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Jüdische Zeitung · 1914-01-23 · 3-4 (23.1.1914) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
3-4 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 v JÖDISCHE ZEITUNG Nr. 3 u. 4 und überzeugender Weise die oben angedenteten -Gesichtspunkte, ergänzte dieselben unter Vorlegung der Gebahrungsausweise an der Hand' des Protokolles und wies nach, daß der Angeklagte, der in der besten Absicht alle seine Kräfte der Wohltätigkeit und der Humanität gewidmet habe, es nicht verdiene, daß man ihm nach 21 jährigem Wirken in seinem 72sten Lebensjahre für einen Akt der Barmherzigkeit den Makel einer gerichtlichen Strafe auferiegen wollte. Das Plädoyer des Verteidigers, das ca. 3/4 Stunden währte, machte allseits tiefen Eindruck. - Der Vertreter der Staatsanwalt verzichtete auf Begründung der Klage;. Herr Dr. Löwy dagegen versuchte in Vertretung des Standpunktes seines Klienten, Herrn Theodor Konirscn, nachzuweisen, daß der Angeklagte sich tatsächlich einer strafbaren Handlung schuldig gemacht habe und daß es seine Pflicht gewesen wäre, die Statuten streng einzuhalten. — Der Vorsitzende verkündete hierauf nach der Beratung das Urteil, wonach Herr Jakob Hirsch unter Aufhebung des erstrichterlichen Urteils von der Anklage freigesprochen wird mit der Begründung, daß der Beschluß der Generalversammlung, womit die Jemenitenspende von K 1000.— bewilligt worden sei, den Statuten der Chewrah Kadischa nicht widerspreche, zumal' seit Jahren die Statuten laut Gebahrungsausweisen immer in diesem Sinne gehandhabt wurden, eine Verletzung des Vereinsgesetzes überhaupt nicht stattgefunden habe, eine Absicht des Angeklagten in dieser Richtung ausgeschlossen und das Urteil I. Instanz sohin wegen Nichtigkeit aufzuheben sei. Herr Hirsch wurde, als er den Gerichtssaal verließ, von dem anwesenden Publikum lebhaft begrüßt. Dr. Scbwarja Lewin in Wien. Ein zahlreiches distinguiertes Publikum, darunter auch solche, die - tags vorher im Jüdischen Kolonisationsverein die Ausführungen Dr. Lewins gehört haben, erschien am 20. d. M. im Beethoven-Saale, um dem Vortrage des bekannten Vorkämpfers der zionistischen Idee zu lauschen. Der hervorragende Redner, der lx/2 Stunden die ganze Zuhörerschaft völlig in seinem Banne hielt, knüpfte an die hebräische Sprachkonferenz an, die im vergangenen Sommer in demselben Saale getagt hatte. Er wies auf die große Entwicklungs- IGRRF-Würfel I Feinste Rindsuppe An Ausgiebigkeit und Wohlgeschmack ähnlichen Erzeugnissen weit überlegen. Graf-Würfel u Würze Koscher. H fähigkeit alter Völker hin, die sie erlangen, indem sie der vieltausendiährigen Kultur den äußeren Schliff verleihen. Die Japaner überraschten die gesamte Welt durch ihre in wenigen Jahren gemachten Fortschritte und dies könne auch bei den Juden der Fall sein. Dann: entwickelte der Redner in glänzenden Ausführungen, gewürzt durch geistsprühende Vergleiche, den Wert unserer Kultur und ihrer Schöpfungen. Er berief sich hierbei auf einen bedeutenden deutschen Gelehrten, der da gesagt habe, das deutsche Volk habe 400 Jahre gebraucht, um den Geist des Alten Testaments in sich aufzunehmen und nun sei es bei Zeit der Mischna angelangt. Dann ging er auf die Eutnationilierung der Juden über. Er wies auf die allmähliche Entjudung hin, die allmählich erfolgte, gleichsam wie sich die Schechina aus dem Tempel in Jerusalem nach dem Sturze der Stadt nicht plötzlich, sondern sprungweise entfernte. „Die Assimilation“, sagte- Lewin, „ist nationale Schwindsucht. Sie beginnt mit einem Lungenspitzenkatarrh, das heißt zuerst assimilieren sich die Spitzen, die obersten Schichten.“ Ergreifend schilderte er den Bildungsdrang der jüdischen Massen im Osten, die armen jüdischen Mütter, die ihr Hab und Gut versetzen, damit „der Rabbi, der ihren Kindern die Seele gibt“, nicht hungern müsse. 