Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NRTIDNRL -JUDI5CHE5 ORGRN JM« l ■■■■■■■■■■■ ■■■■■■■■■■• mMumk ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. I. — Sprechstunden täglich von | _ 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurQckgestellt. —.Abonnementspreise: Für Oesterreich- _ “ Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk, 10.—, halbjähr. Mk. 5.-, Vierteljahr. ™ B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. | Nr. 8. Wien, Freitag, den 20. Februar 1914. VIII. Jahrgang. Die Notwendigkeit der Bekernähme der Lämmelschnle durch die Wiener Kultnsgemeinde. . Von.Dr,:Jakob Ehrlich, Mitglied des Wiener Kultusvorstandes. Der Kampf um die hebräische Sprache in Palästina hat das Interesse für die Lämmelschule wieder in den Vordergrund gerückt. Und da kommt man nach dem vorliegenden authentischen Material zur Ueberzeugung: aus dieser österreichischen Stiftung ist dank der vollständigen Unzulänglichkeit des Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde ein preußisches Institut mit germanisatorischen Tendenzen geworden; eine Schule der Wiener Kultusgemeinde ist durch einen frechen Handstreich, zu dessen Abwehr der angeblich so energische Herr Dr. Stern auch nicht den Finger gerührt hat, ohne Spur eines Rechtstitels vom Hilfs.v.erein der Deutschen Juden als Eigentum dieser Vereinigung usurpiert worden. Um das Ungeheuerliche dieses Vorgangs und die ganz unglaubliche Indolenz und rührende Unbehölfenheit des Wiener Kultusgemeindepräsidiums vollständig erfassen zu können, ist eine kurze Skizzierung der Geschichte der Lämmelschule notwendig. Frau Elise Herz, geb. Edle von Lämmel, hat um das Jahr 1850 in Jerusalem eine Schule (ursprünglich Kinderbewahranstalt) errichtet und der Wiener Kultusgemeinde im Jahre 1855 eine Stiftung im Betrage von 100000 K mit dem Auftrag hinterlassen, aus den Zinsen der Stiftung die Schule zu erhalten. Die Kultusgemeinde hat sich um die Schule offenbar niemals gekümmert und so kam sie bald in Schwierigkeiten. „Der Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina“ mit dem Sitz in Frankfurt a. M., welcher für seine Schützlinge bis zum Jahre 1887 eine eigene Schule erhielt, vereinbarte am 24. Juli 1887 mit der Wiener Kultusgemeinde, daß die pädagogische Leitung der Lämmelschule an die Direktion der Waisenanstalt und die administrative Leitung dem Frankfurter Verein übergeben werden solle. Dieser übernahm damit auch die Sorge für die Erhaltungskosten, hatte jedoch den Vorteil, daß seine Waisenkinder in der Lämmelschule den Unterricht genossen und er somit seine eigene Schule aufgeben konnte. Kommt diese Vereinbarung schon fast einer vollständigen Preisgabe der Lämmelschule gleich, immerhin wurde an den Eigentumsverhältnissen nichts geändert und bezüglich der Unterrichtsverwaltung wurde der Kultusgemeinde die Bestellung eines Delegierten mit Sitz und Stimme überlassen. Diese ursprünglich für 10 Jahre getroffene Vereinbarung wurde nicht erneuert, von der Kultusgemeinde jedoch als stillschweigend fortgesetzt angesehen, denn sie zahlte an den Frankfurter Waisenverein alljährlich die Stiftungszinsen und eine Subvention von 2000.— K. Etwa vor 14 Jahren suchte David Jellin die maßgebenden Personen der „Ica“ in Paris, London und Brüssel auf und veranlaßte die „Ica“, der Lämmelschule den Betrag von 70000 K für die Errichtung eines Schulgebäudes zu spenden. Dieses neue Schulj gebäude wurde auch errichtet. Es ist nicht j anzunehmen, daß die „Ica“ bei der Ueber- | Weisung dieses Betrages an die Förderung deutscher Reichsinteressen gedacht hat. Vor etwa acht Jahren hat schließlich der „Hilfsverein deutscher Juden“ die Lämmel-* schule zu subventionieren begonnen. Und mit Zuschrift vom 7. August 1911 hat dieser Hilfsverein die Wiener Kultusgemeinde verständigt, daß die Lämmelschule durch Vertrag mit dem Frankfurter Verein in die Verwaltung und in das Eigentum; des Hilfsvereins deutscher Juden über-; gegangen sei. An diese Mitteilung wurde I die gnädige Erlaubnis geknüpft, die Kultusj gemeinde dürfe auch weiter die Lämmelschule j mit den Stiftungszinsen und Subventionen i unterstützen. i Also: die Lämmelschule war zwar niemals Eigentum des Frankfurter Waisen Vereins, i aber nichtsdestoweniger, hat er angeblich das.' Eigentum an der Schule an den Hilfsverein übertragen; und der Hilfsverein Hat die maßlose Kühnheit, eine Schule, die er weder gegründet, noch erhalten, noch auch nur längere Zeit unterstützt hat, ganz einfach im Wege