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Jüdische Zeitung · 1914-02-13 · 7 (13.2.1914) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
7 (13.2.1914)
Date
1914-02-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 7 V ' daß es dem hohen Alter schlecht. ansteht, Konflikte heräufzubeschwören, wo eine Verständigung vorbereitet. wurde. Gibt es in unserer Gemeinde wirklich keine andere Arbeit mehr? Wir hatten gerade in den letzten Sitzungen. des Kultusvorstandes Gelegenheit, den Präsidenten auf ganz unerhörte Uebelstände und krasse Gesetzwidrigkeiten aufmerksam zu machen, die er wohl schon Monate lang kennt, zu deren Beseitigung er aber nichts getan hat, wiewohl sie. das Ansehen unserer Gemeinde aufs schwerste bedrohen. Herr' Präsident, wenn Sie wirklich eine starke Hand besitzen, so schaffen Sie Ordnung in Ihrer nächsten Umgebung! Da wird allerdings nicht Eigensinn und Rechthaberei genügen, wohl aber Energie und die Festigkeit eines rechtschaffenen Mannes. Palästina erwacht. Von Adolf Böhm. In seiner vortrefflichen, leider zu wenig verbreiteten 'Broschüre „Palästina als Judenland“, die vor zwei Jahren erschienen ist, sagt Dr. Elias Auerbach (Haiffa), an einer Stelle folgendes über das Aufblühen der hebräischen Sprache in Palästina: „Mitdem Beginn eines eigenen, in sich geschlossenen nationalen Lebens, wie es in den Kolonien gegeben war, erwachte' der '.Drang zur nationalen Sprache. Von draußen her mag 'das vielleicht wie eine erkünstelte Bewegung’aussehen, :wir Palästiner empfinden es’ aber als eine Notwendigkeit, als den Drang jeder wahren und starken Persönlichkeit nach innerer und äußerer Harmonie und uns zerreißt das Jüdisch-Deutsche oder Russische oder ■ Französische, das uns hier und da in einem Wort ■ jüdischer Bauern emgegentönt, als schriller Mißldang ■ das Ohr“. So sprach ein Mann, der erst als Dreißiger ■ nach Palästina gegangen war, nach wenigen Jahren .seines Aufenthaltes im Lande. Wie muß erst ein junger Schüler empfinden, dessen Muttersprache hebräisch ist, der die hebräischen Kindergarten besucht hat und nun - den Gerinanisierungstendenzen des Hilfsvereins in den höheren Schulen ausgeliefert werden soll. Wenn man ■ das richtig überdenkt, dann kann man die Bewegung, ■ die in Palästina so plötzlich entstand, auch von „draußen“ ■ nicht als eine erkünstelte ansehen. Selbst derjenige Zu- ■ stand, der bis vor kurzem unangefochten in den Hilfs- vereinsschulen herrschte, daß sowohl in deutscher als ■ auch in hebräischer Sprache unterrichtet wurde, war ' ein durchaus unnatürlicher: Stelle sich doch Herr Dr. Nathan einmal vor, was es heißt, in zwei ver- ■ schiedenen Sprachen gleichzeitig unterrichtet zu werden 1 ln keinem Staate der Welt gibt es dergleichen, weil es; durchaus unnatürlich und für die Schüler verwirrend ist. Feuilleton. Die Pforte der Gerechten. Von Ludwig Bald. In einer engen, dumpfen Gasse steht die Wirower Synagoge, ein anspruchsloses, bescheidenes Gebäude. ' Sie entspricht in allem der Verordnung des verstorbenen Gouverneurs, nach welcher die Bethäuser der un- - gläubigen Juden dem Aeußeren nach einem-Getreidespeicher gleichen müssen, auf daß ihr Anblick in der frommen Pilgerschar, die jahraus, jahrein zu den Gebeinen des heiligen Theodosius von Wirow wallfahrtet, kein Aergernis errege. Aron Rosin, das Haupt der ' Wirower Judengemeinde, vermochte nur um den Preis erheblicher Opfer, indem er seinem Ansuchen durch schwere Goldstücke Nachdruck verlieh, zu erwirken, - daß der Gouverneur der Anbringung einer kurzen hebräischen Aufschrift zustimmte. Und so verkünden ' jetzt auf der Stirnseite, oberhalb des Toreinganges, strenge, schwarze Quadratlettern das Wort des Psalmisten: „Dies ist die Pforte des Ewigen, ihr Gerediten tretet ein!