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Jüdische Zeitung · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 44 Seite 4 die Juden grundsätzlich' und allgemein djes Ritualmordes schuldig erklärt Dieses Urteil brauchte nicht Beilis zu treffen, es traf die sechs Millionen russischer Juden, ein wenig auch cfife anderen sechs Millionen, die das Glück haben,. außerhalb Rußlands zu wohnen. Mit diesem Urteil bewaffnet, konnte man sämtliche russischen Juden als überführte und in allen Formen Rechtens verurteilte Mörder behandeln und wenn man ihnen alle Menschenrechte raubte, sie schlimmer als Tiere behandelte, sie Pogromen und systematischen Polizeimißhandlungen: huslieferte, so war dies nicht länger eine Verfolgung Unschuldiger, sondern eine gebotene Bestrafung. von Verbrechern. Dieser Plan wurde vor den entsetzten Augen der anständigen Russen und der Welt Punkt für Punkt ausgeführt. Ueber (die nodi so heftigen Einsprüche einzelner Gelehrter, Vereine, Versammlungen, Körperschaften ladite man in Petersburg oder äußerte geringschätzig: „Das jüdische Geld arbeitet.“ Die fremden Regierungen, die alle vor Rußland zittern und es umschmeicheln, weigerten sich entsetzt, irgendetwas ZU tun, um die Schmach von der Gesittung abzuwenden, die man kaltblütig in Petersburg und "Kiew vorbereitete. Man hatte gegen zorribebende Vorstellung die händige heuchlerische Antwort: „Wie darf man sich in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates einmischen! Wie darf man sich unterfangen, in den Lauf eines regelrechten Gerichtsverfahrens störend eingreifen zu wollen!“ Außer der Presse befaßt sich' eine ganze Reihe von Broschüren und Flugschriften mit dem Kiewer Schandprozeß. Von ganz besonderem Interesse ist die Broschüre des Hauptzeugen im Beilis-Prozeß, S. J. Brasul-Bruschkowski: „Die Wahrheit über den Mord Juschtsehinski und den Prozeß Beilis“ (Feurreiter-Verlag, Berlin-Schöneberg). Der Verfasser, der zwei Jahre hindurch unermüdlich das Material gesammelt hat, schreibt u. a.: ,,Der Knäuel, in dem man jetzt den des Mordes Angeklagten Beilis verwickelt hat — und dabei nicht als eine Privatperson, sondern' 'durch' die Gewalt dunkler Mächte, als den Vertreter einer ganzen Nation — war das Resultat einer langsamen Arbeit und in keinem Moment war es möglich mit Bestimmtheit zu sagen, ob der Prozeß weiter gehen werde oder ob nicht die Fäden zerrissen würden, um das Opfer zu befreien. Das Opfer eines verhängnisvollen Zufalls oder irgend eines bösen Willens? Da ich' mir der Ueberzeugungskraft meiner Angaben, die von mehreren offiziellen und angesehenen Beamten der Untersuchungsbehörde bestätigt wurde, bestätigt war, — wurde es mir schon längst klar, daß in der ganzen Sache, sowohl im Morde selbst wie in dem Suchen nach den Schuldigen und hauptsächlich in der Hinzuziehung. Beilis’ kein fataler Zusammenhang gewirtet hpt, kein blinder Zufall, der diese entsetzliche Anklage rechtfertigen konnte. Aber besonders deutlich wurde es .mir in der letzten Zeit, als nun kein Zweifel mehr blieb, daß Beilis doch auf der Anklagebank sitzen wird und daß die dunklen Mächte des Landes alle ihre Kunst, alle ihre Kräfte dazu verwenden werden, daß Beilis des Mordes beschuldigt wird, damit in ihren Händen eine Karte — wenn auch eine falsche — bleibt, die sie gegen die jüdische Nation ausnutzen können. Die Sprünge, mit denen die Untersuchung