Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Da unter den Lesern dieses Blattes viele sein werden, die der christlichen Lehre so weit entrückt sind, daß diese Dinge ihnen unglaublich erscheinen müssen, seien die entscheidenden Tatsachen in Kürze zusammengestellii. Jesus, der Jude, der sich an die Bräuche seines Volkes hielt, aß mit seinen Jüngern ,das Osterlamm „Da sie aber aßen, nahm Jesus das Brot (ungesäuertes, süßes Brot — Mazzoth), dankete und brach’s, und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib Und er nahm den Kelch, und dankete, gab ihnen den, und sprach: Trinket alle daraus; aas ist mein Blut des neuen Testamentes, welches vergossen wird für viele, zur Vergebung der Sünden “ Aus diesen Worten, die man melanCholisch-phantastisch oder wie immer deuten mag, wurde nun in der ersten christlichen Kirche das Abendmahl: eine Mischung aus Gedächtnis, Weihe und Wunder. Vom vierten Jahrhundert an tritt, allen Widersprüchen des Origenes, Augustinus, Gelasius und anderer zum Trotz, die Wundervorstellung in den Vordergrund: man nimmt an, daß Brot und Wein, wenn sie von Christi Erbin, Gottes Statthalterin auf Erden, der heiligen Kirche, gespendet werden, so mafisch verwandelt werden, wie Jesu der Zauberer ei der Hochzeit von Kana Wasser in Wein verwandelt habe. Das ist die Lehre von der Verwandlung. Im Jahre 832 sprach es Paschasius Radbertus offen aus, der Leib Christi auf dem1 Altäre sei mit dem von Maria geborenen identisch; Leib und Blut Christi werde aus der Substanz des Brotes und Weines herausgebracht:. Er geht soweit, daß er sich auf die Erfahrung, auf den Augenschein beruft, wonach das Sakrament sichtbar gewesen sei, und zwar bald in der Gestalt eines Lammes, bald in der eines Knaben mit wirklichem Fleisch und Blut. Darüber liegen mannigfache Berichte vor, daß sich in der Hostie das Gottesknäblein gezeigt habe. Diese Lehre wurde das Dogma der Kirche. Im Jahre 1059 wurde Berengar von Tours, der sich gegen diese Vorstellungen wehrte, auf einer Synode in Rom zu dem Bekenntnis gezwungen: der Leib Christi werde von den Zähnen der Gläubigen gebissen. Nunmehr kommt auch der Name für diese Verwandlung auf: Transsubstantiation, worunter die Lehre zu verstehen ist, das. Wesentliche, das Substantielle an Brot und Wein werde in den wahrhaften Leib Christi verwandelt; nur die äußere Gestalt von Brot und Wein bleibe zurück. Im Jahr 1215 erhält diese Lehre auf dem lateranischen Konzil von Innozenz III. samt dem Namen die kirchliche Sanktion. Immerhin wehrt sich Innozenz noch gegen die Vorstellung, Mäuse, wenn sie die Hostien .auf;dem Altäre . anknabberten, könnten damit den Leib Christi genießen, welche Frage aber im fünfzehnten Jahrhundert, zur Zeit der hussitischen Händel, von den Kirchenlehrern bejaht wird. Im Jahre 1217 führt Papst Honorius III. die Adoration ein, das heißt die Kniebeugung vor dem in die Höhe gehobenen Sakramente der Hostie; und 1264 begründet Urban IV. das Fest, das der Eucharistie, dem Wunder des Leibes des Herrn gewidmet ist: FronleichnamL Als 1433 den Hussiten in. Böhmen der Kelchgenuß gestattet wurde, geschah dies mit dem ausdrücklichen Hinzufügen, wenn die Priester das Abendmahl austeilen, sollten sie bei jeder solchen Kommunion das Volk belehren: unter einer jeden der beiden Gestalten, im Brot wie im Wein, sei der ganze Christus vollständig enthalten. Das ist die Kirchenlehre, bei der übrigens auch Luther geblieben ist: der Leib Christi werde im Abendmahl mit dem Munde leiblich gegessen. Die spätere Entwicklung bei den Reformierten geht uns nichts an, weil zu der Zeit das Blutmärchen längst feststand. Das Blutmärchen, das sich gegen die Juden richtete, stand fest, weil die Blutzauberlegende der Christen es erzeugt hat. Man versteht den Christenglauben nicht, wenn man nicht immer im Auge behält, daß er eine Lehre ist, wie den Menschen mit Hilfe der der Kirche anvertrauten Zauberkunst Kraft gespendet wird: den Gesunden Erneuerung der sonst vergehenden Kräfte, den Siechen Genesung, den Sterbenden oder gar Toten neues Leben. Diesem Zauber dient ganz besonders alles, was mit Jesu Leben und Sterben zusammenhing: sein ungenähter Rock, der in Trier aufbewahrt wird und bekanntlich noch im neunzehnten Jahrhundert