“ Die Wirower Juden waren stolz auf diese Aufschrift und wennsie-im Vorübergehen emporblickten, was sie niemals versäumten, da fühlten sie, wie diese düstern Lettern ihnen Selbstbewußtsein einflößten. Es traten wieder schwere Zeiten an die Juden heran. Die Nachricht über das Blutbad zu Kischinew ■ trug der Wind nach allen Ecken und Enden der Welt, - und mit Zagen und Zittern dachten die Juden im Es ist nicht viel anders, als in zwei verschiedenen Kulturen erzogen zu werden, etwas das gradlinige Naturen unmöglich vertragen können und was nur mit innerlich haltlosen Menschen versucht werden kann. Und daraus erklärt sich die Spontaneität, die Heftigkeit und der Erfolg der Bewegung. Nicht nationaler Chauvinismus gab den letzten Ausschlag, sondern dies: Daß die junge Generation Palästinas schon einen eigenen Charakter besitzt, eine bestimmte Eigenart, die nach innerer und äußerer Harmonie ganz unbewußt verlangt. Diese Generation, wenn sie in jene zwieschlächtigen Schulen ging, mußte natürlicherweise ein inneres Unbehagen empfinden, über das sich die Schüler vielleicht selbst nicht Rechenschaft geben konnten. Und als die Nachricht von dem Beschluß des Kuratoriums der Technik eintrat, als die Männer des Hilfsvereins sich plötzlich als Germanisatoren enthüllten, war dies das auslösende Moment, das zum Bewußtsein hob, was im Unbewußten schon längst gegeben war. Wie eine Erlösung mußte der Entschluß wirken, nicht mehr in zweisprachige Schulen zu gehen und die Eröffnung der neuen hebräischen Schulen . war nicht eine „Demonstration“, sondern entsprang einem längst dunkel empfundenen, jetzt aber mit Unabweisbarkeit hervorgebrochenem Bedürfnisse der Schüler selbst. Mag die wunderbare Solidarität des neuen Jischub, seine nationale Unbedingtheit und Opferwilligkeit uns auch zu höchster mitfühlender Bewunderung hinreißen, noch größere Bürgschaft für die Zukunft des Zionismus liegt darin, daß wir heute endlich, endlich eine Generation in Palästina besitzen, die eine ungebrochene ganze Seele ihr eigen nennt. Eiüi Generation, die geradlinig empfindet und mit der man keine noch so gut gemeinten pädagogischen oder psychologischen Experimente mehr machen kann, die darum auch stark genug sein wird, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.. Und erst damit beginnt die neue, zionistische Aera in Palästina. Hätten wir auch tausend Kolonien und fünfzig Stadtviertel, aber keine Jugend, deren . natürliches Empfinden, deren Instinkte voll und ganz, naturgewachseri und selbstverständlich, einheitlich und geradlinig palästinisch-hebräisch wären, so könnten wir besorgter um die Zukunft sein als jetzt. Der Zionismus will das jüdische Leben in jeder Beziehung zu einem normalen gestalten. Nicht nur nach -außen-, den anderen Völkern gegenüber, will er die Lage normalisieren, auch in dem Aufbau des neuen Judentums strebt-er die Schaffung normaler Verhältnisse an. Ein Jude — das soll nicht ein durch alle Länder gehetzter, vielsprachiger, in tausend Fertigkeiten bewanderter, seelisch ebenso wie leiblich Heimatloser sein, der im besten Falle seine Kräfte im Ringen nach Harmonie verzehrt — sondern ein Jude, das soll, ähnlich wie der Franzose in Frankreich und der Deutsche in Deutschland, ein Hebräer in Palästina sein, mit eigener Sprache, Kultur und normalem, im Boden wurzelnden Volkstum. Bei unserer Agitation wird selbst mit, Erläuterung derhöchsten Programmziele, wie z. B. denen der Heimstätte, der Autonomie usw., nicht diese klare und einfache Vorstellung vom Zionismus erweckt, an unseren Argumenten ist vieles gequält, gewaltsam, ideologisch, bei uns .selbst'ist alles Wille, Hoffnung, wenig aber Wirklichkeit. Die Ereignisse in Palästina haben Zionisten und Nichtzionisten unsere Zukunft plötzlich so anschaulich, so plastisch, so ungeheuer einfach sehen lassen. Wo ist da noch Kompliziertheit, wo ist Ideologie, wo ist Gewaltsamkeit? Ein Jude? — es braucht keiner Theorien, ob das bloß ein Angehöriger einer bestimmten Konfession, ein Abkömmling einer besonderen Rasse, ein Mensch mit gewissen angeborenen, unverkennbaren Anlagen sei usw. Ein Jude — das ist ein Hebräer in Palästina und wir in der- Diaspora, auch wir Zionisten, werden uns gewöhnen müssen, uns als Peripherieiuden anzusehen. Damit rückt der Schwerpunkt des Zionismus nach Palästina, er wird aus einem Programm europäischer Juden zu der Lebenswirklichkeit einer in Palästina werdenden jüdischen Vollnation. Zionismus;— das ist das Streben der Hebräer in Palästina, ihre nationale Siedlung zu stärken, so daß sie nach Zahl, Leistungsfähigkeit und Kulturhöhe einen beachtenswerten Rang einnehme, wodurch sie auch. für die Peripheriejuden in nationaler, politischer und kultureller Beziehung von Bedeutung werden könnte: Und das Kriterium für den Zionismus. eines Peripheriejuden wird nicht in seiner „Gesinnung * oder in seiner sogenannten,' „Jüdischkeit“ — ein sehrunbestimmter und dehnbarer Begriff — gelegen sein, sondern in seinem mehr o d e r w e n i g e r starken