Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 4 f ' . JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Aber unsere eingefleischten Herren A s s i m ilanten, unseren stramm d utschen Juden geben wir dieses bezeichnende Benehmen der Ostrauer deutschen Turner mit besonderem NaChdruCk zur Erwägung. Uns überraschet! derartige Flegeleien nicht, dagegen dürfte es die Köpfe -derjenigen Herren „Führer“ ins WaCkeln bringen, deren unentwegtes Bestreben dahin geht, der Assimilation das Wort zu reden und die von ihnen gefühlte Judenschaft immer unter versteckten Drohungen und Vorführung schwarzgemalter Zukunftsführer davor „eindringlich warnen“ etwas Zu tun, was die Deutschen vor den Kopf stoßen könnte. Und vor! den Kopf stößt die Herren Deutschen nach An-' siCht unserer Führer natürlich alles, was jüdisch-selbstbewußt ist. Wenn sich die Beleidigung der Deutschen nur darin äußert, daß sie es ablehnen, vom Statthalter des. Landes empfangen zu werden, dann ist die SaChe npChimmer nicht gefährlich. Aber hochinteressant ist es immerhin, daß die ■ Ostrauer Deutschen,-deren Mehrzahl Mitglieder und Förderer des Deutschen Turnvereines sind, gegen uns Juden offen auftreten und daß sie immer deutlicher darauf hinarbeiten, das politische'Zusammengehen der Deutschen und Juden unmöglich zu maChen. Und das wird wohl unseren „großen Juden“ den größten Schmerz bereiten! Uns Jüdischnationale kommt dieses Vorgehen der Deutschnationalen, die ja aus ihrer Gemeinschaft mit den rüdesten Ritualmord-AntisCmiten kein Hehl mehr machen, nicht überraschend. Unsere Bestrebungen werden dadurch nicht im mindesten irritiert und ihre Berechtigung wird durch derartige Vorkommnisse nur noch bekräftigt. Wir haben die Deutschen schon längst durdisChaut. Das Waidhofner Prinzip. Was kostet es, den Juden die Ehre abzuspreChen? Die Waidhofener Jünglinge haben das bekanntlich seit Jahren ungestraft getan, weil: die Juden ja nicht klagbar werden können. Nun hatte aber kürzlich in einer Versammlung ein antisemitischer Student dem jüdischen Redner Dr. Emil von Hofmannsthal zugerufen: „Wir dulden nicht, daß ein Jude über Ehre spricht.“ Das Bezirksgericht Margarethen verurteilte den naseweisen jungen Mann zu zwei Monaten Gefängnis, obwohl er sich mit den albernsten Ausreden zu entschuldigen versuchte. Natürlich habe er den Dr. von Hofmannsthal nicht beleidigen wollen und dann habe er gar nicht gewußt, daß dieser Jude sei! In der Berufungsverharidlung wurde zwar vom Gericht auch anerkannt, daß: das .ein leeres Gerede sei, aber die Strafe wurde, doch auf eine Geldstrafe von 300 Kronen ermäßigt. Für drei „Hunderter“ darf man also nicht nur den Juden so schlechthin, sondern' jedem einzelnen Juden einfach die Ehre absprechen. Wir möchten keinem Juden raten, den Spieß umzudrehen — es dürfte mehr kosten! Wien, II., Taborstr. 17 [Hirschenhaus] Xenien-Almanach K —;60, Velhagen & Klasings Almanach 1914, K 4.80, Luxusausgabe in Leder K 9.60. Bard’s Museumkalender 1914 K 4.80. Antiquariat. Provinz Versand. Zur BeüfrRffalpe. Der Kiewer Ritualmordprozeß wirbelt immer größeren Staub auf. Selbst die russische R e i ch s d u m a sah sich veranlaßt, sich mit .der- Angelegenheit zu befassen. Die Dringlichkeit einer von der Kadettenpartei eingebrachten Interpellation wurde mit allen Stimmen gegen-einige der Rechten, die Interpellation selbst mit .149 