Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 usw. Zahllos sind die Organisationen und Organisatiönchen, die in Palästina „arbeiten“. Doch war bis vor nicht allzulanger Zeit keinäntotochner Bevölkernngskern da, der genug stark gewesen wäre, sich die importierten Menschen und Methoden zu assimilieren, und anders als Amerika bildete Palästina alles eher als einen „Schmelztiegel“ für die dorthin kommenden heterogenen Elemente. Faßt man diese Situation des früheren jüdischen Palästina ins Auge, so muß man gewahr werden, daß durch den Zionismus ein Werden befruchtet wurde, das vor allem für das jüdische Palästina selbst — ganz abgesehen von aller Wirkung nach außen — von größtem Werte war. Es bildete sich — um ein treffliches Wort Ruppins zu gebrauchen — ein Kristallisationskern, der stark genug wurde, sich langsam die anderen Judenheiten, soweit sie noch überhaupt einen Funken Lebenskraft in sich hatten; zu assimilieren. Einen solchen Kern kann natürlich nur ein Volksteil bilden, der autochton an Geist und Leib ist. Haib¬ und dreiviertel Hebräer sind dafür nicht tauglich. Es mußte endlich der Moment kommen, wo das Eigenbewußtsein dieser autochtonen Judenschaft stark genug war, um jeden weiteren Versuch von außen, ihr im Wege von Schule und Unterrichtssprache Fremdes einzuimpfen, zunichte zu machen. Der Erfolg eines bis zum Abiturium geführten hebräischen Gymnasiums hat .das Selbstbewußtsein des neuen Jischub bis zu diesem Grade gestärkt, daher wäre auch ohne den. Zwischenfall mit dem Technikum das Verlangen nach Hebräisierung der gemischten Schulen immer lauter geworden. Jedermann, der nur ein bißchen mit der Entwicklung in Palästina im Kontakt steht, weiß das schon lange. Daß durch die Technikumsaffäre die latente Stimmung akut wurde, kann daher nicht Wunder nehmen. Aber es ist im Grunde nur erfreulich, daß es sich so gefügt hat, denn in solchen Momenten des Aufstandes geschieht mit einem Schlage, was sönst Jahre braucht, und es geschieht in einer derart gehobenen Stimmung, daß eine gewaltige Steigerung des Eigenbewußtseins und der Schaffenslust als dauernder Gewinn daraus folgt. Mag deshalb Herr Dr. Nathan in seiner Broschüre über den Sprachenkampf in Palästina sich abmühen, festzustellen, ob mehr herüber oder hinüber geschossen wurde und wer im juristischen Sinne des Wortes „recht“ bat. Sein ruhiger, leidenschaftsloser Sinn des loyalen, liberalen Staatsbürgers und wohlwollenden Menschenfreunds mag sich über den „Aufruhr“ in Palästina entsetzen, — wir Zionisten sehen tiefer und wissen, daß dieser „Aufruhr“ nichts anderes bedeutet, als das Abstreifen des letzten Gängelbandes durch ein mündig und reif gewordenes Volk. Wiener GemeMeratswahlen. In den nächsten Wochen finden in Wien Wahlen in den Gemeinderat statt. Für die Juden bedeutet das soviel, daß sie wieder eine traurige Rolle in einer ein Kapitän, der von der Kommandobrücke das sinkende Schiff befehligt Schließt auch die Fensterläden! Die lichte, freundliche Synagoge, noch vor einem Augenblicke überflutet von heiterem Frühlingssonnenschein, versank in ein düsteres Halbdunkel, das nur durch zwei: große Kerzen am Vorbeterpulte und zwei Hoffenster erhellt wurde. Baruch, bleibe am Torei rief Rosin. Tod den Juden! Macht ein Ende mit ihnenI erscholl es von draußen. Durch Mark und Bein drang dieser Schrei. Jedweder hüllte sich zitternd in seinen Gebetmantel und blickte starren Auges vor sich hin. Kein Wort war zu vernehmen, auch die Frauen und Kinder beruhigten sich, nur ab und zu ertönte ein tiefer Seufzer, ein abgebrochener Psalmvers. Endlich ■ erhob sich der alte Rabbi. Aller Blicke richteten sich auf ihn. Er schob seinen herabgeglittenen Gebetmantel zurecht, langte nach einem vor ihm liegenden Buche und drückte es krampfhaft an sich, als hätte es ihm jemand entreißen wollen. Dann ging er schwankenden Schrittes auf die Bundeslade zu, küßte den Vorhang des heiligen Schreines, darinnen das Gesetz aufbewahrt wird, und wandte sich der Gemeinde zu. Er hob zu sprechen an. Jetzt will er reden? Was wird er wohl sagen können? Jetzt, wo jeder mit seinem Leben abgeschlossen hat, jetzt,, wo das Leben eines jeden einzelnen die Frage von nur noch wenigen Augenblicken ist? Mit gläsernen, wirren Augen blickten sie auf den Sprechenden. * * traurigen