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Jüdische Zeitung · 1913-11-07 · 45 (7.11.1913) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 45 Jahren in allen Ländern Eingang gefunden. Heute zählt die englische Organisation 400.000 Schüler, in Deutschland bestehen große Verbände wie der Wandervogel mit 200.000 Wanderern in ca. 560 Ortsgruppen, der Pfadfinder mit 40.000 Pfadfindern, Jung-Deutschland usw. und es gibt nur wenige Länder, wo die Wanderidee nicht begeisterte Anhänger gefunden hätte. Die jüdische Wanderorganisation will dem Leben der jüdisdien Jugend neue Grundlagen geben. Sie will sie aus den beengenden Häusermauern der Großstadt ins Freie führen. Sie will in ihr einen neuen Geist erwecken, der sie umformen anc fällig machen soll, als Vollmenschen und Volljuden an der Entwicklung ihrer Zeit teilzunehmen. Sie will jn ihr den Geist der Naturliebe erwecken; sie will den jungen Juden und die junge Jüdin wieder vertraut machen mit den Schönheiten des Waldes und der Flur, den Geheimnissen des Sternenhimmels. Der jüdische Wanderer soll die seichten Lebensgenüsse der Stadt verachten lernen und sich an ein Leben der Einfachheit, des Mutes, der Tat, der Zudit und der Wahrheit gewöhnen. Ein Leben der Einfachheit. Frohe Scharen ziehen durch Wälder, über Berge und wilde Schluchten, aus den gebräunten Gesichtern blicken offene Augen, muntere Lieder erschallen. Auf einen Wink des Führers wird Rast gehalten. Kochtöpfe kommen zunf Vorschein; bald lodert ein lustiges Feuer und ein einfaches Mahl stärkt Wanderer und Führer. Der jüdische Wanderer meidet Alkohol und Nikotin. Mit seinem gesunden Instinkt haßt er diese Volksgifte und weiß sich frei von dem Nachäften studentischer Sitten und Unsitten. Er fühlt, daß Wanderer sein verpflichtet, daß das Empfinden, Denken und Leben des Wanderers sich von dem der Umgebung wie der Tag von der Nacht unterscheidet. Der Wanderer klammert sich nicht an überlebte Traditionen, ihm gilt nur das, was er sich selbst als eigenen geistigen Besitzstand erworben hat und mit junger, frisdier Begeisterung stemmt er sich gegen alles konventionelle und Gewohnheitsmäßige. Der Wanderer ist auch nicht hochmütig, mit gewinnender Einfachheit tritt er jedem, dem Hochgeborenen und dem Bauer entgegen und die Gleichheit und Einfachheit der Lebensweise schlingt um alle Wanderer, welchen Schichten immer sie entstammen mögen, das Band inniger Freundschaft und stets bereiter Opferwilligkeit. Ein Leben des Mutes: Wir leben in einer Zeit der Not. Dunkle Wolken verdüstern den Horizont. Ueberall, wo Juden wohnen, sehen wir gebeugte Gestalten, deren Auge trübe wird, wenn sie in die Zukunft blicken. Ein Hoffnungsstrahl durchbricht das Gewölk. Jung Juda ist sich seiner Verantwortung bewußt geworden. Durch seine Reihen geht ein frischer Mut. Die jüdischen Wanderer vergeuden ihre Kraft nicht in der Alkohol- und Zotenluft der Stadt. Sie festigen ihren Willen und sammeln Kräfte des Körpers und Geistes. Sie führen ein Leben der Selbsthilfe und schärfen ihre Sinne für den schweren Kampf, der ihrer harrt. Ein Leben der Tat: Der Wanderer meidet die Zirkel, wo unreife Menschen über unklar erfaßte Probleme hitzig debattieren. Er hält sich ferne vom öden Diskutieren wie von den dumpfen Bierhöhlen, dem Kartenspiel. Er fühlt sich als Glied einer Tatgemeinschaft, in der nicht wie in den Diskutierklubs einige wenige ihren Geist leuchten lassen und die anderen das Publikum bilden; sondern hier gelangt jeder zur Entfaltung seiner körperlichen und geistigen Kräfte. Der Wanderbund bedeutet die Rückkehr zu den Grundsätzen Rousscaus: Nicht Erziehung und Anleitung, sondern die Wegräumung aller