Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 PapteisNachrichten. Außerordentlicher i.-ö. Distriktstag. Der außerordentliche Distriktstag findet am 0. November um 2 Uhr nachmittags im Saale des Ersten Wiener Jüdischen Turnvereins (IX., Licchtensteinstraße 20) statt. Tagesordnung: 1. Eröffnung; 2. Der XL Zionistenkongreß; 3. Referat des Qg. Ing. Rudolf Köppl; 4. Bericht des Sekretariates und des N.-F.-Kommissärs; 5. Generaldebatte; 6. Presse; 7. Präsentation für die Mitglieder, bezw. Ersatzmänner des westösterreichischen Zentralkomitees. * Verband zionistisch-akademischer Korporationen Galiziens. Auf der am 15. September 1012;in Drohobycz abgehaltenen Konferenz zionistischer Studenten aus Galizien, wurde der Beschluß gefaßt, eine Organisation der seit 1S06 bestehenden, bisher mit einande in keinem Zusammenhang stehenden zionist. Korporationen ins Leben zu rufen. Mit der Gründung und Leitung wurde ein auf ein Jahr gewähltes Präsidium mit dem Sitze in Przemysl beauftragt. Zweck des Verbandes (hebräisch: Histadruth Angudoth liaakademiim hazioniim be-Galiziah) ist folgender: Hebung des geistigen Niveaus der jüd.-nationalen Jugend, national-kulturelle Selbsterziehung,Vereinheitlichung der zionistischen Arbeit und Schaffung eines lebendigen Kontaktes zwischen den einzelnen Korporationen. Dem Verbände schlossen sich im Laufe des Jahres 15 Verbindungen und 3 Vereine an, außerdem gründete das Präsidium eine Verbindung und eine Gruppe, so daß der Verband 19 Korporationen und eine Gruppe mit zusammen 760 Mitgliedern umfaßt und zwar folgende a) Verbindungen: Haschacher-Przedswit (Krakau), Emunah (Lemberg), Heatid (Lemberg), Judea (Lemberg), Makabea (Lemberg), Hasmonea (Buczacz), Makabea (Drohobycz), Agudath Herzl (Przemysl), Makabea (Rzeszöw), Judea (Sambor), Bar Kochba (Stanislau), Giskalah (Stanislau), Bar Kochba (Tarnöw), Tikwah (Podwoloczyska), Degel Jehudah (Sniatyn), Hebronia (Drohobycz). b) Vereine: Techijah (Brody), Swit (Jaroslau), Emunah (Stryj). c) Gruppen: Gruppe der H. A. Z. (Neu-Sandez). Beruflich gliedert sich die Gesamtzahl der Mitglieder ungefähr folgendermaßen: 66 Prozent Juristen, 16 Prozent Mediziner, 10 Prozent Techniker, 7 Proz. andere Berufe. 130 Mitglieder verstehen, 66 lernen hebräisch. Das Präsidium richtete ein Bureau ein, welches den Verkehr mit den Korporationen besorgte. Der Postausgang betrug 462, der -Eingang 251 Briefe. 3 Korporationen wurden durch Mitglieder des Präsidiums .inspiziert. Das Präsidium gab 6 interne Publikationen heraus. Es wurde eine statistische Abteilung gebildet, deren Ergebnisse zweimal veröffentlicht wurden. Das Präsidium bestrebte sich ferner mit auswärtigen Verbänden freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten. In Ausführung seines Arbeitsprogramms wendete sich das Präsidium zuerst der wichtigsten Aufgabe zu, d. i. der Hebraisierung der Korporationen, gowie der Verlebendigung des jüd. Geschichtsstudiums. Als bestes Mittel hiezu erschien eine Reform der Burschenprüfung. Es wurde eine Teilung in eine Fuxen- und Burschenprüfung, vorgenommen, welche obligatorisch folgende Gegenstände umfassen: Jüdische Geschichte, Hebräisch, Jüdische Literaturgeschichte, Zionistische Kenntnisse. Allen Korporationen wurde die Abhaltung von Seminarien aufgetragen, sowie die Anregung zu gemeinsamen Bibellesen gegeben. Zwei Vereinen wurden wissenschaftliche Themata