der Okkupation wie ein herrenloses Gut einzustreichen! Die Wiener Kultusgemeinde hat zwar im Jahre 1887 dem Frankfurter Waisenverein die Verwaltung, und zwar nur die Verwaltung der Lämmelschule übertragen; es war also schon die eigenmächtige Uebertragung der V erwaltung an den Hilfsverein ein Akt der Willkür ohne jede rechtliche Bedeutung, von der Uebertragung des Eigentums schon gar nicht zu sprechen. Die Wiener Kultusgemeinde wurde nicht einmal gefragt, welche Bagatellisierung sie im Grunde genommen redlich verdient hat Was tat aber Herr Doktor Stern, der sich bekanntlich für Palästina so außerordentlich interessiert und der die Geschäfte der Kultusgemeinde mit der berühmten „eisernen Hand“ führt? Er war nicht einmal neugierig, die näheren Bestimmungen des Vertrages zu erfahren, ja er hat sich nicht einmal das vom Hilfsverein behauptete Uebereinkommen vom Frankfurter Waisenverein bestätigen lassen, er hat kein Wort des Widerspruchs gefunden und hat auch nicht eine Beschlußfassung des Kultusvorstandes herbeigeführt. Wahrhaftig, eine zielbewußte und mannhafte Vertretung der Interessen der Wiener Judengemeinde! Es kommt aber noch besser. Im Herbst 1912 erstattete der Gemeinderabbiner Dr. Grunwald einen ausführlichen Bericht an den Präsidenten der Gemeinde über seine Palästinareise. In diesem Bericht wies er auf den ganz unhaltbaren Zustand hin, machte sehr richtige Bemerkungen über den Charakter des Hilfsvereins Deutscher Juden, verlangte die Sammlung von Geld für die Lämmelschule und Uebemahme der Schule durch die Kultusgemeinde. Er verlangte weiter, der Kultusvorstand möge vom österreichischen Konsulat offizielle Aufklärungen über die gegenwärtigen rechtlichen Verhältnisse an der Lämmelschule verlangen. Seither ist mehr als ein Jahr verflossen! und der Präsident der Kultusgemeinde veranlaßte wieder nichts, gar nichts! Wohl hat er aber, nachdem der Kultusvorstand mit Rücksicht auf die antihebräischen Tdödenzen des Hilfsvereins die Sistierung der Anzahlung der Subvention und der Stiftungszinsen beschlossen hatte, sich einen Bericht vom österreichischen Konsul aus Jerusalem kommen lassen, und auf diesen Bericht, der ihm offenbar die Handhabe bieten soll, den Beschluß des Kultusvorstandes umzustoßen, ist er nunmehr sehr stolz. Ich muß .-ihm aber die Freude schmälern. Es scheint nämlich, daß der österreichische Konsul in (Jerusalem die österreichischen Interessen mit demselben Eifer wahrt, wie (jer Präsident die seiner Kultusgemeinde. Sein Bericht strotzt von Unrichtigkeiten. DerlEfeterreichische Konsul weiß nicht einmal, auf wissen Namen das Gebäude der LämmelschJfe’ eingetragen ist! Er berichtet: auf den Namendes deutschen Kanzlers. Tatsächlich jedoch ist die Schule auf den Namen des Herrn James Simon vom Hilfsverein eingetragen. Er gibt auch die Zahl der aus der Lämmelschule ausgetretenen Schüler falsch an; nicht 70 sind es, sondern 103. Bei der Aufzählung der ausgetretenen Lehrer vergißt er folgende Namen: Jellin jun., Dr. Sonne und Dr. Brave; er begnügt sich mit der Aufzählung von drei anderen Namen. Er vergißt auch zu erwähnen, daß bloß vier Lehrer von Hauptfächern an der Anstalt zurückgeblieben sind (Preß, Rokach, Missachi, Rabbinowitsch), und außer diesen nur der Turnlehrer und der Lehrer für Arabisch; daß also die Zahl der Ausgeschiedenen die Zahl der Zurückgebliebenen übersteigt; er verschweigt weiter, daß an Stelle der ausgeschiedenen, vorzüglich qualifizierten Lehrer (darunter ein David Jellin), Seminaristen ohne Lehrerexamen bestellt wurden! Aber dies alles hindert ihn nicht zu erzählen, daß der Schulbelrieb durchaus nicht gelitten hat. Den Bericht des Herrn Konsuls werden wir also noch gründlich revidieren müssen. Vor allem bringt aber der Konsularbericht keine Aufklärung über die Frage, ob das Hebräische an den Hilfsvereinsschulen zurückgedrängt wurde und ob der Direktor der Lämmelschule Efraim Kohn dem Lehrkörper dieser Schule gelegentlich mehrerer Lehrerkonferenzen die Erklärung abgegeben hat, daß das Hebräische zugunsten des Deutschen im Unterricht zurücktreten wird. Wie lächerlich die germanisatorischen Tendenzen des Hilfsvereins sind, zeigen folgende statistische Zahlen: Im letzten Schuljahr waren an der Lämmelschule (vor dem Austritt von 103 Schülern) 340 Schüler. Davon waren nach dem offiziellen Bericht Efraim Kohns an die Kultusgemeinde 63,5°/0 Aschkenasim, 35,5% Sephardim. Von diesen 63,5% Aschkenasim waren 108 Angehörige der russisch-polnischen, 15 der österreichischr