geführt wurde, dieChikanen, denen die Amts- und Privatpersonen ausgesetzt wurden, die keine Beweise gegen Beilis ausfindig machen konnten, dies alles befestigte mich1 in dem einen Gedanken, daß trotz dem Fehlen irgendwelcher fataler Zufälle, die die Hinzuziehung Beilis’ rechtfertigen könnten, es eine ganz bestimmte Tendenz gäbe, die keinesfalls von der Hand eines niedrigen Agenten ausgehe. Die Tendenz, unter allen Umständen die Beschuldigungen gegen Beilis zu „rechtfertigen“ und in dem Morde unter allen Umständen einen „Ritualcharakter“ zu entdecken . . . Der Jude Mendel Beilis ist unschuldig an dem schweren Verbrechen, dessen man ihn beschuldigt! Es ist Zeit ihn von den physischen und moralischen Leiden, die er seit zwei Jahren duldet zu befreien ... Es ist Zeit, ihn physisch und moralisch von dieser entsetzlichen Beschuldigung freizusprechen und dadurch von einer Huis liir Einjäh rig$reiuHlige. Telefon: Stelle 6 von 3455. Witkowski & Nacht Naihf. Julius Nodit's Witwe IX., Berggasse Nr. 27 empfiehlt sämtliche Uniformieiungs- und Ausrüstungs-Sorten für das k. k. Militär-, Staats- und Eisenbahnbeamte, sowie für Einjährig-Freiwillige aller Branchen. Große Auswahl ln Couleurbändern, Neuanschaffungen werden in kürzester Zeit effektuiert. ganzen Nation diese Beschuldigung abzuwälzen, es ist Zeit, ein für allemal dieses Stück Mittelalter zu vergessen . . .“ Dem Voi Worte folgte die eingehende Schilderung der vor dem Prozesse verübten Machenschaften, die alle darauf hinzielen, einen „Ritualmord“ zu konstruieren. Allenthalben werden Protestversammlungeri veranstaltet; so fand am 28. d. M. in London unter Vorsitz des Gg. Sir Francis Montefiore eine Versammlung statt, in der die vornehmsten Vertreter des englischen Lebens gegen den Kiewer Prozeß Stellung nahmen. — Auch in Jerusalem wurde eine Protestversammlung veranstaltet Am 8. Oktober d. J. versammelten sich in der großen Synagoge des Rabbi Jochanan ben Sakkai 71 Rabbiner und Leiter der großen TalmudsChulen sämtlicher Gemeinden der Aschkenasim, Sephardim und Jemeniten, um gegen den Kiewer Ritualmordprozeß öffentlich Protest zu erheben. Die Versammlung, der ein vieltausendköpfiges Publikum beiwohnte, wurde vom greisen Chachambaschi von Jerusalem; Rabbi Mose Franco, mit einer kurzen Ansprache eröffnet. Nachdem Rabbiner Horowitz über die Entstehung der wahnwitzigen Ritualmordlegende und das viele Leid, das sie über die Juden der verschiedenen Länder und Zeiten gehäuft, ausführlich gesprochen hatte, verlas Rabbi Haim Aljaschär 'in feierlicher Weise vor geöffneter Bundeslade eine hebräisch abgefaßte Protestkundgebung 'des Jerusalemer Gesamtrabbinats gegen die niederträchtige Ritualmordbeschuldigung. In tiefer Ergriffenheit lauschte die Versammlung dieser eindrucksvollen Kundgebung der angesehensten rabbinischen Autoritäten des heiligen Landes. Im übrigen haben sich nicht nur im' Auslande, sondern auch in Oesterreich ein Kirchenfürst gefunden, der gegen die Ritualmordlüge seine Stimme erhob. Aus Proßnitz wird uns berichtet: Bei dem am 20. d. M. erfolgten Einzuge des Kardinals Dr. Bauer wurde er von einer Deputation der israel. Kultusgemeinde mit dem Kultusvorsteber Herrn Kais. Rat Mayer an der Spitze feierlichst begrüßt. Hierbei hielt unser Gg. H. Rabbiner Dr. Göldsch'mid't an den Kardinal folgende Ansprache: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Ewigen! Die