Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 42 (15.10.1913)
- Date
- 1913-10-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2438141-2438432-2438474--3847-2443647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nt 42 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Gründung des hebpäiltfien Spradis Vereines in tdien. Die gesunde nationale Entwicklung unseres Volkes schreitet unentwegt fort. Nicht nur unser Land wollen wir zurückerobern, wir kämpfen auch um den Besitz des heiligsten Gutes der Nation, um den Besitz der Sprache. Und wie die hebräische Sprache gerade unter dem- Eindrude der jungen jüdischen Volksbewegung zu neuem Leben erwacht ist und gerade in dem Lande unserer Sehnsucht ihre schönsten Blüten treibt, so fand sie auch die meisten Anhänger in unserem Lager. Noch vor einigen Jahren begnügte man sich mit Worten, Aneiferungen, jetzt aber ist man zur Tat geschritten. Und all die, welche die Ende August in Wien stattgefundene hebräische Konferenz und den darauffolgenden Kongreß miterlebt haben, mußten — wenn sie es noch nicht gewußt haben — staunend sehen, daß die Hebräisierung unseres Volkes in den letzten Jahren ungeahnte Fortschritte gemacht hat. Die allermeisten unter den hebräisch Sprechenden waren nicht inehr Jünger der traditionellen talmudischen Lehranstalten, der Jeschiwoth, es waren zumeist Juden, die aus Begeisterung für die heilige Sache des jüdischen Volkes hebräisch!. erlernt hatten. Nun wollen auch die Wiener jüdischnationalen Kreise mit der Sache Ernst machen und es 'nicht mehr bei Worten und Aneiferungen bewenden lassen, vielmehr den Weg der Tat beschreiten. Es soll von nun an auch in Wien hebräisch gelernt werden. * Am 13. d. M. fand im Cafe Adler die konstituierende Versammlung des Vereines für hebräische Sprache und Kultur statt. Die zahlreich besuchte Versammlung, dem u. a. viele hervorragende Hebraisten, wie Prof. Dr. Aptowitzer, Universitätsdozent Dr. H. Torczyen, Dr. Posnanski, Lehrer lsak Rosenberg usw. beiwohnten, wurde vom Obmann des Proponentenkomitees Ludwig B a 16 eröffnet. Nach einigen einleitenden Worten legte er den Zwedk des Vereines dar. Es sollen vor allem1 Sprachkurse für Kinder und Erwachsene geschaffen, die Aufsicht über die Sprachkurse in den einzelnen Vereinen ausgeübt und die Gründung eines hebräischen Kindergartens vorbereitet werden. An der Spitze des Vereines steht der g eschäftsführende Ausschuß und der wissenschaftliche Beirat, ferner das Ehrenkomitee. — Die angemeldeten Kursteilnehmer werden in Gruppen geteilt und den einzelnen Gruppen die Lehrer, die sich einer Prüfung vor dem wissenschaftlichen Beirat zu unterziehen haben, zugewiesen. Der Ver.ein soll als Zentralstelle für den hebräischen Sprachunterricht in Wien dienen. Es soll für ihn eine großzügige Propaganda eingeleitet werden, ein Flugblatt an die Eltern herausgegeben;und, wenn möglich, die Religionslehrer für die Sache gewonnen werden. In der hierauf stattgefundenen Debatte sprachen Dozent Dr. Torczyner, der erläuternde Aufschlüsse über die Art und Weise des hebräischen Unterrichts erteilte, ferner die Herren Glanz, Biter, Waldmann, Dr. Aptowitzer, Dr. Poznanski, 'Jul. Löwy usw. Nach Entgegennahme der zahlreichen Mitgliedsanmeldungen fand die Wahl des geschäftsführenden Ausschusses statt. Est wurden gewählt: Ludwig B a t ö, Adolf Böhm, Jakob Landau, lsak R o s e n b e r g, Dr. David Rothblum, Menazeach-Siegmann, Dr. Harry Torczyner, Moses Wald mann und J. H. Waltuch. Der geschäftsführende Ausschuß wurde beauftragt, ein Ehrenkomitee und einen wissenschaftlichen Beirat zu wählen. Wien, II., Taborstr. 