Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 41 es mit dem logischen Denken des „geistigen Oberhauptes der Wiener Kultusgemeinde“ bedenklich happert. Seit fünfzehn Jahren scheint in dieser Richtung gar keine Aenderung eingetreten zu sein. Fünfzehn Jahre! Beide Redner wiesen mit stolzen Worten und Gebärden darauf hin, daß sie bereits vor fünfzehn Jahren an demselben Tage und in demselben Saale gegen dieselbe Beschuldigung protestiert haben. Schön. Diese fünfzehn Jahre aber bedeuten nicht nur gegen Europa, vielmehr auch gegen die Kultusgemeinde eine furchtbare Anklage. Was hat die Kultusgemeinde in diesen fünfzehn Jahren getan, um dem jüdischen Volke aufzuhelfen? Was hat die Wiener israelitische Kultusgemeinde in diesen fünfzehn Jahren getan, um einen ähnlichen Prozeß nach Möglichkeit zu verhindern, um unsere östlichen Brüder ihren Henkern zu .entziehen? Oh, sie hat vieles getan. Sie hat unserem Theodor Herzl, dessen Erbe anzutreten sie jetzt nicht übel Lust hätte, das Leben verbittert, sie ist aufrichtigen Juden, die für ihr Volk arbeiteten, in den Rücken gefallen, um ihre Arbeit zu verhindern. Diese fünfzehn Jahre bilden ein trauriges Kapitel in der Geschichte der Wiener jüdischen Gemeinde. Mit welchem Ueberschwang rednerischer Kraft nannte Dr. Güdemann unter allgemeinem Beifall Rußland einen Ritualmörder, denn die russische Regierung begehe durch Veranstaltung von Pogromen Ritualmord an den Juden! Wie kurz ist doch das Gedächtnis der Herren. Wir erinnern an das Vorgehen des Kultusvorstandes Ritter von Taussig, der der russischen Regierung zur Zeit der Pogrome Geld lieh und sie in die Lage versetzte, auch weiterhin jüdisches Blut abzuzapfen. Wer hat damals diesem Mann, den die Zionisten Wiens zur Demission zwangen und gegen den die ganze Wiener geistige Elite Einspruch erhob, die Stange gehalten? Es waren dieselben Herren, die sich jetzt an Entrüstung nicht genug tun konnten. Dr. Stern sagte den Tschechen für ihr mannhaftes Auftreten gegen die Rnualmordlüge Dank. Was mögen dieser deutsche Mann und seine deutschliberale Gefolgschaft wohl gedacht haben, als sie sich vor dem ihnen so verhaßten Erbfeind verneigten, vor einem Feinde, dem sie nicht einmal eine armselige Volksschule in Wien vergönnen, vor einem Feind, gegen den sie stets bereit sind, vom Leder zu ziehen? Und was dachten sie sich, als sie darauf verzichten mußten, auch nur eines ihrer „Volksgenossen“, der Deutschen, zu erwähnen, der gegen die Ritualmordlüge protestiert hätte. Auch wir, wie jeder ehrlich denkende und. fühlende Jude, sind empört über die Anklage auf Ritualmord. Wir haben auch auf unserem Kongresse diesen unseren Gefühlen in würdiger Weise Ausdruck gegeben. Aber welcher Unterschied zwischen dem Musikvereinssaal vor vier Wochen und jetzt! Damals trat das lebensbejahende, schaffende Judentum auf, das für das jüdische Volk die Zukunft erkämpfen will. Jetzt sahen Wir ein Publikum, daß sich — traurig genug <— nur daran begeistern kann, dab wir keine Ritualmörder sind. Dort das positive, hier das negative Judentum. Wir zeigen den Weg, auf welchem fortschreitend, das jüdische Volk sieh solchen Prozessen zu entziehen und die Achtung der ganzen Welt' zu erringen vermag. S i e aber, sie bieten nur Negatives. Denn welchen Trost konnte sie in der Versammlung am Montag dem jüdischen Volke geben, welche Linderung für den brennenden Schmerz? Rußland — so sagten sie — wird einst auf der Anklagebank der Weltgeschichte ■ sitzen! Und damit möge sich das jüdische Volk! zufrieden geben . . . Geradezu erheiternd wirkt es, wenn ein Montagblatt seinen Lesern versichert, die Montagsversammlung werde hoffentlich der Bluflüge den Garaus machen. Unheilbare Optimisten! L. B. * * * Dank an die böhmischen Vertreter. Die Jüdische' Nationalpartei in der Buko-' wina hat an die Unterzeichner des1 Protestes, welchen die böhmische Intelligenz gegen den Beilis-Prozeß (erhoben hat, nachstehendes Danktelegramm gerichtet: „Die solenne Kundgebung hervorragender und hochherziger Männer des freisinnigen böhmischen Volkes gegen den Ritualmordprozeß Beilis und ihr unerschrockenes Eintreten für Aufklärung, Recht und Gerechtigkeit gegen die Justizverirrung in der Poln a e r Affaire, sowie die Beschützung verfolgter und erniedrigter Juden Rußlands hat einen überaus mächtigen Eindruck auf die gesamte Judendenschaft der Bukowinaausgeübt. Die böhmische Nation ist bisher die einzige, welche mutvoll eine so große öffentliche Manifestation erlassen hat. Gerührt von diesem Vorgehen, übermittelt die jüdische Nationalpartei der Bukowina ihren begeisterten und heißen Dank. Die Judenschaft darf und soll niemals dieser hochherzigen Tat des um Aufklärung und Geistesfreiheit hochverdienten böhmischen Volkes vergessen. —. Dankbar gedenken wir auch der loyalen und überaus wertvollen Unterstützung durch die böhmischen Abgeordneten bei der seinerzeitigen Abstimmung gegen die sogenannte Schmidsche Resolution, welche die Beschränkung und Ausschließung der jüdischen studierenden Jugend bezweckte. In aufrichtiger Verehrung Landtagsu. Reiclisratsabg. Dr. Strauch er. Dp. fl. torczynep, Dozent an der Wiener Universität. Mit freudiger Genugtuung berichten wir, daß unser Gesinnungsgenosse Dr. Harry Torczyn er, Sohn unseres altbewährten Gg. E. Torczyner, zum Dozenten für semitische Sprachen an der Wiener Universität ernannt wurde. Dr. Torczyner ist als geistiger Pionier unserer Bewegung vor wenigen Jahren nach Jerusalem1 gegangen und hat dort am hebräischen Gymnasium als Lehrer für hebräische Grammatik und Bibelexegese gewirkt. Nunmehr ist dem jungen Gelehrten durCh die Berufung an die Wiener Universität die verdiente Anerkennung zuteil geworden. Dozent Dr. Torczyner wird in den nächsten Wochen ein Kollegium für hebräisch und Aramäisch und ein zweistündiges Kollegium über den Profeten Daniel eröffnen.. Die Berufung Dr. TorCzyners bedeutet für ■ die Wiener Universität einen großen Gewinn und auch wir können sie im Interesse der Entwicklung unserer Nationalsprache auf das freudigste begrüßen. Rüftfdiau. i. Es ist gewiß noch nicht Zeit genug verstrichen, um die Ergebnisse des XI. Kongresses riditig abschätzen zu können. Aber wir, deren Aufgabe es nicht ist, die zionistischen Ereignisse bloß erkenntnismäßig, zu werten, sondern die wir in ihren Verlauf eingreifen müssen', haben die Pflicht, uns klar darüber zu werden, was der Kongreß für die zionistische Entwicklung bedeutet hat und nach welcher Richtung unsere Energien einsetzen müssen, um Entwickelungen zu beeinflußen. Der Bedeutung des Kongresses als machtvolle Demonstration des zionistischen Gedankens sind wir schon gerecht geworden; es erübrigt sich noch, nach seinen Ergebnissen zu fragen. Nach unserer Ueberzeugung lag der Schwerpunkt des Kongresses in der Palästina Üebatte. Zum erstenmal konnte der Initiator und Leiter der zionistischen Palästinaarbeit, Dr. R u p p i n, vor einem Kongreß erscheinen