Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 8. ungarischen und 6 der deutschen Chalukagemeinde; 85,5% aller Schüler sind in Palästina geboren, und in Mitteleuropa ein einziger (!). Man sieht also aus diesen Zahlen, wie ungeheuer groD das Bedürfnis nach einer national-deutschen Erziehung an der Lämmelschule ist. Herr Dr. Paul Nathan hat das Recht, preußisch und germanisatorisch zu wirten, soviel er will. Aber nicht mit dem Geld, und nicht in einer Schule der Wiener Judenschaft Dies werden wir mit allen Mitteln zu verhindern wissen. Wir erwarten aber auch, daß sich die Wiener Kultusgemeinde ihrer Pflicht gegen diese alte Wiener Schule bewußt werde. Wir verlangen die Uebernahme der Schule durch die Wiener Kultusgemeinde! Wird es nicht mit dem Präsidenten gehen, dann wird es ohne und gegen ihn gehen. Wir haben ihm auch schon Vorschläge erstattet welche der Kultusgemeinde die Erhaltung der Schule bedeutend erleichtern. Diese Vorschläge sollen hier später erörtert werden. Die Leitung der Lämmelschule stemmt sich mit albernen Mitteln gegen den Gang der Entwicklung des jungen Palästina; vielleicht ist die Lämmelschule gut preußisch, jüdisch ist sie nicht Und noch etwas! Nach dem Wortlaut des Stiftsbriefs soll die Läjrimelschule u. a. jenen Sinn wachrufen, „welcher der Keim ist für jede Bürgertugend und echte begeisterte Vaterlandsliebe zunächst für das große glorreiche Oesterreich“. Der Herr Präsident Dr. Stern möge sich die Frage vorlegen, wie dieser Stiftungszweck derzeit angestrebt wird. Der Kampf um die hebräische Sprache. Da einerseits die von uns eingerichteten neuen hebräischen Schulen in Palästina bereits seit Monaten ungestörtem Betriebe, tsind und. anderseitsder -Hilfsverein, von der Mehrheit der Kuratoriumsmitglieder in Stich gelassen, von der jüdischen Oeffentlichkeit und der jüdischen Presse befehdet, entlarvt dasteht, ist eigentlich der Kumpf entschieden. Ja, er ist selbst dann entschieden, wenn die Herren Nathan und Simon in der am 22. d. M. stattfindenden Sitzung des Kuratoriums ihre Demission zurückzögen und weiterhin an dessen Spitze verblieben. Wenn der Sprachenkampf trotzdem in verschärfter Form weitergeführt wird, muß vor aller Oeffentlichkeit festgestellt werden, daß nicht der Zionismus, sondern seine Gegner es sind, die allein die Schuld daran tragen. Man beginnt nämlich jetzt von der Seite des Hilfsvereins eine neue Taktik anzuwenden. Nachdem man sich in der eigentlichen Frage, die den Kampf hervorgerufen hat, eine so arge Niederlage geholt hat, sucht man die Schlappe dadurch wieder gut zu machen, daß man das Objekt des Kampfes völlig verrückt. Man beginnt den alten Popanz der Zionistenfurcht wieder hervorzuholen und will aus dem Kampf um die hebräische Sprache einen Kampf um den Zionismus machen. Rache am Zionismus! das ist die Parole, unter der die Männer des Hilfsvereins jetzt den Kampf fortsetzen, und mit dieser Parole war es ihnen leicht, einen rührigen Bundesgenossen zu finden: in dem famosen Antizionistischen Komitee. Die neue antizionistische Phalanx hat sich bereits gleich zu Beginn ihres Rachefeldzuges zu einer solchen Handlung hinreißen lassen: sie hat im Annoncenteil von vier bedeutenden allgemeinen liberalen Zeitungen Deutschlands eine Erklärung veröffentlicht, die sich ganz wie ein Cherum liest; sie hat gegen den Zionismus ihren Bannstrahl geschleudert und erklärt, in keiner jüdischen Organisation mehr mit den Zionisten Zusammenarbeiten zu können. Wir müssen gestehen, daß wir im ersten Moment, als wir diese Erklärung lasen, aufs höchste erstaunt waren; so sehr wir auch die Rachegefühle, die jetzt die Herren des Hilfsvereins und des Antizionistischen Komitees beherrschen, verstehen können, zu einem solchen Schritte hätten wir sie dennoch nicht für fähig gehalten. Man bedenke, was diese Erklärung bedeutet: im Annoncenteil nichtjüdischer Zeitungen versucht man die heiligsten jüdischen Fragen zu lösen; auf denselben Spalten, auf denen Champagnerfirmen die Güte ihrer Produkte ausposaunen und Kinematographen die neueste Rolle Asta Nielsens annoncieren, versuchen Juden von Rang und Titel, den größten und bedeutsamsten innerjüdischen Kampf, den das moderne