Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 7 der Enthusiasmus, als der. Dreibund mobil machte. Was Rußland in jenen Tagen gewollt hat, das hat sich aber erst jetzt gezeigt, als einer der Führer der echten Rassen, der Graf Wladimir Bobrinsky, vor dem ungarischen Gericht in Mannaros-Szipet erschien, wo einigen armseligen rntbenischen Bauern ein Hochverratsprozeß gemacht wird. Man sah auf, einmal hinter die Kulissen. Man hörte von der famosen galizisch-russischen Strömung, von den Rubeln, die da über die österreichische Grenze in unterschiedliche Taschen rollten, um „das Land den Juden und Magyaren zu entreißen“. Diese kulturellen Bestrebungen, wie Graf Bobrinsky in gutem Humor seine Tätigkeit nannte, entspringen dem dunkelsten Ppgromwahnsinn, richten sich, was im Verlaufe der letzten Krise aus tausenderlei Reden der galizischen Russophilen Idar wurde, in gleicher Weise gegen die Juden wie in Bessarabien und Polen. Die antisemitische Unternote in den „pravoslawischen“ Chören ist ja ziemlich verständlich, denn sie spekuliert auf die gleichen seelischen Stimmungen im Auslande. Wenn man von Juden redet, heult ja die ganze antisemitische Kanaille, weils da was zu morden und zu stehlen gibt Die allpolnischen Studenten, die man in Lemberg mobilisiert, um gegen irgend eine dem Zionistenführer Herrn Sokolow unterschobene Lüge zu demonstrieren, sind aus dem gleichen Stoff gemacht, wie jene, die da hoffen, daß die russische Flagge auf den Karpathen wehen und daß der russische Bär die Mäusepsychologie zerstören wird. Es ist aber ohne weiteres klar, daß der Kampf, den die echt-russischen Minierer im Sold der um Macht und Herrschaft zitternden Herrschenden entfesseln sollen, ohne eine gewisse seelische Vorbereitung im Auslande undenkbar wäre. Man kann nicht in einem Gebiete zum Aufruhr reizen, ohne daß nicht in der Bevölkerung die psychologische .Basis, die Erschütterung des Gedankens der Staatshoheit gegeben wäre. Diese Gebiete, um die es sich da dreht, sind vor allem die östlichen Teile Galiziens.. Man kennt die Träume der Polen und man weiß ja, daß noch vor ganz kurzer Zeit'die österreichische Regierung sich intensiver mit den polnischen Schützenorganisationen befassen mußte. Man weiß auch seit Sembratowycz sehr Genaues über die „Poloma irredenta“. Daß auch die Ruthenen sich nicht sehr wohl fühlen, ist klar. Diese Nationen stellen an den Staat ihre Wünsche und ihre Führer halten an dem Staatsgedanken eben nur solange fest, als eben der Staat die Melkkuh ist, ihnen Schulen, Straßen, Bahnen baut, ihre Grundstücke melioriert Diese beiden Nationen stehen nun vor einem Ausgleich, in welchem der gegenwärtige nationale Besitzstamm mit einem der Entwicklung der nächsten Jahre entsprechenden Spielraum abgesteckt werden soll. In diesem Ausgleich ist nun mit keinem Wort der Million jüdischer Seelen die Rede, deren nationale, politische, kulturelle Bedürfnisse werden voll- QRRF-Würfel Feinste Rindsuppe An Ausgiebigkeit und Wohlgeschmack ähnlichen Erzeugnissen weit überlegen. Graf-Würfel u, Würze Koscher« Man echte genau auf den Namen „Graf“ Otto Hufio (Detnbeis, und Antiquariat, Wien, 1L, TaborstraBe 17. Telefon 39 247. Wintersport-Literatur,- . Ski» Eislauf, Rodeln. Antiquariat. Provinzversand. Die Niederlage der Karmel weine befindet sich bei S. Steinbart, Weinhandlung, II., Rotensterngasse 22. Telefon 17 348. kommen totgeschwiegen. Das staatstreueste Element in der Grenzprovinz, das einzig österreichische Element wird einfach ausgeliefert. Und das unter der Patronanz der k. k. österreichischen Regierung, die nicht einmal die Unkenntnis der Tatsachen einwenden kann, weil ja der Ministerpräsident Graf Stürkg vor wenigen Tagen durch den Abgeordneten Reizes, der Statthalter Korytowski durch eine zionistische Abordnung ausreichend informiert wurden. So faßt der Staat seine Pflichten auf gegen die jüdische Bevölkerung, die von ihm nichts fordert, als ihre bürgerlichen Rechte, die weit über ihre Kopfzahl an Steuern bezahlt, ohne aufznmncken, ohne eine Refundierung anzustreben, die ihre nationalen Budgets erledigt, ohne