und die Grundprinzipien seiner Arbeit, die nicht , allen Zionisten deutlich vor Augen standen, klarlegen. Er konnte zeigen, wie er von Beginn an den richtigen Blick dafür hatte, worin die zentralste Aufgabe der ganzen zionistischen Kolonisationsarbeit gelegen sei: in der Schaffung eines jüdischenLandbauernMaterials. Diese unendlich schwierige Aufgabe hat Ruppin mit der ihm eigenen Unermüdlichkeit in Angriff genommen und dabei Wichtiges geschaffen. Nicht die Quantität ist ausschlaggebend für die Beurteilung des Erfolges, sondern es muß die große Umwälzung veranschlagt werden, welche durch die Anfänge der zionistischen Arbeit in Palästina hervorgerufen wurde. Und diese konnte nicht treffender illustriert werden, als durch das Beispiel, das Ruppin ausgewählt hat. Wie das Eintreffen von ein paar jungen, in den neuen nationalen Farmen auslgebildeten Arbeitern eine ganze Kolonie vor dem Verfall gerettet hat'und die Kolonisten mit neuem Geist erfüllt werden konnte. Hat der Kongreß zum erstenmale Ruppin hören können, welcher förmlich als der providentielle Mann für die zionistische Palästinaarbeit erscheint, so konnte er auch dartun, daß die Arbeit Ruppins alle Widerstände gegen diese Arbeit vollkommen aufgehoben hat. Klangen auch aus dem fernen Paris einige Wamungs1rufe .in den Saal herüber; sie verhallten ungehört und der Kongreß sprach sich mit einer noch nicht dagewesenen Einmütigkeit für die Palästinaarbeit aus. Daran konnte auch die große Attake eines beredten Vorkämpfers der sogenannten „politischen“ Richtung,..Gg. Fischer, gegen die Praktiker nichts ändern. Denn, was er bekämpfte, war ein Phantom. Niemand von uns denkt daran, die große politische Bewegung zu einem1 kleinen Palästinaverein zu machen, wie einmal Dr. Marmorek die Absichten der Praktiker interpretierte. Wir glauben nur, daß eS kein besseres Mittel gibt, um die Bewegung ins Große zu führen, als daß wir ihre neuschöpferische Kraft erweisen. Daß ferner etwas Groß es. in Palästina nicht aus dem Nichts geschaffen werden kann, sondern daß durch unsere Arbeit alle Schwierigkeiten geprüft, Mittel zu ihrer Lösung gefunden werden müssen, wenn dies heute auch nur im kleinen Maßstab möglich1 ist. Denn auch hier handelt es sich um1 Qualitatives, nicht um Mengen. Die Frage, welche Ansiedlungs- und Ausbildungsform für Juden die beste ist, kann genau so in vier Formen erprobt werden, wie in hundert. Zu den erfreulichen Ergebnissen des Kongresses gehört auch der Beschluß einer Universitätsgründung. Man mag über diese Universität welcher Ansicht immer sein, jedenfalls aber hat es sich im Zionismus gezeigt, daß als bestes Leitwort für seine Arbeit der Satz gelten kann: „Im Anfang war die Tat“. Wenn man bedenkt, aus welchen fragmentarischen Anfängen sich zum Beispiel das Gymnasium in.Jaffa zu seiner heutigen Bedeutung für das neujüdische Leben in Palästina aufgeschwungen hat, dann wird man auch hoffen können, daß der Universitätsgedanke zu praktisch wertvollen Schöpfungen führen wird. Denn, was uns von den Juden, die nicht irn zionistischen Lager NIEDERLÄNDISCHE LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT . WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im »geilen Palais. — Versilbertes Kapital zirka 380 Millionen. — Prämienreseroe zirka 113 Millionen. — Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit fQcfitige, leistungsfähige Agenten gegen bobe Bezüge. 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