Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 45 Expansionskraft der zionistisdien Idee dieser Belastungsprobe aussetzen zu dürfen, und man hat sich in diesem Selbstvertrauen nicht getäuscht.- Hatte man vielleicht gefürchtet, daß die propagandistische Kraft des Kongresses und seiner zahlreichen Neben Veranstaltungen im antisemitischen Wien beschränkt bleiben würde, so hat der Verlauf des Kongresses derartige Bedenken als unbegründet erwiesen. Als Demonstrationskongreß steht der Kongreß von Wien an allererster Stelle. Kein Kongreß hat so ungeheure Massen in Bewegung gesetzt — nach amtlichem Ausweis haben in Oesterreich allein 12.000 Personen ermäßigte Fahrkarten zum Kongreß gelöst —, nie stand die gesamte jüdische Bevölkerung einer so großen Stadt so völlig im Banne einer jüdischen Veranstaltung, wie die Juden Wiens während der Kongreßwoche.“ Der Aufsatz behandelt ferner ausführlich die Arbeiten des Kongresses und berichtet auch über die großen Fortschritte des Hebraismus. Er fährt alsdann fort: „Von diesem Kongreß wird gleichsam ein warmer Strom des Lebens ausgehen, der überall Blumen und Früchte erstehen läßt. Die Arbeit der „Histadruth“, der Vereinigung für hebräische Sprache und Kultur, wird einen reichen und fruchtbaren Boden finden. Wieder werden es die Lehrer sein, die dieses Auferstehen des Hebräischen mit Freude begrüßen und dem Auferstehungswerk ihre Hilfe nicht versagen werden! Denn je mehr die Liebe zum lebendigen hebräischen Wort an Kraft gewinnt, desto schneller werden wir von dem Fluche befreit, in der jüdischen Schule das Hebräische als eine Mumie zu behandeln, als einen verkrüppelten Torso, als ein erstarrtes Ehedem. Und darum wird dieser „hebräische“ Kongreß audi ein Markstein sein in der Geschichte der jüdischen Schule. Sicherer und gefestigter als je geht der Zionismus seinen Weg. Es ist heute in der Tat schon „das jüdische Volk auf dem Marsche“. Die Zehntausende sind von Wien zurückgekehrt, ihre Erlebnisse sind das innere Eigentum von Millionen geworden. Der Zionismus darf zuversichtlich auf das Echo von Wien warten. Es wird sich melden, wenn er den zwölften Kongreß eröffnen wird.“ Wir begrüßen mit Freuden, daß unsere Lehrer, denen die Erziehung unserer Jugend an vertraut ist, vom nationalen Geiste durchdrungen, Hand in Hand mit uns an der Arbeit für das jüdische Volk teilnehmen wollen! Das Wiener arische Sozialistenblatt, die von Schuhmeier gegründete „V o 1 k s t r i b ü n e“ schreibt folgendes über den Kongreß: j,Unter den Zionisten, die eben in Wien ihren Kongreß abgehalten haben, sind gewiß eine ganze Reihe redlicher Leute, die das Beste wollen und sicher das Beste für ihre jüdischen Stammgenossen zu leisten glauben. Diese leiden unter einem zweifachen Druck: Erstens, soweit sie proletarisch sind, unter dem grenzenlosen materiellen Elend, das diese Proletarierschicht in Rußland und Galizien entnervt und degeneriert, zweitens unter der moralischen Diffamation (Entehrung), die der allenthalben verbreitete Antisemitismus über sie bringt. Der Antisemitismus, dieser ekelhafte Auswuchs des nationalistischen Aufschwungs, ist heutzutage sicher eine Erscheinung der Minderwertigkeit. Wo er nur aufgetaucht ist, hat er sich die wenigst entsprechenden Elemente zu Vertretern ausgesucht. Und in der Wahl seiner Kampfmittel hat er noch überall den Grundsatz der schmierigsten Auslese befolgt Er operiert mit den niedrigsten Instinkten der