Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 2 Er ist Leiter der Schulen des Hilfsvereins deutscher Juden in Palästina, Direktor der Lämmelschule in Jerusalem und Ritter des Franz-Josefsordens. Dieser Mann, welcher sich heute sowohl den in Palästina heimischen Juden, als auch den aus Amerika, Oesterreich und Rußland eingewanderten jüdischen Kolonisten und Arbeitern gegenüber als preußischer Gendarm aufspielt, wird in Palästina als Repräsentant der österreichischen Judenschaft anfesehen. Und das nicht ohne Berechtigung. lie von ihm geleitete Lämmelschule in Jerusalem ist eine Wiener Stiftung. Die Schule wurde in den vierziger Jahren mit der ausdrücklichen Bestimmung als österreichische Anstalt gegründet ln den Stiftungsürkunden wird dies ganz nachdrücklich betont Das Stiftungsvermögen erliegt auch bei der Wiener Kultusgemeinde und wird von dieser verwaltet Die Schule wurde auch Jahrzehnte hindurch in diesem Sinne geleitet und stand unter dem Schutz der österreichischen Regierung. Vor einigen Jahren nun ist sie, dank der Gleichgültigkeit der Wiener Kultusgemeinde, in die Verwaltung des deutschen Hilfsvereins öbergegangen. Als solche steht sie nunmehr unter der Aufsicht des deutschen Konsuls, und die Verwalterin der Stiftung, die Wiener Kultusgemeinde, hat so gut wie gar nichts dreinzureden. Sie muß sich damit begnügen, die Stiftungszinsen und eine größere Subvention aus österreichischen Steuergeldern an den Berliner Hilfsverein abzuführen. Der Hilfsverein bezeichnet die Lämmelschule in den Berichten als „seine“ Schule. Nach außen hin wurde aber der Schein, daß es sich auch jetzt noch um eine österreichische Anstalt handle, in gar sonderbarer Weise gewahrt Vor einiger Zeit hat Efraim Kobn über Intervention des Wiener Kultusvorstandes den Franz- Josefsorden bekommen, mit der Begründung, daß er sich als Leiter der Lämmelschule um die Wahrung österreichischer Interessen in Palästina verdient gemacht hat Wie wahrt nun Efraim Kobn die „österreichischen“ Interessen? Dadurch, daß er sich durchaus als Germanisator und Feind der hebräischen Sprache gebärdet Er läßt die Lehrer und Schüler der Lämmelschule, welche hebräisch sprechen, durch die Polizei mißhandeln und auf die Gasse werfen. Er rennt zu den Konsuln und verlangt die Ausweisung der jüdischen Lehrer, welche ihm nicht parieren wollen. So forderte dieser famose Ritter des Franz-Josefsordens vom russischen Konsul die Ausweisung des Prof. Mofünsohn und seiner Kollegen im Lehrerverband. Der russische Konsul hat sich aber geweigert, diesem niederträchtigen Verlangen „unseres ordensgeschmückten Vertreters“ nachzukommen. Soweit ist es also gekommen, daß in Palästina der Russe den Juden vor den Juden schützen mußte. Ein Bild von der erzieherischen Tätigkeit Kohns bietet nachstehender Brief einer Dame aus Jerusalem: . .. Die Aufregungen, die sich von Tag zu Tag seit Wochen mehren, erreichten am Mittwoch, den 10. Dezember, ihren Höhepunkt, und zwar dadurch, daß Herr Direktor Kohn - mit dem deutschen Generalkonsul sowie Dr. Kahn und Polizeiaufgebot die Lehrer und Lehrerinnen aus der Mädchenschule angesichts der gesamten Schülerinnen vertrieb. Wie Sie ja wissen, hatten die Lehrer demissioniert, Dr. Nathan hatte jedoch verlangt, daß sie alle zwei Monate Kündigungsfrist einhielten. Der Lehrkörper entschloß sich dazu und unterrichtete