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Jüdische Zeitung · 1913-11-14 · 46 (14.11.1913) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 46 Lehreder Auserwähltheit Israels ablegten und begannen, die Wirtsvölker als ihnen ebenbürtige zu betrachten. Bei mandien Juden ging der Einfluß der Modernen so weit, daß sie zur -Ueberschätzung der Arier und Verachtung der Semiten — Selbstverachtung gelangten. Der Entstehung der zionistischen Bewegung steht somit im Wege, nicht nur ein Untermaß, sondern auch ein UCbermaß von Selbstachtung. Daher kommt es, daß Leute von ausgeprägtester persönlicher Würde, wie es ein Prof. Dr. Hermann Cohen ist, dem Zionismus, einer Bewegung, die die Juden auf nationaler Basis gleich anderen Völkern organisieren will, fern ja mitunter feindlich gegenüberstehen, weil sie noch in ungemindertem Besitze der väterlichen Lehre von der Auserwähltheit des Gottesvolkes sind; sie können es nicht geschehen lassen, daß der Lehrmeister der Menschheit, dem Beispiel seiner Schüler, für sein nationales Dasein zu kämpfen, folgen solle. Ch. Händel, Olmütz. Erwiderung. Vorstehender Artikel gibt mir die erwünschte Gelegenheit, ein Mißverständnis aufzuklären, an dem vielleicht auch ich selbst durch eine nicht allzu teondse Stilisierung schuld bin. Hätte ich an jener Stelle, die Herr Händel meint, anstatt „persönliche Würde“, „individuelle Würde“ oder „Würde der Persönlichkeit“ gesagt, so wäre vielleicht jenes Mißverständnis nicht entstanden und die sehr richtigen Bemerkungen Herrn Händels könnten statt als Einwendungen als Bekräftigung gelten. Denn ich meinte an jener Stelle, wie aus dem ferneren Inhalt des Artikels hervorgeht, daß im Judentum das Gemeinschaftsleben das. höchste Lebensprinzip war, dem gegenüber es eine individuelle Differenzierung und damit eine individuelle Würde der Persönlichkeit nicht gab. Eine Beleidigung des Juden wurde von diesem deshalb nicht als Beleidigung seiner Person angesehen, sondern er sah sie, was ja auch ganz richtig war, als eine Beleidigung der Gemeinschaft an, der er angehörte. Und da er diese, wie Herr Händel richtig sagt, trotz aller äußeren Mißachtung als eine den anderen Völkern überlegene ansah, konnte jene Beleidigung von ihm nicht als Verletzung seiner individuellen Würde, seines persönlichen Stolzes empfunden werden. Erst durch die Modernen ist dem Juden anerzogen porden, daß er, ganz abgesehen von jeder Zugehörigkeit zu irgend einer Gemeinschaft, als Individuum' ein Selbstzweck sei, woraus sich eine überaus große Steigerung des Ehrgefühls und Stolzes, ein erhöhtes Gefühl für „persönliche Würde“ ergab. Theodor Herzl, ein Mann von modernster Kultur, empfand deshalb die Dreyfusaffäre als eine ihm angetane persönliche Schmach'. Und da er ohne individuelle moralische Integrität nicht leben konnte, reagierte er auf diese Schmach so stark, daß seihe ganze ungeheure Willenskraft sich darauf konzentrierte, dem unhaltbaren Zustand, in dem er sich als Jude befand, ein radikales Ende zu bereiten. Dies ist der wahre Sinn jener Stelle, die aiso in keiner Weise irgend etwas Verletzendes für das Judentum enthält. Zum Ueberfluß will ich noch als Bekräftigung meiner Anschauung von der überragenden Bedeutung der Gemeinschaft gegenüber dem geringen Grade von Individualisierung bei den Juden keinen geringeren zitieren als Achad Haam. Bei diesem heißt es (Band I der gesammelten Schriften, II. Auflage, Seite 38): „In allen Gesetzen und Vorschriften . . . tritt uns überall nur der eine Zweck entgegen: das Wohlergehen der nationalen Gemeinschaft, während das Glück des Einzelnen außer adit gelassen wird. Jedes jüdische Individuum ist nach dieser Anschauung lediglich ein Glied des jüdischen Volkes.