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Jüdische Zeitung · 1913-10-15 · 42 (15.10.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
7 (1913)
Issue
42 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NHTIML -JUDI5CHE5 DRGflN J»« ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenauinahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. I. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zuröckgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester* _ ■ reiCh-Ungarn: Ganzjähr. _K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telefon 22.075. ■ Nr. 42. Wien, Mittwoch, den 15. Oktober 1913 VII. Jahrgang Kiew und Deutidilanö. Wieder begeht das jüdische Volk seine Festtage. Einst, in unserem Lande, waren diese Feste voll sprudelnden und jauchzenden Frohsinns, heute zeugen sie von entsagungsvoller, asketischer Lebensart/ Einst herrschte an diesen Tagen in Judäas Städten und Jerusalems Straßen freudiges Treiben, Jungfrauen und Jünglinge' tartzten auf den rebenumrankten Bergabhängen, von ihrem Gesänge!vvi derhallten die heimatlichen Wälder. Und heute? In der Zerstreuung sind wir ein abgehärmtes, vergrämtes Volk geworden, dem Wan. die Lust am Leben raubte, ein stilles, trauriges Volk, das verlernt hat, seine Feste zu feiern, ein Volk, das dem Worte der Tora: „Freuet euch an euren Festen“ nicht mehr gerecht werden kann. Und haben die jüdischen Feiertage iw allgemeinen einen stillschaurigen und trübseligen Charakter, so ist dies in dem neuen jahrejin tbesonderen Maße der Fall.. Wieder ist ein Gespenst unter uns erschienen, das Uns das Lächeln von den Lippen Wegscheucht: die B1 u 11 ü g e.Mit frecher Stirne tritt sie hervor und fordert ihre Opfer. Der K i e w e r B e i 1 is - Prozeß ist ein „Tag des Gerichtes“ für das1 ganze jüdische Volk. Dieser Prozeß zeigt die Lage der Juden in ihrer ganzen Erbärmlichkeit. Er zeigt uns, wie vogelfrei [wir in aller Herren Ländern sind, er zeigt uns, daß es genügt, die IwahUwitzigsten Beschuldigungen dem jüdischen Volke ins Gesicht zu schleudern, und sogleich finden sich Regierungen und Gerichtshöfe, die sich die Anklagen zu eigen machen und unschuldige Menschen, Weil sie Juden sind, jahrelang im Kerker schmachten zu lassen, um sie dann der „Justiz“ preiszugeben. Der Jude Wendet entsetzt seine Augen vom1 barbarischen Osten, und blickt hoffnungsvoll nach dem Westen. Er vergißt, daß es hier ein Xanthen und Polha gegeben hat, er erwartet von der Gesittung des Abendlandes das Heil für sein Volk. Doch Was gewahren seine Augen? Während in Kiew die Blutlüge ihr Unwesen treibt, schließen die deutschen Hochschulen, diese Horte der gesitteten Menschheit, ihre P f o rten vor, der studierenden jüdischen Jugend aus Rußland. Das Zarenreich hat niemals große kulturelle Bedürfnisse gehabt-und die russische Jugend studiert ja nur in ganz geringem Mäße“ Von diesen Wenigen dürfen nach .den .russischen Verordnungen nur fünf ■ von Hundert jüdischen Stammes sein und so treibt das fromme Rußland die Kinder seiner jüdischen. Untertanen nach dem' ‘ ‘ Auslände/ Um den Preis - unerhörter Opfer und unglaublicher Entbehfungen .7 bezogen'dfese' jüdischen Studierenden die .europäischen Hochschulen. Sie ließen Sich1 alle Demütigungen gefallen, sie zahlten doppelte Kollegiengelder und Ge hühren. Doch derselbe Geist, der in Kiew die Anklage auf Ritualmord erhebt, derselbe Geist vertreibt nun unsere östliche Jugend von der Schwelle der deutschen Musentempel. Das Neujahrgeschenk für das jüdische Volk: Das Gericht zu Kiew und die Sperre in Deutschland! Dort Tötung des j ü d i s c h e n Fleisches, hier Tötung des jüdischen Geistes. Wer offene Augen hat, der sieht wie die Geschehnisse mit eiserner Hand das dünne Lügengewebe zerreißen, das bestimmt!war, Idie (wirkliche Lage der Juden vor den Augen des jüdischen Volkes zu verdecken. Diese Geschehnisse zeigen uns klar und deutlich, daß alle Erscheinungen des jüdischen Lebens, alle Verfolgungen und Demütigungen, einen viel tieferen Grund haben, als den Antisemitismus, den man in assimilatorischen Kreisen kurzweg „eine vorübergehende Erscheinung“ nennt. - Die Judenfrage ist "keine künstliche Konstruktion, sie offenbart sich Tag für Tag in charakteristischen Vorfällen, die eine durchweg einheitliche Färbung tragen. