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Jüdische Zeitung · 1913-11-21 · 47 (21.11.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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D Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, 11., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurück gestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ “ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. 8 Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. B Nr. 47. Wien, Freitag, den 21. November 1913 VII. Jahrgang Unsere nätfisten Aufgaben. Nur der große Aufschwung der zionistischen Bewegung hat es vermocht, einen Kongreß, wie es der Wiener war, zu veranstalten, einen Kongreß, dessen Wirkung jetzt, nach Monaten, in der ganzen jüdischen Welt immer noch nachzittert. Wir alle fühlen jedoch, daß es mit dieser imposanten, kraftsprühenden Kundgebung des jüdischen Lebenwillens noch nicht getan ist, wir alle fühlen, daß der elfte Zionistenkongreß ein Versprechen an das jüdische Volk war, ein Versprechen, das unbedingt eingelöst werden muß. Wir müssen daher in allen Richtungen eine Tätigkeit entfalten, die des Kongresses und unseres großen, hehren Zieles würdig ist. Vor allem gilt es, das bisher Geschaffene auszugestalten. Eine ganze Reihe unparteiischer hochwichtiger Zeugen, wie da sind Sir Harry Johnsten und das Kaiserlich Deutsche Konsulat in Jaffa, haben sich über unsere Leistungen im Lande unseres Zieles in lobenster Weise ausgesprochen. Es muß uns jedoch allen klar sein, daß wir mit Rücksicht auf die immer akuter werdende orientalische Frage und vollends auf die Gestaltung des ottomanischen Reiches, ferner auf all die Dinge, die sich jetzt im Morgenlande vorbereiten — es sei bloß der arabischen nationalen Bewegung gedacht — mit aller Macht unsere in hartem Kampfe errungenen Positionen und unseren Einfluß in Erez Israel, wie auch im ganzen ottomanischen Reiche stärken müssen. Von dieser Aktion, die keinen Aufschub duldet, hängt das Gelingen unserer Arbeit ab. Unsere Positionen, unser Einfluß, es sind nicht nur wohlklingende Worte, es sind vor allem die Grundlagen unserer Arbeit. Die Gesinnung der ottomanischen Judenheit für unsere Bestrebungen, ihre Nationalisierung gehören in diesem Sinne zu unseren vornehmsten und wichtigsten Aufgaben. Der Zionismus soll in der Türkei nicht nur als eine Bestrebung ausländischer Juden auftreten können, sondern vielmehr als die nationale Bewegung der ottomanischen Juden gelten. Der Zionismus muß eine interne Angelegenheit der Türkei werden. Nicht minder wichtig ist es, die ganze palästinische Judenheit zu einem starken Volkskörper zusammenzuschmieden, das einem Ziele zustrebt. Bei beiden Gruppen, bei den ottomanischen Juden im allgemeinen und den palästinischen Volksgenossen im, besonderen heißt es den Hebel bei der Erzie - hung ansetzen. Es gilt ein jüdischnationales Schulwerk im Orient ins Leben zu rufen, das bestimmt ist, Volljuden zu erziehen und zu diesem Zwecke die geeigneten Vorbedingungen, wie Unterstützung der Lehrerverbände, Herausgabe geeigneter Lehrbücher, Ausbildung von Lehrkräften usw., zu schaffen. Ohne diese Vorarbeit — und dies möge sich jeder von uns vor Augen halten — wird Palästina niemals jüdisch werden! Viele andere, ebenfalls hochwichtige Aufgaben liegen noch unserer obersten Leitung, dem Engeren Aktionskomitee, ob. Naturgemäß kann sie diesen Aufgaben nur dann gerecht werden, wenn sie von der Organisation die entsprechenden Mittel erhält. Es ergeht daher an alle Zionisten der Ruf, zum Zentralfonds, der £ur Finanzierung unserer Aktionen bestimmt ist, nach Kräften beizusteuern. Es ist keine Sammlung für Fremde, auch kein Almosen an Arme, es gilt jetzt für uns zu geben, auf daß wir unsere Pläne, ein jüdisches Palästina zu schaffen, ausführen können. Der Schekel reicht kaum aus, die Kosten der immer größer werdenden Organisation zu decken. Es ist daher unsere Pflicht, unsere bisherigen Beiträge zum Zentralfonds zu Vervielfachen und auch andere heranzuziehen, die bereit sind, für die Erlösung unseres Volkes Opfer zu bringen. Die Zionisten Rußlands gehen mit gutem Beispiel voran: sie haben ihre Beiträge verdreifacht. Die Zeit der Tat ist gekommen, Gesinnungsgenossen, tut euere Pflicht! Verbpedierihbe Rupzsiditigfteit. Die Wiener Liberalen haben uns wahrlich nicht verwöhnt! Sie haben in programmatischer Hinsicht eine unfertige schwankende, unmoderne Politik seit jeher verfolgt und in taktischer Beziehung seit unzähligen Jahren eine doktrii näre kleinliche, ja kurzsichtige Geschäftsführung stets ausgeübt. Kein einziges wichtiges Problem, . keine einzige spezifische österreichische Aufgabe! wurde durch sie auch nur ernstlich zu lösen , versucht. Lassen wir den Judenpunkt einmal \ bei Seite und fragen wir uns, was diese De-; mokraten für die Erkenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge, für die soziale Frage, für die . große, so überaus notwendige Versöhnungsarbeit der Nationen im Gesamtreiche getan haben und jeder objektive Beobachter wird ausrufen müssen: „Gar nichts oder so gut wie gar nichts!