Eigenschaften Gottes sind Liebe und Wahrheit. Wir richten an Eure Eminenz die ergebene Bitte, daß Sie der Wahrheit und der Liebe auch in unserer Stadt zu ihrem Rechte verhelfen, indem Sie Ihre mächtige Stimme dagegen erheben, daß die schändlichste aller Lügen, die uns dessen beschuldigt, daß wir nach dem Leben unseres Nächsten trachten, um dessen Blut für Glaubenszwecke zu verbrauchen, zumindest im Kreise der hiesigen Geistlichkeit, gegen uns künftighin nicht mehr erhoben werde. Sollte Eurer Eminenz dies . gelingen, dann werden wir die Stunde segnen, die Sie in unsere Mitte geführt hat.“ — Der Kardinal erwiderte: „Ich danke Ihnen für die freundliche Begrüßung und muß bedauern, daß derzeit meine, als auch1 Ihre Stimme nicht hinreicht, um dieser häßlichen Lüge, wie ich' es gerne möchte, ein Ende zu bereiten.“ — Die Klerikalen, darunter Pfarrer Dostal-Lutinow aus Proßnitz, der auch' einige Artikel über den Ritualmord veröffentlichte, versuchten die Sache so darzustellen, als ob der Kardinal nicht gewußt hätte, um was es sich 'handle. Selbstverständlich ist dies eine Verdrehung der Tatsachen. Gott Mutte uns vor unteren freunden! Wir haben vor kurzem Gelegenheit gehabt, unter der gleichen Spitzmarke über Auswüchse in der Protestaktion gegen den Kiewer Ritualmordprozeß zu berichten. Wir können r.un neuerlich einen Beweis dafür erbringen, wie weit die Sensationshascherei und Aufdringlichkeit gewisser „Judenretter“ geht und wie sehr Leute, denen es nur um ein Paradieren in der Oeffentlichkeit geht, einer guten Sache durch ihre Mitwirkung schaden können. „Egyenlöseg“,' das antizionistische Organ der Budapester Kultusgemeinde, welches den -Zionistenkongreß in der unerhörtesten Weise verleumdet hat, brachte kürzlich drei Gutachten gegen den Rilualmord die dem Blatte zugekommen sind, und zwar von den Erzbischöfen von P a r i s, L y o n .und- Vesprim. Darauf brachte die antisemitische Wiener „Reichspost“ eine - Erklärung der genannten Kirchenfürsten, welche diese Gutachten als erfunden bezeichnen. Nachträglich triumphierte die „Reichspost“ und bezeichnetc. auf diese Konstatierung gestützt, die ganze Aktion für Beilis als einen jüdischen Schwindel. Wir müssen auch feststellen, daß solche Vorkommnisse wirklich die ganze Aktion in den Augen der Oeffentlichkeit schwer kompromittieren. Durch dieses Vorgehen hat sich das Blatt „Egyenlöseg“ als Schädling des Judentum erwiesen. Max Szabolczi, der Redakteur der „Egyenlöseg“, unternahm da-auf einen ganz merkwürdigen Versuch, die durchaus unsaubere Affäre zu vertuschen. Er wandte sich in einem weh- und demütigen Brief an die antisemitische „Reichspöst“, welche jetzt in jeder Nummer Ritualmordlügen bringt und bat, man möge ihm doch dieses „kleine Versehen“ entschuldigen. Er schreibt u. a.: „Ich begreife nicht, daß Ihr berühmtes Journal, die Empörung der Juden und ihr Bestreben, die Nichtswürdigkeit und den Unsinn der Anklage nachzuweisen, nicht mit aufrichtiger Sympathie begleitet.“ Ferner: „Helfen Sie uns bei der Zurückweisung der schandhaften Beschuldigung, wie w i r Ihnen helfen würden, wenn Sie in diese Lage kämen!