weiter. In später'Nachtstunde kam plötzlich ein Brief, daß der Lehrkörper der Mädchenschule suspendiert wäre. Dieser Brief konnte erst am Morgen in der Schule zur Kenntnis der gesamten Lehrer gelangen, als auch schon das Heraustreiben vor sich ging. Die Panik unter den Schülerinnen war sehr groß, die Lehrer schrien um die Kinder und die Kinder um die Lehrer, zumal die Polizei einen Lehrer mit dem Gewehrkolben schlug. Ich bin sofort nach Empfang der Nachricht, eine Stunde später, hinausgegangen, um mich nach dem Ergehen einer Bekannten zu erkundigen. Es war geradezu überwältigend. Zirka zwanzig Gendarmen um die Hilfsvereinsschulen herum; Kinder, Eltern, Lehrer, alles in wahnsinniger Aufregung lief, schrie, weinte durcheinander. Es war wie ein Heerlager! Und dazwischen fuhr Dr. Nathan mit einem Wagen, der vorn und hinten von berittenen Schutzleuten bewacht war, in sein Hotel. Inzwischen hat sich in dem Mädchenheim folgendes ereignet: Der Lehrkörper der Mädchenschule eröffnet morgen bereits die neue hebräische Mädchenschule, die weit größere Anzahl der Kinder geht mit; nur diejenigen, die durch ihre Eltern gezwungen werden, bleiben. Das Mädchenheim ist durch Direktor Kohn gezwungen, zu bleiben; die Mädchen aber weigern sich, in die alte Schule mit schlechten Lehrern und wenig Schülern und ohne das „Rak Ibrith“ („Nur Hebräisch“) zurückzugehen. Dr. Nathan war gestern stundenlang dort, um sie zu überreden — ohne Erfolg. Frau Direktor Kohn ist Tag und Nacht dort, hält die Kinder eingeschlossen und läßt niemand hinein. Als heute nach einer Versammlung das Publikum singend dort vorbeizog, jubelten die Kinder vom Balkon aus ihnen zu und riefen, daß sie aushielten. Wie entsetzlich müssen die Vorgänge des Mittwoch auf sie gewirkt haben, daß sie alles hingeben, und wie lieb müssen sie ihre hebräische Sprache und ihre Lehrer haben, um gegen alle Vorstellungen nur die eine Antwort „Rak Ibrith“ zu haben. Der Schluß ergibt aber das eine: Der Mann, der solchen Schrecken in die Seelen der Kinder trieb, er ist ferner nicht fähig, Leiter junger Herzen zu sein. Daher geht meine dringende Bi.te dahin, veranlassen Sie das Zionistische Aktions-Komitee, die" Kinder, für die man hier zahlt, sofort herauszunehmen! Diese Herausnahme' ist eine notwendige Konsequenz', die die Zionisten ziehen müssen. Das Aktions-Komitee muß doch bald für seine Schützlinge sorgen, denn Direktor Kohn ist hier, fertig, wie es auch werden mag Wahrlich, wir österreichische Juden müssen uns dieses Mannes gründlich schämen! Er kompromittiert uns, er schädigt nicht nur die jüdischen Interessen, sondern auch die österreichischen! Kann Oesterreich damit gedient sein, wenn die einheimische Bevölkerung in der Lämmelschule ein Institut sieht, in welchem den Kindern mit Kolbenstoßen die Lust zum Hebräischen ausgetrieben und die Liebe für das antisemitische Preußen eingebläut wird? Welche Gefühle für Oesterreich muß sie beschleichen, wenn, der Repräsentant des österreichischen Schulwesens in Palästina seine eigenen Brüder bei den russischen Behörden denunziert. Diesem Zustande muß radikal ein Ende gemacht werden. Die Lämmelschule muß wieder österreichisch werden, sie darf nicht länger dem Berliner Deutschen Hilfsverein anvertraut bleiben, welcher nicht jüdische Interessen verfolgt, sondern lediglich preußischen Machtgelüsten im