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Jüdische Zeitung · 1913-11-14 · 46 (14.11.1913) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 46 Seite 2 lismus. Dieses Blatt, das das unerheblichste Geschehnis aufbausdit, brachte Tag für Tag in dem trockensten Tone gehaltene zurückhaltende Berichte, um den Gefühlen der nichtjüdischen Leser um Gotteswillen die höchste Schönung entgegenzubringen. Ja, selbst über die Protestversammlung brachte es — und das war ausdrücklich betont — keinen eigenen Bericht, sondern den einer Korrespondenz. Die dicke Freundschaft mit den Christlichsozialen scheint ihm eben besondere Verpflichtungen aufzuerlegen! — Als der (Freispruch Beilis bekannt wurde, trat eine gut besuchte Versammlung des Donauklub zusammen, in der vor etwa zehn Teilnehmern Herr Reichsratsabgeordneter Ofner in pathetischen Worten den Fall breittrat und die Wiederaufnahme des Hilsner-Prozesses forderte . . . Auch in Ungarn hat die Protestbewegung einen politischen Charakter angenommen. Anderthalb Monate haben die ungarischen Juden gebraucht, um sich zu einer Protestversammlung aufzuraffen und diese fand auch in genau vierundzwanzig Stunden nach der Urteilfällung statt. Es erschienen außer den jüdischen Notabein die Vertreter der Regierungspartei und der parlamentarischen Opposition. Beide benötigen die Juden und so benützten sie die Gelegenheit, ihnen zu schmeicheln, wobei aber der Pferdefuß immer zum Vorschein kam. So konnte Graf Kärolyi nicht umhin, in seiner Rede gegen die Ritualmordlüge des Kampfes gegen die Gesetzvorlagen der ungarischen Regierung vom Standpunkte der Opposition Stellung zu nehmen . . . •ft- Das Organ des Deutschen Nationalverbandes!. Wir haben davon Kenntnis genommen, in welch mannhafter Art die tschechische Intelligenz kurz vor Beginn des Beilis - Prozesses sich gegen die Ritualmordhetze und die Hilsner- Schande gewendet hat. Es wurden damals vielfach eine gleiche oder ähnliche Äußerung der deutschen Intelligenz vermißt. Diese ist bis heute stumm geblieben. Die Artikel, die die „Neue Freie Presse“ geschrieben hat, sind wohl kaum aus deutsch-völkischem Empfinden geflossen. Doch aber hat das edle Organ des Deutschen Nätiönalverbändes, dieser hervorragend qualifizierten Vertretung des österreichischen deutschen Bürgertums, es nicht übers Herz bringen können, ganz zu schweigen. Die „O s tdeutsche Rundschau“ hat am 7. November den Kiewer Skandal zu einem Leitaufsatz benützt, den sie „die Machtprobe Israels“ benannte. Zunächst wird darin die Behauptung aufgestellt, Beilis gehöre „erwiesenermaßen einer Geheimsekte an, die tausendjährigem Blutaberglauben huldigt“ So viele Worte, so viele Lügen. Erwiesen ist nämlich das genaue Gegenteil. Weiter wird die Aeußerung eines Senators in Washington berichtet, der die Juden „die weißen Nigger aus Asien“ genannt 'habe. Da der Name des Senators nicht erwähnt wird, ist die Vermutung naheliegend, daß der Senator mit dem gewesenen Komödianten Karl Grube, jetzigen Hauptschriftleiter der „Ostdeutschen Rundschau“ identisch ist. Daß der dann weiter genannte Dr.. Oppenheim der Berliner Volkswirtschaftslehrer Franz Oppenheimer sein soll, weiß natürlich der gründliche Federkuli nicht, der noch erzählt, ein Graf Andrassy habe eingestehen müssen: „Wir waren in Tisza-Eszlar von der Blutschuld der Juden überzeugt, aber mußten aus politischen Gründen eine Verurteilung ablehnen, weil Ungarn sonst in schwere pekuniäre Nöten (Herr Grube! man sagt „in Not“) geraten wäre.