Judentum, den das Judentum seit 2000 Jahren überhaupt kennt, auszukämpfen. Und das tun dieselben Leute, die es dem Zionismus immer zum größten Vorwurf gemacht haben, daß sie innerjüdische Angelegenheiten vor ein nichtjüdisches Forum bringen; das tun dieselben Leute, die bisher in all ihrem jüdischen Tun und Lassen sich nur von einem Motiv leiten ließen: von der Sorge, ja kein „Risches“ zu machen. Und wer hat. diese „Flucht in die Oeffentlichkeit“ unternommen? Eine große Anzahl wohl ausnahmslos höchst ehrenwerter Leute mit klingenden Titeln. Die Titel würden uns nicht schrecken; da der zionistischen Partei so viele Akademiker angehören, die bloß noch jung sind, wird es gar so lange nicht dauern, bis auch wir viele Freunde besitzen werden, die auf Grund ihrer Jahre den Justizrats-, Sanitätsrats- und wohl auch den Geheimratstitel ihr eigen nennen werden. Was uns nahegeht, das sind die Namen. Und da wissen wir zu unserem Tröste, daß bei weitem nicht alle, deren Namen die „Erklärung“ der Antizionisten zieren, mit ihr auch einverstanden sind. Wir wissen, daß mancher von ihnen gar nicht wußte, worum es sich handelte, als man ihn um seine Unterschrift drängte, daß mancher, der ein entschiedener und erklärter Antizionist ist, doch die Form dieses Angriffs entschieden mißbilligt und diese seine Mißbilligung den Urhebern in unzweideutiger Weise mitgeteilt hat. Das „Inserat“ hat nicht verfehlt, in allen jüdischen Kreisen, selbst in solchen, die den Offiziellen sehr nahe stehen, das größte Befremden, ja sogar Empörung über diesen von der Rachegier eingegebenen Schritt auszulösen. Prompt erfolgte die Antwort unserer deutschen Gesinnungsgenossen. Einige Tage nach dem famosen Inserat der „Notabein“, wie sie sich so gerne nennen lassen, erschien in denselben Tageszeitungen ebenfalls im Inseratenteil folgende, eine halbe Zeitungsseite umfassende Erwiderung: Der Zionismus. Inserate sind nicht der Weg, um Ideenkämpfe auszufechten oder interne jüdische Differenzen zu erörtern. Unsere Arbeit geht weiter. Sie kann nicht dadurch gefährdet werden, daß Angehörige unseres Volkes-denen in den Rücken fallen, die Feuilleton. Auf dem Wege zur jnngjüdischen Kunst. Von Architekt Dr.techn. Berthold Marmörstein. Der Mensch hat vom Atomente seiner Existenz den Drang zur Erkenntnis. Er bringt nach seinem Vermögen und mit ihm eigenen Mitteln Nachschaffungen von der Natur hervor, die ihm einen Halt geben. Der Herr sprach: „Der Mensch ist worden wie einer von uns.“ Er verherrlicht sein Dasein durch die Religion, die Kunst, die Wissenschaft und macht die Kräfte der Natur in der Technik dienstbar. Das Wesen dieser menschlichen Schöpfungen ist nicht unterschiedlich, die Neuschöpfungen haben den gleichen Ursprung und das gleiche Ziel. Der Ursprung ist der mit Naturnotwendigkeit auftretende Drang nach Erkenntnis und das Ziel der Halt, die zeitliche Befriedigung, der sich in diesem Streben verzehrenden Menschen. Die Religion, die Kunst, die Wissenschaft wie die Technik sind befähigt, dem Menschen zum Heil, zur Befriedigung zu werden. Der Einsichtige wird keiner dieser Erscheinungen den Vorzug geben können und im Gegenteile wünschen, daß sie stets im angestrengtestem Eifer um die Palme ringend bleiben. Sie zeitigen dem Menschen innere Werte, um die es mir zu tun ist, die gleich wertvoll sein können. Es ist eine Unwahrheit, zu behaupten, daß unsere moderne Welt im Zeichen der Technik steht und diese ihr alleiniges Ziel ist und ein Irrtum, mit ihr allein den Fortschritt und das Heil der Menschheit in Verbindung zu bringen. Das Ueberhandnehmen des Merkantilismus, des Industrialismus auf dem Rücken der Technik ist eine krankhafte Wucherung und bedingt das Schwinden des Glückes aus dem Leben der Menschen. Das Streben nach äußeren Glücksgütern ist ein sehr bedauerliches Merkmal unserer modernen Zeit und leider in unserem Volke sehr verbreitet. Wollen wir.das Heil der Armen und der armen Reichen, so suchen wir ihnen innere Werte zu geben. Der Quell, aus dem die Menschheit durch Jahrtausende gelabt wurde, er ist arg getrübt, ja verschüttet. Ueber keine Kunst' sind bei Künstlern wie Liebhabern so falsche Begriffe verbreitet, .als über die bildende