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Jüdische Zeitung · 1914-01-30 · 5 (30.1.1914) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
5 (30.1.1914)
Date
1914-01-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 5 Anschauungen der gesamten jüdischen Jugend, in dem die national gesinnten Massen des jüdischen Volkes bewegenden Streite .Jiddisch oder Hebräisch“, zum Ausdruck gelangt seien. Dieser Gefahr und diesem Mißverständnisse zu begegnen und unter einem zu beweisen, auf wie schwachen Füßen der Doktrinismus des Autors und der Wenigen ihm Gleichgesinnten steht, betrachte ich als Pflicht eines Mannes, dem die Zukunft der jüdischen Jugend und damit des ganzen jüdischen Volkes nicht gleichgültig ist. Ueber die Sprache des Verfassers sagt der Herausgeber der Zeitschrift in einem Vorwort: „Die Sprache des Verfassers ist die jüdische und häufig genug mag man spüren, wie schwer dieser junge Poalezionist den Gedanken in deutsche Formen zwingt“. Noch schwerer oder völlig unmöglich dürfte es dem Verfasser fallen, seine Gedanken in hebräische Formen zu zwingen. Liegt da nicht ein Grund dafür, daß der 'Verfasser so sehr dem jiddischen zuneigt und dieses exklusiv gelten lassen will? Doch, wir wollen sachlich sein und .es nicht dem Autor nachmachen, der mit. Schlagworten operiert und sich über Tatsachen und Geschichte mit Sprüngen hinwegsetzt. jiddisch bedeutet für den Verfasser Kultur, hebräisch Fetisch. Aber wer da glauben wollte, daß er das .Jiddisch“ als endgültige, nationale jüdische Sprache festgelegt wissen will, der irrt sich, denn gleich belehrt ihn der Verfasser: „Land und Sprache sind Mittel und Formen, die dem Volke dienen sollen, — teuer werden sie erst, wenn der Geist und die Seele des Volkes in Ihnen Zelte Aufschlägen (man beachte dje schöne metaphorische Ausdrucksweise . . . ); aber sie sind wie Kleider auswechselbar, dem Zufall unterworfen“. — Man weiß nicht, ob der Verfasser dem Leser Sand in die Augen streuen will, oder ob aus ihm die grüne Unreife und Ignoranz spricht.. Man denke sich den Fall, daß die gesamte deutsche Nation ihre deutsche Sprache gegen die französische „ausgewechselt“ hätte und kein Deutscher mehr deutsch spräche und dann komme jemand und behaupte, daß es noch eine deutsche Nation gebe. Fürwahr, man muß sich aber die Redaktion wundern, die die Spalten Aires Blattes einem solchen schreienden Unsinn zur yerfügung stellt. Nun, der Autor will heute das „Hebräische“ gegen das „Jiddische“ auswechseln, wer jbürgt uns’ dafür,-daß er das Jiddische, morgen oder übermorgen, nicht gegen eine dritte Sprache, sagen wir die deutsche (bis er sie vollständig beherrschen wird), auswechseln wird? Wohl gibt es Völker, die kein eigenes Land haben (Völker, die keinen eigenen Staat haben, gibt es sogar sehr viele), aber kein einziger vernünftiger Mensch wird behaupten, daß ein Volk, daß sich seiner Sprache begeben hat, noch als solches existiere. - Ignoranz oder Sichblindstellen durchzieht auf die geschilderte Art den ganzen Artikel. So die Spiegelfechterei, daß die „Neu- und Nur-Hebräer sich über die 2000 Jahre Diaspora hinwegsetzen und deren geistige Schöpfungen ignorieren“. Nicht so, mein junger Herr Verfasser, die Neuhebräer verkennen keineswegs die Produkte der Diaspora. Sie knüpfen an an die spanische Epoche, an Jehuda ben Halery, an Ibu ben Gabirol, an Majmonides, kurz, an alle diejenigen.- die in der Diaspora in hebräischer Sprache geschaffen liaben. Sie verleugnen natürlich auch nicht die Propheten und die Schöpfungen derEpoche des noch freien Palästinas. Allerdings, an die Treibhauspflanzen des Verfassers des Dramas „Gott der Rache“ und die anderen ephemeren Erscheinungen werden sie sich wohl hüten anzuknüpfen, denn diese sind der großen Vergangenheit des jüdischen Volkes unwürdig und beweisen zur Genüge, daß die Würde und das Genie des jüdischen Volkes in denjenigen Schichten des Volkes viel gelitten haben, die den Faden, der sie mit der Vergangenheit verknüpft, durchschnitten haben. Was Asch, Perez Reisen