Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 9 Jungen als Grundlage, folgende Beschlüsse gefaßt: § l a. Gleich von Anfang an, werden Mathematik und Physik in hebräischer Sprache unterrichtet. b. In neu abzuschließenden Verträgen mit Lehrern wird ein Passus aufgenommen, laut dem sie sich verpflichten, vier Jahre nach ihrer Anstellung das Hebräische zu beherrschen. e. Nach dem Ablauf des ersten vierjährigen Kursus am Technikum wird das Kuratorium1 in Beratung treten, welche Gegenstände nach der derzeitigen Ent- Widcelung der hebräischen Sprache und der hebräischen Unterrichtsmittel der hebräischen Sprache überwiesen werden können. _§ 2. Bei Anstellung von Lehrern müssen sämtliche Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses befragt werden. Die Entscheidung fällt mit Majorität. § 3. Ins Kuratorium werden anstatt der drei ausgeschiedenen Mitglieder drei andere Zionisten kooptiert, von denen zwei dem geschäftsführenden Ausschuß angehören. Die. neuen zionistischen Mitglieder des Kuratoriums. Wie wir in letzter Stunde erfahren, werden ins Kuratorium folgende Zionisten kooptiert werden: Dr. Martin Bull er, Leo Motzkin und Prof. Dr. Chaim Weitzmann. Die zwei Erstgenannten werden auch dem Geschäftsföhrenden Ausschuß angehören. * Die Wirkungen der antizionistischen „Erklärung“. Die Erklärung gegen den Zionismus, die das antiziotnistisdie Komitee vor einiger Zeit im Inseratenteil der deutschen Tageszeitungen veröffentlichte, hat auch in den besonnenen nichtzionistisdien Kreisen der deutschen Judenheit wenig Anklang gefunden. So nahm einer der angesehensten deutschen Rabbiner, Herr Kirchenrat Dr. Krön er in Stuttgart, Veranlassung, in öffentlicher Predigt seinem Schmerze darüber Ausdruck zu geben, daß sich deutsche Juden soweit hätten vergessen können, gegen die eigenen Brüder vor aller Welt unberechtigte Anklagen zu erheben, die geeignet seien, über die ganze deutsche Judenheit Unheil heraufzubeschwören. Das Zentralorgan der deutschen orthodoxen Juden, der „Israelit“ in Frankfurt a. M., der aus religiösen Gründen eine entschieden gegnerische Stellung zum Zionismus einnimmt, schreibt u. a.: „Eine von kraftvollem Idealismus erfüllte Bewegung wie den Zionismus schlägt man nicht durch Verrufserklärung tot, und es ist namentlich nicht zu verantworten, daß das Komitee, statt den Kampf auf den innerjüdischen Kreis und auf die jüdischen Blätter zu beschränken, die politische Tagespresse in diese Streitigkeiten hineinzieht und dadurch den peinlichen Schein erweckt, als handle es sich um eine leise Verdächtigung der patriotischen Gesinnungen der Zionisten. Wir glauben nicht, daß das Komitee damit den Beifall der jüdischen Oeffentlichkeit finden wkd.“ Auch die Großloge für Deutschland des Ordens „Bne Brith“ (U. O. B. B.) veröffentlicht eine Erklärung, in der sie sich gegen die häßlichen Formen wendet, die der jüdische Parteienkampf in letzter Zeit angenommen hat. Als Erwiderung auf die Erklärung des antizionistischen Komitees veranstaltet die Zionistische Vereinigung für Deutschland in fast hundert Städten des Deutschen Reiches öffentliche Versammlungen, in denen der Zionismus zur Diskussion gestellt und gegen die Kampfesmethode der Antizioinisten protestiert werden soll. Bisher haben solche Versammlungen u. a. in Berlin, Leipzig, KSir'gsberg