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Jüdische Zeitung · 1914-01-30 · 5 (30.1.1914) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
5 (30.1.1914)
Date
1914-01-30
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 5 nichts, wonach sämtliche Prozesse wegen Judenausweisungen bis zur Entscheidung obiger Frage zu sistieren. Das Dekret steht im Gegensätze zu den im Jahre 1912 von demselben Gerichte gefällten Urteilen. Auch damals beriefen sich die Juden auf die bevorstehende Umwandelung und trotzdem beschloß das Gericht die Ausweisung der Juden. Die Zeitungen behaupten, die Juden wären durch Bestechung vorzeitig zur Kenntnis des Dekretes gelangt Gleichzeitig wird berichtet, daß man Juden aus den Gemeinden Zwierzyniec (Chelm. Gouvern.) und Mikstal (Warschauer Gouvern.) ausweist Die „Dwa Grosche“ bringt einen Artikel: „Wann, endlich?“ in dem sie den kleinstädtischen Polen den Vorwurf macht daß sie den Nationalinteressen keine Rechnung tragen und daß sie ihren Untergang heraufbeschwören, weil sie nicht aufhören, die Juden zu unterstützen. * ♦ Die polnische Presse interessiert sich jetzt sehr für den bekannten polnischen Klaviervirtuosen Paderewski, der jetzt in Amerika ein Toumeü absolviert. Als die amerikanischen Juden erfuhren, daß Paderewski ein wütender Antisemit ist und materiell die polnische Boykottbewegung gegen die Juden fördert, und daß er das Geld zur Gründung des antisemitischen Haupt- Organes „Dwa Groschen“ gegeben, beschlossen sie, seine Konzerte nicht zu besuchen. Die polnischen Blätter schlugen Alarm und verbreiten, dal! die Juden Paderewski ermorden wollen, und seither wimmelt es von Depeschen von Paderewski in der polnischen Presse, der an Verfolgungswahn zu leiten scheint Der „Kurjer Poranny“ äußert sich ironisch über die „Verfolgungen“ und bezeichnet das Vorgehen Paderewskis als amerikanische Selbstreklame. Das realkonservative Blatt „Slowo“ lenkt die Aufmerksamkeit der Polen auf die neulich erschienene Broschüre des jüdischen Gelehrten L. Her sch: „Der wandernde Israel“. Die Zeitung führt genaue statistische Details über die Lage der Juden in Rußland und Polen an und macht darauf aufmerksam, daß meistens jüdische Handwerker auswandern. Kleinhändler können nicht 'auswandern, obwohl sie von Tag zu Tag ärmer werden. Die Zeitung schließt daraus, daß die Polen, denen es daran gelegen ist, die Zuhl der Juden im Lande zu verkleinern, mit allen Kräften bemüht sein sollen, das Handwerk bei den Juden zu entwickeln, hauptsächlich sollten die „Polen-Juden“ zum Nutzen des Landes sich damit befassen. Die Ausführungen sind umso interessanter, als vor 2 Monaten in der polnischen Presse die Assi- . Inflationsjuden angegriffen wurden, weil sie statt die Juden zur Auswanderung zu veranlassen, sich bemühen, durch Gewerbeentwicklung die Juden auf polnischem Boden festzuhalten. Uebereinstimmend empfehlen alle polnischen Blätter ein Mittel, um die Juden loszu- ' werden:“ Die Judenbevölkerung ins volle Elend bringen und sie durchaus zwingen, das Land für immer zu verlassen. Eine Arbeiterkolonie der canadischen Federation in Palästina. Vor ein paar Jahren hat die canadische Federation dem jüdischen Nationalfonds einen Betrag von ca. 50000 Frcs. zur Verfügung gestellt mit der Bestimmung, hierfür ein zusammenhängendes Grundstück für den Nationalfonds auf den Namen der Zionistischen - Federation in Canada zu erwerben. Dem Nationalfonds hat sich kürzlich die Möglichkeit geboten, dieser Bestimmung in einer der Kolonie Kastinjeh (B’er Toviah) sehr förderlichen Weise Rechnung zu tragen. Wie auf dem Wiener Kongreß von dem Leiter des Palästina-Amtes mitgeteilt wurde, hat eine Arbeitergruppe, bestehend aus Vorarbeitern der Nationalfonds- Farm auf Hulda, in Kastinjeh ein für auswärtige Pflanzer bestimmtes Areal in provisorische Bewirtschaftung genommen und durch ihre tüchtigen Leistungen der ganzen etwas zurückgebliebenen Kolonie als mustergültiges, aneiferndes Beispiel gedient. Um diese Arbeitergruppe gemäß dem dringenden Verlangen der Kolonie dauernd in Kastinjeh belassen zu können, und zugleich den Arbeitern eine dauernde Existenz zu ermöglichen, hat der Nationalfonds eine Parzelle von ca. 800 Dunam mit darauf befindlichen Gebäuden und Pflanzungen vom Odessaer Komitee übernommen, um sie der Arbeitergnippe in Erbpacht zu geben. Der Verein Esra in Berlin hat gleichzeitig der Arbeitergruppe für Anschaffung von Inventar ein Darlehen vönFrcs.10000.