Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 JÜDISCHE ZEITUNG Säte 3 der Volkshalle des Rathauses. Es wurde ziemlich unverhüllt zum Boykott der jüdischen Geschäfte aufgefordert. Herr Hierhammer, der Vizebürgermeister, der seinerzeit am Grabe Sonnenthals „Bültung“ markierte, hielt die Gelegenheit für günstig, auf die „Judenpresse“ zu schimpfen, der er u. a. folgende verruchte Tendenz abgelauscht hat: „Jetzt bemüht sie sich, den blöden, ekelhaften Tangotanz einzuführen, unseren guten alten Wiener Walzer an die Wand zu drücken; sie will das Volk demoralisieren, um es für ihre Zwecke gefügig zu machen.“ Um die Festesstimtnung zu erhöhen, wurde ein jüdisch aussehender Mann am Schlüsse hinausgeworfen. * * * Teufels Interpellation. Nach Pacher und Hummer, die ihre Unterschrift auf dem bekannten' Teufelschen Pamphlet gegen die jüdische Religion nicht agnoszierten, schrieb Baurat Heine den bekannten wehmütigen Brief an den Bodenbacher Kultusvorstand. Ihm folgte nun der Karlsbader Abgeordnete L ö ß 1, der in einer heimischen Zeitung erklären ließ, er habe ebenfalls nicht unterschrieben und den Juden den Text las, weil sie sich nicht über den genauen Sachverhalt unterrichtet hatten. Wenn sich die Karlsbader jüdischen Wähler das ruhig bieten lassen, ist Lößl im Recht. Man muß aber den Deutschradikalen, die sich an die Christlichsozalen so sehr anbiedern, das Wort Luegers ins Gedächtnis rufen: „Lieber feig als dumm!“ Sie machen es falsch und sind feig und dumm. SOFIEN-SAAL Sonntag. 7. Dezember 1913 Beda - Abend. Mitwirkend: Die Damen: Die Herren: Mella Mars Carli Nagelmüller Else Saldern Else Sander Fritz Grünbaum Bruno Hardt Theo Körner Beda Die Komponisten: Bela Laszky, Richard Fall, Paul Pallos. Beginn halb 9 Uhr abends. Karten k K 5, 4, 3, 2 bei Kehlendorfer, Cafe Marienbrücke, Industriellencafe, Cafe Jägerhof u. s. w. Der gesamte Reingewinn fließt dem Sportklub „Hakoah“ zu. •eoeeoeeooeoeoeoeoeeeoeoeeoeeooo JüöHdie Antisemiten. Die Schäden, welche die Assimilation dem Judentume zugefügt hat, werden noch immer stark unterschätzt. Die Assimilation lockert nicht nur das Gefüge der jüdischen Volksorganisation, sondern setzt auch die persönlichen Qualitäten des jüdischen Individuums herab. Sie macht nicht nur schlechte Juden, sondern auch schlechte Menschen. Die beständige Unterdrückung der Eigenart, das Sichverleugnen und Ausweichen übt auf den Charakter die nachteiligste Wirkung aus und nicht nur in politischer Hinsicht, auch in moralischer. Diese Erscheinung macht sich insbesondere dort geltend, wo der Streit zwischen Assimilationsjuden und Nationaljuden die Form1 des politischen Tageskampfes annimmt. Augenblicklich ist dies in Deutschland der Fall. Hier haben sich alle assimilatorischen Elemente, die Gemeindevertreter, Vereinsvorstände und liberalen Politiker vereinigt und nehmen den Zionisten gegenüber die aggressivste Haltung ein. Gesunder Radikalismus ist allerdings nicht Sache liberaler Juden, auch im Kampfe gegen den Zionismus nicht, aber sie ersetzen ihn durch Heimtücke, giftige Verläumdung und Denunziation. Es scheint, daß sie sich die niedrigste Kategorie antisemitischer Politiker zum Muster genommen haben, denn was sie tun, ist einfach abscheulich. Vorerst hatten sich die Vertreter vieler reichsdeutschen Judengemeinden an die antisemitische Regierung gewendet und verlangt, man möge ausländischen, d. h. österreichischen und russischen Juden, das Wahlrecht in den Gemeinden entziehen. Begründung: Die fremden Juden sind ein Element, welches für die Interessen des deutschen Vaterlandes kein Verständnis und Interesse hat. Also eine Begründung^ deren sich der radikalste Antisemit nicht zu schämen brauchte. Wie unjüdisch und ungeheuerlich dieses Vorgehen ist, wird einem erst recht klar, wenn man die in Deutschland herrschende antisemitische Regierungstendenz berücksichtigt. Die deutsche Regierung, das ist ja allgemein