Orient dient. Die österreichische Judenschaft muß ihre alte Schule wieder in die Hände bekommen. Sie darf den jüdischen und den österreichischen Namen nicht länger durch einen Efraim Kohn verunglimpfen lassen. Die große Wiener Kultusgemeinde darf nicht länger unter dem Protektorat eines deutschnationalen Berliner Vereins stehen. Sie muß die Lämmelschule wieder in eigene Verwaltung nehmen. Znr Sprachenfrage an den jüdischen Schulen Palästinas. Aus einem offenen Brief an den Redakteur von „Ost und West“ von Achad Haam, London. Die Redaktion von „Ost und West“ hat uns diesen Brief, welcher im Jännerheft erscheinen wird, , freundlich zur Verfügung gestellt. „Ost und West“ istbekanntlich eine nichtzionistische Zeitschrift. Geehrter Herr! Sie haben mich ersucht, über die Frage der Unterrichtssprache an den Lehranstalten des technischen Instituts, welche binnen kurzem in Haifa eröffnet werden sollen, meine Meinung zu äußern. Diese Frage hat neuerdings unter den meisten Juden in der Diaspora, insbesondere aber in Palästina, große Aufregung hervorgerufen. Meine Meinung habe ich freilich in der Sache bereits durch die Tat geäußert, indem lieh mit zwei anderen Kollegen mein Amt als Mitglied des Kuratoriums des genannten Instituts niedergelegt habe, sobald die bekannten Beschlüsse über die Unterrichtssprache angenommen worden sind. Wenn ich’nicht der Ueberzeugung gewesen wäre, daß diese Beschlüsse, die die hebräische Sprache in das enge Gebiet der judaistischen Unterrichtsfächer verweisen, dem. Grundprinzip unserer ganzen Kulturarbeit in Palästina schnurstracks zuwiderlaufen und ge- Feuilleton. Bücherbesprechungen. Dr. Hugo Grothe: Die asiatische Türkei und die deutschen Interessen. Verlag Gebauer- Schwetschke, Halle a. S. Der rühmlichst bekannte Münchener Orientalist, der infolge seiner fortgesetzten Reisen in der Türkei und in Persien ein besonderer Kenner des vorderen Orients ist, schreibt über dieses Thema in knapper, fesselnder Weise. Er läßt sich den Glauben an die Möglichkeit einer Neubildung des türkischen Staatswesens durch die Osmanen nicht nehmen und sieht nach wie vor im kleinasiatischen Bauernmaterial das beste Element unter den Türken, das berufen wäre, die Regeneration des Reichs zu unternehmen. Freilich schränkt auch Grothe seinen Optimismus erheblich dadurch ein, daß er immer sagt: Wenn es den Türken gelingen wird, ihre bisherigen Fehler zu meiden. Jedenfalls müßte erst eine neue Generation herangezogen werden, die unter europäischen Lehrmeistern ausgebildet werden sollten. Interessant ist, daß Grothe von der Immer stärkeren Berührung des Islams mit westeuropäischer Kultur nicht seinen Verfall erwartet, sondern an eine dadurch bewirkte Renaissance des Islam glaubt — eine Parallele zur Auffassung des Zionismus seitens der „Jahrbuch“-gruppe. Mit wenigen, aber kräftigen Strichen zeichnet Grothe die nationalen Probleme, insbesondere das armenische und das arabische. In dem letzteren sieht er keine Gefahr für die Türkei. Er sagt, daß das Nationalgefühl der Araber noch in Jahrzehnten nicht ein solches sein wird, daß es den Fehden der Stämme gegeneinander ein Ende bereiten könnte. Immer wieder wird ein arabischer Stamm gemeinsam mit den Türken den andern befehden. Nur in Syrien mit seiner starken Berührung mit europäischer Kultur sei ein wachsendes arabisches Nationalgefühl