“; Ich hoffe, damit das mir peinliche Mißverständnis zerstreut zu haben. Adolf Böhm, Wien. Die Niederlage der Karmelweine befindet sich bei S. Steinhart, Weinhandlung, II., Rotensterngasse 22. Telefon 17348. ParfeisNacfapichfen. Innerösterreichischer Distriklstag. Am 9. November "fand in Wien ein außerordentlicher Distriktstag unter überaus großer Beteiligung statt. Vertreten waren 22 Vereine durch 40 Delegierte. Der derzeitige Leiter des D. K., Gg. Ludwig Bato eröffnete die Tagung und ^begrüßte insbesondere den Vertreter des E. A. C., Kurt Blumenfeld, das Mitglied des großen A. C., Oberingenieur Robert Stricker, den Präsidenten des w.-ö. Z.-K., Dr. Karl Pol- Iak, den Leiter der N. F.-Sammelsfelle, Gg. Dr. Emil Stein und die Mitglieder des Z. K. Der - Vorsitzende führte aus, daß das D. K. in erster Reihe durch den Wunsch, die durch den Kongreß ausgelöste günstige Stimmung auszunützen und organisatorisch zu erfassen, bestimmt wurden, den außerordentlichen Distriktstag einzuberufen. Es ist von jeher die Schwäche der Wiener zionistischen Organisation gewesen, daß in dieser Stadt, in welcher der jüdischnationale Gedanke stärker als in allen anderen Großstädten ist, die Größe der Organisation zu den vorhandenen zionistischen Kräften in keinem Verhältnisse steht. Ist es doch bekannt, daß seit der durch Herzls Tod hervorgerufenen Krisis die Bestrebungen, die Wiener Bewegung zu verbürgerlichen, nicht dm gewünschten Erfolg hatten. Erst heuer hat das D. K. in die.er Richtung wirksame Schritte unternommen, indem es in den einzelnen Bezirken Beziehungen zu der jüdischen Bevölkerung anbahnte. Wir sind unserem Zentralkomitee zu besonderem Danke verpflichtet, daß es die Abhaltung des Kongresses in Wien erkämpft hat. Allein dieser Dank legt uns eine gewisse Verpflichtung auf. Wir müssen uns des Wiener Kongresses würdig erweisen. Die letzten Ereignisse wie das Vorgehen des Hilfsvereins der deutschen Juden gegen unsere nationale Sprache in Palästina zeigt uns deutlich, daß wir auf der Hut sein müssen, ja, daß wir unmittelbar vor einem neuen Kampfe mit der Assimilation stehen. Nach der Eröffnungsrede wu’-de der Legitimationsaussdiuß, bestehend aus den Gg. Ingenieur Köppl, Ornstein und Dr. Wolfmann, gewählt. Hierauf referierte Gg. Dr. Isidor M argul i e s über den XI. Zionistenkongreß und besprach eineinhalb Stunden in überaus interessanter und sachlicher Weise die Entwicklung der verschiedenen Richtungen im Zionismus und die Arbeiten der Kongresse, insbesonders des Wiener. Auf dieses Referat werden wir noch zurückkommen. Gg. Ing. Köppl' berichtete über die Tätigkeit des Distriktskomitees und entwickelte ein ausführliches Programm über die künftige Arbeit Daran schloß sich das Referat das Nationalfondskommissä-s des i.-ö. Distriktes, Gg. Dr. Weiner, ln d-r hierauf eröffneten Debatte ergriffen das Wort Dr. Zweig, Glanz. Landau, Wechsler, Stein, Kesfenbaum und Gg. Blumenfeld. Nach einer Pause wurde die Debatte fortgesetzt Es sprachen: Waltuch, Nebenzahl 1 öwy (Neure Jehudal. Wa'dmann, Ob.