einen Raubzug auf die Staatskassen zu unternehmen. Wir sprechen nicht von-Recht und Billigkeit; lediglich* auf die Staatsräson sei hingewiesen. Denn es kann einmal der Tag kommen, an dem die Juden Galiziens die Intensität ihrer Gefühle gegenüber Rußland beweisen werden. Ueberhaupt die Staatsräson! Da leisten unsere Diplomaten das Menschenmöglichste an Wettkriechen vor Rumänien, das ihnen so und so oft die Türe gewiesen hat Da lehnt es der Minister des Aeußern Graf Berchtold in den Delegationen ab, zum Schutze der Juden in Rumänien und den glorreich eroberten bulgarischen Gebieten gegen den Wortbruch der Rumänen einzuschreiten. - Und dabei gibt es in Rumänien keine einzige österreichisch-freundliche .Partei. Mit einer, wenn auch noch so verblümten Erinnerung an den Berliner Kongreß aber hätte sich die Monarchie in Rumänien eine Viertelmillion Freunde erworben. Aber Oesterreich-Ungarn ist in diesem Punkte ebenso von allen guten Geistern verlassen, wie seinerzeit, als es die Juden Salonikis, die gegen die griechischen Pogromhelden den Schatz Oesterreichs erbaten, ohne Antwort ließt So läßt es die österreichische Lämelschule in Jerusalem durch den Hilfsverein der deutschen Juden zugrunderichten, so kümmert es sich überhaupt nicht um die jüdische Bewegung im Inland und im Orient. So sieht unsere Staatsraison aus. Eine Gesamtorganisation der Wiener jüdischen Studentenschaft. Die bekannten Vorgänge, die sich am 17. und 19. Mai des vergangenen Jahres an der Wiener almä mater abgespielt haben, an welchen Tagen den jüdischen Studenten von ihren in erdrückender Ueberzahl erschienenen und mit den echt germanischen Waffen: Totschläger, Schlagring, Ochenziemer und — faulen Eiern ausgerüsteten deutsch-arischen Kollegen arg mitgespielt wurde, haben den Ehrgeiz der tapferen Rheinwächter nur noch mehr angespornt und auch in diesem Wintersemester zur Betätigung gedrängt. Jetzt wurde der Schauplatz ihrer Heldentaten auf den Boden der technischen Hochschule verlegt, wo am 20. Oktober der jüdisch-akademische Technikerverband seine konstitutionierende Versammlung abhalten wollte. Als die jüdischen Techniker gegen 1I%7 Uhr abends ahnungslos angerückt kamen, fanden sie den für die Versammlung bewilligten Hörsaal von weit über tausend bis an die Zähne bewaffneten deutschen Jünglingen blockiert, die jedem Juden den Zutritt mit Droh- und Schmähworten verweigerten, um die deutsche Nation vor der Gründung ein es jüdischenTechnikerverban des zu schützen. Und dennoch hat die jüdische Studentenschaft alle Ursache, diesen brutalen Ausschreitnngen ihrer deutschen Kollegen, die nach wie vor ungestraft ihr Unwesen treiben, dankbar zu sein. Fürs erste wurde die Aufmerksamkeit der Presse und der weitesten, auch nichtjüdischen Kreise auf die beschämenden Zustände an den Wiener Hochschulen gelenkt, Zustände, die an keiner Hochschule anderer Länder eine Analogie finden. Vor allem aber hat die jüdische Studentenschaft selbst aus all diesen wiederholt gemachten bitteren Erfahrungen Lehren " gezogen,’r die"'von “nachhaltigster Wirkung' geblieben sind und bleiben werden. Endlich wurde erkannt, daß Gleichberechtigung und Gerechtigkeit keine Werte bedeuten, mit denen sich rechnen läßt, insolange nicht auch die Macht da ist, sie zu stützen oder gegebenenfalls zu erzwingen. Ermutigt durch die Anerkennung und das Versprechen der jüdischen Bürgerschaft, die Studenten in ihrem gerechten Kampfe werktätig zu unterstützen, das in einer imposanten Massenversammlung gegeben worden war, berief der jüdische Hochschulausschuß zwei Studentenversammlungen ein, in denen er die Schaffung einer Gesamtorganisation aller bewußt jüdischen Studenten anregte. Der Vorschlag fand begeisterten Widerhall und bereits zwei Wochen später wurde in einer dritten Studentenversammlung ein Statut für die neu zu gründende die Qualen des Scheiterhaufens, sie hielten jedoch treu zu Ihrem Judentume und opferten alles, um es uns als teure Erbschaft überliefern zu können. Die Väter starben für die Idee, mit Verachtung and Bedauern auf die Menge herabblickend, die' sie ins Verderben jagte. Dieses