind in der alten Kunst die Gesetze der Kunst geschaffen, wie dort die Gesetze des Lebens. Wir müssen sie uns aneignen und unsere künstlerischen Erlebnisse von der Natur werden Kunst Im höchsten Sinne sein. Wir dürfen uns nicht vorstellen, daß diese Kunst der alten gleich sein wird, sie wird sich von ihr wesentlich unterscheiden, so wie sich eben der Enkel von seinem Ahnen unterscheidet Die Kunst ist der Ausdruck der Persönlichkeit, der Ausdrude der Zeit und wir sind doch andere Menschen als die der Zwölfstämme. Wir werden unsere Vergangenheit nicht ungeschehen machen, wir sind, ob wir wollen oder nicht, ihr Produkt Ich kamr beute kein fertiges Bild der jungjüdischen Kunst geben, auch stecke ich als Künstler zu sehr darinnen, um (genug objektive Schlüsse zu ziehen. Ich weiß nur, daß die Kunst der Neujuden groß! sein wird, so groß wie alle anderen Schöpfungen auf den Gebieten der Kunst und Wissenschaft, die wir in einem jüdischen Palästina zu erwarten haben, und daß das jüdische Volk noch immer so viel Kraft in sich hat uni sich | in seinen neuen Leistungen würdig an die Seite; der vergangenen zu stellen, wenn, nicht sie zu überbieten. ooo g-T^r?- fl ff*."'fr-*' ■: {

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