etc. geschaffen haben, kann einen Eintagserfolg erzielen, Ewigkeitswerte sind es nicht. Ganz merkwürdig mutet den Leser dieses Artikels eine Erscheinung an, die ich als die „Verhimmelung des Golus“ bezeichnen möchte. Die Deutschen sprechen sicherlich nicht mit einem solchen Stolz von ihrem „18. Oktober“, wie dieser junge. Irregeführte von dem jüdischen Golus. Unser aller Auffassung des Golus ist die, daß wir ihn als nationales Unglück betrachten, als eine Zeit der Knechtschaft' und der Erniedrigung, wenn wir uns auch nicht der Tatsache verschließen, daß er ein wichtiger Faktor in der Erhaltung des Judentums gewesen ist. Der Golus wurde den Juden aufgehalst, nie aber etwas durch Selbstbestimmung Gewolltes oder Erwünschtes. Der Verfasser sagt: „Man wird mir vorwerfen: Es ist der Golusgeist, der in mir spukt Ich weiß nur eins: Der Golusgeist ist derselbe Geist, der Moses und die Propheten beseelte, der in Joschua- Hanczri und in Wilnaer Gaon lebt, im Sabatai Zwi und Spinoza, in Israel Beseht und Gerschumi — so auch im Jiddischen.“ Welch ein verhängnisvoller Irrtum! Nicht der Golusgeist spukte in Moses und den Propheten, sondern die Auflehnung gegen den’ Golusgeist, der Geist der Freiheit Hat denn Moses den „Golus“ für die Juden herbeigewünscht oder wollte er sie davon befreien?! So steht es auch mit dem „Jiddisch“. Jiddisch ist ein Produkt des Golus und wollen wir uns regenerieren, dann müssen wir das „Jiddisch“ abstreifen. Wir wollen doch nicht aus der Not eine Tugend machen! Ich verschließe mich nicht den Schwierigkeiten, die der Wiederbelebung der hebräischen Sprache im Wege stehen. Sie sind groß genug, um über Nacht überwunden werden zu können. Aber sollten wir deshalb zurückschrecken? Sollten wir die Flinte ins Korn werfen und auf die Regeneration verzichten?! Nur ein Mensch, der über „Land und Sprache“ steht, wie der Verfasser fraglichen Artikels, kann behaupten, daß die Sprache für ein Volk etwas Untergeordnetes sei, daß er sie auswechseln könne. Aber diese Art Menschen stehen auch über dem Volke und philosophieren darüber in abstracto. Zu Papier läßt sich alles bringen, carta non erubescit Aber den Geist des jüdischen Volkes und seine- Anhänglichkeit für die hebräische Sprache wird er doch nicht totschlagen können. Denn der größte Teil des jüdischen Volkes betrachtet das „Jiddische“ nur als ein Golusübel, wie viele'andere Uebel und sein Herz, seine Seele, sein ganzes Wesen sehnt sich hach der hebräischen Sprache, die ihm einen heiligen Respekt einflößt. Dem Autor ist es nicht unbekannt, daß in sehr vielen Städten und Städtchen Galiziens fast durchweg alle Eltern, reich oder arm, ihre Kinder in die frisch emporgeblühten hebräischen Schulen schicken. Der Kuriosität halber würde ich wünschen, daß man eine „jiddische“ Schule in Galizien errichtet, und ich bin sehr darauf begierig, ob auch nur ein jüdischer Vater sein Kind in diese Schule schicken wird, trotzdem neun Millionen Juden „jiddisch“ sprechen. Der Autor möge sich daher nicht wundem, daß man alle Mittel, die das notleidende jüdische Volk für Kulturzwecke ersparen kann,-darauf ^verwendet werden, um ein hebräisches Gymnasium, eine hebräische'Universität" zu errichten und kein jiddisches Gymnasium und keine jiddische Universität Das „Jiddische“ ist eben nur etwas Aeußeriiches geblieben, etwas Fremdartiges, es ist dem jüdischen Volk nicht ins Mark und Blut übergegangen, es ist nicht Geist von seinem Geiste geworden. Daher haben auch sehr viele Juden, wo sie aus dem „jiddischen“ Milieu in ein fremdes Milieu geraten sind, gleich-das „jiddische“ abgelegt und das' fremde Gewand angezogen. Denn, ob dieses oder jenes fremde Gewand, war ihnen gleichgültig, und des neuen wegen wurden sie weniger verspottet als des alten wegen. Da hat der Autor recht daß das Jüdische „auswechselbar“ ist das Hebräische ist es aber nicht Nur darf er nicht generalisieren und vom „Jiddischen“, das offenbar auch ihm nicht ins Fleisch und Blut übergegangen ist, nicht auch auf die anderen Nationalsprachen