Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 1 (2.1.1914)
- Date
- 1914-01-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. I jgE=FJF=J[3|CD|D^^^ia An die Zionisten Westösterreichs! Seit anderthalb Monaten wird in Erez Israel ein Kampf geführt, wie ihn das jüdische Volk seit dem Sturze des jüdischen Reiches nicht gesehen hat. Der hebräischfeindliche Beschluß des Kuratoriums für das Technikum in Haifa hat im ganzen Lande die größte Empörung hervorgerufen, die JugendPalästinas und ihre besten Lehrer haben die Schulen verlassen, in denen die hebräische Sprache keine Heimat mehr findet. Unsere Ehre, unsere hehre Idee, der wir alle dienen, fordern, daß wir unserem Volke in Palästina sichere Stätten hebräischer Erziehung schaffen. Im Aufträge unserer Leitung und unserer Pioniere rufen wir Euch an, um Eure Unterstützung in der sicheren Erwartung, die erprobte Opferfreudigkeit der westösterreichischen Gesinnungsgenossen wird die vertrauungsvollen Hoffnungen unserer Brüder nicht zuschanden lassen werden. Wir fordern Eure Hilfe für unser heiligstes Nationalgut, für unsere Sprache! Sammelt für das hebräische Schuh werk in Palästina. Wien, Chanuka 5674. Zionistisches Zentralkomitee für ff estosterreieh Dr. Karl Pollak. lBles*-j==xjCDM=nr=q|a Dr. Nathan kommt. Alle Welt atmete auf. Man erhoffte sich von seinem Eingreifen eine Beruhigung. A'/»n meinte, ein so einsichtsvoller und selbständig denkender Mann, als welcher er noch galt, werde über die Brille, die ihm dieser Kohn Vorhalten wird, hinweg, die wirklichen Dinge sehen. Aber er hat fürchterlich enttäuscht. Wahrscheinlich, um nicht auch in der Technikumssache nachgeben zu müssen, unter dem Einflüsse dieses schuftigen, nach deutschen Orden lüsternen (er hat schon einen) Kohns nnd mit seinen preußischen Allüren, glaubte er den starken Mann spielen zu müssen. Er zeigte keinerlei Entgegenkommen. Die Lehrer reichten darum ihre Demission ein, bereit unter den größten materiellen Opfern neue Schulen aufzubauen, als unter diesen Verhältnissen weiter für le roi de Presse zu arbeiten. Inzwischen bemühten sich die Herrschaften um die Seminaristen. Mit Peitsche und Zuckerbrot. Dem Zuckerbrot sind einige erlegen. Durch Geldgeschenke (ä 50 Frc.), Versetzung in höhere Klassen, Zurückholung von Ausgestoßenen wurden ca. 25 von 120 gewonnen. Diese Gentlemen lud Dr. Nathan zu einem Feste ein, regulierte sie mit Bier und schönen Worten, reichte höchsteigenhändig mit den Händen, die er sich von einem senilen Chachambaschi küssen ließ, Zigaretten unter seinen Getreuen herum. So hat er, der so viel über die Demoralisation der Jugend zeterte, die schwerste Schuld auf sich geladen. Er hat junge Seelen korrumpiert Und das sollen die künftigen Lehrer des Landes sein. Mit dieser Gesellschaft haben er und sein würdiger Ephraim Kohn das Seminar eröffnet, ohne den Gründer und Direktor D. Jellin auch nur zu verständigen. Das Kündigungsgesuch war noch nicht erledigt, man wartete vergeblich auf einen Bescheid, aber die wackeren Lehrer hielten trotz aller Provokationen Ruhe. Endlich kommt der Streich, der als ein Schandmal ewig auf dem Leibe des Hilfsvereins brennen wird. Am Dienstag abend wurde ein Ukas herausgegeben. Die Lehrer, welche gekündigt haben, sind vom Dienste suspendiert. Dieser Bescheid gelangte nur den wenigsten in die Hände. Ich war bis spät nachts mit 2 Lehrern zusammen. Die hatten keine Ahnung von der Suspendierung. Am nächsten Morgen gingen sie zur Schule. Sie erfuhren voneinander, was sich zugetragen hat. Die Kinder waren versammelt. Die Lehrer waren da, aber niemand von •der Leitung oder neue Lehrer, die sie hätten ablösen können. Sie nahmen also bis zur Ordnung der Verhältnisse den Unterricht auf. Erst in der zweiten Stunde kam Direktor Kohn, mit ihm der deutsche Generalkonsul, dessen Kawassen und eine Menge Gendarmen, die das Haus und die Gänge besetzten. In rüdester Weise wurden die Lehrer hinausgewiesen. Die Kinder wollte man mit Gewalt zurücfebalten. Es