bekannt, weist österreichische und russische Juden aus. Und gegen die wenigen, welche selbst vor der antisemitischen Regierung Gnade gefunden haben, hetzen nun die eigenen Volksgenossen und denunzieren sie bei der Regierung als verdächtig und politisch unzuverlässig. So etwas muß als Ausdruck moralischer Verkommenheit angesehen werden. Bisher war die Regierung jedoch nicht für diesen Plan zu gewinnen, weil seine Durchführung dem bestehenden Judengesetze widerspricht. Die Assimilanten aber ruhen nicht und gehen weiter. In Duisburg, einer Hochburg des liberalen Judentums, fanden kürzlich Kultuswahlen statt. Die geeinigten Zionisten und Konservativen errangen einen Sieg... Da rafften sich die gefallenen liberalen Größen auf und reichten einen Wahlprotest ein, in welchem sie die Zionisten beschuldigten, durch Bestechung der galizischen Wähler den Sieg erschwindelt zu haben. Darauf wurde von der Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Wahlbestechung eingeleitet, aber sofort wieder eingestellt, da sich die Beschuldigung als völlig grundlos erwies. Die Assimilanten -richteten darauf eine. neuerliche Beschwerde an die antisemitische Regierung, welche von Beschimpfungen und Verdächtigungen der östlichen Juden einfach strozte und in der es wörtlich heißt: „die galizischen Juden gehören der von den rechtgläubigen Israeliten als ketzerisch angesehenen Sekte der Chassidäer an!“ Unser reichsdeutsches Bruderblatt schreibt dazu: „Wie? War von dieser „Sekte“ nicht schon im Xantener, Polnaer und Konitzer Prozeß die Rede gewesen? Haben wir nicht in diesen Tagen in Kiew aus dem Munde der Sikorski, Pranaitis usw. dieselben Worte gehört? War dort nicht tagelang die Rede von den Chassidim, die Christenblut brauchen, und die man in einen Gegensatz zu den übrigen Juden zu bringen vergebens sich bemühte? Und nun stellen sich die „liberalen“ Juden aus Duisburg, an ihrer Spitze zwei Akademiker, die sich der Tragweite ihrer Worte bewußt sein mußten, als Kronzeugen unserer gefährlichsten Feinde ein! Soll man ernstlich auf den Unsinn einer „ketzerischen Sekte“ im Judentum eingehen? Oder sich empören über die Unverfrorenheit, mit der „liberale“ Juden im Namen der „rechtgläubigen Israeliten“ zu reden sich erdreisten? Soll man sich wundem, daß einer dieser protestierenden Anwälte aus Pinne stammt, und also doch wissen müßte, was Chassidim sind? Soll man erstaunt sein, daß der Rabbiner "der Gemeinde, gleichfalls aus Posen gebürtig, nichts unternommen hat, um diese Schmach zu verhindern?“ Angesichts eines solchen Vorfalles muß man von moralischer Ver-i kommenheit sprechen. Was diese „zivilisierten, fortschrittlichen, deutschgesinnten Israeliten“ getan haben, ist ein schmutziges Verbrechen. BuluDiii Dl HD HRB Wien, II., Taborstr. 17 [Hirschenhaus] Jugendschriften, Bilderbücher und Geschenkwerke in reicher Auswahl zu allen Preisen. Antiquariat. Provinaversanct. Feuilleton. Der erste Band von Achad Haams Schriften. (Schluß.) Achäd Haam selbst ist in allen seinen Essays bemüht, den Geist des Judentums in bestimmter Weise auszulegen. Er hat deshalb starke Gegnerschaft gefunden und es wurde immer! wieder Seine Konstruktion eines „speziell Jüdischen“ im Gegensatz zu einem „allgemein Menschlichen“ als etwas unnatürliches bezeichnet Man kann höchstens sagen, daß wir Juden das allgemein Menschliche in unserer, der jüdischen Form ausdrücken, wie es die Deutschen in der deutschen Form tun, etc. Aber diese Ausdrucksformen sind nie etwas Starres, worauf des öfteren schon Moses Calvary hingewiesen hat. Wer das Deutschtum der altgermanisChen Zeit mit jenem der mittelalterlichen, oder, um ein näher gelegenes Beispiel zu wählen, jenes von heute mit dem von 1815 vergleicht, wird kaum mehr einen gemeinsamen Zug in dem Grundcharakter und den Ausdrucksformen dieses Volkes finden. Auch wir Juden können;nur zu gesunder Entwicklung kommen, wenn man uns nicht