Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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»MC NHTIGNFIL -JÜDI5IIHE5 DRGRN WV» ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■! ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden täglich von _.U—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich- ■ Ungarn: Ganzjähr. K 10«—« halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.-, Vierteljahr. | Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Pbstsparkassenkonto 133.404. — Telephon' 22.075. Nr. 7. Wien, Freitag, den 13. Februar 1914. Vlll. Jahrgang. Männerstolz im Wiener Knitns- Torstand. Von Dr. Jakob Ehrlich. Der Präsident der Wiener Kultusgemeinde kennt seinen Kultusvorstand. Er weiß, daß er der großen Mehrheit dieser Körperschaft alles zumuten darf, daß ihr sein Stirnrunzeln mehr gilt als alle Gebote der Gerechtigkeit und Vernunft. Eine sachliche Begründung seiner Forderungen ist ihm überflüssig. Und er hat recht, wenn er sich nicht bemüht. Wozu auch? Er gibt seine Launen kund und die Mehrheit hat sich ihnen zu fügen. „Sie beugt sich vor der Autorität des Präsidenten,“ wie sich Herr Dr. Jakob Engel in der letzten Sitzung mit einer etwas euphemistischen Redensart ausgedrückt hat. In der Sitzung vom 1. Februar hat der Kultusvorstand in namentlicher Abstimmung die Einsetzung einer Palästinakommission beschlossen. Nach langer und lebhafter Debatte wurde für diese Kommission die von Stricker und mir beantragte Kompetenz;giitgeheißen. Damit war der vom Präsidenten ausgeklügelte, ganz inhaltslose Antrag des Vertreterkollegiums zu Falle gebracht. Das Vertreterkollegium wollte nämlich der Kommission lediglich die Antragstellung bezüglich der vier von der Kultusgemeinde bisher subventionierten Institutionen überlassen (Lämmelschule, Bezalel, Gymnasium in Jaffa und eine Chalukka-Stiftung). Die Bestellung einer solchen Kommission ist eine Farce und Augenauswischerei. Die Subvention für die Lämmelschule, welche eine Stiftung der Wiener Kultusgemeinde ist, beträgt 2000 K-, des Bezalel 200 K-, des Gymnasiums vielleicht etwas mehr. Worüber soll also die Kommission beraten? Ob man dem Bezalel 200 K. oder 250 K. jährlich zakommen lassen soll? Der Schachzug des Herrn Dr. Stern ist somit klar: Er liebt es, sich aus der Entfernung von der schlecht unterrichteten jüdischen Oeffentlichkeit als Palästinafreund bewundern zu lassen, deshalb bestellt er sich in der Gemeinde eine Einrichtung mit dem schönen Titel „Palästinakommission“. Wenn er aber die Kommission lebensfähig machen soll, kommt sein wahres Antlitz rasch zum Vorschein. Sein Vorgehen ist zwar nicht sehr aufrichtig, aber Mangel an Aufrichtigkeit allein macht noch keinen Diplomaten. Dem Antrag des Vertreterkollegiums stand unser Antrag gegenüber. Wir wiesen in unserem Antrag auf die steigende Bedeutung Palästinas für die aus dem Osten auswandernden Juden hin, auf die Bedeutung der jüdischen Siedlungen im heiligen Lande für das Ansehen des Gesamtjudentums und für die Entwicklung der hebräischenSp rache. Die Kommission solle deshalb der jüdischen Siedlung ihre Aufmerksamkeit zuwenden, dem Kultusvorstand zeitweise Bericht erstatten und Vorschläge unterbreiten zur Förderung dieser Siedlung. Der Kultusvorstand war sich bei seiner Beschlußfassung über die Bedeutung dieses Antrages im Klaren: es handelt sich nicht um Aufwendung nennenswerter Geldmittel für palästinensische Zwecke, wohl aber in erster Linie um eine moralische Förderung, um die Feststellung der Tatsache, daß Palästina für den Kultusvorstand der größten österreichischen Gemeinde kein bloßer geographischer Begriff, sondern ein Land der jüdischen Zukunft ist, auf dessen Entwicklung sie den ihr als einer großen Judengemeinde zukommenden Einfluß auszuüben entschlossen ist. Die Debatte über unseren Antrag wurde ruhig, sachlich und leidenschaftslos abgewickelt. Es hat sich eben wieder gezeigt, daß die Abwesenheit des Präsidenten bei den Sitzungen der geordneten Arbeit im Kultusvorstand nichts weniger als abträglich ist. Ich muß betonen, daß auch die Frage, ob der Kultusvorstand mit seinem Beschluß die Grenzen seiner statutarischen Tätigkeit nicht überschreitet, erörtert .und verneint wurde. Vorsitzender der Sitzung war Vizepräsident Dr. Gustav Kohn, ein Mann mit einer jahrzehntelangen advokatorischen Praxis. Auch e r hatte keine Bedenken gegen die Legalität des Beschlusses und hat sie zugestandenermaffen auch heute nicht. Und so hat der Beschluß des Kultusvorstandes allgemeine Befriedigung hervorgerufen, besonders -aber in