schließen. Allerdings, die Hebräisten sind nicht blind, sie wissen wohl, daß' die hebräische Sprache den Juden nicht oktroiert werden kann, sie rechnen mit der Liebe aller Angehörigen des jüdischen Volkes zu ihrer Nationalsprache und wollen durch einen evolutiven Prozeß sie wieder ihrer Ursprache zuführen. Das wird Dezennien dauern. Darüber sind sie sich klar. JVber atich Mojäe? hat erst das zweite .Geschlecht nach Palästina bringen können. Mit dem .ersten läßt sich eben nichts machen, weil es schon zu sehr im Alten steckt. Auch werfen sie nicht das „Jiddische“ über den Raufen. Sie brauchen es vorläufig als yerständigungsmittei mit dun Massen. Aber je größer die Zahl der hebräisch Sprechenden werden wird, desto leichter werden auch die unbemittelten Schichten des Volkes die Sprache erlernen können und das „Jiddische“ wird immer mehr überflüssig werden und schließlich ganz verschwinden. Da wird die Regeneration des Volkes kulturell vollendet sein, von da ab wird es sich gleich ändern, normal entwickeln können. Aber da mögen nicht Unberufene kommen und sie in ihrer Arbeit, die nicht sehr leicht ist, stören. Dadurch verzögern sie die nationale Wiedergeburt und stiften unheilbaren Schaden. Diese ihre schädliche Arbeit wird aber den endlichen Sieg des Hebräischen nicht verhindern können. Das Wahre und Echte wird sich zum -Schluß doch durchsetzen. Die Poalezionisten und die jüdischen Sozialdemokraten haben keinen Grund, mit dieser Sachlage unzufrieden . zu sein. Die hebräische Sprache ist nicht nur die Sprache der Bourgeoisie, sie ist auch die Gebetssprache des Unbemittelten jüdischen Volkes und wird über kurz oder lang auch deren gesellschaftliche Unterhaltungssprache werden. Das „Jiddische“ wird die Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel nicht fördern und das „Hebräische“ wird sie nicht aufhalten. Also kein Hader unter Brüdern! Die Friedensstörer mögen sich aber eins merken: Das jüdische Volk wird hebräisch sein, oder es wird überhaupt nicht sein. Wien, 23. Jänner 1914. B. B. Die Beilis - Memoiren. Die Beilis - Memoiren, nachr denen die russische Polizei ein so ungestümes — aber ungestilltes — Verlangen zeigte,. sind in sicherer Hut. Ein groBer Teil von ihnen kam noch zu guterletzt unbehelligt über die russische Grenze bei Älexandrowo. Der Journalist Boris" Berlians,.. ein jMitglied^er J^on? doner Redaktion des „New York 'American“, hat die Papiere bei sich gehabt-und sie nach Berlin gebracht. Berlians, der früh hier eintraf, weilte nur wenige Stunden in Berlin und reiste dann mit den Schriftstücken nach London weiter. Er war in Kiew verhaftet gewesen, und die dortige Polizei hatte ihm seine Enthaftung unter der Bedingung anger boten, dafl er seine Aufzeichnungen über Beilis herausgebe. Er erklärte, auf diesen Tauschhandel nicht eingehen zu können, da -die Aufzeichnungen, die er nach dem Diktat von Beilis gemacht hätte, bereits nach London abgesandt worden seien. Schließlich gab sich die Polizei mit dieser Erklärung zufrieden und ließ Herrn Berlians frei, nachdem er einen Tag und eine Nacht im Gefängnis zugebracht hatte. Die Behandlung im Gefängnis war nach Aussage des Herrn Berlians, der russischer Staatsangehöriger ist, aber bereits acht Jahre in London als Journalist wirkt, ganz leidlich, nach russischen Begriffen vielleicht sehr gut. Er hatte seine eigene Zelle, freilich ohne die geringste Bequemlichkeit. Ueber die Beköstigung kann er kein Urteil abgeben, da er jegliche Nahrungsaufnahme verweigerte, sich viefmehranschickte, -gegen seine -ungesetzliche Verhaftung durch einen Hungerstreik zu protestieren. Herr Berlians war in Kiew kein Unbekannter mehr. Er weilte dort während des ganzen Beilis-Prozesses und war vor ungefähr acht Tagen in Begleitung seines Kollegen Wray in aller Stille dort wieder eingetroffen, um sich von Beilis dessen Memoiren diktieren •OOOOI Dauerhafter als Leder :: «oooo» KAUTSCHUK-ABSATZ Palma-Raäffdii(h-GeIeIH(taaff m. b. H. WIEN I. Elegant und hygienisch

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