Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUCHHE ZEITUNG ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenauinahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. B Nr. 46. Wien, Freitag, den 14. November 1913 VII. Jahrgang JÜDISCHER VOLKSVEREIN FÜR DIE LEOPOLDSTADT. Dienstag, den 18. November 1913 halb 9 Uhr abends im Saale des Hotel Arco, II., Rotensterng. 9 Grobe Versammlung. Referent: Herr Generalsekretär Kurt Blumenfeld aus Berlin. Der Kiewer Ereispruih. Von Julius Lövvy. Der zitternde Mann, der im Petersburger Winterpalais zwischen seinen Wachen den Ausgang des von ihm angeordneten Prozesses erwartete, hat das Urteil der zwölf Kiewer Ackerbürger wohl mit viel Freude gehört: Der arme Jude, der nach mehr als zweijähriger Haft, gebrochen an Leib und Seele durch drei- -unddreißig Tage -vor einem sensationsgierigen Publikum, vor der ganzen erregten Welt auf der Anklagebank saß, ist ja freigesprochen worden, allein die Frage des Ritualmordes — so wird Väterchen sagen — bleibt weiter offen. Und das Judentum wird weiter mit der frechen Lüge belastet bleiben, einen elfjährigen Knaben auf die und die Weise (man lese die erste Schuldfrage) ermordet zu haben. Allerdings: die Empörung aller anständigen Menschen von ein bischen Gewissen und Rechtsempfinden hat es doch vermocht, daß in dieser ersten Frage, der wesentlichen und iwichtigen, [das Wort vom religiösen Zweck und rituellen Mord vermieden wurde. Gar so offen getraute man sich nicht heraus und ließ die Geschworenen lediglich1 über die Form abstimmen. Insoferne ist es gelungen, die Bestie zurückzuscheuchen. Und auch das ist ein Erfolg, den wir verzeichnen wollen, ohne dabei sonderlich erfreut zu sein. Das offizielle Russentum, das seinen ganzen riesigen- Machtapparat spielen ließ, um einen von einer Bande „rechtgläubiger“ Lumpenproletarier begangenen, im Aufträge begangenen Mord, den Juden zuzuschieben, hat seine Absicht nicht ganz ausfiühren können und mußte auf halbem Wege stehen bleiben. Man denke: Der russische Staatsorganismus mit seinem Heer von Beamten und Bütteln, zog (gegen einen Juden zu Felde, lud den Zorn und den Hohn einer ganzen Welt auf sich, fälschte Protokolle, brutalisierte und terrorisierte fünf Millionen seiner Einwohner, und setzte durch, daß ein einzelner Angeklagter trotz des Heerbannes von Zeugen nicht schuldig gesprochen werden konnte. Die guten zwölf Bauern fügten sich vollständig dem1 Gebot ihrer Regierung: Da Mendel Beilis als Mörder nicht in Betracht kommen konnte, sprachen sie ihn also nach kurzer Beratung frei. Die Frage des Ritualmordes aber lösten sie nicht. Und so dringt dieses Urteil wie Glockenklänge in die Welt hinaus und solange das russische Volk lebt, wird der Weg zum Grabe des ermordeten Andrej Juschtschinsky nicht verwachsen. Also sagte der Staatsanwalt. Wir Juden nehmen dieses Urteil so gleichmütig hin, wie wir die Anklage hingenommen haben. Wir wußten ja, daß es sich nur um die Farce eines Gerichtsverfahrens handelte, wir wußten, daß man sich wenig Mühe gegeben hatte, die Anklage zu stützen, kriminell zu erweisen. Wir wjußteii, daß der Beilisprozeß ein von Väterchen Zar befohlener Racheakt war, gegen die verdammten Juden, die ihn in den Revolutionstagen der Jahre 1905 ,ünd 1906 das Zittern gelehrt hatten. Wir wußten, daß auf Befehl von oben ein Exempel statuiert werden mußte, daß gegen das auf freiheitliche Forderungen, auf Rechtsgarantien hinarbeitende Judentum mit der Waffe der FreiheZIichkeit, mit der modernen, demokratischen Institution des Geschworenengerichtes vorgegangen wurde, um beides zu diffamieren: Juden bei den Christen und Geschworene bei den Anhängern moderner Auffassung. Daß es dem Zaren nur halb gelungen ist, liest {sich wie lein Wunder. Daß der Zar aber das Judentum nicht auf die Anklagebank zwingen konnte, ist nur selbstverständlich. So stark und mächtig ist kein Romanow, daß er jemals das erste Kulturvolk der