Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438432-2438472--3825-2443623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
Nr. 40 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 bens immer mehr heran, so daß der X. Kongreß sie als ein vollkommen lebensfähiges Gebilde nicht länger hinausschieben konnte und seinerzeit nach großen, hitzigen Diskussionen endgültig folgenden Beschluß faßte: „Der X. die Kulturarbeit in Palästina und in den Kongreß fordert das Engere Aktionskomitee auf, Nachbarländern zu ordnen und zu zentralisieren.“ Um diesen Beschluß auszuführen, wählte der vorjährige „kleine Kongreß“ eine Vorbereitungskommission von fünf Mitgliedern, die ein Organfsationsstatut ausarbeiten sollten bezüglich eines eigenen Kulturvereins für Palästina. Aus den hier heute verteilten Prospekten ist ersichtlich, daß die Vorbereitungskommission ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt hat. Der „Kedem“ ist gegründet und bald wird er auch seine praktischen Arbeiten beginnen, da er bereits in London als eine englische Gesellschaft die Sanktion der Regierung erlangt hat. (Beifall.) Wissenschaft und Lebenserfahrung haben uns gelehrt: Solange die Glieder der Nation nicht zu einem kulturellen sprachlichen Ganzen verbunden werden, ist es ihnen unmöglich, in ihrer sich politischer und ökonomischer Faktor zu werden, wichtigen Platz einzunehmen und ein wichtiger lebendig entwickelnden Umgebung einen Die Seele des Volkes ist die Sprache, in der die ganze geistige Kraft der Nation aufgespeichert liegt. Unser annormaler Zustand ist vielleicht weniger dem Mangel eines eigenen Bodens, als dem Umstand zuzuschreiben, daß wir unsere Sprache verloren haben und unserer nationalen Kultur entfremdet wurden. Durch einen beschämenden Verrat an der nationalen Sprache und das Sich-Anschmiegen an fremde Sprachen und Kulturen wurde unser nationales Band zerrissen, wurden unsere nationalen Kräfte zersplittert. Die Tatsache, daß nicht bloß in der Diaspora, sondern auch in Palästina die Juden sprachlich zersplittert sind, das ist die größte Tragik in der Geschichte unseres unglücklichen Volkes. Die Juden, welche nach Palästina kommen, bringen den Golusschutz mit, ohne zu überlegen, daß durch die Sprachenzersplitterung die Erlösung der Kultur in eine weite Ferne gerückt wird. Statt einer einzigen, zentralisierten Nationalkraft haben wir dort Splitter, unzusammenhängend, ja sich gegenseitig bekämpfend. Diese traurige Erscheinung finden wir auch an den verschiedenen palästinensischen Schulen. Kot und Schmutz, eine babylonische Sprachverwirrung, — die Kinder, die Zöglinge verstehen einander nicht. So können z. B. die Zöglinge der französischen Alliance-Schulen ihre Kollegen, die Zöglinge der deutschen Schulen des „Hilfsvereines“, nicht verstehen, während diese beiden wiederum von ihren Kollegen aus der Schule der englischen Juden nicht verstanden werden, ln letzter Zeit droht uns dort ein neues Uebel: Manche unserer Wohltäter wollen im Technikum zu Haifa als Unterrichtssprache die deutsche einführen. Und schwer, sehr schwer wird dadurch der nationale, zur Renaissance strebende jüdische Geist verletzt werden! So steht es mit unserer Vielsprachigkeit und unserer Gleichgültigkeit der nationalen Sprache gegenüber, die größtenteils bei unseren Alten sich eingenistet hat, die für das Erwachen im Osten keine Augen haben. Nichtsdestoweniger sehen wir, daß mit dem Anwachsen der jüdischen Kolonisation in Palästina auch die hebräische Sprache aufblüht. Wir kamen alle zur Ueberzeugung, daß nationale Renaissance ohne Sprachenrenaissance nicht denkbar ist. Wir müssen mindestens im Lande unserer Väter durch unsere alte Kultur und Sprache zu einem1 einzigen einheitlichen, allgemein-kulturellen Faktor verbunden werden, wenn wir dort als realpolitischer Machtfaktor gelten wollen. Durch unsere nationale und kulturelle Einheit wird unser Ansehen bei den Gastvölkern steigen und eine beschämende Assimilation von uns ferngehalten werden. Ja, noch eines! Wenn wir uns in Palästina von den fremden Sprachen frei machen und die hebräische souverän machen, dann werden wir auch ein anderes Uebel beheben; den Verdacht der im Oriente mit ihren