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Jüdische Zeitung · 1913-10-15 · 42 (15.10.1913) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
42 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 42 Wahlort war bald ausfindig gemacht, ln Mähr.- Ostrau ist eine starke jüdische Wählerschaft, außerdem wird der Ort wirtschaftlich von den Witkowitzer Gewerken Rothschild und G u 11 ma n n beherrscht Rothschild und Guttmann, die eine alte Vorliebe für getaufte Juden haben und in ihren Ostrauer Werken wohl keine Juden, aber massenhaft Täuflinge anstellen, erkannten sofort die Verwendbarkeit des Doktor Licht und traten für ihn ein. Ebenso ein Teil der jüdischen Ostrauer Wähler, die sich teils durch ihre assimilatorische Erziehung, teils durch ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von Witkowitz zu Dr. Licht hingezogen fühlten. Sein guter Freund Scnuster, der Generaldirektor Rothschilds und enragierter christlichsozialer Antisemit, besorgte das übrige. Durch Terror wurden die Arbeiter gezwungen, gegen den Sozialisten zu stimmen und so würde das österreichische Abgeordnetenhaus um eine Lichtgestalt bereichert. Der ehemalige jüdische Kostgänger arbeitet heute emsig an der judenfeindlichen Politik des Deutschen Nationalverbandes mit. Es geniert ihn nicht im geringsten, daß sein Verband die Juden von den Mittel- und Hochschulen ausschließen will. Er hat bereits ausstudiert und ist gottlob Christ. Er wirkt emsig beim Abschluß von Bündnissen mit den christlichsozialen Ritualmordantisemiten mit. Es ist ja so lange her, daß er bei seinen Wohltätern Mazzes gegessen hat und kann sich daher nicht mehr daran erinnern, ob christliches Jungfernblut drin war oder nicht. Nunmehr hat sein hervorragendes, vielseitiges Wirken die gebührende Anerkennung erfahren. Er wurde geadelt. Wenn sich’s der christliche Adel deutscher Nation gefallen läßt, so kann es uns Juden nur recht sein. * Gott schütze uns vor unseren Freunden. Den Juden ergeht es so, wie dem Bettler, der in der Gasse vor Hunger und Kälte verendet Um die Leiden des armen Teufels hat sich niemand bekümmert über als Toter wird er der Mittelpunkt einer Sensation. Die Zeitungen bringen Entrüstungsartikel über den Kulturskandal und geistreiche Abhandlungen „hervorragender“ Mitbürger über das Armenproblem im allgemeinen und das Erfrieren und Verhungern im besonderen. Auch über das jüdische Volk braucht nur eine Katastrophe hereinzubrechen und schon sind wortbereite Freunde in Hülle und Fülle da. Ein Pogrom, einige hunderte abgeschlachtete Juden genügen, um das leidende Judentum zum Brennpunkt der Teilnahme zu machen. So war es immer. Und jetzt wiederholt sich das Schauspiel. Seit den letzten Pogromen hat sich niemand um die Leiden der russischen Juden bekümmert Nun wird Beilis in Kiew gemartert und eine Pogromserie vorbereitet und sofort rauscht es im freisinnigen Blätterwalde. Proteste werden gesammelt und Gutachten auf Gutachten publiziert Auch die „Neue Freie Presse“ tut ihr möglichstes, um' das wilde Ritualmordfeuer durch einen illustren Wortschwall zu dämpfen. In ihrer letzten Sonntagnummer veranstaltet sie sogar unter dem Titel „G e g en* d i e' R i t u a I m o r d I ü g e“ eine förmliche Enquete und bringt Gutachten der titelbelä,densten Kapazitäten, darunter solche der högt^jrten Kirchenfürsten. Eine dieser erleuchttäen Auslassungen lautet wie folgt: V* - ' Erklärung des Fürstprimas von Ungarn Johann Csonodk Fürs'tmzbisac.häf von Gran. ‘ "töe Gran, 11. Oktober. '~<Si®t1P*5antwor*ung Ihrer an , mich gerichnffage gebe ich meiner*‘Ansicht Aus druck, ffaß der i Ritualmord als eine Insti tion der jijdiSi$t£ii=! Religion in der Wissen- " aft nicht jJm&ämtt ist und in den heiligen üehern d£§jvfÄltfen Testaments auch kein Passus en thalten ist, welcher als Grundlage zur Entwicklung einer solchen Institution dienen könnte. Ob aberkonkreteFälle als Ritualmord oder als gewöhnlicher Mord zu qualifizieren sind und welche individuellen, fanatischen und sektualischen Auffassungen, wenn die kompetenten Foren diese als einen Ritualmord qualifizieren, zur Begehung solcher Taten als Motiv dienen könnten, darüber kann man sich nur bei eingehender Kenntnis .sämtlicher Zustände der betreffenden Handlung eine Meinung ge‘s tatt.en.