i. Pr., Duisburg, Lübeck, Samter, Kiel, Aachen, Krefeld, Hagen i. Westf., Beuthen, Hamborn, Braunschweig, München, Fulda, Wronke, Chemnitz, Gollub, Halberstadt, Mülhausen i. Eis., Velbert und Eydtkuhnen stattgefunden. Der Streit beschäftigt im übrigen die ganze Oeffentlichkeit in Deutschland. So brachte die „Frankfurter Zeitung“ im Laufe einer Woche drei Aufsätze über den Sprachenkampf. Auch die sozialdemokratische Monatsschrift „Die neue Zeit“ behandelte in einem Aufsätze Eduard Bernsteins die Technikumfrage. — * Ein nicht zionistisches Organ über das Vorgehen des Hilfsvereines. Der Londoner „Jewish Chronicle“, bekanntlich ein durchaus jiichtzionistisches Organ, fällt über das Vorgehen der Herren Simon und Nathan, welche im Inseratenteil deutschliberaler Blätter Angriffe auf den Zionismus veröffentlichten folgendes vernichtendes Urteil: „Wo immer auch recht oder Unrecht in dem Sprachenstreit liegt, darüber, wie er weitergeführt wird, kann keine Meinungsverschiedenheit herrschen. Die Gegner des Zionismus haben es für passend gefunden, den Streit in die allgemeine Presse zu tragen. Erklärungen sind durch sie in den hervorragenden Zeitungen inseriert worden, in denen der Zionismus denunziert und eine endgültige Scheidung von ihm proklamiert wird. Die ganze Welt wird zum Zeugen dieser Spaltung in der jüdischen Gemeinschaft gemacht. Wir zögern nicht zu sagen, daß dies ein b eschämendes, skandalöses und abscheuliches (shameful, scandalous and abominuble) Vorgehen ist, darauf angelegt, WSSSfß .Meinus Ü!§emarmS! Bestes Obst in der bekömmlichsten Form Frei von allen künstlichen Zusätzen. MARMELADE Eenilleton. flnf öem Vege zur jungjüöilcfien Kunst. Von Architekt Dr. tedin. Berthold Marmor stein. (Schluß.) _ Wir müssen uns die Länder des Eufrat und Tigris, Mesopotamien, Kanaan, Aegypten auch auch Teile Kleinasiens auf einer ganz hohen Kulturstufe denken. Hammurabis Gesetze in Stein gemeißelt liegen entziffert vor uns und mögen sie audi von den Sumnieren oder woher immer stammen. Tatsache ist, daß sie eine hohe Kultur dokumentieren. Die Baukunst steht auf einer hohen Stufe, die Plastik könnte heute von den besten Künstlern nicht naturalistisch wahrer, nicht stilistisch so wertvoll gemacht sein. In diese Zeit fällt der erste. Bericht von unseren Ahnen mit sorgsamer Familiengeschichte. Sie waren im Besitze der Kultur derfZeit und ihren Besten, die nach dem Süden wanderten — begegnen wir in Aegypten, in einem Bilderfries, der sie als Juden und Jüdinnen in hochkultivierter Tracht mit künstlerischen Geräten und Instrumenten schilderte. Kein Hirtenvolk, wie man sich vielleicht die Nomadenwanderungen der nichtzivilisierten indo-germanischen europäjschen Stämme vorstellt, vielmehr ein Nomadenvolk mit, höchster Kultur, ein freies Volk wohl von Hirten, doch bereits mit dem Wissen, der Religion, der Kunst, dem Handwerk, den Sitten und Gebräuchen eines bereits fertigen Volkes Was uns die Bibel und die Forschungen über die Kunstwerke der nachfolgenden dauernden Ansiedlung in Palästina berichten, gibt uns die Anschauung, daß wir es mit einer vollkommen eigenartigen Kunst des jüdischen Volkes zu tun haben, die wohl mit anderen Semiten nahe verwandt ist, doch dabei vollkommen selbständig, eigenartig und in ihrer Blüte in überragender Höhe dagestanden haben muß. Wenn ich alles an dichterischem