vorhanden, das sich, nach Grothe, vorwiegend auf die Mohammedaner stützt — Grothe zeigt, welche Arbeit Deutschland heute im vorderen Orient leistet — hierbei zählt er das Technikum in Haifa zum deutschen Besitzstand und erwähnt flüchtig, daß sich durch die Juden Palästinas „nicht unwichtige Berührungen und Beeinflussungen für deutschen Handel und deutsche Sprache“ ergeben — und findet diese völlig ungenügend. An deutsche Kolonisation sei nicht zu denken, hingegen müßten die wissenschaftlichen Institute,- vor allem aber die Schulen, vermehrt werden. Eine deutsche Hochschule müßte in Aleppo errichtet werden, deutsche Schulmänner sollen für die Reorganisation des türkischen Schulwesens gewonnen werden etc. Da die Missionsschulen noch immer von den Mohammedanern beargwöhnt werden, insbesondere wegen des Zusammensitzens ihrer Kinder mit christlichen Kindern, sollen solche nur für Mohammedaner errichtet werden. Das Schulgeld soll wegfallen. Am meisten könnten aber deutsche Aerzte und Hospitäler wirken, um das Vertrauen der Mohammedaner zu gewinnen. Auf diesen hat der Arzt einen Einfluß, der sich bis auf das intimste Privatleben erstreckt — Wir Zionisten können aus dem Büchlein manches lernen, aber auch sehen, wieviel Kulturarbeit wir selbst in der Türkei leisten im Vergleich zu der eines Großstaates, wie es Deutschland ist Kompendium der palästinischen Altertumskunde. Von Dr. Peter Thomsen, Verlag j. C. B. Mohr, Tübingen. Mk. 4.80. Der Verfasser der bekannten vorzüglichen Palästinabibliographie Dr. Thomsen, einer der hervorragendsten Mitarbeiter des Deutschen Palästinavereins, gibt mit diesem kleinen, aber inhaltsreichen Werke eine gedrängte Uebersicht über die bisherigen Ergebnisse der Ausgrabungen in Palästina. Er beschränkt sich dabei nicht auf die israelitische Epoche, weil, wie er im Vorwort sagt, „die Denkmäler Palästinas nicht von einem Volke allein herrühren, aber doch in so enger Verbindung stehen, daß sie nicht nach einzelnen Völkern getrennt betrachtet werden dürfen.“ Das Buch ist mH 42 prächtigen Abbildungen nach eigenen Aufnahmen des Verfassers geschmückt, doch hätte man gerne noch, mehr Illustrationen, da selbst die beste Beschreibung keine richtige Vorstellung der betreffenden Gegenstände gibt. Dem Werke entnimmt man natürlich wieder einmal; wie spärlich die Fundeaus israelitischer Zeit bisher waren, allerdings ist auch noch verhältnismäßig wenig nachgegraben worden. Daß in Palästina niemals eine autochthone Kunst aufblühen konnte, erklärt Dr. Thomsen damit, daß dem Lande nie eine größere Zeit der Ruhe beschiedenwar. — Bei Erwähnung der Sammlungen fehlt jene des Bezabl-Museums, das immerhin einige wertvolle Stücke, namentlich Münzen, enthält. - Da hierüber aber nahezu nichts veröffentlicht wurde, entzog sich dies wahrscheinlich der Kenntnis des Verfassers, der sein neues Werk mit der bei ihm bekannten minutiösen Gründlichkeit und Wissenschaftlichkeit gearbeitet hat Eine überaus reichhaltige Angabe der einschlägigen Literatur bei jedem einzelnen Gegenstand macht es für den Leser, der sich ’ über irgend eine Materie gründlicher informieren will, möglich, die Quellen zu finden, aus denen Thomsen schöpfte. Man wird ihm für diesen Führer durch die Ausgrabungen ebenso Dank wissen, wie für den durch die Palästinaliteratur, deren 3. Band wohl bald erscheinen wird. —b.