- Ing. Stricker, Ornstein, Schindler, Advokat, Dr. Stein, das Schlußwort hielt Ing. Köppl. Die meisten Redner behandelten die Tätigkeit des D. K., wobei es oft zu erregten Auseinandersetzungen kam. Erst in später Nachtstunde erfolgte die Abstimmung über die eingebrachten Anträge. Folgender Antrag des innerösterreichischen Distriktskomitees wurde einstimmig angenommen: ■ „Der i.-ö. Distriktstag billigt die Haltung der westöstfTreichisrhm I andsmannschäft auf dem XI. Kong-rr^e und spricht in Anerkennung der bisherigen Tätigkeit des E. A. C. der Leitung das vollste Vertrauen aus.“ ' Ferner wurde ein Antrag des Gg. Ing. Köppl auf Entsendung einer Kommission zur Schaffung eines Ehrengerichtes und auf Zuweisung aller gestellten Anträge organisatorischer und agitatorischer Natur an .das Distriktskomitee angenommen. Wegen vorgerückter Zeit wurde das Referat über die Presse für den ordentlichen Distriktstag zurückgestellt. Eine Kommission, bestehend aus den Gg. D- Ehrlich, lulius Löwy, Dr. Wolfmann, Ing. Köppl und Glanz wurde beauftragt, dem nächsten ordentlichen Distriktstag über die Parteipresse Bericht zu erstatten. Hierauf erfolgte die Wahl von fünf Mitgliedern für das Zentralkomitee zur Präsentation an den Parteitag. Es wurden gewählt die Gg. Dr. Karl Pollak. Adolf pöhm, D-. Isidor Margulies, Dr. Emil Stein und Ob.-Ing. Roberi Stricker. Um 2 Uhr nachts schloß der Vorsitzende den Distriktstag. ■ * Westgalizischer Distriktstag. Sonntag, den 23. November 1913 findet in Tarnöw der XII. gewöhnliche westgalizische Distrikt.stag mit folgender Tagesordnung statt: 1. Eröffnung; Wahl des Pureaus und des Verifizierungsausschusses; 2. Bericht des Sekretär*, des Schatzmeisters und des N.-F.-Kommissärs; 3. Referat: Die gegenwärtige Lage der zionistischen' Bewegung in Galizien: ' 4. Referat: Die Palästinaarbeit und deren Fortschritte; 5. Referat: Die Frage der Herausgabe einer Zeitschrift; 6. Budget; 7. Wahl des neuen Distriktskomitees; 8. Eventuelles. Bnioiini Dl 11 IHR6 Wien, II., Taborstr. 17 [Hirschenhausj Jüdische Kochbücher: Kauders. vollst. israel. Kochbuch K 2.—. Elsässer Kochbuch für die jüdische Küche K 8.40. Wolf, Kochbuch für israelitische Frauen K 4:20. Antiquariat. Provinz* and.. Rus dem judifriien teöen. Pogromfurcht unter den russischen Juden. Man schreibt der „N. J. K.“ aus Kiew: In allen Gebieten des jüdischen Ansiedlungsgebietes herrscht infolge des Beilis-Prozesses eine überaus gedrückte Stimmung. Die „Schwarzen Hundertschaften“ und die Mitglieder des „Verbandes der echtrussischen Leute“ entfalten ungehindert eine schamlose Pogromagitation. In weiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung befürchtet man, daß nach der Verkündung des Urteils im Beilis-Prozeß — wie dieses auch ausfallen möge — Pogrome aushrechen werden. In Lodz hatte sich ein elfjähriger Knabe vor den Schlägen seines Vaters in dem Kessel, einer jüdischen Eisenniederlage versteckt. Sogleich ver--' breitete sich das Gerücht, die Juden hätten den Knaben töten und die Leiche abkochen wollen. Nur dem Eintreten der rasch herbeigeholten Eltern ist es zu verdanken, daß es nicht zu Ausschreitungen gegen die Juden kam'. * In Wowno wurde ein jüdischer Laden total demoliert. Alle Waren wurden auf die Straße geworfen, weil ein Knabe, der mit einer Kundin; in den Laden getreten war, verschwand. Der Knabe war nach Hause gelaufen, aber die Frau erhob Wehklagen, daß die Juden Ihr Kind gestohlen hätten, worauf die sofortige Zerstörung des Ladens erfolgte. In den