“ Auch gelogen. Denn die völlig unversehrte Leiche der Solimossy wurde ja schließlich gefunden und der Graf Andrassy dürfte ebenfalls Grube heißen. Diese dummen Entstellungen führen wir nur nebenbei an und bemerken zur Entschuldigung des Leitartiklers, daß er doch nicht gescheiter zu sein braucht als etwa der Leitartikler der „Reichspost“. Aber die Folgerungen, zu denen der angezogene Artikel kommt, sind so interessant, daß wir sie hier zur Belehrung, der israelitischen Wähler des Deutschen Natiönalverbandes folgen lassen: „Wir fordern Gesetze gegen die Juden, Schutz gegen diese Rasse durch den Staat In der Judenfrage: sollten sich alle arischen Abgeordneten des:i Parlaments auf wirksame Abwehrgesetze einigen können. Wer macht den Anfang?“ '; Dieses Bekenntnis einer schönen Seele hat die „Reidispost“ verdrossen, die noch am selben Tag in ihrem Abendblatte richtigstellte, daß ja die .Christlichsozialen mit dem Schulantrag Schmid (Prozentnorm gegen die Juden) schon den Anfang gemacht, hätten. Dieser Artikel und diese Richtigstellung, kommen auch für uns sehr gelegen. Wenn nicht alles täuscht, So sind Neuwahlen nicht so ganz ausgeschlossen. Den Herren Kandidaten werden wir diese beiden Photographien aus dem deutschen Kulturleben entgegenhalten. Die Genefis des Kitualmoröaberglaubens Gustav Landauer, der Edelanarchist und freisozialistische Apostel, von dessen Schriften in unserem Blatte schon die Rede war, hat .eine Spezialnummer seiner kleinen, aber gediegenen und mutigen Halbmonatschrift „Der Sozialist“*) dem Kiewer Prozeß gewidmet. In dieser Nummer finden sich nicht die üblichen wortreichen, aber schablonenhaften Proteste, sondern in einer Reihe von Beiträgen wird die Wurzel des Ricualmordglaubens bloßgelegt, in anderen die Schönheit und Tiefe der jüdischen Religionsauffassung beleuchtet. Der Herausgeber selbst ist mit einem längeren Aufsatz vertreten, aus dem wir des Interesses halber den Passus, den er über den Zionismus darin eingeflochten hat — dem1 Landauer sehr nahesteht — mitteilen wollen: „Die seelische,' die nationale Besonderheit der Juden war in; all der Zeit ihr Eigentum. Wenn die Einzelnen; zur Menschheit gegangen sind, haben sie sich bemüht, ihr Judentum zu Hause zu lassen oder' zu verstecken oder zu überwinden. Die Bewegung, die, meist unter dem Namen Zionismus, durchs j udentum geht, sollte, •gleichviel, was sich;'äußerlich gestalten und wandeln mag, diesen Sinn 'haben-: daß Juden unter der Führung geistiger- und starker Naturen das 'besondere- Wesen,idaS sie wie jede Nation in Jahrtausenden ausgebildet haben, rein und schöpferisch gestalten, daß sie die Freiheit, Selbständigkeit :und Einung ihrer Seelen im Kampf um das Heilige vom Wust des Unverstandenen und - äußerlich mechanischer Gewohnheit retten und mit drängendem1 Leben erfüllen und sich und ihr -Wesen der entstehenden Menschheit schenken, der das Judentum so wenig fehlen darf wie irgend eine andere Stufe und Schattierung des- Menschlichen.' Menschheit heißt nicht Gleichheit; Menschheit heißt Bund des Vielfältigen.“ Einen anderen Beitrag wollen wir nachstehend fast vollständig abdrucken, weil er ganz verblüffende Aufschlüsse über die Genesis des Rituälmordaberglaubens liefert. Der betreffende Autor, der „od.“ zeichnet, schreibt darüber: „Mit den Kreuzzügen setzt in den Ländern Westeuropas, zumal in Spanien, Frankreich, England und Deutschland, die Verfolgung der „Ungläubigen“ im eigenen Lande, also der Juden ein. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge bleiben hier außer Betracht; Juden waren vielfach Geldverleiher, weil-' die weltliche Macht ihnen alle Handwerke, bei denen ein Zusammenwirken mit Qiristen erforderlich gewesen wäre, unmöglich machte und den Ackerbau ganz verbot, weil andererseits die Kirche im Verein mit den Fürsten und Herren den Juden, was den .Christen verboten isein sollte, das Zinsnehmen', das heißt das sehr erwünschte Geldverleihen auf jede Weise erleichterte; so wurden dehn im Anschluß an .jede'Verfolgung vor allen Dingen die Judenschulden niedergeschlagen; Judenschulden: ist zu verstehen, was man den Juden schuldig war; man -hat schon auf diese merk¬ *) „Der Sozialist“ Nr. 20, 1913. Einzelnummer 10 Pfg., zu beziehen vom Verlag des Sozialistischen Bundes, Berlin SO., 33, Wrangelstraße 135. würdige Eigenschaft der mit „Juden“ zusammengesetzten deutschen Wörtern hingewiesen: Jüdenschulden, Judenhetze, Judenexzesse — da ist immer der Jude nicht der Täter, sondern der, dem etwas getan wird; schon beim1 ersten Schritt also ahnen wir, was sich zeigen wird, daß der jüdische Ritualmord nämlich ein an den Juden aus Aberglauben begangener Mord ist. Dreierlei warf der christliche Aberglaube des Mittelalters den Juden vor: erstens sie durchstächen die Hostien; zweitens sie schlachteten zur Osterzeit Christenkinder; drittens, was aber erst aufkam, als die Pest gräßlich zu wüten begann, sie vergifteten die Brunnen. Bei diesem. letzteren ist der Aberglaube, wie übrigens immer, mit einer naturwissenschaftlichen“ Theorie verbunden, die da besonders augenscheinlich ist; man fand einen Zusammenhang zwischen der Ausbreitung der „Pest“ und dem Wasser gewisser Brunnen; man nannte dieses Wasser giftig, was nicht falsch war; und da man von den mikroskopischen Lebewesen, die im Wasser hausen und von da in den Menschenleib eindringen, keine Ahnung hatte, nahm man eine grobe, von außen kommende Vergiftung an. Da war es nur noch ein winziger Schritt, die Juden grundlos zu beschuldigen; denn wer sonst sollte Brunnen vergiften, als .die, die sie nicht benutzten, weil sie im Ghetto wohnten?. Zwischen den beiden anderen Beschuldigungen aber scheint mir ein Zusammenhang zu bestehen, von dem ich nicht weiß, ob schon jemand darauf hingewiesen hat. Mir ist es sehr wahrscheinlich, daß die Beschuldigung, die Juden schlachteten zur Osterzeit Christenkinder, entJ standen ist aus der Anklage, die Juden durchstächen die Hostie, das heißt das Qiristkind. Stellen wir die Elemente djer Ritualmordlegende zusammen: Ostern — Blut — Kind — ungesäuertes Brot. Das sind die Elemente des Abendmahls. Der Leib des .Herrn, der den Gläubigen gereicht wird, kommt zu ihnen in Gestalt von kleinen, aus Mehl und Wasser bereiteten Scheiben, die meistens das Zeichen des Kreuzes oder Lammes tragen und Hostien oder Oblaten genannt werden. Seit dem neunten Jahrhundert steht es in der abendländischen Kirche fest, daß diese Hostien aus ungesäuertem Teig gebacken sein müssen: zur Erinnerung an den jüdischen Tag der süßen Brote, an dem Christus das Abendmahl einsetzte. Die Christenhetze, die sich Judenhetze nennt, behauptet: in den Mazzoth (den süßen Broten) sei das Blut eines Christenkindes enthalten. DaS christliche Dogma, wie es ebenfalls seit dem neunten Jahrhundert feststeht, lehrt: in den Hostien (den süßen Broten des Christentums)* sei das Blut des Christkinds enthalten. Daß| -daneben'noch die Erwählten','die Priester,1'dieses- Blut für sich besonders aus dem Kelche in Gestalt des Weines trinken, ändert nichts an der feststehenden Lehre, daß im „Brote“ der ganze lebendige Christus, samt dem wunderwirkenden Heil- und Lebensquell, dem Blüte des Gottes, enthalten sei; ebendarum Soll ja der Kelch für den Laien überflüssig sein, weil dieser schon alles, im Leibe auch das Blut, empfangen hat. Mcfni'j The e Ale ii er Ernte NIEDERLÄNDISCHE LEBENS -VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. / Im eigenen Palais. —Versilbertes Kapital zirba 380 Millionen. — Prämienreseroe zirba 113 Millionen.— Billigste Prämien und bnlanieste Bedingungen. Engagiert Jederzeit fDAtige, leistungsfähige Hgenten gegen höbe Bezöge. 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