15 Millionen Rubel koste in Rußland der jüdische Unterricht im Jahre, ungefähr so viel, wie viel sich Italien seinen Volksschulunterricht kosten läßt. Lewin wies nach, wie der Drang nach Osten das jüdische Volk zu allen Zeiten beseelt habe. Er schilderte die Leiden und die Ausdauer der ersten Pioniere, die nach Erez Israel gingen, um den Boden für das jüdische Volk vorzubereiten. Er kam dann auf die Bedeutung der hebräischen Sprache und ihre Erfolge im Lande Israel'zu sprechen. Nun soll endlich das jüdische Volk eine eigene Hochschule erhalten und siehe da, Juden beanspruchen sie für eine fremde Sprache und eine fremde Kultur. König David hatte sechs Frauen und trotzdem ließ er Urias aus dem Wege schaffen, weil er dessen Frau Bath-Schewah begehrte. Es kam damals der Prophet Nathan und erzählte ihm das Gleichnis von dem reichen und dem armen Manne. Der Reiche hatte eine große Herde, der Arme hingegen bloß ein Schaf, das ihm überaus lieb .war. Es, kam nun ein Gast zum reichen Manne, und da dieser kein Schaf seiner eigenen Herde zu opfern vermochte, nahm er das Schaf des Armen und lies es für den Gast zubereiten. Alle Völker haben Hochschulen, auf den ihre Sprache sich 'frank und frei ausleben und entwickeln kann. Ist es nun möglich, daß eine reiche Nation, die eine ganze Reihe von Hochschulen besitzt, sich unserer einzigen Hochschule bemächtigen wolle? Dies wünscht nur der moderne Nathan, der jedoch viel weniger wahrheitsliebend ist als der Nathan des Alten Testaments. Frenetischer Applaus belohnte die' Ausführungen des Redners. Der Vortrag, der von der rührigen Korporation Neure Jehuda veranstaltet wurde, übte einen tiefen Eindruck auf die Anwesenden aus. Ennigelinng der westösterreichischen jüdischen Tnrnerschaft. Die Leitung des 2. Kreises der Jüdischen Turnerschaft hat,in ihrer Sitzung vom 9. d. Mts. nachstehende Resolution beschlossen: „Die Leitung des westösterreichischen Kreises der Jüdischen Turnerschaft, als Vertreterin der nationalbewußten, turnenden Jungmannschaft Westösterreichs, schließt sich ganzen, aufrichtigen Herzens den Entrüstungskundgebungen an, welche der volksfremde, volksverräterische Beschluß des Deutschen Hilfsvereins hervorgerüfen hat. — Wir hatten uns glücklich geschätzt, unserer Jugend durch die Einführung der obligatorischen hebräischen Kommandosprache in unseren Vereinen einen schwachen Widerschein jener Entwicklung, und Verbreitung unserer Volkssprache geboten zu haben, welche diese in Erez Israel erfahren und mußten deshalb um so schmerzlicher diesen schmählichen Versuch einer gewaltsamen Drosselung unserer Nationalsprache empfinden. Doch um so größere Ge- Feuilleton. Im Hotel „Türkalia“.*) Von Scholem Aleichem. „Wenn ihr billig und doch fein Unterkommen wollt, so verlaßt euch auf mich“, sagte mein Kutscher zu mir und führt mich vor ein zweistöckiges Haus mit arg beschädigter Fassade, das in großen Buchstaben die Aufschrift trägt: „Hotel Türkalia“. Er klopft mit der Peitsche an die Tür und schreit: . „Nojech! Nojech! Wo steckst du denn, zum Teufel! Mach auf! Ich habe dir einen Hecht gebracht!“ Die Tür geht auf, und es erscheint der gerufene Nojech, der Portier des Hotels. Er packt meinen Koffer und trägt ihn ohne weiteres in den zweiten Stock. Sowie wir oben sind, fragt er: „Was für ein Zimmer wollt ihr? Mit Gesang oder ohne?“ „Gesang?“ „Ja, Gesang. Bei uns wohnen nämlich die Schauspieler vom jüdischen Theater und außerdem ein Chasen**) aus Litauen mit zwölf Chorknaben. Sie sind zum Sabbat hergekommen. Es soll kein übler Chasen sein, sagt man. Eine Rarität von einem Chasen!“ „Das kann ja sein, daßer eine Rarität von einem Chasen ist. Aber ich verzichte. .Gebt mir ein Zimmer ohne Gesang!