Vorstädten Odessas herrscht unter der jüdischen Bevölkerung Panik. Jeder, der die Möglichkeit besitzt, siedelt in die Stadt über und deponiert seine Wertsachen in Banken. In Krementschug ist durch die provokatorische Tätigkeit der „Schwarzen Hundert“ eine vollständige Panik hervorgerufen worden. Die wohlhabenden Juden verlassen eilig Hie Stadt. In Kiew selbst hat die Erregung der jüdischen Bevölkerung in den letzten Tagen einen Grad e"—eicht, der lebhaft an die Schreckenszeit der Pogrome in den Jahren 1904 bis 1907 erinnert. Das GesChäftsleben ist teilweise völlig in Stockung geraten. Verschiedene Bankfilialen haben Anweisung erhalten, keine größeren Kredite zu gewähren. Die unruhige Stimmung wird noch genährt durch die grenzenlose Pogrompropaganda des „Doppeladlers“ und seiner Leute*. Das jetzt täglich erscheinende Blatt ist von der ersten bis zur letzten Zeile nur der Ritualmördhetze gewidmet, und um auf den Gerichtshof einen Druck auszuüben, haben diese Leute für Montag nachmittag eine Messe für den ermordeten Knaben AndrjusCha angekündigt. Diese Messe wird von einem Erznriester in der unmittelbar beim Gerichtsgebäude gelegenen Sonhienknfhedrale abgehälten werden und soll den herbeisttönrenden Straßenmob in die rechte Stimmung bringen. Die Panik wird noch vermehrt durch die Rede des Staatsanwalts Wipper vom jüngsten Sonnabend, der unheimlich verhetzende Töne anschlug, um auf die Geschworenen zu wirken:. Wie er diesmal die Annahme eines Ritualmordes vertrat, wie er davon sprach, daß die Juden Rußland zugrunde gerichtet hätten und die Geschworenen ermahnte, das Andenken des „heiligen Märtyrers Andrjuscha“ zu rächen, so daß ihr Verdikt wie Glockengeläute durch das Land ertönen solle, das wird seine Wirkung auf die po^romlüsternen Massen sicherlich nicht verfehlen. * Spanien und die Juden. Spanien, das vor einem halben Jahrtausend die Juden so grausam vertrieben hat, bemüht sich seit eineger Zeit in lebhaftester Weise, die Sympathien der Judenheit zu erwerben. Die spanische Regierung braucht die Juden von Marokko. um dort festen Fuß fassen zu können und sie braucht die Juden Europas, um einen Aufschwung des lahmen Handels und der Industrie Spaniens zu ermöglichen. Dazu versucht sie nun verschiedene Mittel. Eins davon ist, daß sie Professor A. S. Yahuda, den bekannten Pevliner Gelehrten, eingeladen hat, an der Madrider Universität die neugegründefe Lehrkanzel für hebräische und rabbinische Disziplinen zu übernehmen. Dr. Yahuda soll in Madrid offiziell empfangen werden und auf Kosten der Regierung eine Studienreise in Marokko unternehmen. * Blumentag des Jüd. Nationalfonds in London. Am letzten Sonntag fand hier ein Blumentag' zugunsten des Jüdischen Nationalfonds statt, dessen Ergebnis alle' Erwartungen übertraf. Man hatte auf die Beteiligung von etwa hundert jungen Damen gerechnet und nur 12.000 Blumen vorberei‘et. Aber am Sonnabend meldeten sich 250 Damen zur Teilnahme. Um 9 Uhr morgens wren bereits alle Blumen verteilt und nur mit Mühe konnte man noch neue auftreiben. Als krine einzige Blume mehr *zu erhalten war, wurde der Verkauf beendet; über 25.000 Blumen wurden abgesetzt und 140 Pfund Sterling (2800 Mk.) eingenommen. Das ausgezeichnete Ergebnis des Blmnentages hat die Nationalfönds-Verwaltung veranlaßt, für Sonntag, den 26. Oktober, einen Blumentag in ganz England zu veranstalten.

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