Unkultur, mit Ritualmordaberglauben und Pogromen, und er ist’s, der die furchtbare Verwahrlosung unseres öffentlichen Lebens zu allermeist auf dem Gewissen hat. Aber er ist da und ist eine Macht, die zu gewissen Zeiten einen mächtigen Umfang annimmt und er sitzt in allen Staaten an den einflußreichsten Stellen. Diese Tatsachen haben zur zionistischen Bewegung geführt, die als eine Abwehraktion, eine Reaktion auf den Antisemitismus betrachtet werden muß. Die Zionisten wollen die Juden überhaupt von dem Fluch der Minderachtung und die proletarischen Juden aus ihrem materiellen Elend befreien. Zu diesem Ende hat der Urheber dieser Bewegung; der verstorbene Theodor Herzl, vor Jahren in gewiß wohlgemeinter Absicht und aus warmfühlendem Herzen den Vorschlag emacht arme Juden in -Palästina als Ackerauem anzusiedeln, zu welchem Zweck reiche iuden Geld hergeben sollten. Ihm schwebte iebei als Ziel die Gründung eines Judenstaates an der Stelle* wo er einst gestanden, vor. Die Seßhaftmachung sollte das Grundmittel zur Staatenbildung sein. Tatsächlich haben einige jüdische Millionäre, dank der vorläufig noch vorhandenen Gefühlsgemeinschaft, die der jahrtausendalte Antisemitismus bei allen sich als Juden fühlenden hervorgerufen hat, einige Millionen für diesen Zweck hergegeben, und es ist gelungen, etwa 40.000 Juden in Palästina anzusicdeln.“ Hernach verbreitet sich das Blatt über die verschiedenen Schwierigkeiten, die der Verwirklichung des zionistischen Programmes entgegenstehen, und schließt mit folgenden Worten: „Der Zionismus verkennt — zweifellos in wohlmeinender Absicht — die wirksamen Tatsachen der modernen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Gleichwohl liegt es uns fern, ihn in Grund und Boden zu verdammen. Insofern er Kulturarbeit an den verelendeten Judenmassen leistet, hat er ein gewisses Verdienst, dem nur zu wünschen wäre, daß es größer sein könnte. Freilich wird durch ihn der Sozialismus gezwungen, die mit irrigen Vorstellungen erfüllten Proletarierhirne sich wieder zurückzuerrobern. Aber vielleicht gibt es für das mit den „Lastern der Unterdrückten“ so furchtbar schwer verseuchte jüdische Proletariat wirklich keinen wirksameren ersten Weckruf als den religiös angehauchten, der Wiederherstellung des alten Zionsreiches. Möge der Zionismus Kulturarbeit leisten. Unsere Aufgabe ist, im Interesse der jüdischen Proletarier, zu wachen, daß diese Kulturarbeit in kein allzufalsches Fahrwasser gerät.“ So schreibt das von arisch-deutschen Sozialdemokraten redigierte Blatt im Gegensätze zu den verlogenen, gehässigen Anwürfen der „Arbeiter-Zeitung“ der Herren Austerlitz und Adler! In einer der letzten Nummern unseres Blattes wiesen wir auf den verleumderischen Kongreßaufsatz des Budapester Assimilantenblattes „Egyenlöseg“ hin. Die ebenfalls in der ungarischen Hauptstadt erscheinende jüdische Monatsschrift für Kunst und Literatur „M ult es Jövö“ berichtet hingegen in einem mit zahllosen Bildern geschmückten Artikel von 16 Spalten über das jüdische Volksparlament und widmet warme Worte der Anerkennung der zionistischen Tätigkeit. freide nach Griechenland, selbstverständlich auf dem einzigen passablen Weg über Saloniki eingeführt, wo das Getreidekommissionsgeschäft in jüdischen Händen lag. Die neue Verfügung stellt sich als ein extrem-antisemitischer Akt dar. * Das Waidhofner Prinzip in Ungarn. Was die Assimilation anlangt, ist Ungarn immer noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. ln den allerletzten Tagen ereignete sich ein Vorfall, der von einer beschämenden Würdelosigkeit und niedrigste.