Kulturen rivalisierenden Völker, ln einem seiner herrlichen Gedichte besingt unser lieber Czernichowski die Tragik des jüdischen Geschicks: Zwei Juden ermorden einander im heiligen Kampf für ihre feindlichen Vaterländer... Wir sehen eine ähnliche Tragik auch in Friedenszeiten: Die Deutschen schlagen uns, weil wir böhmisch sprechen, die Tschechen — weil wir deutsch sprechen, die Polen wiederum verhängen einen Boykott über uns, weil wir russisch sprechen usw. Und etwas ähnliden Engländern sind wir Germanisatoren, bei ches haben wir leider auch in Palästina. Bei den Deutschen — französische Kulturträger usw. Führen wir aber Hebräisch ein, so verschwinden alle Verdächtigungen mit einem Male. (Beifall.) Die große Aufgabe einer geregelten Belebung der Sprache und Kultur in Palästina hat der „Kedem“ übernommen. Nicht als Emissäre fremder kulturen kommen wir ins Land unserer Väter — wir sind die Abgesandten des Hebräervolkes und mutig und unerschrokken werden wir für unsere geistigen Güter und nationalen Errungenschaften kämpfen. In seinem inneren Ausbau und in .seiner juridischen Form gleicht der „Kedem“ dem „Jüdischen Nationalfonds“, und er kann auch mit Recht als sein jüngerer Bruder bezeichnet werden. Beide sind sie in England als Gesellschaften mit beschränkter Haftung legalisiert und werden von Direktoren geleitet, die von einer Generalversammlung der Mitglieder gewählt werden. Als Mitglieder der Gesellschaft werden alle Mitglieder des Aufsichtsrates der Kolonialbank betrachtet, d. h. alle Mitglieder des zionistischen großen Aktionskomitees, welche vom zionistischen Kongreß alle zwei Jahre gewählt werden. Die erwähnten Bedingungen zeigen es zur Genüge, daß die wesentliche Leitung des „Kedem“ stets in den Händen der Generalversammlung bleibt, und da die Generalversammlung, wie erwähnt, aus den Mitgliedern des zionistischen Aktionskomitees besteht, so muß auch der „Kedem“ in all seinem Tun und Lassen von der zionistischen Organisation abhängig sein und unter Kontrolle und Einfluß des zionistischen Kongresses bleiben. Die Aufgabe jedoch des „Kedem“ und seine demokratische Arbeitsweise brachten seine Gründer zu der Ueberzeugung, daß man die Leitung nicht auf das große A. C. beschränken darf, dessen Mitgliederzahl gering ist; man müsse vielmehr noch andere, anderen zionistischen Institutionen ungehörige intellektuelle Kräfte dem „Kedem“ zuführen, ebenso auch solche sozialen Kräfte, die für die Entwicklung des „Kedem“ entweder viel geleistet haben oder leisten können. Es werden darum nach § 4, L. B., auch die Direktoren des J. N. F. und der Präses des Odessaer „Unterstützungsvereins für jüdische Ackerbauern in Syrien und Palästina“ den Mitgliedern des „Kedem“ zugerechnet. Der „Kedem“ gleicht im Aufbau ganz seinem älteren Bruder, dem Jüdischen Nationalfonds. Die beiden Institutionen arbeiten parallel. Der eine will das Land, der andere den Geist erobern. Der eine will das Land für das Volk, der andere will das Volk für das Land vorbereiten. Der N.-F. erwirbt in Palästina Besitzungen zu Kolonisationszwecken; der „Kedem“ dagegen wird sich bestreben, Agrarschulen zu gründen, um die Dorfwirtscliaft theoretisch und praktisch zu lehren. Der N.-F. baut den Jemeniten Wohnhäuser, der „Kedem“ aber wird für sie Lesehallen errichten, Abendkurse gründen, um ihnen die Kenntnis der hebräischen Sprache, der Volkshygiene und anderer nützlicher Wissenschaften beizubringen, für ihre Kinder wiederum wird er Handwerksschulen und Kindergärten eröffnen, wird ihnen die hebräische Sprache mundgerecht machen und sie schöne Zionslieder lehren. Der N.-F. unterstützt die jüdischen Arbeiter, damit nicht unsere Bauern auf fremde Arbeitskräfte angewiesen seien; der „Kedem“ wird die heimischen Schulen unterstützen, damit nicht unsere Kin'der gezwungen werden, die Missionsschulen zu besuchen. Die Tatsache, daß jüdische Eltern in Palästina gezwungen sind, aus Mange! an Schulen, ihre Kinder in die Missionsschule zu r 2 lg-///*'• ■ '//_*i. ,////&. sw/;/* ■•////#■■ '<#///'* /777777777777777777s7s7s. Feuilleton. Wenn ich Rothschild war’!