Kunst Der Grund ist naheliegend: der Ausdruck dieser Kunst ist eine direkte Nachschaffung der sichtbar materiellen Natur und wird immer schlechter, je geringer die Anschauung des natürlichen Lebens wird, je weiter wir uns vom unmittelbaren Zusammenhang mit der Natur entfernen. Die bildenden Künste teilen sich nach ihrer Darstellungsform in die Kunst der Bildnerei und die der Alalerei. Die Darstellungsform der ersteren ist materiell, sie formt im Stoff die Natur nach, die Malerei täuscht uns die Nachschaffung der sichtbar materiellen Natur auf der Bildfläche vor. Sie sehen keinen Wesensunterschied der beiden Ausdrucksformen der bildenden Kunst Der Unterschied besteht nur in den verschiedenen Ausdrucksmitteln; einmal ist es die Materie selbst, ein zweitesmal ihre Erscheinung auf einer Bildfläche. Jedes Kunstwerk - erfüllt ein Programm. Keine Kunstäußerung kann dieser notwendigen Grundlage entbehren und wir kommen aus dieser Wesenseigenschaft des Kunstwerkes zu einer anderen Einteilung der bildenden Künste, ie nach ihrem Programm. Es handelt sich um die künstlerische Ausgestaltung von handwerklichen Schöpfungen des Menschen nach Befriedigung der utilitären Forderungen verschiedenster Art und seine künstlerischen Schöpfungen mit rein idealem Programm. Ein Wesensunterschied dieser beiden Kategorien besteht nicht; die eine wie die andere sind Produkte der Bildnerei und der Malerei, die zweite aus der ersten hervorgegangen, dem utilitären Rahmen entwachsen und mobil geworden, ohne daß dies — wie irrtümlich angenommen wird — einen Wertungsunterschied bedeutet. In die erste Gruppe fällt das architektonische Kunstwerk und das Kunstgewerbe, in die zweite Gruppe die Bildhauerei und die Staffeleibildmalerei. Eine Graduierung von Kunstgattungen in niedere . und höhere fällt uns in keiner Kunst ein und ist natürlich auch in der bildenden Kunst vollkommen gewaltsam. Das Lied hat gegen die Oper und das Gedicht gegen das Drama nur die Stellung des unterschiedlichen Programmes, aber keine absolute Wertgraduierung. So verhält sich ein kleiner Kunstgegenstand gegen einen umfangreicheren nur nach der Verschiedenheit seines1 Programmes, was den absoluten Wert nicht tangiert, soweit die Wertgraduierung nicht nach dem der Natur entlehnten Apparat von nieder und höher anzusprechenden Naturobjekten entspricht und wir im Menschen ein höheres Naturobjekt als in der Pflanze ansprechen. So hoffe ich, daß es mir gelungen ist, das Gebiet der bildenden Kunst klarzulegen, das Wirrwar der Erscheinungen in dieser Kunst zu einer Einheit zu gestalten und die organische Einteilung zu entwickeln. Wir leben im Zeitalter der Spezialisierungen in unserer industrialisierenden Zeit, der-sich niemand ohne empfindlichsten materiellen Schaden entziehen kann. Der Architekt drechselt Zinsfassionen und sein Haus stürzt ein, der Jourmaler malt Frau Kommerzienrat in letzter Poirettoilette d la Gainsborough. Wehe wenn sie einmal den Spaß machen wollte, sich ohne Toilette malen zu lassen, er müßte die Kundschaft weiter gehen lassen! Der Bildhauer weiß einen Portraitkopf zu meißeln, man wird ihm keine Architekturplaslik anvertrauen, unsere Tischler, der eine weiß die Platte zu machen, der andere den Fuß, es ist ein Jammer! Das hat der Industrialismus zuwege gebracht, wir sind von ihm immer weiter getrieben worden, wir beten ihn an, wir sind seiner nicht mehr Herr, wir sind seine Sklaven geworden. Wer revoltiert, wird unbarmherzig zermalmt. In der Kunst haben wir keine Kunsthandwerker mehr, die Rasse ist ausgestorben. Wir haben nur mehr Industrie, die Sachen haben wohl den äußeren Schein, das ist gewiß, aber der Wert ist gleich Null. Wir haben im allgemeinen keine Kunst mehr, nur Märke. Halten wir einen Moment stille und untersuchen wir, ob .wir den richtigen Weg gehen. Gehen wir eine große Wegstrecke zurück, vielleicht sehr weit zurück, und wir finden, daß wir uns arg verirrt haben. Lesen wir das Hohe Lied und-wir werden uns sagen, daß es von einer Schönheit, Leidenschaft und Höhe ist, mit der. kein ähnliches Produkt-eines Volkes und einer Zeit den Vergleich aushalten kann. Lesen-wir .welchen .Teil immer unserer Heiligen Schrift und vergleichen wir