zum Ausarbeiten überlassen. Ein Preisausschreiben für die besten Referate über einige Themen aus dem Gebiete zionistischen und jüdischen Wissens wurde in die Wege geleitet, .ebenso die Schaffung einer hebräischen Terminologie des zion. Studentenlebens. Auch befaßte sich das Präsidium mit dem Plane eines hebr. Selbstunterrichtswerkes in polnischer Sprache. — Die Niederlage der Karmelweine befindet sich bei S. Steinhart, Weinhandlung, II., Rotensterngasse 22. Telefon 17348. Elfter Parteitag der ungarländischen Zionisten. (Von unserem' Berichterstatter.) Am 2. November fand in Budapest die Landeskonferenz der ungarischen Zionisten statt, an der 72 Delegierte, die aus allen Gauen Ungarns herbeigeeilt waren, teilnahmen. Die Tagung wurde vom Präsidenten der Föderation, Ing. Armin Beregi eröffnet. Hierauf begrüßten die Tagung Gg. Nathan Groß im Aufträge des E. A. C. und des Nationalfonds, Gg. Ludwig B a t 6 im Namen der westösterreichischen und Ing. Dr. Felix im Aufträge der galizischen Zionisten. Den wichtigsten Punkt der Besprechungen, wobei es mitunter zu wichtigen Debatten kam, bildete die Stellungnahme zu den jüdischen Organisationen in Ungarn und die Art und Weise der Propagandaarbeit. Insbesondere wurde hierbei der Fall Bettelheim erörtert. Herr Bettelheim, Redakteur der „Ungarländischen Jüdischen Zeitung“ und Mitglied des ZK. der ungarischen Föderation, richtete nämlich ohne Befragen der Parteileitung einen offenen Brief an den Redakteur Max Szabolcsi, der den Zionismus seit Jahren auf das gehässigste befehdet, erst vor kurzem einen Prozeß gegen die „Welt“ angestrengt und verloren und anläßlich des Kongresses einige Lügenartikel veröffentlicht hat, in dem er diesem Lobhymiien singt, ihn zur Mitarbeit einlädt und selbst der antizionisti-1 selten ITO. beizutreten erklärt. Alle Redner wiesen auf das Ltngehörige dieser Disziplinlosigkeit und darauf hin, daß die Stärke der ungarischen Zionisten, deren Zahl mit der der ungarischen Juden in keinem Verhältnisse steht, gerade in der strammen Disziplin und in der üesinnungstreue läge. — Parteisekretär Dr. Josef Schönfeld erstattete den Bericht des ZK., aus dem bedauerlicherweise nur ein sehr geringes Zunehmen der Organisation zu konstatieren ist. Hierin ist teilweise die vom offiziellen Judentum geförderte antizionistische ITO. und die üegenarbeit der Misrachi schuld. Immerhin sind im abgelaufenen Jahre 5 neue Ortsgruppen ins Leben gerufen worden. David Kolm erstattete den Kassabericht und Dr. Ludwig Dömeny den Bericht der Nationalfondsammelstelle. Die Tagung beschloß die Umgestaltung der Halbmonatsschrift „Zsidö Szemle“ in eine Wochenschrift und Reorganisation des Nationalfondsbüros und wählte infolge der Demission Dr. Dömenys Gg. Dr. Viktor Jordan, der ein überaus tüchtiger Organisator ist, zum Nationalfondskommissär. ln das Zentralkomitee wurden gewählt die Gg. Armin Beregi, David K o h n. Dr. Moritz Künstler (neu), David Lindenbaum und Dr. Eugen Sipos (neu). — Am Abend fand zu Ehren der Tagung ein Kommers der Studentenvereinigung statt. Hebräische Sprachkurse. Der Vorstand des Vereines für hebräische Sprache und Kultur hat sich in der Sitzung vom 3. d. folgendermaßen konstituiert: Dr. Dawid R o t b 1 u m, Obmann; Ludwig B a t 6, Obmannstellvertreter und Kassier; Dozent Dr. Harry Torczyner, Sprachkursreferent; N. Menaz e a c h Und Moses W a 1 d m a n