Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDOHE ZEITUNG Jgg NRTJDNRL -JJQDJE3 DRfflN ggg ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Kanneliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden B _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt — Abonnementspreise: Für Oester- _ “ retch-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ” ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telefon 22.075. ■ Nr. 41. Wien, Freitag, den 10. Oktober 1913 VII. Jahrgang Wer fordert den Antisemitismus? Die zionistische Agitation fördert den Antisemitismus und reizt die judenfeindlichen Instinkte der christlichen Masse. Diese Anklage ist so alt, wie die zionistische Bewegung und seit jeher haben sich die assimilatorischen Juden ihrer bedient, Wenn es galt, die zionistischen Bestrebungen zu bekämpfen. Durch Hervorkehrung der jüdischen Eigenart wächst die Entfremdung. Die Betonung jüdischer Sonderinteressen stört das Einvernehmen mit der nicht jüdischen Umgebung. Jede jüdische Demonstration erzeugt eine antijüdische Gegenaktion. Diese und ähnliche Sätze tönten beständig von der Kanzel tund der politischen Tribüne und sie werden von den Gegnern der jüdischnationalen Idee noch heute gerne verwendet. Die Einsichtigen haben bald die Haltlosigkeit (dieser Behauptungen erkannt. Das freimütige Bekenntnis zum Judentum kann nicht aufreizend Wirken und muß Auch!dem Antisemiten Achtung abgewinnen. Verachtung kann nur durch das fruchtlose Abläugnen der Eigenart hervorgerufen Werden. Der Assimilationsjude bietet dem feindlichen Spott Angriffsflächen und es ist eine gar leichte Sache, den jüdischen Deutschen oder Polen zu karrikieren. Der jüdische Jude ist ein Ding, das in kein Witzblatt passen •wäll. Da gibts nichts zu verhöhnen. Spott und Hohn aber sind gefährliche Waffen in den Händen des Judenfeindes. Der Assimilationsjude hat ihm diese Waffen in die Hand gedrückt, (der zionistische Jude aber entwindet sie ihm wieder. Es ist heute schon ,eine alte Erfahrung, daß (der schlichteste zionistische Jude von der antisemitischen Umgebung respektvoller behandelt Wird, als der von Titeln und Geld strotzende Assimilant. Wer fördert den Antisemitismus? Die Betonung jüdischer Interessen ist auch nicht geeignet, die Feindschaft gegen die Juden zu verschärfen. Der Jude als Verwalter jüdischer Interessen muß zumindest den Eindruck der Ehrlichkeit hervorrufen. Die bornierteste Umgebung Wird seinen Standpunkt begreiflich finden. Der Jude aber, der als Sachwalter anderer Völker auftritt, der für Polen, Franzosen und Russen nationale Rechte fordert, muß Mißtrauen erwecken. Es Wird ihm nie gelingen, seine Uneigennützigkeit zu beweisen. Sein Tun und Lassen erscheint unbegreiflich und die öffentliche Meinung hilft sich in der Weise, daß sie irgend einen gut versteckten Schwindel voraussetzt. Aber der Einsichtigen sind nicht allzu viele, und wenn auch die Behauptung, daß der Zionismus den Antisemitismus stärkt, heute nicht mehr gar so stark .wirkt, so löst sie doch bei vielen Juden Bedenken aus. Wir sind eben ein verschüchtertes und gehetztes Volk, bei dem Vorsicht nur zu oft in Aengstlichkeit ausartet. Nun hat sich vor wenigen Wochen ein Ereignis zugetragen, dessen Verlauf dem Aengstlichsten als Beweis gelten muß, daß der Zionismus den Antisemitismus nicht fördert. Der Zionistenkongreß hat im' antisemitischen Wien getagt. Er war die stärkste Hervorkehrung jüdischer Eigenart, die gewaltigste Betonung jüdischer Sonderinteressen und die aufsehenerregendste jüdische Demonstration. Nach der Theorie unserer liberalen Gegner hätte er also die wildesten antisemitischen Ausbrüche entfesseln müssen. Nun aber sind gerade die gegenseitigen Erscheinungen zu konstatieren und die ganze Hohlheit und Kläglichkeit der antizionistischen liberalen Theorien ist erwiesen, der Zionistenkongreß hat den brutalen Antisemitismus gezügelt. Nie wurde so ernst, so sachlich und frei von niedriger Gehässigkeit über die Judenfrage debattiert, als gerade aus Anlaß des Zionistenkongresses. Die wütendsten Ritualmordantisemiten haben respektvolle Töne gefunden und sie haben, erkennen müssen, daß es eiwas gibt, Woran sie nie glauben wollten: J ü d i s c h e W ü r d e! Wir sind die letzten, die