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob die Judenfrage aus Scham oder Berechnung maskiert wird oder aber offen vor uns hintritt. Es ist ganz gleichgültig, ob sich diese Vorfälle in Wien iereignen, (wo [die von Juden gewählten gemeinderätlichen und parlamentarischen Mandatare gegen die Juden ein Trutzbündnis schließen, oder aber in Rußland und Rumänien, wo das entrechtete Judenvolk massakriert oder langsam zu Tode gehetzt wird. Blicken wir auf die ganze Kulturwelt und wir sehen, wie überall Leuchten der. Wissenschaft und Gelehrsamkeit (infolge ihrer jüdischen Volkszugehörigkeit als Dozenten oder Privatgelehrte ihr Lebensende errei - chen. In gar manchem Lande, es muß nicht gerade Russisch-Polen sein, ertönt der Ruf: „Kaufet nicht bei Juden!“ Alle diese Vorfälle sind nur Erscheinungen der Judenfrage. Diese ist die Quelle und Ursache. Daher die gleiche Färbung all dieser unterschiedlichen, für den ersten Blick gar nicht zusammenhängenden Vorkommnisse. Einst auf eigener Scholle ein kräftiges, geachtetes Volk, das dem mächtigen Rom so lange zu widerstehen vermochte, leben die Juden heute über den ganzen Erdball zerstreut, allenthalben der Willkür der Wirtsvölker ausgesetzt. Es ist ein Leben, wie es nie ein anderes Volk geführt hat, ein ewiges Ringen um Ehre und Achtung. Wir Söhne dieses verfolgten und geächteten Volkes, kennen unsere Lage. Doch wir wollen nicht wehklagen und jammern. Wir wollen vielmehr, entschlossenen Mutes ausziehen, um unserem Volke die Rettung zu bringen, um die Judenfrage zu lösen. Es gibt nur eine Lösung, sie heißt: Z i o n is m u s. Er will dem heimatlosen jüdischen Volke im Lande unserer Väter ein Heim schaffen, auf daß es wieder ein menschenwürdiges Dasein führte und seinen Henkern entzöget werde. Die blühenden jüdischen Siedlungen Erez Israels lassen den kleinmütigen Zweifel verschwinden, ihr Anblick stählt das jüdische Herz. Der Zionismus ist der würdigste Protest gegen die Blutbeschuldigung, er gibt den Juden die Möglichkeit, das Sklavenlos gegen das Leben auf eigener Scholle zu vertauschen. Das jüdische Volk kann nicht warten, bis die Henkerseele mit Engelsgefühlen gegen die Juden erfüllt sein wird. Der Zionismuswirdabernicht nur den jüdischen Körper retten, er will auch den jüdischen Geist befreien. Eine ganze Reihe jüdischer Schulen in Palästina legen ein beredtes Zeugnis davon ab. Und nun soll die Antwort auf das schmachvolle Vorgehen der deutschen Hochschulen, erfolgen: Dje Gründung der Hebräischen Universität in Jerusalem. Unsere Jugend, von den Hochschulen vertrieben, soll nicht aus Mangel an geistiger Nahrung verkommen. Wir wollen neue geistige Quellen hervorsprudeln lassen! So bringt der Zionismus die Lösung für die ganze Judenfrage. Nicht mit leeren Worten, mit ganzen Taten schmiedet er das Geschick des jüdischen Volkes. Er allein, denn die anderen weinen und protestieren, er hingegen arbeitet und schafft. Ludwig Bato. Rundschau. Der neueste Edelmann. Der Reichsratsabgeordnete von Mnhrisch- Ostrau Dr. Licht, ist geadelt worden. Licht ist als Sohn einer armen jüdischen Friseurin in Brünn geboren. Er hat alle seine Studien auf Kosten eines Brünner jüdischen Wohltätigkeitsvereines absolviert. Er erhielt von diesem Vereine Kost- und Schulgeld. Später wurde er auf Betreiben seiner jüdischen Gönner von einer mährischen Industriellenorganisation, die fast durchwegs aus Juden besteht, als gutbezahlter Sekretär bestellt. Nachdem der liebe Junge andere für seines Leibesbedürfnisse hatte arbeiten lassen, beschloß er für seiner Seele Wohl selbst zu sorgen und ließ sich taufen. Wie die meisten großen Männer hat er sich in seinem Streben nach höheren Zielen durch Gefühle der Dankbarkeit nicht behindern lassen. Er hat sich der deutschnationalen Politik in die Arme geworfen und dem antisemitischen deutschen Nationalverband angeschlossen. Nun handelte es sich darum, ein Reichsratsmandat zu erwerben. Dr. Licht erkannte gar bald, daß ein echter Teutscher wohl einen Täufling als unbesoldeten Hausknecht akzeptiert, daß er ihn aber nie und nimmer wählt. Er erinnerte sich aber auch an die Gebefreudigkeit seiner alten- Gönner, der Juden und mit edler Unverfrorenheit schnorrte er sie wieder an, diesmal um ein Mandat. Der

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