spielten sich unbeschreibliche Szenen ab. Die Kinder schrien und weinten. Sie fürchteten sich vor den Soldaten und wollten nicht von ihren Lehrern getrennt werden. Schließlich mußte man auch sie entlassen. Schreiend und weinend klammerten sie sich an ihre Lehrer und Lehrerinnen und zogen mit ihnen fort. Diese Dinge ereigneten sich in der Mädchenschule, an der alle Lehrer zu den Entlassenen gehören. An der Lämmelschule spielten sich die Vorgänge ähnlich ab. jedoch ohne Konsul. " Hier mußte Kohn selbst die Polizei anführen. Er gestattete den hinausgewiesenen Lehrern nicht, sich von ihren Schülern zu verabschieden. Darauf wandte sich einer der Lehrer zur Klasse und sagte einfach: „Banim achari!“ (Kinder mir nach!) und die Klasse stürmte hinter ihrem Lehrer hinaus. Aehnlich war es in 2 anderen Klassen. Als ich mittags von diesen Vorgängen erfuhr, eilte ich nach Sichren Mosche, dem Schauplatze der Ereignisse. Der Platz glich einem Heerlager. Allerorten Soldaten und aufgeregte Buben und Mädchen. Am Abend ging ich wieder nach Sichren Mosche. Aber nun bot sich ein anderes Bild. Die Soldaten waren endlich abgerückt. Aber die Gassen ringsum waren angefüllt vom Jubel unzähliger Kinder. Singend und schreiend, da und dort, von selbst in Reihen geordnet, umstanden sie ihre Lehrer, die sie für die neuen Schulen einschrieben, denn sofort wurden von den Lehrern selbst neue Schulen eröffnet. Es war ein unbeschreiblicher Jubel in den Kindern, als sie hörten, daß sie nun rein hebräische Schulen mit ihren alten Lehrern haben sollten. Ich war bis zu Tränen gerührt. Der Eindruck steigerte sich noch, als ich mit einer Lehrerin ins Mädchenwaisenhaus ging, um den Kindern zu sagen, daß sie nun in die neue Schule kämen. Die Mädchen waren toll vor Freude, sie sprangen auch auf mich herauf und fragten, ob auch ich sie unterrichten werde. Es tat mir leid, daß ich nein sagen mußte. Aber am nächsten Morgen wurden die' kleinen Zöglinge buchstäblich mit Gewalt in die alte Schule gebracht, die Größeren waren nicht ins Waisenhaus zu bringen. (Das Waisenhaus steht vorläufig noch unter der Aegide von Kohn. Es sind jedoch auch viele Pogromkinder von der zionistischen Organisation darin untergebracht, die müssen jetzt natürlich herausgeholt werden). Obgleich nur ein kleiner Teil von Schülern und Eltern verständigt werden konnte, waren am nächsten Morgen über 100 Mädchen und 150 Buben in der provisorischen neuen Schule. Sq, hnbefi denn diese Tage uns endlich eigene Schulen gebracht, für deren Erhaltung aber erst gesorgt werden muß. Aber sie haben gezeigt, und das ist auch sehr viel wert, was eigentlich der Hilfsverein ist und was er hier eigentlich will. Dr. Paul Nathan war eine Illusion. Es ist schmerzlich zu sehen, wie einer der als Großer in Israel galt, sich mit Schmutz besudelt. Als er hierher kam, haben alle Kreise gehofft, er werde eine anständige und vernünftige Lösung finden, und nun zieht er ab, mit Schmach bedeckt, als einer, der Unehre gebracht hat über Israel. Es ist notwendig, daß man das in Europa weiß. Es kann nicht laut genug gesagt werden. Sie können daher jeden beliebigen und zweckmäßigen Gebrauch von meinem Berichte machen. Jammerschade ist um die Lämmelschule. Die wurde, wie mir scheint, vom Hilfsverein einfach annektiert. Wenigstens schaltet jener Kohn unumschränkt. Vielleicht gibt es in Wien noch jemanden, der für diese österreichische Anstalt Interesse hat, sie wird unter Kohn unfehlbar zugrunde gehen. Uebergebe man sie etwa dem Merkas Hamorim, wie die Ica es mit ihren Anstalten tat. könnte sie den größten Segen stiften! Könnten Sie da nicht etwas tun? ... Letzte Berichte über den Sprachenstreit in Palästina. Die vom Hilfsvercin der Deutschen Juden verbreitete Darstellung der Vorgänge in Palästina entspricht in mehreren wesentlichen Punkten nicht den Tatsachen. Zunächst ist es nur formell richtig, wenn erklärt wird, dass in dem Programm des Hilfsvereins nicht das Geringste geändert worden sei, denn in diesem Programm ist die