Stimmen der Oktobdristen und der Linken gegen 109 Stimmen der Nationalisten und der Rechten angenommen. Selbstverständlich, kann man sich in Hinsicht auf das Schicksal und die Wirkung dieser Interpellationen keinen Hoffnungen hingebei. . Die Reichsratsabgeordneten Dr. St rau eher, Reizes und Genossen haben im österreichischen Abgeordnete nh a u s e eine Interpellation an die Gesamtregierung betreffend eine: Intervention beim Ministerium des Aeußern zwecks Vorstellung bei der russischen Regierung gegen die den Juden in Rußland drohenden Pogromgefahren eingebracht. „Der sogenannte Ritualmordprezeß, heißt es darin, der gegenwärtig - vor dem Schwurgerichte: in Kiew verhandelt wird, und den die Vorurteils-;, freien und gerecht denkenden, Wahrhaft gebildeten und aufgeklärten Angehörigen aller Kulturvölker, Nationen und Bekenntnisse als eine häßliche und boshafte Verleumdung, $owie als eine Schande auf Kultur, Gesittung und Gerechtigkeit gleichmäßig verurteilen, — hat die ungeteilt# Aufmerksamkeit der gesamten zivilisierten Welt ailf sich gelenkt. Dieser Prozeß, angezettelt von den russfschen Reaktionären und den berüchtigten „schwarzen Hundert“ der in Unwissenheit erhaltenen und gewissenlos verhetzten russischen Massen — wird nun, vielfachen übereinstimmenden Zeitungsberichten zufolge, — von den ruchlosen Anstiftern durch eine entartete, reaktionäre Presse und massenhaft verbreitete Flugblätter 'zur Aufreizung der russischen Massen zu Veranstaltungen von sog. Pogroms gegen die in Rußland wohnenden Juden benützt. Die gesamte . Kulturwelt weiß, welche furch tbaren Judenmetzeleien in den letzten Jahren durch die von langer Hand arrangierten Pogroms in Rußland verübt worden sind. Man braucht nur an die Judenmassakres in Odessa, Kiew usw. zu erinnern— und das Blut jedes fühlenden Menschen erstarrt! Nun drohen gleiche Gefahren den Juden in Rufiland! Gerade in den letzten Tagen waren wir Zeugen, daß es das k. u. k. Ministerium des Aeußern durch seine Intervention in Serbien — man mag über diese vom parteipolitischen Standpunkt aus wie immer denken — verhütet hat, daß Tausende Menschen in Albanien, deren Leben durch den barbarisch ■ geführten Krieg oder Massakres arg bedroht war — hingemordet worden sind. Für Tausende und Abertausende unschuldige Juden aber soll sich keine Stimme erheben!, keine Hand rühren, kein menschliches Mitgefühl geltend machen? Soll es denn auf dieser großer, weiten Welt kein Forum geben, das zur Hilfe und zum-Schutze für das bedrohte Leben unschuldiger Menschen angerufen werden könnte? Ueberzeugt, daß sich im österreichischen Abgeordneterihause, dieser Vertretung zahlreicher großer und kleiner Volkssiämme, Nationen und Bekenntnisse, viele gerecht und warm fühlende Volksabgeordnete finden, — welche auf die Stimme^ der Vernunft, Aufklärung und Humanität hören, richten die Unterzeichneten an die k. k. Gesamtregierung die folgende Anfrage: Ist dieselbe geneigt, im geeigneten Wege bei dem k. u. k. Minister des Aeußern dahin zu intervenieren, damit dieser die Aufmerksamkeit der kaiserlich, russischen Regierung auf die den Juden in Rußland drohenden schweren Gefahren mit der dringenden Vorstellung lenken, rechtzeitig wirksame Maßnahmen zu deren Abwendung zu treffen? 