die herrlichsten Wunder getan hat; ein Splitter vom Kreuz, die heilige Lanze, mit der Christus in die Seite gestochen wurde, das Gefäß, in dem bei der Gelegenheit sein Blut aufgefangen wurde. Dieses Gefäß, der Gral,-der seinen Namen San Greal denn doch wohl von sang real, wahrhaftem Blut, haben dürfte, steht in engster Verbindung mit dem Abendmahl. An jedem Charfreitag senkt sich vom Himmel her eine Oblate in diesen Gral und spendet den Gralsrittern Speisen so köstlichen Wohlgeschmacks und so zauberhafter Kraft, wie es derengleiChen sonst nie in der Welt gibt. Und and) dabei erscheint das holde Kind, das nur den Reinen und Geweihten sichtbar wird. Diese Sage aber von dem Orden der Erlesenen, die durchs magische Blut ewig am1 Leben und bei Beseligung lind bei Wunderkräften erhalten werden, blieb den Dichtern überlassen; die Kirche kannte sie nicht brauchen. Die Kirche ganz allein ist, aber nicht iri der Verborgenheit eines geweihten Ortes, sondern allenthalben, wo ihre Priester sind, im Besitz des Bhrtzaubers und spendet ihn nicht bloß Erlesenen, sondern der ganzen ihrer Obhut anvertrauten Christenheit. Kein Heil aber auch darum außerhalb der Kirche, es sei denn, daß die Ungläubigen, denen Gott nicht beisteht, die Unterstützung ■teuflischer Mächte finden oder durch höllische Freveltat den lebenspendenden Gottessegen sich ruchlos aneignen. Auf zweierlei Wegen allein können sie ihn nach der Vorstellung christlichen Aberglaubens finden: sie müssen entweder die Hostie anzapfen oder sie müssen mörderisch das Blut eines Christen, in dem Gott wohnt, zumal eines unschuldigen Kindes, in ihren eigenen Sündenleib hinüberleiten. 1 Die Christen also sind es, die zu Ostern im ungesäuerten Brote Fleisch ' und Blut essen, Fleisch und Blut eines menschgewordenen Gottes, den sich die Phantasie des-, Volkes wie der Scholastiker gerade bei der Gelegenheit immer wieder in Gestalt eines Knäbleins vorstellte, in Gestalt des Christkindes. Kein Zweifel, daß schon die abergläubische Hetze der heidnischen Römer gegen die erste Christenkirche mit den Abendmählsgebräuchen und den eigenen, damals freilich noch unbestimmt schwankenden Vorstellungen der Christen zusammenhing. Die Hetze der Christen selbst gegen die Juden im Mittelalter aber hat eine kompliziertere Entstehungsgeschichte. Wie später der; Vorwurf, die Juden vergifteten die Brunnen, einen realen Grund hatte: das plötzliche Massensterben infolge der Pest, so ' mußte auch die Beschuldigung, die Juden durchstächen die Hostien, wie aller Aberglaube, mit NaturansChauung: und Logik Zusammenhängen. Die Hostien konnten schon darum für durchstochen gelten, weil sie unwirksam waren, weil die Menschen des Wunders der Sündenvergebung nicht teilhaftig wurden. Der Glaube an das Durchstechen der Hostien kann jedenfalls nur den einen Sinn haben, daß nach der Meinung dieser Aberwitzigen das Blut des Christkinds ausfloß. So mußte der Erlöser, den die Juden, als er auf Erden vyandelte, ans Kreuz geschlagen und mit einer Lanze hatten durchstechen lassen, noch einmal verbluten. Weil die Hostie kein Wunder tat, mußte der Leib Christi seines belebenden Wunderblutes entleert worden sein: wer anders sollte; das getan haben, als noch einmal die Juden, ( die Juden, deren süße Brote sich zudem gerade dadurch von den Hostienoblaten unterscheiden, daß sie — wer weiß, aus welchen backtechnischen Gründen — durchstochen und mit vielen kleinen Löchern versehen sind? Schon .die -Jatsachet daß ein fanatisierter Und abergläubischer Christ einmal ein solches durchstochenes ■ süßes Osterbrot der Juden gesehen hat, kann genügt haben, den wütenden Schrei aus ihm herauszuholen: Was, ihr Juden stecht immer noch unser Christkind tot? Man muß nur die Geistesverfassung und Logik des Aberglaubens kennen, um lebendig zu begreifen, daß ein solcher Christ, den seine Sünden am ganzen Leibe stechen, wenn er das vielfach durchlöcherte flache MaZzengebäck der Juden sieht, mindestens denselben Schmerz empfinden kann, wie wenn er das Knäblein Juschtschinski mit seinen vierzig Stichwunden vor sich liegen sähe. Das heilige Gebäck, der Leib des Herrn, mit so vielen kläffenden Wunden! Ein Gottesleichnam, dem alles Blut und Leben entflossen ist! Und überdies kann