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Jüdische Zeitung · 1914-01-23 · 3-4 (23.1.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
3-4 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JUDSNE ZEITUNG mmrni -jüdischem drgrn w« w*m%rrm ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■• ■■ ■■■ | Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. I. — Sprechstunden täglich von | _ 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreiset Für Oesterreich- > ■ Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, vierteljühr. K 3.—.. Für Deutschland: Ganzjahr. Mk. 10.—, halbjöhr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ | Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Pöstsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. | Nr. 3 ü. 4, Wien, Freitag, den 23. Jänner 1914. VIII. Jahrgang. Ueber die bildende Kunst der Men. Von Architekt Dr. techn. Berthold Marmorstein. (Schluß.) Die Antisemiten sprechen den Semiten die schöpferische Empfindungsgabe ab. Die Semiten hatten der Welt wohl eine höhere moralische Gesittung gebracht, aber in der Kunst waren die indoeuropäischen Völker, die Arier, überragend. Dieses Urteil entspringt der bodenlosen Bosheit unserer Feinde, von dem sie schließlich ganz 1 überzeugt wurden und wir, die wir von ihnen, erzogen sind, glaubten endlich auch ganz und gar an dieses unser Volk erniedrigendes Schlagwort. Ist: es dem wirklich so, sind wir in der Kunst Von den Arier abhängig, sind wir künstlerisch eine minder begabte Rasse? Neinl Gerade das Gegenteil st richtig und ich bin in der Lage der erste zu sein, der mit der festesten Ueberzeugung ausspricht: Die semitische Rasse_ hat der Weltnicht nur in sittlicher Hinsicht ihren Stempel aufgedrückt, auch in der Kunst sind die Semiten über alle anderen Rassen erhaben. Was'die indoeuropäischen Völker in der Kunst geleistet haben,; steht gegen die Leistungen der Semiten zurück und ist'in den besten Fällen von ihnen abhängig, ohne daß der Schüler den großen Meister .nicht-Bur-’ nicht-ganz -erfaßLi-sandern .gegenihn.auch weit zurückgeblieben ist. Die künstlerische'Ueberlegenheit der Griechen, ihre gigantische Höhe, ihre ideale Schönheit — weiß Gott was für Schlagworte der menschliche Geist für sein Idol erfindet —, sie alle sind nicht wahr und wir glauben schon lange nicht an sie. Es geht ihrer Kunst so, wie es ihrem Olymp ergangen ist, er konnte sich gegen das Judentum nicht halten. Der Laokoön von Lessing ist noch' nicht vergessen, obwohl wir heute wissen, daß die Schlüsse, die Lessing folgerte, ein minderwertiges klassisches Werk zur Basis hatten. Wir haben viel bessere klassische Werke seit der Zeit ans Tageslicht gebracht, und die Anschauung von der griechischen Kunst zurzeit Lessings, Winkelmanns und Goethes ist nicht die heutige. Es mutet uns die Vorstellung des Endes des 18. Jahrhunderts von der idealen Schönheit der Griechen ganz merkwürdig an. Man kannte sie damals noch nicht oder nur aus' unbedeutenden Originalen oder Gipsabgüssen. Heute haben wir sie erst wirklich erkannt. Es geht eben mit dem Erkenntnis von höherstehenden Werken sehr langsam.' Der bildenden Kunst geht immer die entsprechende geistige Kultur voraus,. sie voräusahnend und bedingend. Der italienischen Renaissance in der bildenden Kunst ging eine geistige Renaissance voraus und basiert noch anfangs auf den näherliegenden Funden aus römischer Zeit und erreicht ihre Blüte auf Basis der griechischen Funde. Um kurz zu 'sein; die griechische Kunst, die Unterbrechungen während der finsteren Jahrhunderte des Mittelalters abgerechnet, war immer bis vor nicht langer Zeit als der Höchstpunkt der bildenden Kunst anerkannt und die Griechen als die Schöpfer der idealen Formenschönheit vergöttert, jedoch nur solange, als man nichts anderes kannte, was ihnen den