Hemmnisse,die sich der freien Entwicklung entgegenstellen, ist der leitende Gedanke, Selbständigkeit und Selbstzucht der Erfolg dieser Methode" Draußen in der frischen Luft soll der Wanderer den Mut zu einem Leben aus eigener Verantwortung finden, zu einer inneren Erneuerung, die in ihm das wecken soll, was ihn aus der Masse der Dutzendmenschen heraushebt, den Gemeinsinn und den Willen, seine Fähigkeiten in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Ein Leben der Zucht: Wir meinen nicht den militärischen Drill. Der Wanderer gehorcht freiwillig, weil er die Disziplin als eine Notwendigkeit empfindet, die die Verwirklichung des Gemeinschaftslebens, an das er sich mit seinem ganzen Wesen angcschlossen hat, zur Unmöglichkeit wird. Nicht die Furcht vor der Strafe und kein Mittel des Zwanges macht den Wanderer gehorsam, sondern als freier Mensch ordnet er sich im vollen Bewußtsein seiner Würde, um einer höheren Idee willen, dem Ganzen unter. Diese Disziplin macht den Wanderer nicht zur Puppe oder Marionette, sondern erzieht ihn zum Gemeinsinn und Ordnung, sie lehrt ihn, daß Freiheit nicht Maß- und Schrankenlosigkeit ist und gewöhnt ihn an den Verzicht, wenn ihn das Interesse der Allgemeinheit fordert. Ein Leben der Wahrheit: Der Wanderer ist wahr, sich selbst, den Kameraden und dem Führer gegenüber, sein Leben ist der Wahrheit gewidmet und er wendet sich ab von der Gier nach Geld und Gut, die heute die Beziehungen der Menschen so vergiftet. Er will sich die Reinheit des Geistes bewahren und will sich stark erhalten, um dereinst mitarbeiten zu dürfen an dem Aufbau einer neuen und höheren Kultur, die von der Ueberschätzung des Materiellen frei sein soll. So erzieht der jüdische Wanderbund die Wanderer zu wahren, mannhaften und ursprünglichen Menschen der schöpferischen und befreienden Tat. Eine neue Zeit ist angebrochen. Junge Juden und Jüdinnen stürmen hinaus ins Freie und zur Freiheit. Das hebräische Lied ist aus seinem jahrlausende langen Schlaf zu neuem' Leben erweckt. Trotzige junge Juden schmettern es in die Wälder hinaus. Jung Juda ist auf dem Marsche! Die EnMfung öer galiziidien Juden. In Galizien wird eine Aktion zum Abschluß gebracht, welche für die österreichischen Juden verhängnisvoll werden kann, der polnischruthenische Ausgleich. Er soll in einer Landtagswahlreform seinen Ausdruck finden. Die Anzahl der ruthenischen Mandate, welche bisher eine äußerst geringe war, soll vermehrt werden. Der Streit um den Schlüssel der Mandatsaufteilung zwischen Polen und Ruthenen dauert nun schon geraume Zeit. Für jedes Mandat, welches die Polen widerwillig den Ruthenen überlassen, suchen sie sich an den Juden schadlos zu halten und es ist ganz charakteristisch’, daß jeder neue Entwurf weniger jüdische Mandate vorsieht, als der frühere. Zum Schlüsse ist man soweit gegangen, den Juden lediglich 2 bis 3 Handelskammermandate zu lassen. Schon nach ihrer Zahl gebühren den Juden gegen 30 Alandate im galizischen Landtage. Diese Zählen allein zeigen, welch gewalttätigen Raub die polnischen Machthaber verüben. Noch krasser erscheint die Sache, wenn man bedenkt, daß die galizischen Juden ihre Umgebung in Bezug auf Bildung und Steuerkraft weit überragen. Um die zwölf Prozent Juden auszuschalten, bedient man sich einer ganz primitiven Wahlgeometrie. Die städtischen Wahlkreise, in welchen die Juden kompakte Gruppen bilden, werden zerrissen und die einzelnen Teile mit Dorfgemeinden zusammengespannt, die mitunter mehr als eine Tagesreise entfernt sind. Durch diese Umtriebe werden die Juden nicht nur politisch entrechtet und in ein unwürdiges Hörigkeitsverhältnis gebracht, sondern auch in ihrer ohnehin