1 Breiter, Dr. Straucher, Stefanyk, Reizes, Dr. Lahodynsky, Dr. Baczynski, Lauruk, Anton Nemec, Chorwat, Tusar, Proksch, ’Filipinski, Anton Sveceny, Swoboda, BeChvne, Pik. Es waren, wie aus den Unterschriften hervorgeht, wieder die Tschechen, die sich der bedrängten Juden annahmen. Alle Blätter — mit Ausnahme der Arbeiterzeitung, die siCh zumeist in Schweigen hüllt — berichten je nach ihrer. Parteiangehörigkeit über die Prozeßverhandlungen, wie auch über deren Begleiterscheinungen. Lord Rot schild in London, wandte sich in einem in überaus unterwürfigem Tone gehaltenen Schreiben an den Kardinal-Staatssekretär des Vatikans M e r r y d e 1 V a 1 gerichteten Schreiben mit der Bitte, ihm die Authentizität zweier Dokumente, in denen die Päpste Innozenz IV. und Clemens XIV. gegen die Blutlüge Einspruch erheben, zu bescheinigen. Der Kardinal antwortete in einem kurz und kühl gehaltenen Schreiben, in dem er die Authentizität bescheinigt. Er fand es aber nicht für notwendig, auch nur mit einem Worte gegen die KultursChande der Ritualmordverleumdung Stellung zu nehmen. Natürlich wird diese Vorgangsweise von den antisemitischen Blättern zur genüge ausgeschrotet. Von den zahllosen Aufsätzen, die in allen Blättern der Welt über diesen Gegenstand erscheinen, heben wir ein Feuilleton von Max Nord.au -hervor, das im „Pester Lloyd“ u. a. folgendes ausführt: „Die Juden sollten furchtbar büßen, was sie — gleichgültig ob einige oder sämtlich — 1905 gesündigt hätten. Die Vergeltung sollte alle sechs Millionen Juden treffen, die der Staatsgewalt innerhalb der Grenzen des Reiches ausgeliefert waren und die Kinder im Mutterleib nicht schonen. Die Schuldigen oder Beschuldigten, deren man habhaft werden konnte, überlieferte man sofort dem Kerker, einer scheußlichen Modergruft für Lebende, der Marter oder dem Galgen. Gegen die anderen, denen man auch nicht den Schein einer persönlichen Verfehlung nachweisen konnte, ließ man amtliche Pogroms veranstalten, die von den Behörden mit großer Umsicht und Gründlichkeit unter Mitwirkung der Truppen, der uniformierten und der geheimen Polizei und der von dieser ausgemusterten, unter ihrer dauernden Aufsicht stehenden Gewohnheitsverbrecher ausgeführt wurden. Jhnen fielen einige tausend Juden zum Opfer, aber an. der maßgebenden Stelle war man GRflF-Wiirfel Feinste Rindsuppe An Ausgiebigkeit und Wohlgeschmack ähnlichen Erzeugnissen weit überlegen. Graf Würfel u. Würze Koscher. nicht ganz befriedigt. Das Ergebnis stand in keinem Verhältnis zum Kraftaufwand. Die Ermordung von einigen tausend Juden verminderte die sechs Millionen nicht merklich und sie erfolgte unter einem Getöse, das unangenehm die Aufmerksamkeit der Außenwalt weckte. Es schadete dem Ansehen Rußlands, wenn darin Unordnungen nicht verhütet und Leben und Eigentum nicht geschützt wurden. Diese jüdische Satansbrut stellte das teuere russische Vaterland auch dann noch bloß, wenn sie von echt russischen Männern geplündert, geschändet und abgeschlachtet wurde. Man mußte andere Methoden anwenden, weniger rasche, doch wirksamere. Man wart die erwachsenen Juden aus: allen höheren Berufen hinaus und suchte sie sogar aus dem Handel zu verdrängen. Man verschloß den jungen alle öffentlichen Schulen, um sie auf den Stand der vertierten Muschiks hinabzudrücken. Man jagte sie Gesetze vorschützend oder mit brutaler Willkür, die Ausreden verachtet, aus ihren Wohnorten und trieb sie in einige westliche Gouvernements zusammen wie Vieh in eine Hürde, doch