— gegen Rückzahlung in 20 Jahresraten gewährt. Durch diese Gründung hat der Nationalfonds einen neuen Typus von Arbeitergenossenschaften ins Leben gerufen. die auf getrennter Hof- und gemeinsamer Feldwirtschaft beruhend, einen wichtigen Schritt ' auf dem Gebiete der genossenschaftlichen Kolonisation nach dem Prinzipe der Erbpacht darstellt., Erfreulich ist; auch, daß es dem Nationalfonds dank der Opferfreudigkeit unserer canadischen Gesinnungsgenossen und deren energischen Präsidenten Mr. Clärence de Sola sowie der Mitwirkung befreundeter Institutionen möglich geworden ist, einen neuen Stützpunkt der jüdischen Arbeit im Süden Palästinas zu schaffen. Angesichts der zunehmenden Zahl der. auf den N. F.-Betrieben' ausgebildeten Arbeiter wäre es zu begrüßen, wenn' es dem Nationalfonds durch ähnliche Zuwendungen iir'nächster- Zeit gelänge, die Zahl derartiger Genossenschaften in allen Teilen Palästinas zu vergrößern. Die canadische Federation hat den Beschluß gefaßt, dem Nationalfonds für einen ähnlichen Zweck neuerdings Mittel zur Verfügung zu stellen und zu diesem Zwecke auf der letzten Konvention den Betrag von 8000 Dollar gezeichnet Dr. Schmarja Levin ober die hebräische Sprache. Am 24. Januar sprach Herr Dr. Schmarja Levin In einer Veranstaltung der „Hatechija“ an der Universität in Wien über: „Die hebräische Sprache und ihre Renaissance in Palästina“. Noch vor etwa 15 Jahren wurde in West-Europa allgemein die hebräische Sprache von Juden und Christen zu den toten gezählt Die Auferstehung der hebräischen Sprache in Palästina wird daher als ein großes Wunder betrachtet, zumal da niemand den Juden in Palästina zutraute, {daß sie neben der intensiven Arbeit bei Begründung ihrer neuen Existenz noch die Zeit finden würden, eine tote Sprache zu beleben. Es geschehen jedoch keine Wunder. In Wirklichkeit hat die hebräische Sprache stets gelebt und sich mit dem jüdischen Volk selbst weiter entwickelt Aber ebenso wie man selbst in gut jüdisch geleiteten Schulen die Geschichte des jüdischen Volkes meist nur bis zur Zeit Esras und Nehemias lehrt,- die spätere Zeit als Anhängsel betrachtet, die keine Bedeutung mehr hat, ist auch die Entwicklung der hebräischen Sprache in dieser späteren Zeit fast unbekannt geblieben. In der Mischnah sind bereits Jurisprudenz, Medizin, Naturwissenschaft usw. behandelt, und die Sprache hat sich diesen Disziplinen angepaßt. Die Sprache der babylonischen Gelehrten, die Palästina nicht mehr gekannt haben, ist nicht mehr echt, da die Sprache, wie das Leben, sich der fremden Umgebung anschmiegte. Je stärker der Einfluß der Umgebung wurde, um so sorgfältiger war man auf die Erhaltung der Sprache bedacht, für die nun der Begriff der „heiligen“ Sprache aufkam. Es war ein Ausfluß des Selbsterhaltungstriebes, daß man das kostbarste Gut, das man hatte, möglichst unberührt von der fremden Umgebung halten wollte. Sobald die Lage der Juden sich besserte, erlebte auch die hebräische Sprache einen Aufschwung, so unter der Herrschaft der Araber in Spanien. Die jüdischen Dichter beschränkten sich nicht auf das religiöse Gebiet, sondern schrieben wunderbare Gedichte profaner Natur. Bei der Masse der Juden in Rußland war es stets bis vor etwa 30 Jahren nicht nur Pflicht, sondern eine Selbstverständlichkeit, daß alle geschäftlichen Verhandlungen, Korrespondenzen und Geschäftsbücher hebräisch geführt wurden, ln besseren jüdischen Häusern wäre es als Schande betrachtet worden, hätte die Braut ihrem Bräutigam einen nicht hebräischen Brief geschrieben. Eine neue Epoche begann, als - der erste Roman, „Ahawath Zion“ von Mapu, in hebräischer Sprache geschrieben wurde. Es gab zwar unzählige hebräische Bücher auf dem Gebiete der Philosophie, der Naturwissenschaften, auf religiösem und dichterischem Gebiete, das schwierigste jedoch, die Schilderung des einfachen, frisch pulsierenden Lebens, der Erdgeruch fehlte. Erst die Entwicklung des jüdischen Lebens , Hamburg (Hamburg-Amerika Linie) ^etfonenbefßrhettmß tuttij uReu Seilen Der Sßelt. 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