“ „Wie ihr wollt“, sagt Nojech, der Portier. „Ich kann euch auch ein Zimmer ohne Gesang geben. Aber wenn’s euch dort nicht ganz passen sollte, so will ich dann keine Verantwortung haben.“. *) Aus dem soeben erschienenen Buche „Die verlorene Schlacht Humoristische Erzählungen von Scho lern Aleichem. (Pappband 2 Mk., 'Leinenband 3 Mk,). Berlin, Jüdischer Verlag.“ . .. . **) Kantor, Vorbeter.. „Was versteht ihr unter .nicht ganz passen*?“ fragte ich ihn mißtrauisch. „Na, zum Beispiel,“ antwortete er, „wenn’s euch beißen sollte“. „Wer soll mich beißen?“ „Wer euch beißen soll?". . . Ich sicher nicht. Es wird schon welche geben, die euch beißen werden. Man hat erst vor kurzem gereinigt: vor Pejsachl Aber es hilft nichts. Auch Petroleum nicht.“ „Wenn dem so ist, dann lieber schon mit Gesang“ — sage ich. Nojech, der Portier, führt mich nun in ein finsteres Zimmer, in dem es nach frischen, erst abgezogenen Häuten und faulen, verschimmelten Gurken riecht. Und ehe ich mich noch zurechtfinde, packt er irgend etwas j und klopft darauf lös, so etwa, wie man ein j Kissen klopft, daß man für jemanden zu seiner! Behaglichkeit herrichten möchte. Dabei | schimpft er mörderisch: | „Du Lümmel! Du Schwein! Du Ochs! i Gleich kriegst du noch eine über deine Fratze, daß dir alle Zähne herausspringen! Alle Welt kommt von der Bahn, und er legt sich mit den Stiefeln ins Bett, streckt sich aus, wie bei Vater zu Hause aufs Heu, macht’s sich’s bequem! Ein schöner Diener" das! Hast noch keine Zeit gehabt, die Läden zu öffnen? Den Samowar aufzustellen? Den i Schauspielern die Schuhe zu putzen? Beim j Chasen und bei den Chorknaben rein zu i machen? Noch keine Zeit gehabt, Mojsche | Mordche? Was? Hol’ dich der Henker!“ Erst jetzt erblicke ich den Menschen, den alles das angeht. Es ist ein baumlanger Kerl mit großen, gut gefetteten Schuhen, — und nun begreife ich auch den Geruch im Zimmer .... Er steckt übrigens die Ohrfeigen des Portiers ganz ruhig ein, streicht i sich mit den Fingern über die Lippen, als j ob er damit nichts zu tun hätte, und dann öffnet er die Fensterläden, glotzt mich an und beginnt fröhlich zu lachen. „Vielleicht wißt ihr, warum er lacht!“ sagt der Portier zu mir. „Wahrscheinlich freuen ihn die Ohrfeigen auf nüchternen Magen! Scher dich zum Teufel, du abscheulicher Kerl! Du Kartoffelfresser! Du Lokschenschlinger! Du Bretzelmarder! Noch ein Hieb in den Nacken, und Mojsche Morche fliegt zur Tür hinaus. „Ein ganz ordentlicher Junge,“ sagt dann der Portier zu mir, „nur ein wenig faul und schläft zu fest. Ohne Ohrfeigen ist er nicht zu wecken. Sonst aber arbeitet er wie ein Esel. Und was er verdient, gibt er seiner Schwester. Ich habe es kaum bei ihm durchsetzen können, daß er sich ein paar neue Stiefel machen ließ . . . Was wollt ihr zuni Tee haben? Frisches Gebäck, Bretzeln, Mohnbrötchen oder vielleicht gar Berditschewer Prenseln?“ So fragt er, macht aber plötzlich Kehrt ' und verschwindet, ohne meine Antwort abzuwarten. Gleich darauf öffnet jemand die Tür und steckt den Kopf herein: „Ihr habt schon gebetet, Reb Jid?*‘ „Was kümmert das euch?“ frage ich. „Wer seid ihr?“ „Ein Fremder, nicht von hier. Ich möchte euch bitten, mir auf eine Minute euem Talles und eure Tfillin zu leihen. Mir hat man die meinigen gestern hier im Hause gestohlen.“ Bald wird die Tür wieder geöffnet, ein zweiter Kopf erscheint und spricht in mehreren Sprachen zugleich: „Raznich towarow, panie, gute Socken! Renkawitschki zimni, beste Ware, billig! Halb umsonst jak boga kocham! Kauft mir Socken ab, wenigstens ein halbes Dutzend . . . Gott soll euch Gesundheit schenken . .. Ich wußte nicht, wer ihr seid. Es kommt ja manchmal vor, daß man auf einen Nichtjuden stößt und

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