“ Wohlgemerkt: Für Herrn Szabolcsi ist die „Reichspost“ ein „berühmtes Journal“ und er appelliert an das Ritualmordblatt, es möge der, Juden helfen! Es ist bezeichnend für diesen, auch „berühmten“ Zionistenfresser, daß er bei Beschönigung der Fälschung seines Blattes jeden Stolz verliert und vor Antisemiten jammert. So sehen unsere Gegner, so sieht der Wortführer der Budapester Assimilanten aus. Aber die Kriecherei wird noch durch die Frechheit übertrumpft. Szabolczi spricht per- „wir“ und tut so, als ob er im Namen der-' Juden Erklärungen abgeben könnte. Er zerrt: also die Judenheit in die Schwindelaffäre. Die Schar von eifrigen Reklamehelden, welche sich der traurigen Beilisaffäre bemächtigen, kann man nicht genug energisch abschütteln. Bus der Wiener Kulfusgemeinöe. Am 29. d. M. fand eine Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Auf der Tagesordnung stand die Wahl eines Rabbiners für den Leopoldstädter Tempel. Die Frage der Besetzung dieses Postens wurde über drei Jahre hinausgeschoben, ohne daß eine Persönlichkeit namhaft gemacht werden konnte, welche die allgemeine Zustimmung gefunden hätte, was auch beim Wahlakt selbst zum Ausdruck kam'. Nach dem Statut muß der zu bestellende Rabbiner mindestens achtzehn Stimmen auf sidh' vereinigen. Diese Majorität kam in den zwei e rsten Wahlgängen nicht zustande; erst im dritten Wahlgang wurde Herr Dr.. Max Gruni\v a 1 d mit der erforderlichen Majorität gewählt. Herr Dr. Grunwald war bisher Gemeinderabbiner im XV.,. Wiener Bezirk. Der übrige Teil der Sitzung wurde durch1 ,die Behandlung der Interpellationen und /Anträge der zionistischen Kultusvorsteher Oberingenieur Robert Stricker und Dr. Jakob Ehrlich ausgefüllt. Einer .dieser Anträge wendete sich gegen die Verschleppung der von den Zionisten schön, im Frühjahr geforderten Regulierung der Beamtengehälter. In der Debatte protestierten unsere Gesinnungsgenossen in entschiedener Weise gegen jede weitere Hinausschiebung und setzten den Beschluß durch', daß die Behandlung dieser Angelegenheit auf die Tagesordnung der ersten Dezembersitzung zu setzenist. Am Schluß der Sitzung kam es zu einer äußerst erregten Debatte über die I n t e rp e 11 a t i o n der Zionisten betreffend die Maßregelung von fünf Religionslehrern der Kultusgemeinde. Diese Interpellation bringen wir auszugsweise an einer anderen Stelle dieses Blatest. Die in der Debatte von .unseren Gesinnungsgenossen erhobenen Vorwürfe wurden in keiner Weise entkräftet. Der Präsident Dr. Stern erklärte schließlich, daß er Erhebungen einleiten und das ganze Material dem Kultusvorstand zur Entscheidung unterbreiten werde. Es ist dem energischen Eingreifen unserer Vertreter zu verdanken, daß diese Angelegenheit, welche mit Recht in der breitesten Oeffentlichkeit das unliebsamste Aufsehen hervorgerufen hat, einer prdnungsmäßigen Erledigung zugefühft wird. Es . wird Sache der zionistischen Kultusvorsteher sein, darüber zu wachen, daß der Gerechtigkeit in vollem Maße Geltung verschafft werde. Die Sitzung hat wieder bewiesen, wie not-. \vendig die Arbeiten der Zionisten in der jüdi- . sehen Gemeindestube sind. Eine ganze Reihe .von zionistischen Anträgen (wie x. B. auf Oeffentlichkeit der Sitzungen, Einsetzung einer Palästinakommission etc.) harrt noch der geschäftsmäßigen Erledigung. In kurzer Zeit wird sich der Kultusvorstand auch mit einem Antrag der Zionisten auf Reform der Wahlordnung; und Herabsetzung des Steuermini-.: mums zu befassen haben. Diese Fragen sind durch unsere Vertreter aufgerollt worden lind i man wird ihrer Erledigung nicht ausWeichen j können.

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