Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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B83E MTOfiL :4!PJ5CHE5 ÜRGflN ggg ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zuriickgestelit. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “ B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 13.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. B Nr. 45. Wien, Freitag, den 7. November 1913 VII. Jahrgang Vom grünen Tifcii. Das Kuratorium des Jüdischen Technikums in Palästina (Haifa) hat in seiner Sitzung vom 26. Oktober in Berlin beschlossen, in dieser Anstalt die deutsche Unterrichtssprache einzuführen. Daraufhin haben die zionistischen Vertreter, welche sich seit zirka drei Jahren für die Einführung der hebräischen Unterrichtssprache eingesetzt hatten, ihre Stellen im Kuratorium niedergelegt. Diese Nachricht w'ird in den nationalgesinnten Kreisen der Judenschaft lebhafte Bestürzung hervorrufen und es ist notwendig, festzustellen, inwieweit eine Beunruhigung gerechtfertigt ist. Die Idee der Gründung eines technischen Erziehungsinstitutes in Haifa ist über Anregung aus Palästinensischen Kreisen vom Präsidenten des Hilfsvereines deutscher Juden, Dr. Nathan propagiert worden. Der Hilfsverein hat sich an die Spitze des Unternehmens gestellt und hat sofort in weiteren Kreisen Zustimmung und Mitarbeit gefunden. Insbesondere die zionistische Partei hat die Arbeit für das Technikum aufs intensivste betrieben und es steht fest, daß dieser Arbeit allein die Gründung des Technikums zu danken ist. Den Baugrund hat unser Jüdischer N a t i o n a I f o n d s unentgeltlich beigestellt. Die Seele der Propaganda für das Technikum w'ar Dr. Sciimarjahu L e v i n, Mitglied d^s Engeren Zionistischen Aktionskomitees. Er hat ausschließlich im Dienste des Technikums jahrelang das Ausland bereist. Er hat die Vorarbeiten in Palästina besorgt. Zufolge seiner Wirksamkeit und der großzügigen Agitation in der zionistischen Presse sind die großen Spenden aus Rußland, Amerika, England, aus aller Herren Länder eingelaufen. Levin ist auch vom Kuratorium als Leiter der Organisation und Administration ausersehen worden. Selbstverständlich w'urde die zionistische Arbeit unter der Voraussetzung geleistet, daß es sich um Gründung eines nationalen Institutes handle. Die Voraussetzung war auch insoferne gerechtfertigt, als der Hilfsverein unter Leitung Dr. Nathans in den letzten Jahren seine Institute in Palästina tatsächlich in nationalem Sinne führte. So wrurde in den Kindergärten und Schulen des Vereines hebräisch unterrichtet. Die großen Spenden aus Amerika, England und Rußland sind natürlich auch unter der erwähnten Voraussetzung eingelaufen. Wenn nun der Hilfsverein plötzlich die hebräische Unterrichtssprache gänzlich ausschaltet und aus dem Technikum ein Germanisierungsinstitut macht, so begeht er einfach einen G e w a 11 s t r e i ch. Die Gründe der plötzlichen Wendung sind heute schon ziemlich klar ersichtlich. Es handelt sich um eine Einwirkung der deutschen Regierung, welche Anknüpfungspunkte in Palästina sucht, um den Einfluß der anderen Großmächte zu bekämpfen. Die Juden Palästinas sollen so weit als möglich germanisiert werden und Stützen für deutsche Reichsinteresser» bilden. Es soll ein Gegenstück zur Alliance geschaffen werden, welche seinerzeit die orientalischen Juden zu französieren suchte. Der Wink, von oben hat genügt und die Herren vom Hilfsverein haben ihre ursprünglich gutjüdischen Pläne fallen gelassen. Sie sind umgefallen. Wir Zionisten können eine gute Lehre daraus ziehen. Die Palästinaliebe gewisser assimilatorischer Kreise ist nur mit Vorsicht zu genießen und im löblichen Eifer, in Palästina möglichst viel Institutionen zu gründen, darf man nicht daran vergessen, daß Juden ohne nationales Empfinden nur Stückwerk schaffen können. Insbesondere aber, wenn es sich um Erziehungsinstitute handelt, wird nur dann Gedeihliches entstehen können, w ernai* c^i e Führung national ge sin njjSje.n. VcirÄeiff.- a nvertraut ist und alle’ •a-.sfe i iRgfhw't o r ischen Einflüsse fer n-ge-fra l'feMt; w^e.rden. Der an sich begreifliche - WiiSischjia^h Augenblickserfolgen darf diese-.. Erkefmtpfe nie trüben. ..; < Was den materiellen Wert' der yom Kuratorium getroffenen Verfügung betrifft, so ist derselbe nur sehr gering einzuschätzen. Er wird die Hebraisierung des Technikums wohl verzögern, aber nicht verhindern. Der Beschluß trägt, wie alles was am grünen Tisch unter Verkennung der tatsächlichen Zustände beschlossen wird, den Todeskeim in sich. Die Schüler werden das Technikum national isier e n. Das palästinensische Schülermaterial ist durch und durch hebraisiert und nationalisiert. Und auch die Hörer, die von auswärts kommen, haben für deutsche Assimilationspläne absolut kein Verständnis. Dank der zionistischen Arbeit ist es heute einfach unmöglich geworden, in Palästina Assimilationspolitik zu treiben. Mit Bettlern, mit Chalukajuden könnte man wohl ein germanisierendes Institut bevölkern. Diese