Schwung der Beschreibung der Bauten Salomons von der nackten Beschreibung abziehe, verbleibt in meiner Vorstellung genug um sicher zu sein, daß diese alles jemals an Schönheit Dagewesejne überragt haben muß. Man könnte einwenden, daß die Bauten von den Phönikern gemacht worden sind, ich kann jedoch ruhig antworten, daß dieses ein ausgesprochenes Industrie- und Handelsvolk war, das in manchen Techniken, wie zum Beispiel des Bronzegießens sehr bewandert war und vielleicht vom Genie des Judentums zu diesen Arbeiten verwendet wurde. Das schmälert den Ruhm des Judentums gar nicht. Wahrscheinlich haben die Hebräer in technischer Hinsicht von ihnen, den damals länger seßhaften, wieder lernen müssen. Das hat nichts zu sagen. Der Schöpfer einer Symphonie schämt sich’nicht, das •Flügelhorn nicht so _gut blasen zu können, als .der Musiker im Orchester. Es ist nur interessant zu konstatieren, daß die Kunst der Hebräer gegen die Kunst der Aegypter, obwohl sie diese wahrscheinlich gekannt haben, verschieden ist. Das besagt nur, daß die Kunst der Hebräer noch aus ihren Ursitzen stammend, sich selbständig entwickelt hat und sich der damaligen Moderne der Assyrer in .gleicher Zeit ähnlich entwickelte. Es ist sehr bedauerlich, daß sich so wenig Forscher unserer Nation mit der Geschichte der semitischen Völker befassen. Die Forschung in Palästina ist noch ein fast ganz bracher Boden, kaum sind noch die ersten Furchen geführt worden. Es ist dies sehr bedenklich, denn die Geschichte unseres Volkes ist unter der Erde; vergraben. Ich wünsche es sehnlichst herbei, . daß sich Männer aus unserer Mitte finden, die diese Arbeit vollführen, nicht nur mithelfen, sondern an der Spitze der Arbeiten in der Sache, die unsere Sache ist, stehen.*) Wenn wir an den kulturellen Dingen unserer Nation ein Interesse haben, so erachte ich die hier besprochene Arbeit als eine der wichtigsten. Ich bin sicher, daß wir die weitestgehende materielle Unterstützung nicht nur in den Reihen der Zionisten fänden, sondern auch von der Seite der Nichtzionisten. Ich weiß, daß die Arier vornehmlich in ihren Forschungen vom privaten jüdischen Kapital unterstützt sind, das bekämen wir doch wahrscheinlich auch. Die Forschung ist bis vor kurzem ganz von Ariern geleitet worden und ist natürlich ganz arisch gefärbt, umgefä-bt. Wer weiß, wie viel sie verschweigen und man kann nicht einmal zwischen den Zeilen das für uns interessante mehr lesen. Wenn ich die Berichte über die Forschungen studiere, so kommt es mir ebenso vor, als wollte ich die jüdische Geschichte aus einem Buch der Weltgeschichte, das von einem Arier verfaßt worden ist, erfahren. Man weiß, wie unsere Geschichte dabei wegkommt. Es wäre daher zu hoffen, daß wir bald in Jerusalem ein eigenes Institut für Palästinaforschung haben werden. * Die Sonne ist die Schöpferin alles Lebens, sie ist auch die Schöpferin aller Kunst. Die Kälte kann nur konservierend wirken. Wie wenige nur halbwegs sonnige Tage haben wir, sie reichen kaum aus, um unsere Lebensenergie ein bißchen zu rekcinstruieren. Der weitaus größte Teil des Jahres ist trübe und kalt, die Tage kurz *) Wir verweisen auf die in allerletzter Zeit von jüdischer Seite in Angriff genommenen Ausgrabungen in Palästina, denen Baron Edmund Rothschild ein besonderes Interesse entgegenbringt. (Anm. d. Red.)