Rang streitig machen konnte. Man kannte die semitische Kunst gar nicht, oder hatte nur eine sehr verschwommene Anschauung von ihr. Erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts wandte man der ägyptischen Kunst, wohl anfangs nur ein archäologisches Interesse entgegen und erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte man die herrlichen Werke' der Assyrer. In den letzten Jahrzehnten war man auch in Palästina fleißig an der Arbeit, aber leider mit weniger günstigen Resultaten, da man gerade dort keine Ausgrabungen machen darf, wo die größten Kleinodien unter Schutt und Erde vergraben liegen: in Jerusalem, im Tempelbezirke, jetzt leider heilig den Christen und Mohammedanern und unantastbar. Das Studium dieser Funde hat in Europa eine Revolution auf künstlerischem Gebiete hervorgerufen, und der verzweifelte Kampf, der zwischen alter und neuer Kunst in unseren Tagen ausgefochten wird, es ist der Eroberungskampf der semitischen Kunst in Europa. Dies wird die allermeisten Leser sehr wundernehmen. Die semitische Kunst gehört doch zum alten, meinen sie, und der Kampf der Moderne wäre auch der Kampf gegen diese. Es ist jedoch der Kampf des größeren älteren gegen das mindere und uns zeitlicher näher liegende, der in unseren Tagen ausgefochten wird. Es ist eine Eigenschaft des Echten, Wahren, des Großen und Erhabenen, daß es in bescheidener unaufdringlicher Art auftritt und sich vermöge seines inneren Wertes Geltung verschafft und es war schon da, ohne, daß man sogleich seiner hohen Sendung gewahr wurde. Es fand langsam aber mit immer größerer Macht in der Brust der Würdigsten Eingang und spricht schon aus den Werken der Besten. Die meisten werden erstaunt sein, wenn ich sage, ja feststelle, daß das, von dem ich spreche, schon da ist. Noch nicht in seinem vollen Glanze, in seiner ganzen Größe und Pracht, aber es geht schon unter uns einher. Eine -große.. Wandlnnggeht von sicb und. wir,-die. Repräsentanten der Semiten, wir, die Erben der Semiten, wir, das genialste 'Volk unter ihnen, wir, das auserwählte Volk der Semiten — wir sind stolz, daß wir auf allen Linien siegen, daß endlich die semitische Kultur die Kultur der Welt, wird und. wir uns auf die Brust pochen können, daß wir der Welt in jeder Hinsicht in allem und jedem ihre- Fassung geben. Nicht wir sind den Ariern untergeordnet — sie mögen sich sträuben wie sie wollen, sie mögen falschen und uns unseren Besitz ablisten — sie sind alles durch uns. Kaum sind wir ein paar Jahre aus dem Gettho — was zählen diese gegen unsere tausendjährige Knechtung an Leib und Seele — und mit die besten der europäischen Künstler auf allen Gebieten der bildenden Kunst sind Juden- Ich will nicht Namen nennen, es gehört nicht in meine Abhandlung, sie sind nicht nur Künstler, sie sind führend und sie sind zum Teile schon in den Ansätzen wahrhaft jüdische Künstler zu sein. Es gibt nur einen Weg der Entwicklung des Menschengeschlechtes, einen großen Weg für ihre Produktionen, und der ist durch die Semiten der Welt vorgezeichnet, in der Zeit unserer Blüte in Palästina geschaffen und für die ganze Welt zwingend. Ich kann hier nicht auf Einzelheiten eingehen, ich kann hier nicht einen Kurs in der Formensprache der bildenden Kunst geben, ich habe nicht die Aufgabe, die Leser in die bildende Kunst einzuführen, ich muß mich hier darauf beschränken, über den Stand der Dinge zu orientieren. Die Künstler will ich anregen, die Liebhaber auf einen schöneren Weg führen, nationalen Kämpfern möchte ich das hohe Bewußtsein übermitteln. Ich bin überzeugt, daß das, was man heute Moderne nennt, hier in Europa zu einer hohen Kunstproduktion führen kann und wird, aber ich bin auch überzeugt, daß diese von den Jungsemiten, von den Jungjuden nur auf heimatlichem Boden unter der Sonne Palästinas zur vollsten