Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 49 tungslektüre genügt hätte, ihn eines "Besseren zu belehren. Daß die- Juden so absolut nicht zur Landwirtschaft taugen, so sind die Zionisten schlechte Psychologen, wenn sie sich soviel mit dem Agrarproblem beschäftigen. Ja hat Stephan Großmann nichts von unseren Erfolgen in Palästina gehört? Hat er nicht von den Kolonien gelesen und nichts von den vielen tausend Dunams Erde, die in so kurzer Zeit urbar gemacht wurden? Man brauchte nur während des Kongresses in das Kino zu gehen, um sich zu überzeugen, wie Landwirtschaft und Palästina, Zionismus und Kolonisation fast identische Begriffe sind. Am besten ist noch der große einleitende Abschnitt über die Assimilation. Freilich' auch dieses Bekenntnis eines getauften Juden, der sich durchaus von seinem Volke absondern will, ist nicht ganz echt, besonders dort nicht, wo er uns glauben machen will, er sei schon ganz verknüpft, seelisch ganz verbunden mit Mörike und Kleist, innerlich bereits aufs tiefste verwachsen mit dem Genius des! deutschen Volkes. /Verbunden und seelisch verknüpften Stephan Großmann nicht einmal mit der „Arbeiterzeitung“. Dazu ist seine Zersönlichkeit denn doch zu leicht, zu spielerisch, zu wenig durchwärmt von sozialem Interesse. Persönlich verwachsen ist er nur mit einigen Literaten-Kaffeehäusern, mit dem Quai bis zu einem gewissen Punkte, mit dem Berliner Tagblatt, dessen Wiener literarischer Korrespondent er ist Am echtesten ist die Wut und der Groll, die auch' in diesem ersten Abschnitte gegen den Zionismus spricht, denn das kommt aus den seelischen Tiefen dieses Wiener Literaten. Die beste Antwort auf Stephan Großm'anns groteskes Totenlied hat ein Aufsatz eines Nichtzionisten in der ersten deutschen Revue gegeben. Alfons Paquet spricht in der „Neuen deutschen Rundschau“ über Palästina. Wenn er uns Zionisten auch nichts Neues sagt, so ist es doch überaus interessant zu lesen, Wie die Erneuerung des jüdischen Lebens, wie die sich entwickelnde Wirtschaft in den Kolonien auf einem Mann wirkt, der sich nicht in unseren Reihen betätigt hat. Die Schilderung Jerusalems, die Begegnung mit einem eifrigen Zionisten (gemeint ist wahrscheinlich Dr. Ruppin) die Entwicklung der einzelnen größeren Kolonien. Die zionistischen Blätter würden sehr gut tun, dies alles ausführlich zu reproduzieren. Auf jeden Fall erfährt hier ein großes Publikum, vielleicht Zum erstenmäle, daß es keine Uebertreibung ist, wenn wir Zionisten sagen, daß in einer ganz kurzen Spanne Zeit in Palästina vieles vollbracht wurde. Klingen folgende Zeilen dieses Nichtzionisten nicht wie ein Resümee unserer bisherigen Darstellungen über den Gegenstand. Paquet sagt: „Erst seit 10 Jahren gibt es einen modernen Zionismus“. Ueberblickt man, was seine Werbearbeiter bisher für die Durchknetung des in Palästina versammelten, sowie des über andere Länder zerstreuten Judentumes geleistet habe, so muß man zugeben, daß ädhon jetzt viel erreicht worden ist“ Freilich enthält der Artikel auch einige Ausführungen, die, wenigstens in der Form, etwas deplaziert erscheinen. Seine Anschauung über den zukünftigen Kampf von zwei Richtungen im Judentum, seine Behauptung von dem endgültigen Sieg des Landjudentums sind Zukunftsperspektiven, mit denen man nicht einverstanden Zu sein braucht