Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 47 Freilich, nicht alle jüdischen Führer und1 Macher waren bei der Veranstaltung anwesend, aber leider mit die wichtigsten. Nicht Melcher vom Alsergrund und nicht den strebsamen Schwarz-Hiller habe ich hier im Auge, sondern vor allem den großen alten ehrlichen Juden Dr. Julius Ofner. Er war der Messias der Leopoldstadt Und es gab auch Tage, wo er sein Deutschtum auch ein bißchen mehr in den Hintergrund schob. Aber daß er in dieser Zeit der großen wirtschaftlichen Not, in dieser Periode, wo die Notwendigkeit der jüdischen Organisation überall zu dämmern beginnt, nichts anderes und wichtigeres zu tun hat, als den deutschen Besitzstamm zu garantieren, wird auch manch naivem Gemüte die Augen darüber öffnen, warum wir seit Jahren diesen Mann aufs heftigste bekämpfen. Auch in unseren Reihen glauben manche, daß dies merkwürdige Verhalten, dies seltsame Vorübergehen an allen jüdischen Interessen, dieses gerade forcierte Vorüberhuschen und Vorbeigleiten an allen jüdischen Notwendigkeiten, die Politik der Böswilligkeit sei. Aber das ist durchaus nicht richtig. Wir haben es vor allem mit der Politik der Kurzsichtigkeit zu tun. Verbissene doktrinäre, stets geneigt, an Realitäten des sozialen Leben vorüberzugehen, waren auch die Ahnen und Väter des heutigen Liberalismus. Soll man sich darüber wundern, daß die Söhne und Enkel immer weniger sehen und immer mehr und mehr an den Forderungen, die die Wirklichkeit stellt, vorüberhuschen. Doktor Ofner war als junger Mann ein Halbblinder, politisch gesprochen soll er auf seine alten Tage ein Hellsehender werden? Das kann man wahrlich nicht verlangen. Was die anderen betrifft, Melcher oder Schwarz-Hiller, die sind ja nicht so ungelenk und so starrblickend wie der Altmeister, die werden schon an Wahltagen ihr jüdisches Mäntelchen hervorholen und herumlegen und ein großes Geschrei erheben, sie wären eigentlich nicht dabei gewesen. Aber um so sträflicher wird dies Verhalten, um so notwendiger erscheint es, daß die Juden der Leopoldstadt sich insbesondere zu einem intensiven gewaltigen weithin vernehmbaren Protest gegen diese „einseitig deutsche P o- 1 i t i k“ machtvoll erheben. Es ist die höchste Zeit, und als ein Symptom, wie gefährlich die Lage der Juden geworden ist, mag die nackte Tatsache, daß selbst ein Kuranda diese kurzsichtige Politik nicht mehr mitmachen will, gelten. Wenn sogar der Vertreter des Kais, wenn der parlamentarische Repräsentant der Bankjuden, die doch sicher die weitesten vom Schüsse sind, sich zu einer Protestaktion gegen verschiedene deutschnationale Abgeordnete entschließt, wenn sogar der Abgeordnete Kuranda nicht mehr vom „Deutschtum“, sondern vom jüdischen Stamme spricht, dann mögen die Leopoldstädter Juden aufhorchen und sicher sein, daß Gefahr im Verzüge ist. Die Kurzsichtigkeit der Ofner und Konsorten, in diesem Augenblicke eine deutsche, ja fast eine deutschnationale Politik zu verkünden, wird hoffentlich bald auch I diesen Bezirk politisch aufrütteln und wachrufen. Bis dahin muß aber der objektive Beobachter diesen „jüdischen“ Führern ins Gesicht die Wahrheit schleudern: „Eure Politik ist mehr wie verbrecherisch, sie ist dumm!“ Rundschau. Von unseren deutschen Freunden. Die deutschradikale Partei hat am 22. Oktober einen in dem Znaimer „Deutschen Mahnruf“ erschienenen und konfiszierten Artikel immunisiert Der Artikel, der sich „Neue verbesserte Geschichte der Juden“ nennt, ist eines der dümmsten Geistesprodukte deutschradikaler Färbung und würde in jeder Sammlung von Eseleien einen Ehrenplatz verdienen. Die Sache, die schließlich in eine freche Beschimpfung der jüdischen Religion ausartet, wäre gar nicht der Rede wert, wenn nicht die Unterschriften interessant wären. Da finden» wir neben Oskar Teufel, dem „ersten arischen Gurkenhändler“ an der Thaya, den ganzen Palaver beisammen: Wolf, die Siegfriedsfigur, den k. k. Baurat Heine, den Rechtseinpauker Dr. W i c h 11, den Arzt Dr. M i c h l. Auch ein Tierarzt, der in den weitesten Kreisen unbekannte S c h ü r 1 ist dabei; ebenso der stets ministrable Herr Pacher und der von seinem Stammesgenossen M a 1 i k verprügelte Apotheker Hummer. Unter den Wählern dieser Leute befinden sich — Gott sei es geklagt — auch Juden. Es zeigt für die perversen Zustände im Abgeordnetenhaus, daß sich unter den jüdischen Abgeordneten niemand fand, der die Interpellation im offenen Haus zur Sprache gebracht hätte. Nur Herr Dr. Kuranda besann sich darauf, daß er jüdische Wähler habe und verteilte ein offenes Sendschreiben, in welchem er die nicht ganz neue Entdeckung mitteilte, es mache sich ein jeder jüdische Wähler des Verrates an Glaube und Stamm schuldig, welcher in Zukunft einem der Unterzeichneten Abgeordneten seine Stimme gibt Der jüdische Stamm, zu dem Herr Doktor Kuranda sich da plötzlich bekennt wird seine Pflicht tun. Aber der Verrat liegt bei denen, die sich zum