*) Von Schalem-Aleichem. „Wäre ich Rothschild,“ spekulierte der Kassrieliwker Melamed Reb Eli-Meier vor seinen Schülern, als seine Frau Donnerstag nachmittags^ energisch Geld forderte, um die Einkäufe für den Sabbat zu besorgen; „wäre ich Rothschild, nun, ratet, was ich täte? (Reb Eli Meier führte_ indes eine tüchtige Tabakprise zu seiner Nase.) Vor allem sorgte ich dafür, daß mein Weib stets ein „Dreierl“ Bargeld bei sich hat, damit_ sie mich am Donnerstag in Ruhe läßt. Zweitens möchte ich meinen versetzten Sabbatkaftan auslösen, nein — lieber „ihren“ Pelz, da^ njit sie einmal aufhört zu brummen und über Kälte zu klagen. Dann kaufte ich dieses ganze Haus, mit allen drei Stuben, mitsamt der Karm, mer und dem Keller und dem Boden — sie soll mir dann nicht über den. engen Raum klagen! Da hast du zwei Zimmer, koch, back, wasch^_ soviel es dir beliebt, mich aber laß in Ruh’; ich lebe dann ruhig meinem Berufe! Keine Sorgen mehr, kein Grübeln, woher „auf Schabbes“ nehmen — wie schön wäre dieses Leben! Die Töchter verheiratet, befreit von der drükkendsten Last, was fehlte mir dann noch? . . . *) Aus dem Jüdischen Gemeindejahrbuch für das Jahr. 5674 (1913/1914). Herausgegeben von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. 112 Seiten. Preis 1 Mark. Zu beziehen durch die „Jüdische Zeitung“. Nun beginne ich mich für die Gemeinde zu interessieren. Zu allererst spende ich ein neues Dach für das alte Bethaus, damit der Regen nicht mehr auf die Köpfe der Betenden tropfe. Auch das Bad muß neu restauriert werden, denn i heute, morgen, kann, muß dort ein Unglück geschehen, wenn es gerade im Momente zusammenstürzt, wo Juden drin baden. Und wenn schon das Bad hergestellt wird, so muß auch die Krankenstube von Grund aus in ein schönes Spital umgebaut werden, aber in ein wirkliches Spital, mit ordentlichen Betten, einem Arzte, Me^_ dikamenten, täglichen Suppen für die Kranken, wie es in anständigen Städten zu sein pflegt Und ein Versorgungshaus soll entstehen, damit^ alte, gelehrte Greise sich nicht im Beth-Hami- | drasch herumquälen, und ein Verein zur Bej kleidung armer Kinder, daß sie nicht mehr entj blößt in den Straßen herumlungem, und ein j Kreditorenverein, wo sowohl Melamed, als ein j Kaufmann oder Handwerker keine Wucherzin- I sen mehr zu zahlen brauchen, nicht das letzte”! Hemd versetzen müssen. Und ein Verein zur! Ausstattung armer Mädchen, damit alle armen, I erwachsenen Mädchen mit Ausstattung gehörig'”!' verheiratet werden (dabei stieß Reb Eli-Meier j einen tiefen Seufzer aus, während er auf seine; dreißigjährige Tochter Pessele blickte) und noch J viele, viele ähnliche Vereine und Stiftungen ■; gründe ich bei uns in Kassrieliwke . . . Doch j warum gerade Kassrieliwke? U.eberall, wo Ju-; den wohnen, führe ich solche schöne Einrichtungen ein, überall in der ganzen Welt. Damit aber alles in Ordnung geführt werde, ratet einmal, was ich täte? Ich gründe einen großen Verein, dem die Aufsicht über alle lokalen Vereine zukäme, über alle Juden, damit alle Juden überall ihr Brot haben und in Eintracht leben, und in den Lehrhäusern sitzen und ChumescH/mit Raschi/und Gemoro und Tosat'oth__ und M’fiarscha untl alle anderen sieben Weisheiten und siebzig Sprachen lernen. Und über alle Lehrhäuser soll ein großes Lehrhaus, na^. türlich in Willna, sein, wohin die größten Gelehrten der Welt kommen sollen. Und alles solJ_ unentgeltlich sein auf Kosten des G’wir; alles soll in Ordnung und planmäßig geführt werden. Es soll jedes „Ich-gebe-dir-gib-mir“ aufhören, alle sollen auf das Gemeinwohl bedacht sein, nur auf das Gemeinwohl! . . . Damit man aber fjjr das Gemeinwohl sorgen kann, muß für den ^einzelnen gesorgt werden. Und wie wird für den einzelnen gesorgt? Natürlich so, daß er sein Brot hat. Denn Brot, sage ich euch, ist das Erste und Wichtigste; ohne Brot keine Einigkeit. Des Bissen Brotes wegen verfolgt einer den anderen, schlachtet ihn ab, sticht ihm die Augen aus! . . . So ist es bei Juden, so auch bei anderen, überall auf der ganzen Welt. Ueberall Neid, Haß und daher jedes Leid, jedes Unglück, alle Verfolgungen, Räubereien, Mördereinen und Schlachtgemetzel ... Der Krieg — der ist, höret, das größte Unglück in der Welt. Wenn ich Rothschild wäre, müßten alle Kriege aufhören, spurlos verschwinden! — Wollt ihr wissen, wie?