“ Nein, wahrlich, sie haben uns nicht verwöhnt, die Herren Liberalen. Aber was sie in den letzten Tagen getan, ist so kraß und spottet so jeder vernünftigen Einsicht in das Wesen der Politik und des politischen Getriebes, daß das Kopfschütteln und Flüstern, das Unbehagen und die Mißstimmung selbst unter den ■Parteigenossen begreiflich erscheint. Das ganze Judentum der Welt befindet sich in einer Erregung, wie sie schon seit langem in der modernen Geschichte unseres Volksstammes sich nicht offenbart hat Schlimmer wie die Tatsache des Kiewer Prozesses und die seltsame Beantwortung der eigentümlichen ersten Frage, die grotesk und traurig die russischen Zustände grell beleuchtet und doch auf westliche Gemüter so .unheimlich wirkte, ist das verhältnismäßig <-so überaus geringe Echo, das dieser Prozeß in ganz Europa gefunden hat Welch seltsam kleine Anteilnahme der öffentlichen Meinung, welch geringe Entrüstung selbst in den kultiviertesten Schichten der arischen und christlichen Völker! Auch wir Zionisten hätten einen so großen Mangel „echter verinnerlichter Humanität“ nicht für möglich gehalten. In einer solchen Zeit, wo sich auch in mindergeschulten Köpfen langsam und tastend der Gedanke regt, daß eine andere, größere, nur für uns arbeitende, nur unsere Interessen umfassende Organisation nottut, haben die Wiener Liberalen unter Führung der bekannten jüdischen Politiker nichts anderes zu tim, wie aufs neue ihr „D eutschtu m“ feierlicher, klarer, mit einem ausdrücklichen Hieb auf das Tschechentum zu betonen. Denn die ganze neue Parteigründung der Wiener Liberalen hatte keinen anderen Inhalt, und keinen anderen Sinn, als trotz alledem und alledem, trotz aller Angriffe der Deutschen, trotz aller Fußtritte sämtlicher nichtverjudeter deutscher Organisationen die Wahrung „des deutschen Besitzstandes“ vor allem Volke aufs deutlichste zu proklamieren. Wir fragen uns, ist dies möglich, haben wir dies wirklich alles richtig gelesen? Ist das die demokratische T aktik einer modernen Gruppe in dem Augenblicke, wo die schlechte äußere Politik, wo die gewaltige europäische Wirtschaftskrise die langjährigen Forderungen nach einer nationalen Versöhnung zur innersten Notwendigkeit Oesterreichs erhoben haben. Sind die „absolute“ Erhaltung des deutschen Besitzstandes, die starre und sagen wir es gerade heraus furchtbare ungerechte antitschechische Schulpolitik, die Lex Kolisko und alles, was damit zusammenhängt, die einzigen politischen Realitäten, nach denen es die Völker Oesterreichs dürstet? Aber das alles sind Gedanken, die sich jeder gute Oesterreicher „beim Lesen“ des neuen Programms und der damit aufs engste zusammenhängenden Referate der Wiener Liberalen machen mußte! Aber als Juden kommen uns noch ganz andere Erwägungen! Ist das gerade der richtige Augenblick, wo wir, die Vertreter eines geknechteten Volksstammes, die Exponenten einer völkerversöhnenden notwendig von Hause aus völkervermittelnden Wirtschaftspolitik uns aufs neue den tödlichen Haß aller slavischen Völker zuziehen sollen? Ist das wirklich der richtige Moment? Ist eine solche Politik verknüpft mit unserem wirtschaftlichen Interesse, leben wir Juden nicht vielmehr von den Slaven wie von den Deutschen, dürfen wir die verfolgten und bedrängten tschechischen Massen in Wien in ihrer Sprache und Kultur mit verfolgen und mitbedrücken helfen? Ist das die Antwort auf die imposante Kundgebung der gesamten Reichs¬ und Landtagsabgeordneten, sowie aller Notabilitäten des tschechischen Volkes, . die wie ein Mann gegen den Kiewer Ritualhiordprozeß protestierten? Ist das die Antwort auf die Resolution Schmidt? Nein, fürwahr, es darf uns nicht Wunder nehmen, wenn die eigenen Parteigenossen diese Politik nicht mitmachen wollen, wenn ein großes Kopfschütteln und Flüstern durch alle politischen Kreise Wiens geht Diesmal sind sie gar nicht zufrieden mit ihren Führern, die Herren Liberalen. Die Veranstalter des neuen .Parteitages waren selbst sehr betroffen über das geringe Echo, welches die Tagung bei der Bevölkerung gefunden hat

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