17 [Hirschenhaus] Goldene Klassiker-Bibliothek. Modernste Klassiker- Ausgabe. Schöner Druck Wohlfeile Preise. Vier verschiedene Einbände in geschmackvoller Ausführung. Antiquariat. Provinzversand. Rürfrtdiau. ii. Leider können wir nicht bloß von erfreulichen Ergebnissen des Kongresses sprechen. Das Kompromiß, das in der Bankfrage getroffen wurde, müssen wir als ein in der Form wie in der Sache verfehltes bezeichnen. Das Prinzip, für das die Leitung in den Kampf zog und in dem es der Unterstützung der überwiegenden Mehrheit des Kongresses sicher sein konnte, war ein solches, daß seine Richtigkeit überhaupt nicht in Frage gestellt werden konnte: Bank und Nationalfonds mußten dem Großen Aktionskomitee unterstellt werden, nicht aber einem nach dem Diktat der Bankleitung zusammengesetzten Ausschüsse desselben. Denn diese beiden Institutionen sind Instrumente der Organisation, nur diese hat das Recht, über sie zu bestimmen. Die Vertretung der Organisation sind aber Kongreß und Großes Aktionskomitee. Herr Wolffsohn sprach davon, die Bank dürfe nicht einer „Partei“ ausgeliefert werden und erzielte miit dieser Wendung begreiflicherweise große Wirkung. Auch wir sind dieser Ansicht. Aber die Konsequenz derselben ist die, daß die Bank eben der einzig legalen Vertretung derGesamtorganisation untersteht werden muß und eine solche ist das große Aktionskomitee und keine „Partei“. Wohl aber ist heute die Bank in den Händen einer „Partei“, d. h. den von den sogenannten Politikern a usge w ä h Iten Mitgliedern des Aktionskomitees. Die weiteren Gründe für den Standpunkt der Politiker waren ebenso fadenscheinig. Man müsse die Bank vor dem E. A. C. schützen, das ihr Geld entnehmen würde. Nun ist es aber Tatsache, daß die Herren Wolffsohn und Kann selbst getan haben, wovor sie die Bank jetzt schützen wollten, als sie noch die Mehrheit im E. A. C. bildeten, während gerade die neue Leitung es verstanden hat, sich die beträchtlichen Mittel zur Führung ihrer Geschäfte zu verschaffen, ohne der Bank einen Heller zu nehmen. Das dritte Argument, daß die Leitung mit dem Gelde der Bank gewagte Experimente machen werde, ist von ebensolchem Kaliber. Denn in der prinzipiellen Frage, um die es sich handelte, war gar nicht davon die Rede, daß das E. A. C. die Gestion der Bank übernehmen soll, sondern nur davon, daß das Große A. C. die „leitenden Gesichtspunkte“ der Bankpolitik als Aufsichtsrat festzustellen habe. Das Direktorium der Bank, das jederzeit riskante Geschäfte ablehnen kann, sollte in der Hauptsache unverändert bleiben. Wir gehen daher gar nicht darauf ein, eine Bezeichnung für eine Kampfart zu finden, nach der dem E. A. C. unterschoben wurde, es werde leichtsinnig mit den Bankgeldern umgehen. Wir möchten nur fragen, was den Herren vom Direktorium eigentlich die Berechtigung verleiht, in solchem Tone zu sprechen? Haben die Herren denn die Bank so gut verwaltet, haben sie ihr Ansehen und ihre Mittel erhöht, haben sie die Bank zu einem beachtenswerten Faktor der Bewegung gemacht? Jedermann weiß, daß das nicht der Fall ist. Wir möchten nur noch konstatieren, daß die Verteidigung der Bankleitung gegenüber der eingehenden und sachlichen Kritik, die sie gefunden hat, eine mehr als ungenügende war. Auf den begründeten Einwand einer verfehlten Dividendenpolitik wußte Herr Direktor Katzeneisohn nur zu sagen, daß er deshalb Dividende zahle, weil es oft vorkommt, daß ein Emigrant, dessen einziges Vermögen eine Aktie der Kolonialbank ist, sich darüber freut, wenn er paar Kopeken Dividende erhält! Und diese „Begründung“ der Dividemdenpolitik ward noch übertroffen von der Antwort desselben Direktors, betreffs der mangelnden Anhäufung der Reserven. Er sagte darauf ungefähr, daß die Bank Geld genug habe, um ihre Verbindlichkeiten zu erfüllen, sie brauche daher keine großen Reserven. Das heißt also, er verkehrte die Frage des Verhältnisses von eigenen zu fremden Geldern in jenes von Aktiven und Passiven der Bank. Es ist schwer, solche Antworten ernst zu nehmen; daß sie aber eine Rechtfertigung der verfehlten Bankpolitik des Direktoriums bedeuten könnten, wird auch ein Laie in kaufmännischen Dingen nicht glauben. 