Auch der Satz „Die Umwandlung und Befreiung des Ostjudentums wird durch den Geist des Westen erfolgen“ wird von manchen angezweifelt werden und der zukünftige Soziologe des Judentums wird sicherlich ganz andere Beweise für diese Behauptung verlangen. Wie dem auch sei, auf jeden Fall beweisen beide Aufsätze, wie lebendig gerade der Zionismus unserer Tage ist Die Stärke und Intensität, mit der die sympathisierende, sowohl wie die uns unsympathische Strömung sich des Gegenstandes bemächtigt, zeigen das ungeheure Interesse, welches man in Kreisen, die wir noch nicht bearbeitet haben, unseren Problemen entgegenbringt. ' Rundschau. Das neue jüdische Kinderspital in Wien. Das zur Beurteilung der eingelangten Projekte für das neu zu errichtende Kinderspital eingesetzte Preisgericht (Vorsitzender Stadtbaudirektor Ingenieur Goldemund) hat einhellig den 1. Preis per K 4000.— dem Architekten Friedrich Mahler, Wien, IV., Mühlgasse 30, für das Projekt „Augarten“ zuerkannt. An Stelleder in der Ausschreibung vorgesehenen- 2. und 3. Preise per K 3000.—, bezw. K 2000.— wurde einhellig je ein 2. Preis im Betrage von je K 2500.— zuerkannt: dem' Architekten Ignaz Reiser, Wien, II., Vereinsgasse 16, für das Projekt „Jeied“ und dem' Architekten Richard Modern, Wien, VIII., Josefstädterstr, Nr. 30, für das Projekt „Maimonides“. Ferner hat das Preisgericht einhellig beschlossen, dem Vorstände der israeliL Kultusgemeinde Wien zu empfehlen, die unter den Kennworten „Vidlo“ und „Charitas“ eingereichten zwei Projekte um den in der Ausschreibung vorgesehenen Betrag von je K 1000.— anzukaufen. — Es empfiehlt sielt, .'daran Zu erinnern, wie diese Konkurrenz zustande gekommen ist Ursprünglich bestand die Absicht, nach' der alten und Schlechten Manier vorzugehen, einige Architekten willkürlich herauszugreifen und ihnen die Ausführung des Werkes zu übertragen. Diese Absicht stieß aber auf den energischesten . Widerstand unserer beiden zionistischen Vertreter im Kultusvorstande. Diese stellten sich auf den Standpunkt, daß die Kultusgemeinde verpflichtet sei, allen jüdischen Architekten Gelegenheit zu geben, sich um den Bau zu bewerben. Sie verlangten daher Ausschreibung einer Konkurrenz für alle' jüdischen Architekten. ,Wegen dieses Antrages entspann sich ein Kampf, der. monatelanlg währte. Das Präsidium stellte Schließlich1 die Kabinettsfrage und drohte für den Fall der Annahme des zionistischen Antrages mit der D emission. Trotzdem wurde der Antrag zum Beschluß erhoben und der Präsident Dr. Stern legte sein Amt nieder. In der Erkenntnis1, daß er zu weit gegangen ist, zog er nach' wenigen Wochen seine Demission zurück. Unsere zionistischen Vertreter Oberingenieur Stricker und Dr. Ehrlich haben sich durch ihr entschlossenes Vorgehen nicht nur Verdienste um die Architektenschaft erworben, sondern auch' in das alte Protektionssystem eine gewaltige Bresche geschlagen. * * * Josef Kiss. Dieser Tage feiert der ungarisch-jüdische Dichter Josef Kiss seinen siebzigsten Geburtstag. Es finden auch offizielle Festlichkeiten statt, ist doch Kiss, wiewohl er nicht der modernen Schule angehört, immer noch der populärste Dichter ungarischer Zunge. Allein all den Festen, die ihm zu Ehren begangen worden, fehlt es an innerer Wärme; man fühlt unwillkürlich, daß zwischen dem Dichter und dem