Entfaltung kommen kann. Seit Jahrhunderten ist der Baum verdorrt, der auch noch auf fremder Erde schöne Früchte gereift Hohe Kunst ist immer nationale Kunst Wir müssen wahrhaft Juden zu werden uns mit aller Macht befleißigen, um eine hohe Kunst hervorzubringen, nur jüdische Kunst kann unsere Kunst überhaupt sein. Keine jüdische Kunst bedeutet so viel, als überhaupt keine Kunst Wir haben keine Wahl und wir werden eine neue jüdische Kunst haben! Wir haben heute in Europa wohl eine internationale Kunst wir haben aber nirgends eine hohe Kunst. Wir kennen viel, wir können viel, wir sind enorm geschickt, können wir aber mit guter Einsicht unsere Produkte denen der alten Völker würdig an die Seite setzen? Nein, leider nein. Der Merkantilismus und der Industrialismus uad deren internationales, nivellierendes Treiben zerstört oder trübt zumindest den reinen Quell. Wir werden der Mode Europas nicht kritiklos nachlaufen, wir werden von unseren Gastvölkem nicht mehr nehmen, als uns bekommt wir werden uns aus guten Gründen auf uns selbst besinnen. Wir sind arme Reiche, da wir unseren Besitz nur dem Namen nach, aber „nicht wirklich haben. Die Arier sind nur eine ekktejjfis^he Ra$se, wir Juden in der Diaspora entwurzej^ JjWä:j;eknebelt schaffen wohl rastlos weiter, der hehre^ßqgjbrjpgtfortwährend die köstlichsten Gaben, sie. 'siniFnife'i^nfclvt '■ vergleichbar mit den Schöpfungen ui®jrer'Ahrten,---wR wollen auf heimatlichen Boden e utspegehend ^-unserer sonstigen Renaissance auch eine Rerfgfit&nee -HhsüPer Kunst schaffen, auf die wir wieder suite sein,Jt&nnen. Prozess wegen der Komataner Jemeaitenspende. Der vom Assimilanten Konirsch geklagte Präses der Chewra-Kadischa freigesprochen. (Bericht unseres Korrespondenten.) Am 5. Jänner fand beim k. k. Kreisgerichte in Brüx vor einem ungemein zahlreichen jüdischen Publikum aus Komötau, Brüx und Umgebung die Berufungsverhandlung statt. Auf der Anklagebank saß' der 72jährige Angeklagte, Herr Jakob Hirsch aus Komotau, der vom k. k. Bezirksgerichte wegen der bereitsbekannten Jemeniten - Spende der Chewrah Kadischa, Komotau, zu einer Geldstrafe von K 30.—, eventuell Arreststrafe von 3 Tagen verurteilt war. Die Staatsanwaltschaft hatte über Anzeige des Theodor Konirscir, Chamottewarenfabrikanten in Komotau, eines heftigen Gegners des Zionismus, Anklage erhoben. Die verurteilende Erkenntnis des Komotauer Gerichtes hatte nicht nur wegen der Person des greisen Angeklagten, sondern insbesondere aus prinzipiellen Gründen allgemeines Aufsehen erregt. Die Verurteilung des Angeklagten war deshalb erfolgt, weil angeblich der Beschluß den Statuten der Chewrah Kadischa widersprach und Spenden derselben, lediglich auf Vereinsmitglieder beschränkt seien und nur dem Erträgnisse des Vermögens entnommen werden dürfen, Herr Hirsch infolgedessen durch die Zulassung dieses Antrages eine Verletzung des § 36 des Vereinsgesetzes sich habe zu Schulden kommen lassen. Gegen dieses Urteil hatte der Angeklagte Berufung eingelegt. Bei der Berufungsverhandlung hatte' Herr Oberlandesgecichtsrat Peterka den Vorsitz, die Staatsanwaltschaft vertrat Herr Staatsanwalt Balling, und für Herrn Theodor Konirsch trat Herr Dr. Löwy, Advokat aus Komotau ein; die Verteidigung des'Angeklagten führte Herr Dr. Emil Margulies, Advokat aus Leitmeritz. Der letztere entledigte sich dieser Aufgabe formell und inhaltlich in glänzender Weise. Er setzte dem Gerichte vor allem den Zweck der Jememtenaktion, Unterstützung notleidender Juden in Arabien, die bei dem neu erwachenden Leben in Palästina Zuflucht suchen, auseinander. Diese Notlage, sagte der Verteidiger, ist für den einen eine Anregung za großzügiger Wohltätigkeit, für den anderen Anlaß zn einer Strafanzeige. Der Verteidiger vertrat in geistreicher

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