immer und immer wieder in dieselben Formen hineinzwingt. Im Gegensatz zu dem, was Achad flaam meint, sind es gerade die Formen, die stets neugeschaffen werden aus dem Geiste der Zeit und dem Geiste des Volkes und daher sehen wir auch, daß die Versteinerung der Form das Judentum nicht erhält und innerlich' erneuert, sondern im Gegenteil: es zur Auflösung bringt, weil sich das lebendige Gefühl dagegen auflehnt, mit einer starren Hülle umgeben zu werden. Wie weit Achad Haam in seiner rationalistischen Methode und Analyse geht und wie er immer wieder spezielle Ideen als „Jüdisch“, „allgemein menschlich“ und „nichtjüdischen“ erklärt, zeigt am deutlichsten sein Essay über Friedrich Nietzsche. Das Streben nach dentf Uebermenschen, dem großen Individuum, ist nach ihm eine rein menschliche Idee und durchaus vereinbar mit dem jüdischen Geist. Aus dem Talmud zitiert er den Ausspruch, daß die .ganze Welt lediglich für den Gerechten geschaffen ist als Parallele zu Nietzsches Meinung, daß der Zweck der Menschheit die Züchtung des Uebermenschen sei. Dagegen sei es durchaus „arisch“, nicht mehr allgemein „menschlich“, wenn Nietzsche den Uebermenschen in einem Ideal von körperlicher Kraft und Schönheit sehe, womit er sich zu dem jüdischen Ideal des sittlichen Uebermenschen in Gegensatz stelle. Es soll hier nicht auf das Nietzscheproblem als solches eingegangen werden, das viel zu kompliziert ist, um mit ein paar begrifflichen Etikettierungen erledigt zu sein. Gerade gegen solche hat Nietzsche von dem ersten Feaerzug an, den er machte, aufs impetuoseste gekämpft — schon in den „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ und in der „Geburt der Tragödie“ mit dem vehementen Angriff auf den „sokratisChen Menschen“ — aber ist denn jene Begriffsbildung richtig, die Achad Haam vornimmt? Haben die Arier Kant und Fichte, Tolstoi und Kierkegaard, Schiller und Ibsen, um nur einige Großen zu nennen, nicht auch sittliche Ideale aufgestellt und als höchste gepriesen? Genau so wie es falsch ist, wenn Chamberlain den Mythos für die Arier reklamiert, so unrichtig ist es, die „Sittlichkeit“ als eine speziell jüdjsche Sache zu erklären. Und was Nietzsches Bewunderung des Willens zur Macht anbelangt, den er im Einklang mit dem Politiker Macchiavelli insbesondere in Cesare Borgia verkörpert sieht, diesen „unsittlichen“ Menschen, der» mit den Mitteln seiner Zeit und Umgebung ein großes Ideal: das geeinigte Italien herstellen» wollte, — so haben wir Zionisten gar keinen Anlaß, so verächtlich auf den politischen Willen zur Macht herabzusehen. Auch wir wollen, wenn auch mit sittlichen Mitteln, die bestehenden! Machtverhältnisse ändern, und wenn wir Achad Haam folgen würden, der in jenem Essay wiederholt betont, daß die „Ausenvähltheit“ der Juden von diesen immer nur so aufgefaßt wurde, daß sie auserwählt seien, die härtesten sittlichen Pflichten auf sich zu nehmen, um den anderen Nationen als sittliches „Uebervolk“ zi| erscheinen, warum sollten wir dann die Diaspora verlassen? Es ist nicht einzusehen, warum wir diese „Mission“ nicht auch in der Diaspora erfüllen konnten, der Gedanke des geistigen) Zentrums in Palästina zur freien Entwickelung des jüdischen Geistes hätte dann wirklich kaum mehr Sinn, als etwa den, ein zentrales Lehrhaus zu schaffen, nach Art jener, die einst in Palästina und Babylon bestanden haben. Hier berühren wir wieder die grundsätzliche Differenz, die Achad Haam von den politischen Zionisten trennt. Uns ist es nicht in erster Reihe darum zu tun, ein solches Zentrallehrhaus zu errichten, um den jüdischen Geist zu regenerieren, wir wollen ein gesundes und .normales Volksleben auf breiter Basis in Palästina ermöglichen, so wie es die „arischen“ Nationen 'führen, wir wollen, daß sich unser Volk, so wie diese, vollkommen harmonisch entwickeln kann und sehen durchaus nicht bloß den „Weisen“ und! Gerechten“, sondern vor allem den