ohne Weidegründe. Da es dort für sie weder Arbeit noch Erwerb gab, so verdammte man sie praktisch zum Hungertode. Doch selbst das genügte noch nicht. Anschlägige Köpfe der „schwarzen Hundert“ heckten einen schlauen Plan aus, der den Beifall der entscheidenden Stelle fand. In: Kiew wurde ein kleiner Knabe, Juschtschinsky, ermordet. Man klagte die Juden an, in ihr Osterbrot das Blut unschuldiger Christenkinder zu verbacken und den Kiewer Knabenmord zur Gewinnung solchen Blutes begangen zu haben. Man verhaftete einen Juden Beiiis und bezeichnete ihn dieses Mordes. Die Vorgänge, die sich um diese Angelegenheit abspielten, sind in der neueren Geschichte ohne Beispiel. Beiiis, in seinem Kreise als Freidenker bekannt, wurde zum Glaubensfanatiker gestempelt. Man trieb einen katholischen Geistlichen, Pranaitis, auf, der hebräische Bücher anführte, in denen der Ritualmord ausdrücklich zugegeben sein sollte. Niemand kannte diese Bücher, die Aufforderung, sie vorzulegen, ließ Pranaitis unbeachtet und der Untersuchungsrichterweigerte sich, ihn dazu zu verhalten. Ein pensionierter Professor, Sikorski, gab ein fachmännisch sein sollendes Gutachten ab, das aus dem Leichenbefund auf einen Ritualmord schloß. Die ersten gerichtsärztlichen Autoritäten Europas bezeichneten das Machwerk als groteskes Gewäsch, das man nicht wissenschaftlich erörtern könne, und seinen Verfasser als einen unwissenden Schwachkopf oder bewußten Verläumder. Die Behörden weigerten sich jedoch, die Aussagen anderer Gerichtsärzte entgegenzunehmen. Ein Kiewer russischer Journalist und ein Polizeibeamter unternahmen auf eigene Faust Nachforschungen und stellten die Mörder unwiderleglich in der Person einer Frau Tscheberjak und einiger Helfershelfer aus ihrem Kreise fest. Die Behörde jagte den Polizeibeamten davon und eröffnete gegen ihn und den Journalisten ein Strafverfahren, krümmte aber den Mördern kein Haar. Man hielt den unschuldigen Beiiis zwei Jahre lang in Untersuchungshaft. Die Polizei bedrohte und verfolgte die Entlastungszeugen und seine Verteidiger und bläute ihren Kreaturen Lektionen ein, die sie vor dem Untersuchungsrichter gegen Beiiis herzusagen hatten. Endlich kam es zur Schlußverhandlung. Die Oeffentlichkeit wurde nach Möglichkeit beschränkt, die Berichterstattung durch raffinierte Schikanen erschwert, die Verteidigung eingeschüchtert und gehemmt. Der Staatsanwalt weigerte sich hartnäckig, die zur Wahrheit führenden Spuren zu verfolgen, der Leiter der Verhandlungen verhinderte alle von der Verteidigung angebotenen Schuldlosigkeitsbeweise. Die Geschwornenbank wurde mit unwissenden Bauern besetzt, armen, halbwilden, die unfähig waren, dem Gang der Verhandlung zu folgen. Alle Anordnungen gingen unmittelbar von den zuständigen Ministern in Petersburg aus. Alle Machtmittel eines 160-Millionen-Reiches wurden aufgeboten, um durch Unterschlagung der Wahrheit, aufgeste'lte falsche Zeugen und Parteilichkeit der Richter einen Unschu'digen zu zermalmen. Einen Mann, und selbst Tausende von Leuten, zu ermorden ist in Rußland ein leichtes. Das wollte man aber diesmal nicht. Die Gewalttat sollte in den Formen eines regelrechten Gerichtsverfahrens verübt werden. Man wollte mit zynischem Mißbrauch der Gesetze und Verordnungen nach einer schamlosen Parodie der Untersuchung und der Verhandlungen ein scheinbar rechtmäßiges Urteil erlangen, das