“ Der Leser greift sich an den Kopf! Ja, um Himmelswillen, ist Herr Benedikt, der Allgewaltige von der „Neuen Freien“, verrückt geworden? Das ist ja eine Bekräftigung der Blutmordlüge. So wie dieser Fürstbischof sprechen ja die gemeinen Banditen von Xanten, Polna und Kiew. Diese Fräsen sind ja ihrem Wortschatz entnommen. Auch sie haben nie die Thora als Zeugnis hervorgeholt, dafür immer von fanatischen Judensekten gesprochen. Nicht umsonst jubelt die antisemitische „Reichspost“ darüber, daß die judenliberale „Neue Freie“ solche Zeugnisse f ü r den Blutmordglauben bringt. Ist Herr Benedikt verrückt geworden? Nein. Er ist nur konsequent geblieben. Er war nie ein Beschützer der Juden. Der liberalen „Neuen Freien“ haben Aktionen für die Juden nie in den Kram gepaßt. Man gibt sich nicht gerne jüdisch. Es ist so nobel, wenn ein leibhaftiger Fürstbischof im Blatte schreibt. Da läßt man ihn eben unter jeder Bedingung schreiben und wenn er auch unter dem Titel „Gegen die Ritualmordlüge“ für diese selbe infame Lüge mit denselben Worten eintritt, wie die Hetzer in Kiew. Die Hauptsache ist, daß ein wirklicher und lebendiger Fürstbischof mit Herrn Benedikt korrespondiert. So etwas muß der staunenden Mitwelt zur Kenntnis gebracht werden, wenn’s auch den Kopf von Beilis kostet. Gott schütze uns vor unseren Freunden! * Noch einen guten, edlen Freund haben wir gefunden, den König von Griechenland. Die Blätter melden davon, daß er dem Rabbiner von Saloniki erklärt hat, er werde nicht dulden, daß in Griechenland das Blutmärchen verbreitet werde. Das ist rührend. Inzwischen läßt ,aber der gute Herr König seine Soldaten Juden morden und ausplündern. Seine Behörden sind! 66, die die Juden Salonikis daran hindern, sich vor der Cholera zu schützen. Griechen sind die ärgsten Judenhetzer in Rußland. Griechen propagieren das Biutmärchen im Orient. Aber der gute Herr König Sagt, er sei unser Freund! Noch einige solcher Freunde und die Judenfrage ist gelöst. Aber gründlich! ■* * * Eine gediegene Berichterstattung. Von den vielen Berichten über den Zionistenkongreß verdient einer besonders hervorgehoben zu werden. Er zeigt so recht, wie weit sich angesichts des imponierenden Anwachsens der zionistischen Partei die Wut. der Gegner versteigt. Das Organ der ungarischen Assimilationsjuden „Egyenlöseg“ schreibt in Nr. 36 über den Zionistenkongreß u. a.: „Man darf nicht vergessen, daß der größte Teil der galizischen Zionisten aus jungen Leuten mit flaumigem Kinn besteht, die kaum eine selbständige Meinung haben und auch nicht über die notwendigen materiellen Mittel verfügen, um eine Reise nach Wien unternehmen zu können. Diese fahren daher auf Kosten der Partei und es kam jedenfalls billiger, diese Mamelukenschar von Galizien nach Wien zu bringen, als nach Basel oder den Haag!“ — "„Aus diesen Gründen hat auch der Kongreß in Wien keinen besonderen Eindruck gemacht. Außer der Giselastraße, wo das Musikvereinsgebäude, der der Kongreß Verhandlungen, liegt, war vom Kongresse keine Spur Zu sehen. Selbst die Neugierigen, die bei sonstigen Anlässen die Möglichkeit des Herumgaffens ausnützen, blieben fern vom1 Kongreß.' Dieser ,übte bloß auf die antisemitische Presse einen tieferen Eindruck aus!