daran glauben, daß sich die Wiener Judenfeindschaft in Freundschaft gewandelt hat. Aber daß die Manifestation [unserer Idee den Antisemitismus fördert, wird nach diesem Kongresse wohl niemand behaupten dürfen. Diese einfältige Lüge ist aus der Welt geschafft. Noch widersinniger stellt sich aber diese Lüge dar, wenn wir die „besänftigende“ Wirksamkeit ihrer Verkünder, der jüdischen liberalen Politiker betrachten. Eines ist ja richtig, vorsichtig waren die Herren immer und ein energisches Auftreten war nie ihre Sache. Es ist aber doch merkwürdig, daß die wilden Ausbrüche des Antisemitismus gerade durch ihre Wirksamkeit hervorgerufen werden. So hat der derzeitige Wahl kampf im Wiener Praterviertel eine Hochkonjunktur des Antisemitismus gezeitigt, wie sie intensiver nicht mehr gedacht werden kann. Es regnet wieder von Beschimpfungen blutrünstigster Natur. Dabei haben die liberalen Führer in der letzten Zeit ihr möglichstes getan, um die christlichen Instinkte nicht zu verletzen. Bei den GemeinderatsWahlen haben sie in jüdischen Wahlkreisen Paradechristen aufgestellt, darunter deutschnationale Ritualmordantisemiten, und jetzt arbeiten sie für einen Kandidaten, den sie vor kurzem direkt aus dem christlichsozialen Lager bezogen haben. Kurz, sie tun alles, um durch ihr Judentum nicht die christlichen Instinkte zu verletzen und es will ihnen gelingen, den Judenhaß zu besänftigen. Während unsere entschlossene zionistische Art den Antisemitismus zumindest zügelt, wirkt ihre weiche, vorsichtige, verhüllende und beschönigende Methode einfach aufreizend. Wer fördert also den Antisemitismus? Noch eine Antwort auf diese Frage. Vor wenigen Tagen hat die Elite des böhmischen Volkes anläßlich des Beijlisprozesses eine würdige Kundgebung zugunsten der Rechte des jüdischen Volkes erlassen. ‘Jeder vernünftige Jude mußte diese Manifestation freudig und dankbar begrüßen. Wir Zionisten 'naben es getan. Was aber haben die liberalen Juden getan''? Drei Tage nach dieser" Kundgebung hat fn Brünn, aut dem heißesten deutschböhmischen Kampfboden, der „Deutsche Schulverein“ einen Blumentag veranstaltet, der auch böhmische Gegendemonstrationen bewirkt hat. Der „Deutsche Schulverein“ ist ein Trutzverein gegen die Böhmen, aber auch rein antisemitisch. Seine Vorstände haben imj Parlament für die Austreibung der Juden aus den Mittelschulen gestimmt und erst kürzlich hat der Verein Lehrerstellen nur für christliche Bewerber ausgeschrieben. In Brünn aber sind jüdische Burschen und Mädchen, Söhne und Töchter der liberalen Kultusjuden und politischen Führer, in den Straßen umhergezogen und haben für den Schulverein gesammelt. Sie haben den deutschradikalen Antisemiten schändlichen Kechtesdienst geleistet und das böhmische Volk, das gerade eine so freiheitliche Haltung bekundet hat, beleidigt und gereizt. Wer fördert den Antisemitismus? Die Hiener Ppotestoepfammlung. Am 6. d. M. fand im Großen Musikvereinssaal eine von der Wiener israelitischen Kultusgemeinde einberufene Versammlung statt, die den Zweck hatte, gegen den Ritualmordprozeß in Kiew Protest zu erheben. Die Versammlung erhielt Zustimmungskundgebungen aus fast allen Gemeinden des Landes. Als erster sprach der Präsident der Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, der an Hand der jeder Grundlage entbehrenden Zeugenaussagen im Kiewer Prozesse und der Gutachten europäischer Kapazitäten auf die Unhaltbarkeit der Anklage verwies. Der folgende Redner, Oberrabbiner Dr. Güdemann wendete sich in einer nicht sehr glücklichen Rede gegen die unsinnige Anklage. Er wollte nämlich den historischen Beweis erbringen, daß die Juden niemals Christenblut zu ihren Zwecken gebraucht haben und berief sich hiebei auf eine andere Anklage, wonach die Juden im Mittelalter die Brunnen vergiftet hätten. Allein schon damals — führte er aus — haben die Nichtjuden eingesehen, daß diese Anklage sinnlos sei, da auch viele Juden durch den schwarzen Tod ihr Leben eingebüßt haben. „Hätten sie sich nun selber vergiftet, das wäre eine Torheit gewesen.“ Ja, um Himmels willen, was hat das mit der Ritualmordlüge zu tun? Haben denn je die Judenhasser behauptet, die Juden begingen Ritualmord an sich ■ selbst? Bereits unser Herzl hat klipp und klar bewiesen, daß