Volke, dem er seine Lieder sang, eine Kluft zu Überbrüchen ist. Vergebens suchte der Dichter Josef Kiss die leisesten, trautesten Töne der ungarischen Sprache zu erlaus'chen, er blieb für die Magyaren immer nur Jude. Allerdings gehört Josef Kiss zu den wenigen fremdsprachigen jüdischen Dichtern der Diaspora, die auch jüdische Themata besangen und auch ihren jüdischen Gefühlen freien Lauf' gewährten. So schrieb er das Lied „Gegen die Flut“ zu Zeiten des Tisza-Eszlärer Ritualmordprozesses, die Balladen „Judith Simon“, „Jehova“ und viele, viele Gedichte jüdischen Inhalts, ja sogar Synagogenlieder. Sein jüngster Gedichtsband „Reb Mayer Lutwak“ behandelt den Werdegang seines Großvaters, der vor ungefähr hundert Jahren aus Litauen nach Ungarn auswanderte. Die Ironie des Galuth: Das Enkelkind eines litauischen Juden der größte lebende Dichter der ungarischen Nation! * . * Minister a. D. Dr. Schreiner. Der gewesene deutsche Landsmannminister Dr. Schreiner ist der Liebling der sogenannten Judenliberalen. Ihre Zeitungen haben ihm taxfrei den Namen eines getreuen Eckhart verliehen. Als solchen preisen ihn das „Prager Tagblatt“, die „Neue Freie Presse“ und ähnliche Organe der in den Kultusgemeinden organisierten deutschfreundlichen Israeliten. Exzellenz Schreiner ist demgemäß ein sehr vorsichtiger Herr und hütet sich ängstlich; es sich irgendwie mit dieser Kategorie von Wählern zu verderben. Nur manchmal, wenn er sich unbeobachtet wähnt, tritt er aus der Reserve heraus. Da hat er z. B. am 12. November in einer Versammlung des deutschantisemitischen „Reichsbundes deutscher Postler Oesterreichs“ eine Rede gehalten. Er erklärte, warum die Nationalverbändler nicht mehr in die „großen“ Staatsangestelltenorganisationen gehen wollen. „Es seien dort — wie das Blatt dieses Bundes „Die deutschösterreichische Post“ wörtlich berichtet — Tschechen, Juden und Sozialdemokraten.“ Die brave gute Exzellenz! Bei den Wahlen sind die Juden den Nationalverbändlern nicht so verhaßt! * * * Die Wiener Schildbürger. Stranskys Wort vom „vertrottelten Wien“ wächst sich' zu einer zugkräftigen Parole der Christlichsozialen aus. Alle möglichen Bezirksräte, Frauenversammlungen, Luegerbünde protestieren gegen die Beleidigung des' christlichen Wien, pie Deutschnationalen sind dem Rathausklüngel neidisch geworden und haben sich entschlossen, in dem Ausspruch Stranskys eine Herausforderung des deutschen Volkes zu erblicken. Die Folge davon ist, daß ein paar geplagte Polizisten nicht zur Ruhe kommen können und bald auf dem Mariahilfergürtel, bald beim Gutenberg-Denkmal Demonstrationen der kochenden Volksseele anschauen müssen. Das wäre schließlich des Heiteren genug. Aber die Herrschaften müssen alle Nasen lang irgend etwas anstellen. Da war am 30. November eine Versammlung des christlichen Frauenbundes in JMeinl’s The e JVeuer Ernte- NIEDERLÄNDISCHE LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Uersidiertes Kapital zirka 380 Ilillionen. — Prämienreserue zirka 113 Hillionen. — Billigste Prämien uni) kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit tüditige, leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezöge. flushfinffe erteilt die Ceneralagentsihaff Wien, I., Bspernplatz 1 (Beiter: David Hebenzabl). Für Ostgalizien u. Bnhouina: Subdirehtion üöbl Taubes, Gemberg,