jüdischen Stamm nicht bekennen und sich weiter iip deutschen Lager herumtreiben. Die sind unheilbar! Nun erklärten .nachträglich die Abg. Pacher und Hummer, sie hätten ihre Unterschrift nicht selbst gegeben. Da sie eine Qualifizierung des Inhaltes des Artikels jedoch unterließen, ihre Unterschrift auch nicht ausdrücklich desavouierten, so war mit dieser Erklärung nichts anzufangen. Inzwischen hat jedoch Herr Heine in einem an den Kultusvorstand von Bodenbach gerichteten Schreiben ausdrücklich unter Ehrenwort festgestellt, daß sein Name gegen sein Wissen und gegen seinen Willen auf das Schriftstück geraten sei. Er erklärte gleichzeitig, er hätte als ernster Politiker niemals seine; Unterschrift unter den Artikel gesetzt, der zweifellos eine geschmacklose Verspottung des jüdischen Glaubens darstellt. (Heines Organ, die „Ostdeutsche Rundschau“, hatte freilich den Artikel einen trefflichen Aufsatz geschimpft.) Die rechtliche Folgerung wäre also, daß die Interpellation zu wenig Unterschriften besitzt, also nicht immun ist. Die zweite Folgerung aber würde sich auf die Tätigkeit des Herrn Teufel als des Einbringers der Interpellation beziehen. Wie nennt man das, wenn jemand die Unterschrift eines anderen gegen dessen: Willen und Wissen an wendet? Unsere jüdischen Abgeordneten, Herr Kuranda mit eingerechnet, schweigen auch dazu! j. L. * Täuflingssorgen. In Wien erscheint eine gedruckte Korrespondenz in französischer und deutscher Sprache namens „Information“, welche Politik im Christlich-konservativen verzapft. Diese Korrespondenz enthält, in ihrer Ausgabe vom' 17. November eine „von ungarischer katholischer Seite“ benannte Notiz, welche darüber Klage führt, daß die ungarische Presse zur . Zeit des ungarischen Katholikentages spaltenlange Berichte und Leitartikel über Verlauf -.und Ergebnis des Beilisprozesses brachte, über den Katholikentag hingegen nur kurz berichtete. „Dieser sich ungarisch-national nenneiiden Presse“ — schreibt die- Notiz^ -—„steht al.sp das Schicksal des Ausländers'iind Juden Beilis' Und die heikelste Frage des Judaismus viel, viel näher als das Wohl und Wehe der Mehrheit der Bevölkerung Ungarns, der Katholiken.“ Weiters ärgert sich die „Information“, daß in der Budapester Protestversammlung auch Graf Khuen-Hedervary und Graf Michael Karo I y i mit gegen die russische Kulturschande protestierten. Der letztere wird in folgenden Worten denunziert: „In der jüdischen Protestversammlung hielt er eine zündende Rede für den größten Krebsschaden Ungarns, für die Juden“. Der Herausgeber dieser Korrespondenz, der sich also mit der „heikelsten Frage des Judaismus“ beschäftigt, ist A. v. Eisner- E i s e n h o f, Schnittlauch auf allen Suppen, Champagneragent, Offizier des Franz Josef-Ordens, Komiteeter des Eucharistenkongresses, getaufter Jude. * * * Die Wiener Schildbürger. Letzten Freitag hatte der tschechische Abgeordnete Dr. Stransky (Brünn) in einer Parlamentsrede die Worte „vertrotteltes Wien“ gebraucht. Das ist natürlich eine Ungezogenheit, die zu rügen ist Der Wiener christlichsoziale Stadtrat hat nun am Dienstag über Antrag des Bürgermeisters beschlossen, die Ungezogenheit Stranskys einzuschränken und hat sich gegen die Beschimpfung verwahrt, die Stransky „gegen die Deutschen und die christliche Bevölkerung Wiens“ begangen hat. Der Stadtrat bezieht also das Wort „vertrottelt“ auf die Christen. Wozu einen doch der Antisemitismus verleiten kann! j. 1. Das zionistifdie Paläsfinauerb in amtiimep Beieumtung. Trotz aller Angriffe zieht die zionistische Bewegung immer größere Kreise und mit! dem Wachstum der Organisation geht auch der Fortschritt unseres valästinawerkes Hand in Hand. Die neuerwachte Palästinaliebe zwingt unsere jüdischen Feinde, unsere Verdienste in Erez Jisrael anzuerkennen, aber selbst Nichtjuden, die das erwachende Land bereisen, sind voll Lobes über unsere Leistungen. Erst vor kurzem berichteten wir über die Ausführungen eines englischen Orientpolitikers, der die Zukunft Palästinas in zionistischen Händen sieht. Jetzt sind wir in der' Lage, den amtlichen Handelsbericht des kaiserlichen Konsulates in Jaffa zu veröffentlichen, dessen kurze Ausführungen über unsere Arbeit im Lande Bände spechen. Aus den amtlichen Berichten spricht der Vertreter des Deutschen Reiches als unparteiischer Beobachter, aus der Assimilantenpresse hingegen Haß und Neid. Zuerst erwähnt der Konsularbericht, daß die trostlos verwahrloste Hauptverkehrsstraße im NI einVs The e Neuer Ernte NIEDERLÄNDISCHE LEBENS - VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Versilbertes Bapital zirba 380 tlillionen. — PrSmienreserue zirka 113 Clillionen. — Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. Engagiert lederzeit tQcbtige, leistungsfähige Agenten gegen hohe BezQge. Buskfinlteerteilt die 6eneralagentsdiaft (dien, 1., Bspernplatz 1 (Beiter: Dauid Hebenzahl). Für Ostgalizien u. Bukowina: Subdirehtion Böbl Taubes, Bemberg.