“ Gesinnung gewisser antizioiiistischer Kreise zeugt. Die Mitglieder der Budapester zionistischen Vereinigung Makkabäa beschlossen, dem ungarisch-jüdischen Jugendvereine beizutreten. In der nächsten Generalversammlung erschienen denn auch die Zionisten in der Mehrheit, doch ist es der Vereinsleitung durch einen Streich gelungen, die Beschlußfähigkeit zu verhindern und faßte in der darauffolgenden Ausschußsitzung den Beschluß, die Zionisten als schädliche Elemente aus dem „neutralen“ Jugendverein auszuschließen. Die Mitglieder der Makkabäa sahen sich hierauf veranlaßt, für diesen Schimpf Genugtuung zu verlangen. Der Obmann des ungarisch - jüdischen Vereins, namens Miklosi, ließ hierauf durch seine nicht jüdischen Sekundanten erklären, er stehe auf dem Standpunkt des Waidhofner Prinzips und gebe daher Zionisten (!) keine Satisfaktion! Natürlich steht es jetzt an der Makkabäa, der Leitung des ungarisch-jüdischen Jugendvereins die würdige Antwort zu erteilen. * Antisemitismus im Deutschen Wanderbund. BiiiBüdlig DTTD IGO WEINBERG Wien, IL, Taborstr. 17 [Hirschenhaus] Jüdische Kochbücher: Kauders. vollst. israel. Kochbuch K 2.—. Elsässer Kochbuch für die jüdische Küche K 8.40. Wolf, Kochbuch für israelitische Frauen K 4.20. Antiquariat. Provinzversand. Ans dem jüöilrfien Keben. Pogrompanik in Kiew. Im Zusammenhang mit dem Beilis-Prozeß wird in Kiew von . „patriotischer“ Seite daran gearbeitet, einen Pogrom in großem Umfange zu veranstalten. Nachdem die ehrenwerten Männer vom „Verbände des russischen Volkes“ und vom „doppelköpfigen Adler“ samt den anderen organisierten Hooligans den Boden durch schriftliche und mündliche Agitation hinreichend vorbereitet haben, erachten sie jetzt den Zeitpunkt für gekommen, an das (eigentliche Werk zu gehen. Dieser Tage wurde der Polizei in Kiew gemeldet, daß im Stadtteil Podol eine geheime Versammlung von „Verbändlern“ und Hausbesitzern stattgefunden hat, in der über die Veranstaltung eines Pogroms beraten wurde. Es fehlte natürlich nicht an Reden über die von Juden „zu Tode, gemarterten Jünglinge“. Die allgemeine Stimmung war eine „gehobene“. Unerwarteterweise sprach sich aber am Schlüsse ein Redner gegen den Pogrom aus, da die Pogrome nur den „Barfüßern“ und zugewanderten Arbeitern zugute kämen, während die Hausbesitzer, denen häufig bloß demolierte Wohnungen und ruinierte Mieter blieben, ganz leer ausgingen. Dieser triftige Grund blieb nicht ohne Wirkung, und die Versammlung ging auseinander, ohne einen positiven Beschluß gefaßt zu haben. Die Pogromagitation wird jedoch unter dem' Abjschaum der Bevölkerung mit großem Eifer fortgesetzt. Es scheint allerdings, daß die Behörden, die den Herren „Patrioten“ sonst uneingeschränkte Rede- und Preßfreiheit angedeihen lassen, diesmal entschlossen sind, es zu keinem Pogrom kommen zu lassen. Die Helden vom „doppelköpfigen Adler“ lassen es sich immerhin nicht nehmen, in den von Juden bewohnten Stadtvierteln ab und zu kleine Straßenkrawalle ins Werk zu setzen und jüdische Passanten zu verprügeln; sie müssen sich aber mit dieser „Kleinarbeit“ zufrieden geben, ohne ihre „großzügigen“ Pläne einstweilen verwirklichen zu können. # Griechischer Antisemitismus. Die griechische Regierung, die durch Behörden, den König usw. stets ihre