Komödie werden spielen müssen. Sie werden wieder von der höchst verdächtigen und unsauberen Gesellschaft der „Junisieger“ mit freiheitlichen Phrasen überschüttet und in den Dienst einer Sache gepreßt werden, die an Unsolidität und Unehrlichkeit der christlich-sozialen zumindest gleichkommt Alles unter dem Banne des Schlagers: „Gegen die Christlich-Sozialen 1“ Bekanntlich hatte bei den Reichsratswahlen im Juni 1911 die Unzufriedenheit mit der christlich-sozialen Wirtschafteinen Höhepunkt erreicht' und an die zwanzig christlich-sozialer Reichsratsabgeordnete verloren ihre Mandate. Da gab’s großen Jubel, insbesondere die liberalen Juden freuten sich und glaubten das goldene Zeitalter des Freisinns und der Brüderschaft angebrochen. Aber gar bald kam die Ernüchterung. Die Christlich- Sozialen waren wohl draußen, aber wer saß an ihrer Stelle? Eine sehr gemischte Gesellschaft von verkappten Antisemiten, getauften Juden und sonstige dunkle Ehrenmänner. Ein Teil von ihnen biederte sich sofort den Christlich-Sozialen an, ging mit ihnen Kompromisse ein. Die anderen saßen in ihrer Untätigkeit und Mutlosigkeit da und taten nichts. Auch nicht eine der vielen Versprechungen, welche den Wählern gemacht worden, wurde eingelöst. Es zeigte sich; daß es für alle, auch für die Juden, höchst gleichgültig ist, ob diese Gesellschaft im Reichsrate sitzt oder die Rathauschristen. Die Ernüchterung zeigte sich nur zu bald. Bei den folgenden Gemeinderatswahlen, von denen man sich in Anbetracht des .Junisieges“ glänzende Erfolge für die „freiheitlichen“ Mandatsjäger versprach, siegten wiederum die Christlich-Sozialen auf allen Linien. Der Ekel, welche die Charakterlosigkeit und Unfähigkeit der deutsch-freisinnigen, deutsch-demokratischen, freiheitlich-sozialen, deutsch-wirtschaftlichen und sonstigen Machern den Wählern einffößte, war stärker als die Abneigung gegen die christlich-sozialen Antisemiten. Nun finden wieder Wahlen im dritten Wablkörper und einige Ergänzungswahlen im ersten und zweiten Wahlkörper statt Kandidaten sind bereits aufgerückt und halten feurige Reden gegen die Christlich-Sozialen und berufen sich auf die „freiheitlichen Instinkte“ der geehrten israelitischen Mitbürger. Doch sollen es diesmal die Herren mit dem Fang jüdischer Stimmen nicht gar so leicht haben. Die Jüdisch-Nationalen werden diesmal zu verhindern trachten, daß ganz unberufene Elemente mit dem Geschrei: „Nieder mit den Christlich- Sozialen“ ihre unsauberen Finger in die Taschen der Juden versenken und ihnen Stimmzettel und Agitationsgelder stehlen. In wenigen Tagen findet eine Vertrauensmännerversammlung der Wiener Jüdisch-Nationalen statt, in welcher die allgemeine Wahlparole besprochen und bestimmt werden wird, in welchen Wahlkreisen eigene Kandidaten anfgestellt werden, um der ehrlichen jüdischen Wählerschaft eine Wahlbeteiligung zu ermöglichen. Das Treiben vor der Synagoge glich einem Jahrmärkte. Einige tauschten die bei den Juden geraubten Waren um, andere verkauften sie und strömten den nächsten Branntweinschenken zu, um dort zum kommenden Kampfe zu rüsten. Die letzteren kehrten mit leeren Taschen und schweren Köpfen zurück, wobei sie von Zeit zu Zeit kreischende Rufe ausstießen. Die meisten waren starke, ungeschlachtete Männer, mit Handbeilen, Hauen oder rostigen Flinten bewaffnet Andrej Petrowitsch, der schon davon abging, die Menge zu beschwichtigen, stand am Tore und lauschte. Als er Rosins Worten entnahm, daß Baruch innen am Tore stehe, ergriff ihn plötzlich ein Gedanke. Baruch! flüsterte er durch das Schlüsselloch. Baruch zuckte zusammen, als er seinen Namen nennen .hörte, er rührte sich jedoch nicht and fuhr fort, der Rede des Rabbi zu lauschen. Baruch, ertönte es von neuem, Baruch, sei nicht so stolz. So rede doch mit einem. Wenn du von der Hölle, wohin wir dich baldigst befördern werden, auf die Erde herunterblicken wirst, so wird es dich Wunder nehmen, von deinem Geschäfte außer den vier kahlen Wänden und den zerbrochenen Möbeln’ nichts, aber auch garnichts mehr zu sehen. Baruch ■ stand immer noch aufrecht, er fühlte jedoch deutlich, wie sich sein Gesicht entfärbt Es nahm die Farbe seines weißen Gebetmantels an. Und wie er dastand, verschwand auch seine letzte Hoffnung. Auf den Tod war er schon gefaßt, nur um