die Vorstellung mitgewirkt haben, nicht nur, daß die Juden Christum noch einmal töteten, sondern auch, daß sie sein Blut, das die Kirche ihnen nicht spendete, den Christen stehlen wollten! War den Juden erst einmal dieses scheußliche Verbrechen aufgebürdet, so war für die Sage kein weiter Weg mehr, den „Sachverhalt“ so zu entstellen, daß die. Elemente, die das Christentum selbst im Anschluß an das jüdische Passahfest erst ausgebildet hatte, nunmehr ekelhaft transsubstanziiert ins Judentum zurück übertragen wurden. Die Ritualmordlegende ist die Parodie, welche Entsetzen und Dummheit, weil sie schon am W'erke waren, aus dem Sakrament des Abendmahls in Verbindung mit dem Wahn der Hostiendurchstechung angefertigt haben: statt dps Christkinds, das zu Ostern in der Hostie erscheint, wird nun ein Christenkind zu Ostern durchstochen und das Blut in das ungesäuerte Brot gebacken; Christen, die an das Wunder des Abendmahls glauben, liegt es nahe genug, zu glauben, das für die Juden dieses Christenblut sich magisch in einen dämonischen Zauber verwandle. Sie glauben gewiß nicht nur, daß die Juden das glauben und darum das Blut genießen; 'sie glauben selber daran und es ist zu gestehen, daß dieser Glaube an die Wirksamkeit des Ritualmordes und des in süßem Brot gebackenen Blutes den Christen bei weitem näher liegen muß als den Juden, die, seit die Priesterorganisation verschwunden ist und seit also die harmlosen Opfer von Tieren und Früchten bei ihnen wie bei den andern zivilisierten Völkern lämrst aufgehört haben, Sich zu Ostern' damit begnügen,' süße- -Brote und allerlei KrautwenV-. ,als Erinnerungszeichen, zu., essen, alte sinnvolle Geschichten zu erzählen, Wein zu trinken, Lieder zu singen und vergnügt zu sein, ohne dabei die geringsten Vorstellungen von Blutmagie und Verwandlungszauber zu haben. :: Das schönste :: Chanuka* Geschenk! Eine Zierde iedes jüdischen Hauses. PRGRSCINR in BILD a) Wandbilder. Größe 48/58 cm, 24 Sujets AUerfeinste Ausführung. Herrliche Ansichten. Prächtige jüdische Typen. 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Nach Ansicht Böhms wäre das Gefühl für persönliche Würde und Selbstachtung im' Judentum nie vorhanden gewesen, weshalb die Juden in der Diaspora selten auf die Exzesse der Wirtsvölker reagiert hätten. Der Zionismus, welcher Selbstachtung voraussetzt, konnte nicht früher entstehen, als bis das Gefühl für persönliche Würde bei den Juden feste Wurzel geschlagen hätte, welche Wirkung dem Eintritt der Ghettojuden in die europäische Kultur (Moderne) zuzuschreiben sei. Es wundert mich, daß Herr Böhm eine solche unbegründete Behauptung aufzustellen wagt, da ihm doch nicht unbekannt ist, daß der Grundpfeiler, auf dem die biblische und nachbiblische Ethik ruht, die Lehre von der Ebenbildlichkeit des Menschen und dessen Streben Gott ähnlich zu sein, ist. Weiters kann ihm doch nicht entgangen sein, welche enorme Bedeutung die Lehre von der Auserwähltheit Israels im jüdischen Leben der Diaspora spielte und noch spielt. Herr Böhm befindet sich auf einer falschen Fährte, wenn er das Nichtreagieren der Juden bis zur Entstehung des Zionismus, auf Mangel an Gefühl für persönliche Würde und Selbstachtung bei denselben zurückführt. Das Nichtreagieren entspringt nicht nur aus Mangel an Selbstachtung, sondern auch aus Selbstüberhebung. Die Juden, von . der Lehre der Auserwählten durchdrungen, füllten sich in ihrem Ehrgefühl, durch die Exzesse von nicht jüdischer Seite, auf die sie tief herabschauten, nicht im geringsten verletzt und je mehr sie von den Nichtjuden Unbilden erfahren hatten, desto mehr nahm ihre Selbstachtung zu. Der in unserer Zeit von der europäischen Kultur noch unberührte Jude des Osiens verfügt, obwohl er die ihm angetanenen Beschimpfungen von seiten der Nichtjuden ruhig hinnimmt, über ein viel größeres Maß von Selbstachtung, als derjenige Jude, der für seine beleidigte Ehre int Zweikampfe gegen den Arier fällt. (Dr. Kohn v. Nordau.) Nicht aus Mangel aus Selbstachtung reagierten nicht die Juden, sondern im Gegenteil aus •Uebermaß daran und die Entstehung des Zionismus bedingt wirklich den Einfluß der Modernen, welcher aber darin gestand,.. daß die Juden infolge Aufnahme europäischer Kultur die Rlbumlll