1 Aber was brauchte es eine sachliche Ver- 1 teidigung der Bankpolitik, w'enn hinter den Koulissen, im Permanenzausschuß schon kompromisselt wurde! Wir verraten kein Geheimnis, wenn wir sagen, daß die Bankleitung in diesem1 Ausschuß gar nicht gut abgeschnitten hat und den Vorwurf hinnehmen mußte, daß manche Handlungen eines der Bankdirektoren sogar die Erfolge des E. A. C. in der Palästinaarbeit hätten in Frage stellen können. Der Permanenzausschuß hat auch mit überwiegender Mehrheit den prinzipiellen Standpunkt des E. A. C., daß das Große A. C. den Aufsichtsrat bilden müsse, angenommen. Aber die Leitung begnügte sich leider mit diesem formellen Sieg. Sie ging selbst von ihrem Prinzip ab und akzeptierte ein schwächliches Kompromiß. Fragten wir, was der Anlaß dieser Haltung des E. A. C. war, so ward uns die Antwort, das Direktorium habe mit Demission gedroht, die sehr unangenehme Folgen hätte zeitigen können. Wir glauben an solche Folgen nicht, aber selbst wenn man ihren eventuellen Eintritt angenommen hatte, so war es die Pflicht der Leitung, den Herren vom Bankdirektorium dasselbe zuzurufen, was Dr. Handtke unter starker Zustimmung des Kongresses in dessen Plenum betonte: Im Zionismus gibt es keine Ultimaten. Ja, eine starke Leitung wäre noch w'eiter gegangen und hätte den betreffenden Herren deutlich gemacht, daß die zionistische Organisation eine demokratische ist, daß sich daher jedes einzelne Mitglied dem Willen der Mehrheit zu fügen hätte, daß es aber schon ganz und gar nicht möglich ist, daß ein Kreis von 10 Leuten, durch welche Mittel immer, und seien es Drohungen, den Willen der überwältigenden Majorität illusorisch macht. In diesem Kampf hat also nicht die bessere und stärkere Sache gesiegt, sondern die willensstärkere Person. Und dies zeigt deutlich, daß es nicht genügt, w'enn an der Spitze unserer Organisation Männer von Talent, Charakter, Fleiß und Tätigkeit stehen, sondern daß es auch nötig ist, daß diese Männer ihren Willen stählen und mit dem ganzen Gewicht ihrer Persönlichkeit für das für recht Erkannte eintreten. Diese Willenskraft hat das E. A. C. auf dem 11. Kongreß leider vermissen lassen. Und deshalb mußte es zu einem schwächlichen Kompromiß kommen. Wohl wissen wir, daß die Haltung des E. A. C. beeinflußt war von der Sorge, alte und wertvolle Zionisten könnten die Organisation verlassen und es sei eine Spaltung zu vermeiden. Aber damit hat das E. A. C., wie wir glauben, die Organisation, wie die in Frage stehenden Zionisten unterschätzt. Eine Organisation, die durch den Ugandastreit und den Hamburger Kongreß nicht gespalten worden ist, die wäre wegen der Frage, ob 20 oder 25 Mitglieder des Großen A C. dem Aufsichtsrat der Bank angehörtn sollen, noch lange .nicht gefährdet gewesen. Und man mag gegen die Anschauungen Wolffsohns und seiner näheren Freunde noch so erbittert kämpfen — wir haben das immer getan — aber sie haben uns keinen Grund gegeben, an ihrer unbedingten Parteitreue zu zweifeln oder daran, daß sie nicht etwa die gemeinsame Sache über alles stellen. Deshalb haben wir, respektive die westösterreichische Landmannschaft, jene Drohungen nur als das angesehen, was sie in KAFFEEM