Bach — und hier erhob er das Fünfbuch — haben wir durch unser Blut geheiligt, an jedem Buchstaben klebt unser Blut ... Barsch wurde schwarz vor den Augen. Blut, Blut! Er blickte auf den Rabbi. Auch auf seinem Barte wird das Blot herabrinnen, auch der Vorhang des heiligen Schreines wird mH Blutrosen übersäet sein. O Gott, O Gott! Baruch — hörte er wieder Andrejs Stimme durch das Schlüsselloch. Baruch! Ich will dir etwas sagen. Du weißt, ich bin kein böser Mensch, wir sind ja auch Nachbarn. Oeffne das Tor und kein Haar soll dir gekrümmt werden. Es handelt sich ohnehin nur um eine Viertelstunde, bis wir einen Schlosser gefunden haben, vielleicht gelingt es uns gar, das Tor früher zn erbrechen. Aber dann sollst du sehen, daß ich nicht immer ein guter Mensch bin. Dich wollen wir zuletzt töten, auf daß du siehst, wie deine ganze Sippschaft niedergemacht wird. Oeffne also und es wird dir nichts geschehen, ja, ich will dir sogar zehn Rubel schenken. Baruchs Kehle schnürte sich zusammen. Er soll seine Brüder verraten, verkaufen? Niemals. Da fiel ihm plötzlich seine kleine Frau, sein Söhnlein ein, die ■er in diesem Leben niemals mehr schauen wird und die dem Eiend und Hanger preisgegeben werden. Gerechter Gott, nie kannst dn all dies ruhig mit anschauen? Warum triffst du nicht mit deinem Blitze die elenden Mörder? Alte Bilder tauchten vor ihm auf. Alte? Szenen, - die sich vor zwei Wochen zugetragen haben, aber es dünkte ihn, als wäre es vor vielen, vielen Jahren geschehen. Es war Freitag abend. Er kam aus der Synagoge nach Hause. Seine Frau und das Söhnlein erwarteten ihn in der Türe. Und er segnete das Kind und das Herz hüpfte ihm im Leibe, als es die uralten Lieder über den Sabbathfrieden mit ihm sang. Auch seine Frau weinte vor Freude. ... Schlaget die Juden totl — erbrauste es von draußen. Das Tor krachte, es begann zu bersten und man sah ganz deutlich, daß es den Schultern der Menge nicht lange wird widerstehen können. Dies erweckte Barnch ans seinen Träumereien. Er sah aber nicht mehr deutlich; es war, als schwebte vor seinen Augen ein Schleier. Da erblickte er durch den Schleier zwei Gestalten vor sich: das Leben, eine wundervolle Jungfrau, die in einem berückenden, sinnbetäubenden Tanze an ihm vorüberschwebte, und den Tod in der Gestalt eines Skeletts mit der Sichel in der Hand, wie er im Begriffe ist, ihn und die ganze heilige Gemeinde abznmähen. Die Gemeinde! Diese Leute soll er verkaufen? Es handelt sich ja nur um einige Minuten, das Tor wird ohnehin bald erbrochen. Er befreH sogar seine Brüder von der fürchterlichen Seelenqual einiger Minuten. Und er, er wird frei sein, wird seine Familie Wiedersehen. ..:... Da griff er sich vors Gesicht, drückte die Augen zu und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung. Das ist der jüzer harä, der böse Geist. Er kann doch unmöglich seine Brüder auf die Schlachtbank schicken, seine Brüder," in deren Adern sein Blut rollt und in deren vielgeplagten Herzen dieselbe Hoffnung lebt wie in dem seinigen. Vielleicht kommt der Gbuvemeur zur Hilfe? Der Gouverneur? — antwortete er sich bitter. — Dieser Nimmersatt, dieser habgierige Geldsack? Mit hunderten von Gästen feiert er hente seinen Geburtstag, was schert ihn eine Handvoll Leute. Sie sind ja letzten Endes nur Juden1 Aber da erschien von neuem sein Weib und Kind vor ihm. Gott der Heerscharen, erbarme dich meiner, sonst verliere, ich.den_Verstand_ _ Baruch, hörte er wieder durch das Schlüsselloch. In diesem Augenblick laßt ein furchtbarer verzweifelter Schrei die Luft erzittern. Barnch springt zam Schloß. Rosin, der ihn beobachtete, rennt auf ihn zu, allein es ist zu spät Der Schlüssel knistert im Schlosse, dröhnend öffnet sich das Tor und eine trunkene, blutgierige Menge flutet herein. Draußen ist' Frühling. Die Natur feiert ihre Auferstehung. Die Vögel zwitschern fröhlich, sie wissen nichts von der Tücke und den Missetaten der Menschen. Der helle Sonnenstrahl spielt auf der düsteren Aufschrift des-Synagogentores: „Dies ist die Pforte des Ewigen,. ihr Gerechten tretet ein 1“ Und der helle Sonnenstrahl lacht.