jenen jüdischen Kreisen, denen der Friede in der Gemeinde keine leere Redensart, sondern eine ernste Angelegenheit ist. Aber jetzt trat der Palästinafreund Dr. Stern wieder auf den Plan. Er konnte es in seiner glühenden Palästinaliebe nicht verwinden, daß der Kultusvorstand die günstige Gelegenheit einer durch ihn nicht gestörten Sitzung benützt hatte, um einen gerechten und vernünftigen Beschluß zu fassen. Und so hat er kurzer Hand unter Berufung auf § 25 des Statuts den Beschluß mit der Begründung sistiert, daß er den Statuten zuwiderlaufe. Nicht in der Sistierung des Beschlusses an sich liegt die Schuld des Präsidenten. Auch Herr Dr. Katzau (Vizepräsident der Isr. Allianz), Herr Wilhelm Kuffner und einige andere Mitglieder des Kultusvorstandes haben den Antrag rundweg abgelehnt. Sie haben eben für Palästina nichts übrig und waren auch aufrichtig genug, dies einzugestehen. Sie sind eben Gegner Palästinas. Wenn aber der Präsident den in der Abstimmung unterlegenen Herren mit seiner Sistierung zu Hilfe kommt, dann möge er gütigst den frommen Augenaufschlag gen Jerusalem unterlassen! Die Gegnerschaft der Herren Katzau und Kuffner wird jedem rechtschaffenen Menschen sympathischer sein als die Palästinaliebe Dr. Sterns. Als Freund Palästinas mußte Dr. Stern die Palästinakommission auf jede Weise fördern, — nebenbei bemerkt, ließ er den Gegenstand acht Monate unerledigt auf der Tagesordnung —, als Gegner aller Palästinabestrebungen durfte er unseren Antrag nach Kräften bekämpfen. Welcher Mittel man sich aber in einem solchen Kampf bedient, das ist allerdings nicht bloß Sache des guten Geschmacks. Der von Dr. Stern gewqpltej, Vorgang der Sistierung war aber durchaus;kein vornehmes Kampfmittel, er ist ganz einfach, ein Akt der Gewalt, der nicht einmal in die vom Statut geforderte Form gehüllt wurde. - Dr. Stern durfte sich aber diese Brüskieruag des Kultusvorstands erlauben, denn er" weiü,^daß er in dieser Körperschaft nur bei wenigen Mitgliedern einen nennenswerten Widerstand findet. In der Sitzung vom 8. Februar hat der Kultusvorstand mit allen gegen vier Stimmen (zwei Zionisten, Dr. Spitzer, kaiserl. Rat Weil) die Sistierung des Präsidenten zur Kenntnis genommen. Es war wahrhaftig kein erhebendes Schauspiel mit anzusefföij, wie dieselben Männer den vor eirter Woche von ihnen gefaßten Beschluß ohne jeden Protest, ohne jedes Argument sistierten: Laune des Präsidenten, seine Drohung mit-der Demission — eine Waffe, die in Tetzfer Zeit so oft gebraucht wird, daß sie nicht mehr erschrecken sollte — galt mehr als alle Erwägungen der Vernunft und Gerechtigkeit. Man versuchte nicht einmal den Nachweis, daß die Auffassung des PrlftSdenten die gesetzmäßige sei. Hat doch der Vizepräsident Dt. Gustav Kohn erklärt, er teile nicht die Ansicht des Präsidenten, er stimme aber nichtsdestoweniger für die Sistierung; das tat derselbe Dr. Kohn, unter dessen Vorsitz dieser Beschluß gefaßt worden war; ähnliche Erklärungen gaben auch andere Kultusvorsteher ab, ohne auch nur zu ahnen, wie sie ihrer selbst spotten. Gerade der Verlauf dieser Sitzung hat wieder gezeigt, wie notwendig die Oeffentlichkeit der Verhandlungen ist. Nur durch den beständigen Ausschluß der Oeffentlichkeit konnten die Sitzungen auf einen solchen Tiefstand kommen, konnte eine Führung der Geschäfte sich einbürgern, die nicht einmal ein Kegelklub dulden würde. Und dieser Kultusvorstand soll die Erziehungsstätte für Männer sein, die in öffentlichen antisemitischen Vertretungskörpern die Rechte der jüdischen Bürgerschaft wahren sollen? Die letzte Sitzung des Kultusvorstandes hat dieser Körperschaft einen schweren moralischen Schaden zugefügt Dieser Schade läßt sich aber noch teilweise gutmachen. Denn vorläufig wurde bloß die Sistierung des Beschlusses zur Kenntnis genommen, in der nächsten Sitzung soll aber darüber nochmals entschieden werden, ob der früher gefaßte Beschluß auf Einsetzung der Palästinakommission erneuert wird oder nicht. Da wird sich zeigen, ob mit der vorläufigen Sistierung des Beschlusses dem Eigenwillen des Präsidenten schon genügend Rechnung getragen wurde, oder ob er auch das letzte Opfer verlangt: die Selbstentmannung des Vertretungskörpers der größten jüdischen Gern eindeunddas freiwillige Aufgeben jeder Würde. Der Präsident der größten österreichischen Judengemeinde möge aber vor allem nicht zwei einander nahe stehende Begriffe verwechseln: nicht Energie mit Eigensinn, nicht Zielbewußtheit mit Eigenmächtigkeit, nicht Festigkeit mit Rechthaberei. Er möge sich aber auch vor Augen halten, ► kj