n, Schriftführer; Adolf Böhm und J. H. W a 11 u c h, Beisitzer. Der wissenschaftliche Beirat setzt sich aus den Herren Prof. Samuel Kraus, Dr. Ernst Mül- I e r, Prof. Isak Rosenberg und Dozent Dr. T orczyner zusammen. Zum Sekretär des Vereines wurde Herr Meier Chartiner bestellt. Auskünfte werden täglich im Sekretariat des Vereines, 1L, Karmeliterplatz 1, zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags erteilt. Kurse für Erwachsene: Kurse für Anfänger und Vorgeschrittene beginnen in den nächsten Tagen. Anmeldungen mit Angabe der Adresse, Vorkenntnisse und Alter sind ehestens an das Sekretariat zu richten. Kurse für Kinder: Anmeldung für die zu errichtenden Kinderkurse sind ebenfalls ehestens erwünscht, damit die Einrichtung dieses Kurses raschestens erfolgen kann. Die Mitglieder des Vereines werden ersucht, die Beiträge baldigst zu entrichten. Jahresbeitrag für ordentliche Mitglieder K 5,—, für außerordentliche K 3,—, für Vereine K 10,—, für Studenten und Lehrer K 1,—. Blätterstimmen über den Kongreß Der starke Eindruck, den der imposante Wiener Zionistenkongreß hervorgerufen hat, findet immer noch Wiederhall in den Blättern. Noch immer gibt es eine ganze Menge von Zeitungen, die über den Kongreß berichten. Die allermeisten unter ihnen würdigen vollauf die große Bedeutung des jüdischen Volksparlaments. Von den zahllosen Besprechungen greifen wir die der Hamburger Zeitschrift „A 11 g e m e i ne r Beobachter“ heraus, fn ihrer Oktobernummer erschien ein ausführliches Stimmungsbild des Kongresses, dem wir folgendes entnehmen: „Eine großartige Begrüßungsfeierlichkeit leitete den Kongreß ein. Die Katharinenhalle in Schönbrunn, der größte Festsaal Wiens, war nicht nur bis zum letzten Platz gefüllt, sondern bis weit in die Zugangsstraßen hinein staute sich die Menge derer, die vergeblich versuchten, wenigstens einen Blick in den Saal zu werfen, ein Wort der Vortragenden zu erhaschen. Die Eröffnungsrede hielt der Vorsitzende des engeren Aktionskomitees der zionistischen Weltorganisation, Professor Warburg (Berlin). Zuerst sprach er warme Worte der Erinnerung an den großen Theodor Herzl, in dessen Heimatstadt der Kongreß zum ersten Mal zusammentrete, um an der Verwirklichung tausendjähriger Zionshoffnungen zu arbeiten. Der Gelehrte Sokolow, der seit 30 Jahren in Warschau eine hebräische Tageszeiiung „Hazefira“ herausgibt, sprach über das Leben der Juden in der Diaspora, und es kam zu GRAF-Würfel Feinste Rindsuppe An Ausgiebigkeit und Wohlgeschmack ähnlichen Erzengnissen weit überlegen. Graf Würfel u. Würze Koscher. leidenschaftlichen Kundgebungen des Abscheus, als er den bevorstehenden Ritualmord-Prozeß in Kiew erwähnte. Hatten diese beiden Redner reale, praktische Probleme der zionistischen Bewegung hervorgehoben, so betonte dagegen Dr. Schmarja Lewin, Professor an dem hebräischen Technikum zu Haifa, ganz das idealistische Moment. Ihm, dem Lehrer der Jugend, ist das Erzieherische der zionistischen Bewegung die Hauptsache. „Der Jude“, sagt er, „den wir heute kennen, ist ein halber Mensch, verstümmelt in seiner Eigenart durch Ghetto und Verbannung. Aber in der alten Heimat, auf eigener Scholle, seine eigene Sprache redend, bei den heiligen Sitten uralter jüdischer Traditionen wird er sich selber, wird er seine verlorene Seele wiederfinden. Die Jünglinge, die gerade jetzt das Gymnasium zu Jaffa als erste hebräische Abiturienten verlassen, sie werden frei sein von jener unseligen Doppelgestalt, von jener Zweiseelenpsychologie, halb Knecht und halb Freie, wie der Golus sie gezüchtet. Sie werden zum ersten Male ganz Juden sein, mit allem Nationalstolz eines freien Volkes.