Unterrichtssprache überhaupt nicht festgelegt, und das Programm brauchte also auch jetzt nicht geändert zu werden. Objektiv unwahr dagegen ist es, wenn behauptet wird: „Nicht eine einzige Unterrichtsstunde, die in hebräisch erteilt wurde, ist in eine deutsche umgewandelt worden“. Demgegenüber stellen wir fest: in der Lämmelschule, im Lehrerseminar und auch in der Mädchenschule in Jerusalem, ebenso wie in der Knabenschule in Jaffa wurden, bis vor kurzem die meisten mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer in hebräischer Sprache gelehrt, was jetzt nicht mehr der Fall ist. Bezüglich des Technikums ist die Erklärung des Hilfsvereins, die „hebräischen Fächer“ würden in hebräischer Sprache unterrichtet werden, völlig belanglos, da sich der Streit eben um die Unterrichtssprache in den allgemeinen Fächern dreht Ferner ist es unrichtig, wenn behauptet wird, die Entscheidung darüber, ob Geschichte, Geographie, Zeichnen etc. in deutscher oder hebräischer Sprache unterrichtet werden soll, sei vertagt worden. Richtig ist dagegen, daß ein Kompromißantrag, der für Geschichte und Geographie die hebräische Unterrichtssprache vorsah, vom Kuratorium abgelehnt worden ist. Demnach ist es durchaus kein „Märchen“, daß der Hilfsverein auf seinen Anstalten das Hebräische mehr und mehr zurückgedrängt hat. Wie sollten auch die ältesten und bewährtesten Lehrer des Hilfsvereins, darunter der Direktor des Lehrerseminars, die doch die Verhältnisse am besten kennen, sich durch ein „Märchen“ zu Schritten verleiten lassen, die sie aus Amt und Brot bringen. Wir geben aber die Hoffnung nicht auf, daß infolge einer besseren Information über die Lage der Dinge in Palästina den berechtigten Beschwerden der palästinensischen Bevölkerung Rechnung getragen werden wird. * * * Konstantinopel, 28. Dezember. Eine Persönlichkeit, die in der türkischen Regierung einen hohen Rang einnimmt, äußert sich über den gegenwärtig in Palästina herrschenden Kampf für die Hebraisierung der jüdischen Schulen folgendermaßen : „Wenn die Juden in Palästina ihre nationale Sprache nicht verteidigen werden, so werden sie gezwungen sein, in ihren Schulen die türkische oder arabische Unterrichtssprache einzuführen. In keinem Falle aber ist eine Sprache am Platze, die weder die ihrige, noch die unsere ist.“ Der Sprachenkampf in Palästina erregt überhaupt in hiesigen diplomatischen Kreisen lebhaftes Interesse. Fast alle Vertreter der fremden Mächte sind der Ansicht, daß niemand die Juden Palästinas hindern dürfe, die Rechte ihrer nationalen Sprache zu wahren, besonders da die hebräische Sprache der arabischen Umgangssprache der eingeborenen nicht jüdischen Bevölkerung Palästinas so nahe steht, wie etwa das Holländische dem Deutschen, also jedenfalls näher, als eine europäische Sprache. Die Blättermeldung, daß mohammedanischeNotabeln in Haifa gegen die Einführung des Hebräischen am dortigen Jüdischen Technikum protestiert hätten, weil dies angeblich die Ausschliessung der Mohammedaner aus dem Technikum zur Folge hätte, ist ganz offenba r unzutreffend, ‘weil dieser Einwand ja in noch viel stärkerem Alaße gegen die Einführung einer europäischen Unterrichtssprache gelten müßte. Diese Ateldung kann also nur dazu bestimmt sein, die öffentliche Meinung gegen das Hebräische zu beeinflussen. * ... * Die neuen hebräischen Schulen in Palästina. Der Konflikt, der zwischen dem Hilfsverein der deutschen Juden und seinen Lehrern in Palästina wegen der Unterrichtssprache in den Hilfsvereins- Me.in.Vs The e Neuer Ernte j NIEDERLÄNDISCHE WIEN, I., ASPERNPLATZ l.S I Im eigenen Palais. — Versichertes Kapital zirka 380 Millionen. — Prämienreserve zirka 113 Millionen. — Billigste Prämien und 1 kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit tüchtige, leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezüge. Auskünfte erteilt die General- ■ agentschaft Wien, I., Aspernplatz 1 (Leiter: David Nebenzahl). Für Ostgalizien u. Bukowina: Subdirektion Löbl Taubes, Lemberg.