“ — „Viele anständige Zionisten, in Gruppen versammelt beklagten ganz offen, daß, der Kongreß einem Fisch mit abgehacktem Kopf gleicht, der noch zuckt, als ob er noch lebte.“ — Aber nicht genug,-jdaß der Kongreß in. dem lügenhaften Bericht—2besudelt wird, auch' die Nichtzionisten, welcherdem Kongreß ihre Achtung bezeugt hatten, müssen herhalten. Es heißt weiter: „Die Vertreter .der Wjener Judenheit, der Präsident der Wiener Kultusgemeinde und der Wiener Öberrabbiner Dr. M. Güdemann blieben fern vom Kongreß. Der Vorstand der Kultusgemeinde ließ sich durch sein jüngstes Mitglied Dr. Schreiber vertreten. So klug und männlich es war, daß die zwei Häupter der Gemeinde ihren antizionistischen Gefühlen Ausdruck gaben, indem1 sie dem Kongreß fernblieben, ein ebenso großer Fehler war es von seiten des Präsidenten Dr. Stern, den Dr. Schreiber zu delegieren.. Es ist ja möglich, daß durch diese Vertretung durch ein Mitglied, von dem jedermann weiß, daß es im' Vorstand überhaupt keinen Einfluß besitzt, zum Ausdruck kommen sollte, daß man bloß aus Höflichkeit gezwungen, jemanden delegiert. Andererseits muß man aber auch Dr. Schreiber kennen und von ihm wissen, daß für Dr. Schreiber, der sich gerne lange sprechen hört, ein solcher Anlaß so gefährlich ist, wie für ein Kind ein scharfes Messer. Dr. Schreiber verrannte sich auch1 und sagte Dinge, die mit den Anschauungen der überwiegenden Mehrheit des Wiener Kultusvorstandes in krassem Widerspruche, stehen.“; Man muß sagen, so frech1 gelogen und niederträchtig besudelt wurde schon lange nicht. Der Kongreß eine bezahlte, kleine Komödie. Die Delegierten bezahlte Jungens und ein Vorstandsmitglied, welches dem Kongresse seine Achtung bezeugt, einfach ein tölpelhaftes Kind! Nur Dr. Stern und Dr. Güdemänii bekommen ihr Lob ab. Wir beneiden die Herren um1 solches Lob wirklich nicht und es erübrigt sich; diese himmelschreienden Lügen sachlich zu erwidern. Hervorgehoben sei nur, daß, wie uns mitgeteilt wird, der Wiener Berichterstatter des „Egyeulöseg“ Herr Jakob Kraus ist. Besagter Herr arbeitet im Sekretariate der Wiener Kultusgemeinde als rechte Hand des Präsidenten Dr. Stern, er ist auch Sekretär des österreichischen jüdischen Gemeindebuhdes, dessen Obmann gleichfalls Dr. Stern ist. '• * * * Ein sonderbares Gerücht Ein kurioses Gerücht zirkuliert seit einigen Tagen in den Kreisen, die sich gern als politisch informiert geben. Diesem Gerüchte zufolge will die Regierung zu Beginn der Herbstkampagne die erledigten Sitze deS Herrenhauses durch1 den sogenannten Pairsschub besetzen. Unter den Persönlichkeiten, die solcherart in die erste Kammer berufen werden sollen, befindet sich angeblich auch der Öberrabbiner von Wien, Herr Dr. Moritz Güdemann als Vertreter der Juden. Wenn irgend jemand gerade diesen Herrn dem Kabinetts'Chef vorgeschlagen hat, so hat er sich damit einen unzi'elmlichen Uebergriff erlaubt. Wir würden es verstehen, wenn als Vertreter der Judenschaft der Vertreter der Wiener Kultusgetneinde Pair würde. Die Ernennung Dr. Güdemanns als Vertreter der Juden aber würde sehr gemischte Empfindungen auslösen. Wir verzeichnen dieses Gerücht, dessen Richtigkeit wir stark bezweifeln, nur der Vollständigkeit wegen. LEBENS-VERSICHERUNGS -GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais. — Versilbertes Kapital zirtta 380 Efliliionen. — Prümienreserue zirha 113 Hillionen. — Billigste Prämien und kulanteste Bringungen. Engagiert jederzeit füditige, leistungsfähige Agenten gegen höbe Bezüge. Auskünfte erteilt die Eeneralagenfsdiaff Dien, I., Asgernplatz 1 (Beiter: David Hebenzahl). Für Ostgalizien n. Bukowina: Snbdirehtion fidbi Taubes, Hemberg. mmmmm

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