seine Frau und sein kleines Söhnlein ■ hatte er Angst Wenn er hier um sein Leben kommt, so erben sie sein kleines Geschäft, dessen Hälfte wohl anf das Hier Staat und wir. Von Julius Löwy. Eine eigenartige Unruhe durchzittert die politische Welt Die Spalten der Zeitungen sind; zu dem getreuesten Abbild dieses Zustandes geworden, in: dem nichts mehr festzustehen scheint. Was das Heute gebracht, ist morgen ins Gegenteil verwandelt Kaum haben wir die grandiose Aenderung der Balkankarte mit-ihren verschiedenen blutigen Etappen erlebt und schon brauen sich neue Dinge, neue Bündnisse, deren Ziel noch nicht erkennbar ist Militärvorlagen bei uns, neue Rüstungen, Flottenbauten, Flottenreden in Deutschland und in England, Truppenverschiebungen in Rußland, ein Bauernaufmarsch in Schweden, .der Heeresverstärkung fordert Kurz, eine nervöse Spannung, eine dumpfe, unklare Stimmung, deren Grund kaum erkennbar, deren Ziel noch unbekannt bleibt Es geht wie ein tiefes Atemholen durch die europäische und asiatische Welt In dem tragenden Gebälke klaffen Risse auf, die auf Verschiebungen schwerster Art deuten. Untersucht man genau den Gang der Dinge, dann beginnt man den Grund zu ahnen. Von Rußland aus kommen, nach Rußland zu streben alle diese merkwürdigen Symptome. Das Reich der hundertfünfundzwanzig Nationen, indem der raffinierteste, kultivierteste Lebensgenuß neben dem barbarischesten, tierischesten Hunger wohnt, zuckt in Heberzuständen. Die inneren Schwierigkeiten dieses gigantischen Staates wachsen naturgemäß ins Riesenhafte, weil sich die Konflikte zwischen der Autokratie und der kümmerlichen Volksvertretung unablässig wiederholen. Man will nun das altbewährte Mittel wählen, die Volksstimmung abzulenken, den Chauvinismus an die Stelle der nüchternen Erwägung setzen. Stets war Rußland eine Gefahr für den europäischen Frieden, stets das Schreckgespenst für die in friedlicher Arbeit sich organisierenden westlichen Nationen, die die Lehre nicht in sich aufnehmen konnten, daß das absolutistische Rußland eben nur ein Popanz ist, daß diese Heeresmacht seit Napoleon eigentlich immer geschlagen wurde und immer ihre Politik mit den fragwürdigsten Mittelchen der Hetzerei und Bestechung rettete, im Inneren aber nur mit Galgen, verstärktem Schutz und Deportation sich halten konnte. Rußland kann keinen Krieg führen, aber es schürt und hetzt überall in aller Welt, weil es nur durch die Angst lebt, die es überall erweckt, die sich auf dem Kosakenschrecken und auf der brutalen Regiererei im Lande aufbaut. Nach jahrzehntelangem Minieren ist es dem Zarismus gelungen, durch seine kleinen Vasallen die Türkei zerfleischen zu lassen. Der Massentaumel in den russischen Zentren nach den Tagen von Kirkkilisse, Janina und Skutari galt eigentlich weniger den Siegen der Bundeswaffen, als dem eigenen Vormarsch nach Stambul, und die Ernüchterung war noch stärker als Erbschaftsverfahren draufgeht, das aber immerhin genügt, seine Familie einige Jahre za ernähren. Aber jetzt__ jetzt ist alles zu Ende. Die Worte Andrejs sausten wie Hammerschläge auf firn hernieder, er sah seine Luftschlösser, sein Geschäft vor sich, alles ein Trümmerhaufen. Sein Schmerz war viel größer, als daß er hätte weinen mögen. Du lieber Gott, wenn ich durch irgend ein Wunder diesen Ort lebend verlassen werde, so kann ich mit meiner Familie betteln gehen 1 Das heißt, wenn ich die Erlaubnis erhalte, fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. Draußen wurde es plötzlich still. Die Rädelsführer berieten sich. So werden wir doch endlich fertig mit diesem Judenpack, hörte man von draußen die kreischende Stimme des Bäckers. Baruch neigte den Kopf. Fertig? Hahaha. Die Tragödie nähert sich also ihrem Ende. Er sah schon über seinem Haupt die Haue eines trunkenen Bauern, die jeden Augenblick bereit ist, auf'seinen Kopf hernfederzusausen, er sab, wie auf seinem Gebetmantel das Blut herabrinnt Ja, es wird Blut fließen, und Rosin, dieser steinreiche Kaufmann, wird den mörderischen Waffen ebensowenig widerstehen mögen, wie Cheskel, der blutarme Lastträger. Es gibt noch Gleichheit auf ErdenI * Der Rabbi sprach weiter: Wir mögen Kraft schöpfen aus dem Seelenmute, den unsere Väter zu jederzeit an den Tag legten. Sie überstanden die Martern der Folterbank, sie erlitten