“ Für uns Außenstehende klingen diese Worte wie ein Märchen. Wir sehen umher auf die tausend wohlbekannten jüdischen Typen, deren Mienen- und Gebärdenspiel für unser deutsches Rasseempfinden noch immer den Stempel des Knechthaften trägt, wenn er nicht durch eine überlegene Kultur zu feinster Geistigkeit geläutert wurde. Und dann sehen wir auf die Gestalt des Redners, der mit der Glut und Leidenschaft eines alten Propheten sein Evangelium verkündet. Er selbst eine Herrengestalt durch und durch, und wir glauben ihm.“ Das vortrefflich redigierte Organ des „Oesterr.-Isr. Lehrerbundes“, die „Freie Jüdische Lehrerstimme“ in Wien bringt als Leitartikel ihrer letzten Nummer eine Würdigung des Kongresses. Es heißt hier u. a.: „In Wien tagte zu Beginn des vorigen Monats der elfte Zionistenkongreß. Für die, welche noch an eine Zukunft des Judentums als Volk glauben — und ihre Zahl mehrt sich von Stunde zu Stunde —, bedeutete er die Gewähr dessen, daß die Bewegung auch nach außen hin den Schein einer Utopie vollständig verloren hat und ein realer Faktor geworden ist, mit dem zu rechnen man sich gewöhnen mußte. Der Kongreß zeigte uns, was ist, und damit gab er selbst sich das Recht, von dem zu sprechen, was sein wird. Die Zeiten sind vorbei, in denen man auf seiten seiner Gegner hoffen durfte, den Zionismus durch gutmütigen oder boshaften Spott zu diskreditieren. An dem gewaltigen Ernst seiner grundlegenden Idee erwies sich die Unmöglichkeit, gleichsam mit einer abwehrenden Geste und einem halblauten Worte die Diskussion über das Nationaljudentum von der Tagesordnung zu streichen. Die „Journalistenidee“ eines Herzl begann schnell, dem Judentum des Scheins und der opportunen Mache fürchterlich zu werden. Die gesunde Idee fand ihren Boden im gesunden Teil des Judentums, während sich das Geschlecht von gestern zu Virtuosen nationaler Selbstentäußerung herabzüchtete, wiederholt das Geschlecht von morgen mit der Inbrunst tatenschwangerer Ueberzeugung das Wort Herzls: „Wir sind ein Volk, ein Volk!“ Man gibt sich noch heute Mühe, verzweifelte Mühe, dieses Wort totzuschlagen, es zum Schweigen zu bringen. Man verfolgt es mit der Leidenschaft, mit der man Ketzereien nachgeht, und rückt ihm mit jener tötenden Kälte zu Leibe, die gesuchten wissenschaftlichen Definitionen eigen zu sein pflegt. Und wo man von der Aussichtslosigkeit solchen Unterfangens genugsam sich überzeugt war, da erinnerte man sich, daß Totschweigen dem Totschlägen fast gleichwertig ist. Soweit war man vor dem elften Zionistenkongreß. Während er tagte, machte eine gewisse, uns allen wohlbekannte Presse die Erfahrung, daß es heute nicht mehr möglich ist, den Zionismus totzuschweigen. Die Tatsache, daß viele, viele Tausende es mit dem Worte vom „jüdischen Volk“ halten, kann und wird der Welt nicht länger vorenthalten werden. Man hat auf zionistischer Seite dem Wiener Kongreß nicht ohne gewisse Bedenken entgegengesehen. Man verhehlte sich nicht, daß die Wahl der Stadt Wien zum Kongreßorr, so geeignet sie in mancher Beziehung war, doch auch zu unliebsamen Konsequenzen hätte Anlaß geben können. Aber man glaubte, die