Gerechtigkeitsliebe gegenüber den neuen jüdischen Untertanen betonen läßt, hat zu einem Schlag gegen das Saloniker Judentum ausgeholt, der katastrophal wirken muß. Das Salonikier Gouvernement hat nämlich den Export von Getreide aus Neu-Griechenland nach Alt-Griechenland über Saloniki untersagt. Nun war Griechenland bisher stets ein gutes Absatzgebiet für das Saloniker Getreide, namentlich für Mais und Hafer; doch wurde auch aus Mazedonien und Thrazien Ge- 11 In der Führerzeitung ides Deutschen und Oesterreichischen Wandervogels (Verlag Erich Matthes, Leipzig) sind antisemitische Artikel erschienen. Es löge kein Anlaß vor, aus den zahlreichen antisemitischen Kundgebungen, die jeder Tag uns bringt, gerade diese herausgreifen, aber die wachsende Bedeutung der deutschen Wandervogelbewegung iund das Programm, das sich der Wandervogel' bei seinem Entstehen gegeben hat, machen diesen Fall zu einem besonders bemerkenswerten. Der Wandervogel wollte eine Reformbewegung sein; er wollte alles Morsche und Faule aus dem Leben des deutschen Volkes ausmerzen und die Wanderer zu einem Leben der Wahrheit erziehen. Wenige Jahre sind seit seiner Gründung verflossen und schon hat der Judenhaß in einer seiner häßlichsten und rüdesten Formen seinen Einzug gehalten. Mit dem unverwüstlichen Optimismus, der den Juden eignet, hatten sie die neue Bewegung begrüßt und nicht wenige Haben als Führer und Förderer den Wandervogel zu seiner jetzigen Größe und Bedeutung verholfen. „Juden heraus!“ ist der Dankesruf, der ihnen heute entgegengellt und der einzige Lohn für ihre selbstlos geleistete Arbeit. Die Artikel in der Führerzeitung sind ein neuerlicher Beweis für die richtige Voraussicht jener besonnenen Männer, die den Jüdischen Wanderbund „Blau- Weiß“ begründet haben und die Naturfreude unserer Jugend, wenn sie ins Freie hinauswandert, nicht von dem rohen Judenhaß deutscharischer Kameraden vergällen ließen. * Eröffnung einer neuen Eisenbahnlinie in Palästina.. Die neue Eisenbahnlinie Haifa—Akka, die sich seit Ende 1911 im Bau befindet, ist soeben dem Verkehr übergeben worden. Die Bahn ist 20 km lang und steht unter rein türkischer Verwaltung. Sie bildet eine Zweiglinie der großen Hedschasbahn. Durch die Eröffnung der neuen Strecke ist die wirtschaftliche Bedeutung Haifas wieder erheblich gestiegen. Bekanntlich ist Haifa der Ausgangspunkt der über 160 km langen, ebenfalls rein türkischen Eisenbahnlinie Haifa— Beisan—Samach—Der’at, die seit 1904, bzw. 1906 in Betrieb ist. * Zionistische Gäste in Amerika. Im kommenden .Winter werden einige zionistische Persönlichkeiten Amerika besuchen, um dort für die zionistische Idee zu wirken. Den Reigen eröffnet der Wiener Rassenforscher Dr. Ignaz Zo lisch an, der im Dropsie College eine Reihe von Vorlesungen veranstalten und im Auftrag der zionistischen Föderation in verschiedenen Städten der Vereinigten Staaten für die intellektuellen Kreise Vorträge halten wird. Ferner wird die Ankunft des Redakteurs Meir Berlin erwartet, der in gesetzestreuen jüdischen Kreisen für den Misrachi Propaganda zu machen gedenkt. Der dritte Gast ist Dr. Franz Oppenheimer, der allerdings erst gegen Ende des Winters nach Amerika reisen wird. Er wird an verschiedenen Universitäten Vorträge veranstalten und für die palästinensische Siedlungsgenossenschaft wirken. Auch Prof. Boris Schatz, Gründer des Bezalel, gedenkt eine Agitationstournee durch Amerika zu unternehmen. i