geschwächten, wirtschaftlichen Position aufs ärgste bedroht, ln keinem Lande beeinflußen die politischen Machthaber so skrupellos das Wirtschaftsleben, als gerade in Galizien. Um nur ein Beispiel zu erwähnen, sei darauf hingewiesen, daß die vielen Notstandsgelder und Kredite, welche Oesterreich' dem Kronlande Galizien zuwendet, von den politischen Stellen aus verteilt werden. Die finanziellen Landesinstitute, die staatlich subventionierten Genossenschaften, alles befindet sich in Händen von politischen Parteien. Wurden die Juden bisher oft übergangen, so kann man sich leicht vorstellen, daß sie als politisch Entrechtete in Zukunft überhaupt keine Berücksichtigung finden werden. Die galizischen Zionisten erkannten wohl die Gefahr und haben im Laufe der letzten zwei Jahre Protestaktionen eingeleitet. Aber sie sind ergebnislos geblieben. Wo sollten sie auch Anklang finden? Bei den polnischen Machthabern gewiß nicht, denn von diesen gehen ja die perfiden Machenschaften aus. Die Ruthenen wiederum sehen in den Juden vielfach Polenknechte. Sie erkennen nicht, daß eine gerechte Behandlung der Juden auch ihnen zum Vorteil gereichen müßte und kümmern sich lediglich um die eigenen Mandate. Und die Juden, die in Galizien eine politische Rolle spielen, sind egoistische Assimilanten und nur für persönliche Zwecke zu haben. Das jüdische Volk wurde zwar vielfach aufgeklärt, aber ehe die Volksmcinung in diesem politisch korrumpierten Lande Geltung erlangen wird, muß noch viel Arbeit geleistet werden. Die Situation war also trostlos. Sie hat sich aber nunmehr gebessert. Nachdem die Einigung zwischen Polen und Ruthenen durchaus nicht zustande kommen konnte, hat die Wiener Zentral regierung eingegriffen. Der galizisChe Statthalter wurde nach Wien berufen, er hat mit den Ministern unterhandelt und der nächste Entwurf für eine Wählreforin wird die Firma der Wiener Zentralregierung tragen. Hier ist nunmehr der Hebel anzusetzen. Die Zentralregierung kann und darf es nicht dulden, daß unter ihrer Verantwortung die galizischen Juden betrogen und entrechtet werd e n. Abgesehen vom moralischen Moment, spricht jede Staatsraison gegen die Verdrängung des staatstreuesten und zuverlässigsten Elementes in Galizien. Nicht die Liebe zu den Juden, sondern die Staatsraison zwingt die Zentralregierung zu einer halbwegs gerechten Stellungnahme. Es muß alles aufgewendet werden, um der Regierung dies zum Bewußtsein zu bringen. Wenn in diesem Momente die galizischen Zionisten die begonnene Protestaktion aufnehmen und unterstützt von allen bewußten Juden Oesterreichs die Regierung zu offener Stellungnahme nötigen, kann noch so manches gerettet werden. Nur muß die Arbeit sofort und mit allein Nachdruck einsetzen. In zwei Fällen hat bereits die Zentralregierung gegen den Willen der Lemberger Machthaber ein an den galizischen Juden verübtes Unrecht teilweise gut gemacht, in der Frage der Schaffung jüdischer Reichsratswahlkreise und anläßlich der Vergewaltigung der Schanker. Es wäre ein nicht gutzumachender Fehler, wenn man jetzt den vielversprechenden letzten Versuch unterlassen würde. R. St.!- Die rauhen Tage sind in Sicht: Versorgen Julius Meinl Ernte, NIEDERLÄNDISCHE LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais. — Bereichertes Kapital zirha 380 tlillionen. — Prämienreseroe zirka 113 tlilllonen. — Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit tüihtige, leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezüge. Bnsbünfteerteilt die 6eneralagentsdiafi Wien, I., flspernplatz 1 (Beiter: Daoid Nebenzahl). Für Ostgalizien u. Bukowina: Subdirehtion^obl Taubes, Hemberg.

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