Zusammenhang mit den Hebräern in Palästina. Damit wird hoffentlich auch die trostlose Auffassung völlig verschwinden, daß ein Zionist in der Diaspora sein Lehen nach den Erfordernissen einer Parteidemonstration oder -Agitation einzurichten habe. Auf diesem Weg zu, einer. Normalisierung des jüdischen Lebens sind wir durch die Entwicklung in Erez Israel einen gewaltigen Ruck nach vorwärts gekommen. . Hier wie dort erscheint alles in einem völlig natürlichen Lichte. Der Aufstand der palästinischen Hebräer gegen die deutsche Unterrichtssprache war nichts anderes als eine Empörung gegen Unnatur, ein Zeichen, daß auch in Erez Israel das Leben endlich anfängt, ein normales zu werden. Was lebt dort;doch alles durcheinander! Alteinsä’ssige Sefardim, in den letzten Jahrzehnten aus allen Weitgegenden eingeströmte Chalukahjuden, die aus 12 bis 14 verschiedenen Staaten kamen und deren Sprache eingebracht haben, die älteren Kolonisten und schließlich der sogenannte neue Jischub, dessen tüchtigstes und energischestes Element die jüdischen Lehrer, Arbeiter und Wächter bilden. Nirgend auf der Welt gibt es eine solche Musterkarte aller Judenheiten und Judentümer, die auf Erden vorhanden sind, als in Palästina. Alles war importiert, die Menschen, die Gelder zu ihrer Unterhaltung und Beschäftigung, die Sprachen, die Lehrer, die Methoden Reiche des weißen Zaren an die kommenden Dinge. Auch in Wirow gingen die Juden mit bleichen, angstvollen Gesichtern umher, sie traten nachtweise zusammen, pflogen geheime Beratungen, es kam jedoch dabei nicht viel heraus. Einige wenige beschlossen, auszuwandern, allein die meisten begnügten sich damit, ihre Familien für die Dauer der kommenden Osterwoche in der nächsten Großstadt bei Verwandten und Bekannten unterzubringen. Und hernach? Dies war eine Frage, die niemand zu beantworten vermochte. Um so weniger, als sie beklommenen Herzens Zusehen mußten, wie die judenfeindliche Stimmung immer höhere Wellen schlug. „Kaufet nicht bei den Juden, den Mördern unseres Heilands. Diese Heiden saugen euer Blut aus. Sie bauen Häuser vom Schweiße eures Angesichts, Paläste von euren mühsamen Ersparnissen. Sie unterdrücken euch und werden bald das ganze Reich in die Hände bekommen. Seid auf der Hut! Folget dem Beispiele unserer Brüder in Kischinew und das Land wird bald rein sein, der weißen Lilie gleich, ohne jeglichen . Makel.“ Also predigte am Palmsonntag der Pope von ■ Wirow. * * : Der Gottesdienst in der Synagoge neigte dem Ende zu. Urplötzlich wurde die Stille der kleinen Gasse durch einen wilden Lärm unterbrochen. Das Geräusch laufender Menschen, laute Rufe, Schimpfworte ertönten. Ruhe, rief Andrej Petrowitsch Mikow, ein einäugiger Schmied, dessen einziges Auge Wildheit j und Wut widerspiegelte. Ich denke, wir sollten lieber Lärm schlagen, damit wir die verdammten Juden einschüchtern, meinte ein kleiner Bäcker, dessen Taschen, von den hineingestopften, geraubten Gegenständen ganz wegstanden. Der Lärm der Menge wuchs von Minute zu Minute. Hie und da erbrauste ein wildes Gebrüll: „Nieder mit den Juden 1 Ins Feuer mit den Ketzern und Blutegelnl Verdammte Heidenl“ Alles drängte sich nach vorne, dem Tore der Synagoge zu und ballte die Fäuste. Andrej Petrowitsch sah ein, daß er mit der Menge nicht fertig werden könne. So trat er vor das Tor hin und hielt sein Ohr ans Schlüsselloch,' wobei er mit der freigebliebenen Hand der Menge zuwinkte, um sie nach Möglichkeit zur Ruhe zu bringen. In der Synagoge war inzwischen der Gottesdienst zu Ende. DieLeute,diesonstkaumdenSchlußzuerwartenund dem Ausgange zuzueilen pflegten, blickten sich jetzt todesbleich an, keiner rührte sich von der Stelle. Jeder war der kommenden Dinge bewußt, und es trat eine peinliche Stille . eiq. Nur auf der Galerie hörte man ein leises Schluchzen der wenigen in Wirow gebliebenen 'Judenfrauen, hie und da ertönte auch ein Aufschrei eines Kindes. Rosin erlangte zuerst seine Geistesgegenwart: , Zum Tore! erschall plötzlich sein Ruf. : Baruch, der kleine Juwelier, sprang’wie ein Tiger zum Tore, dessen _ eichene Schwere Schutz versprach. Der Schlüssel knisterte im rostigen Schlosse, das Tor war gesperrt. - , .Rosin schwang sich auf die Estrade in der Mitte der Synagoge, von dort aus erteilte er seine. Weisungen. In den Augen der. beängstigten Juden erschien er 'wie

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