Leute verschreiben für Almosen ihre Seelen dem Spender. Aber das Chalukaregiment hat in Palästina abgewirtschaftet. Die arbeitende Judenschaft, und auf diese allein ist das Technikum angewiesen, ist durch und durch national. Das Technikum wird hebräisch werden. Keine Macht der Welt kann das auf die Dauer vereiteln. Der Austritt unserer Vertreter aus dem Kuratorium ist durchaus gut zu heißen. Man kann nicht deutlich genug zeigen, daß die zionistische Partei an dem Doppelspiel der Herren vom Kuratorium kein Teil hat. Der palästinensischen Bevölkerung, welche durch die getroffene Verfügung in helle Aufregung versetzt wurde, muß bewiesen werden, daß der Zionismus vom nationalen Leben in Palästina auch nicht das geringste preisgibt. Auch vor der breiten jüdischen und nichtjüdischen Oeffentlichkeit muß es mit großem Nachdrucke dokumentiert werden, daß die Zionisten keiner Partei und keiner Macht politischen Vorspann leisten. Der Austritt unserer Vertreter Achad Haam (Ginsberg), Lewin und Tschlenow, war die einzig richtige Antwort auf den Beschluß des Kuratoriums. r. st. Ueber diese Angelegenheit wird uns berichtet : Schon im Laufe der letzten drei Jahre hatten die Vertreter der zionistischen Richtung im Kuratorium, die Herren U. Ginzberg und Dr. Levin, wiederholt versucht, die Frage der Unterrichtssprache in den neuen Anstalten zu klären. Indessen trat man von maßgebender Seite diesem Versuch bisher immer entgegen. Schließlich sah sich Herr Dr. Levin genötigt, einen formellen Antrag zu stellen, den er am S. Juni 1913 von Haifa aus dem Kuratorium übermittelte. Dieser Antrag lautete folgendermaßen: 1. ln der Mittelschule soll die hebräische Sprache als Unterrichtssprache auch für die allgemeinen wissenschaftlichen Fächer eingeführt werden. Die deutsche Sprache erhält damit den Platz der Hauptfremdsprache. 2. 1 m Technikum ist die deutsche Sprache einstweilen die Unterrichtssprache. Eine oder einige allgemein wissenschaftliche und obligatorische Disziplinen aber sollen in der hebräischen Sprache gelehrt werden. Dieser Antrag gelangte auch auf der Sitzung vom 26. Oktober zur Beratung und Beschlußfassung. Der Kampf der verschiedenen Anschauungen entwickelte sich hauptsächlich um den ersten Teil des Antrages, der nach längerer Debatte mit 13 gegen 3 Stimmen abgelchnt wurde. Damit wurde also die Mittelschule zu einer deutschen Schule' erklärt. Für die zionistischen Vertreter war somit eigentlich die ganze Frage entschieden. Es ist aber für die andere Seite charakteristisch, daß ein anderer Antrag Professor Philippsohns, der ihnen gewissermaßen entgegenkommen wollte, indem er forderte, daß außer den jüdischen Fächern auch Geschichte und Geographie in hebräischer Sprache unterrichtet werden solle, ebenfalls von der Majorität abgelehnt wurde. Es ist ScTbstvers tamtlich, daß diese Majorität im Technikum ausschließlich die deutsche Sprache anerkennt. Die germanisierende Tendenz der Leiter des Hilfsvereins, die sich in Palästina bereits in den letzten anderthalb bis zwei Jahren klar bemerkbar machte, ist hier noch deutlicher und unverhüllter zutage getreten. Der Ausgang der Beratung des Kuratoriums ist auch dem Umstande zuzuschreiben, daß die Amerikaner sämtlich abwesend waren und der Tatsache, daß die Herren Dr. Simon und Dr. Nathan, die die ganze Sache in Händen haben, sich zurückzuziehen drohten, wenn der zionistische Antrag angenommen würde. Angesichts der ganzen Sachlage sind die Herren U. Ginzberg, Dr. Levin und Dr. Tschlenow zu der Ueberzeugung gelangt, daß ihr weiteres Verbleiben im Kuratorium der zionistischen- Sache weder Nutzen noch Ehre bringen könnte, und sie haben folgende Erklärung an das Kuratorium abgesandt: „An das Kuratorium des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Haifa, Berlin. Wir Endesunterzeichnete beehren uns, hiermit folgendes zu Ihrer Kenntnis zu bringen: Da wir in dem Aufleben des jüdischen Volkes, seiner Kultur und seiner nationalen Sprache in Palästina unser höchstes Ideal erblikken, müssen w-ir fordern, daß alle jüdischen Lehranstalten in Palästina diesem Ideal zustreben. Wir sind zugleich überzeugt, daß dies ohne Schaden auch für die praktischen Ziele der Schulen geschehen könnte. Die heute gefaßten Beschlüsse über die Unterrichtssprache in den vom Kuratorium in Haifa erbauten Schulen sind mit diesen unseren Anschauungen unvereinbar. Wir sehen uns daher zu unserem größten Bedauern genötigt, hierdurch unseren Austritt aus dem Kuratorium zu erklären. Mit vorzüglicher Hochachtung gez. U. Ginzberg, gez. Schmarja Levin, gez. E. W. Tschlenow.“ Vom Vanfcm. Die Fragen der Jugenderziehung fanden in keinem Zeitalter eine derartige Aufmerksamkeit und Beachtung wie heute. Immer größer wird die Zahl der Korporationen, die sich der Jugendpflege widmen. Zu diesen Organisationen gehört die junge jüdische Wanderbewegung, die berufen ist, zu einem der bedeutendsten Faktoren in der Jugenderziehung zu w-erden. Die Wanderbewegung ist in England entstanden und hat nach wenigen