Welt in die Schranken fordern könnte. Immerhin: wir haben eine unbeglichene Rechnung. Der Verfallstag wird kommen. Daß das ganze internationale Ritualmordgesindel, das sich so gerne im jüdischen Blut baden möchte, den Prozeßausgang mit einem Freudengebrüll begrüßte, ist nur natürlich. Daß aber auch die sogenannte Judenpresse aus dem Verdikt der Kiewer Geschworenen allerlei optimistische Schlüsse zog, nimmt uns denn doch wunder. Wir vermissen darin jedwede Logik. Aber wie soll man denn Logik bei Leuten suchen, denen das Bewußtsein des verletzten Rechtes insolange nicht voll eignet, als sie nicht von ihrer Umgebung das Zeugnis ausgestellt erhalten, sie seien eigentlich doch keine Mörder. [Alle möglichen Bischöfe der verschiedensten Riten wurden um Gutachten ersucht. Auf diese mehr als merkwürdigen Gutachten sei hier nicht weiter eingegangen. Es sei nur bemerkt, daß wir so viel Vorurteilslosigkeit bei keinem Christen voraussetzen dürfen, daß er eine jüdische oder angeblich jüdische Sache ruhig und unvoreingenommenen prüft. Er muß das auch nicht, denn er steht in der Majorität. Aber selbst wenn uns sämtliche christlichen Geistlichen, sämtliche christlichen Gelehrten bestätigen würden, daß wir keine Mörder sind, dränge fliese Bestätigung zu den Ohren, für die sie bestimmt wäre? Haben wir denn nicht Tisza Eszlar, Könitz, Xanten, Kuttenberg, Pisek miterlebt? Ist denn nicht jede neue Verwendung dieses zu einem1 Dogma erstarrten Wahnsinns eine schreiende Widerlegung aller dieser Anstrengungen? Nein, wir protestieren nicht. Wir freuen uns, daß Mendel Beilis frei wurde und nach zwei Jahren Frau und Kinder wieder sehen durfte. Wir drücken dem1 braven Mann die Hand und danken ihm1, daß er nicht wankend wurde. Gegen das Urteil und seine Geschichte aber haben wir nichts weiter zu tun, als die Aufklärung der jüdischen Volksmassen fortzusetzen. Unsere nationale Ehre braucht uns niemand zu bestätigen. Es kann sie aber auch niemand antasten: auch Nikolaus Romanow nicht. Bluten der BeilteHflaire. Das sonderbare Verhalten, welches einige politische Gruppen und Organe im Verlaufe der traurigen Beilisaffäre an den Tag gelegt haben, verdient Anerkennung. Einer sehr „zurückhaltenden“ Art befleißigte sich die Partei der Deutschösterreichischen Sozialdet m o k r a t i e, welche unter Führung der Juden Adler, Austerlitz, Ellenbogen etc. steht. Während die sozialistischen Gruppen der ganzen Welt über Weisung des Internationalen Büros Protestkundgebungen veranstalteten, verhielt sich diese Gruppe vollkommen passiv. Von Versammlungen war noch keine Rede und nicht einmal auf dem Wiener Parteitage, der kurz vor der Urteilsfällung tagte, wurde auch nur ein Wort über die Ritualmordlüge und die Pogromgefahr verloren. Wenn man bedenkt, daß sonst keine dieser Tagungen verläuft, ohne daß nicht gegen die Unterdrückung der Finnen, Slowaken, Polen, Rumänen etc. feierlichst protestiert wird, so erkennt man die Absicht Uni Gotteswillen, nur nichts Jüdisches, das kann den jüdischen Führern nicht passen. Man hat doch bei der Arbeiterbevölkerung mit den christlichen Antisemiten zu konkurrieren und will nicht als „Judenschutztruppe“ gelten. Analog ging die von Herrn Austerlitz redigierte „Arbeiter-Zeitung“ vor. Sie widmete der Beilissache sehr, sehr wenig Raum. Selbst das Aufsehen erregende Urteil wurde weit hinten beim „Gerichtssaal“ neben den Urteilen wegen Schnellfahrens und Trunkenheitsexzessen gebracht. Nur an einem Tage machte man eine Ausnahme und brachte einen großen Leitartikel. Es war allerdings zwei Tage vor der Leopoldstädter Reichsrats wähl. Für die Aussicht auf jüdische Stimmen kompromittierte man sich doch. Auch solchen, die den Wert von Protesten nicht hoch einschätzen, muß dieses Gehaben der jüdischen Führer auffallen. Charaktervoll war es gewiß nicht. * * * Nicht minder bemerkenswert ist das Verhalten des „Neuen Wiener Tagblatts", dieses sattsam bekannten Kämpen des Libera-